Yaa Gyasi: Heimkehren

Aus dem Englischen von Anette Grube, Dumont Verlag 2017, 416 Seiten, € 22.

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Mitte des 18. Jahrhunderts werden im heutigen Ghana zwei Schwestern geboren: Effia und Esi. Ihre Lebenswege werden sich nie kreuzen. Präziser ließe sich von Leidenswegen sprechen, denn, noch fast ein Kind, wird die eine mit dem britischen Gouverneur verheiratet; die andere wiederum entführt und als Sklavin weit über den Atlantik in „die Hölle“ verkauft. Diese, jede auf ihre Weise unfassbar brutalen Szenarien sind der Ausgangspunkt für Yaa Gyasis fesselnd wie erschütternd erzählte Familiensaga, die den Bogen bis in die heutige USA und zurück an die Küsten Ghanas spannt. In eindrücklichen Episoden verfolgt Gyasi beide Familienstränge und porträtiert dabei Menschen im Hadern an den diskriminierend rassistischen Verhältnissen und dennoch zähem Kämpfen um das kleinste bisschen Menschenwürde. Gyasis beachtliche historische Recherche öffnet einmal mehr die Augen für postkoloniale, heutige Verhältnisse. Aber vor allem ist Heimkehren ein großartiges Stück Literatur, dessen Figuren nie nur als Stellvertreter ihrer Zeit funktionieren, sondern als detailliert liebevoll und plastisch beschriebene Charaktere tief berühren und lange in Erinnerung bleiben werden. Ein hartes, ein sprachlich dunkel funkelndes, ein sehr empfohlenes Buch! (Jana Kühn)

Leseprobe

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Tipp 1) Zur selben Thematik und quasi gleichzeitig ist bei Hanser der Roman The Railroad Underground von Colson Whitehead erschienen – lesen Sie bitte unbedingt beide!

Tipp 2) Yaa Gyasi liest am 12. September auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin.

Margherita Giacobino: Familienbild mit dickem Kind

„Ritratto di famiglia con bambina grassa“. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Kunstmann 2016, € 22,00

giacobino_familienbild_mit_dickem_kind_danteperle_dante_connectionManchmal würden wir am liebsten ein Buch anders einschlagen, wenn das Cover völlig in die Irre führt. Dies ist so ein Fall. Margherita Giacobino erzählt in ihrem neuen Roman gänzlich unsentimental die Geschichte ihrer Familie, die nur mit großer Anstrengung und enormem Erfindungsreichtum einem Leben aus Armut, Entbehrung und Ausgeschlossensein entkommen konnte. Das war vor 100 Jahren im Piemont nichts Ungewöhnliches, doch das Besondere an dieser Familie ist, dass Frauen hier das Zepter fest in den Händen hielten und die grundlegenden Entscheidungen für die Familie trafen. Giacobinos Vorfahrinnen sind wirkliche Akteurinnen, natürlich sind sie sich nicht einig und versuchen nach allen Regeln der Kunst, das dicke Mädchen für sich einzuspannen. Dieses Kind gräbt Jahrzehnte später als gestandene Erwachsene in ihren Erinnerungen, befragt Verwandte, deutet alte Fotos und Materialien um und verbindet all diese Elemente zu einem großen Familienroman, in dem sie einige unverwechselbare italienische Matriarchinnen feiert. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Am 23. November stellt Margherita Giacobino bei uns ihr „Familienbild“ in einer italienisch-deutschen Lesung vor.

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Sarah Schmidt: Eine Tonne für Frau Scholz

Verbrecher Verlag 2014, € 19,00.

Layout 1Es ist verdammt ruhig geworden im Leben von Nina Krone: Häuser werden nicht mehr besetzt wie in den Achtzigern, sondern – wenn auch unsaniert – per Mietvertrag bewohnt, ein schmales, aber doch regelmäßiges Einkommen ist vorhanden, die Kinder sind erwachsen und ausgezogen, die befreundeten Akademikerpaare langweilen schlicht und nicht einmal Drogen taugen mehr zum großen Rausch und Taumel. Wann ist das alles nur so klein geworden? Desillusion pur! Doch mit der Kontaktaufnahme zur störrischen Nachbarin Frau Scholz, dem Kinderwunsch des schwulen Schluffi-Sohns und dem anstehenden Filmprojekt der Karriere-Tochter überschlagen sich plötzlich wieder die Ereignisse. Sarah Schmidt beobachtet ihre Protagonisten sehr genau und mit viel Witz, dreht dabei auf bis zur rabenschwarzen Komödie und bleibt dennoch ihren schrulligen Kreuzbergern herzlich zugewandt. Ein Großstadt- und Familienroman und eine amüsant kluge Lektüre nicht nur, aber besonders für alle von hier! (Jana Kühn) Leseprobe

Annette Pehnt: Chronik der Nähe

TB Piper 2013, € 8,99

pehnt-chronik-der-naehe_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergAnnette Pehnt erzählt von der problematischen Beziehung, die Großmutter, Mutter und Tochter einer Familie zueinander entwickelt haben. Sie belauern und umarmen sich, fühlen sich erdrückt, drohen mit Liebesentzug und rächen sich an der nächsten Generation.
Am Sterbebett ihrer Mutter blickt die jüngste der drei Frauen auf das komplizierte Verhältnis zu dieser zurück, die ihr die Mühen ihres Mutterdaseins immer vorgehalten hat. Gleichzeitig erfährt der Leser in Rückblenden Ereignisse aus der Kindheit der Mutter, der vor allem die Abwesenheit und Kälte ihrer eigenen Mutter – also der Großmutter – im Gedächtnis geblieben ist. Die beiden älteren Frauen sind von Krieg und Nachkriegszeit gezeichnet, emotional verhärtet und nicht fähig, ihren Töchtern Wärme, Anerkennung und Zuwendung zu schenken. Dem Leser enthüllt sich ein berührendes psychologisches Kammerspiel, das die Auswirkungen der Erfahrungen in Kindheit und Jugend auf die nachfolgende Generation in einer klaren und doch poetischen Sprache durchleuchtet und bloßlegt. (Syme Falco)