Claude McKay: Banana Bottom

Aus dem Amerikanischen von Heddi Feilhauer, ebersbach & simon 2022, 320 S., € 24,-

Bita Plant ist im jamaikanischen Dorf Banana Bottom geboren und aufgewachsen. Nach einer schwierigen Kindheit wird ihr von den Pastoren Malcolm und Priscilla Craig geholfen, nach England auszuwandern, wo sie sieben Jahre lang im Internat ausgebildet wird. Bei ihrer Rückkehr nach Jamaika muss sie feststellen, dass ihr kulturelles Erbe mit der neu erworbenen Lebensweise in Konflikt steht. Dennoch fängt sie an, ihr Heimatland wiederzuentdecken und die Pläne, die ihre Pflegeeltern für sie haben, lösen sich in Luft auf … Humorvoll und scharfsinnig, wird diese charmante Coming-of-Age-Geschichte in einer schönen, sanften Prosa erzählt. Durch intensive Dialoge und empfindsame Beschreibungen der karibischen Landschaften und des Landlebens zeigt der Autor ein zweifelloses Talent, die inneren Mechanismen und die Sehnsüchte der menschlichen Seele zu zeigen. Claude McKays „Banana Bottom“ war ein Vorbild für Zora Neale Hurstons 1937 erschienenen Roman „Vor ihren Augen sahen sie Gott“. Es wurden bisher keine Bücher des Autors ins Deutsche übersetzt. Eine großartige Entdeckung! (Giulia Silvestri)

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Berlin ist eine Reise und Hierbleiben wert

Unser aktuelles Ladenschaufenster verschönt allen, die in diesen Sommertagen nach Berlin gereist sind, und allen, die in ihrer eigenen Stadt geblieben sind, das Hiersein.

Mit anregenden Büchern zum Lesen, Anschauen und Konsultieren. Den wunderbaren Berlinschachteln von Astrid Rave, die sie als Unikate in Handarbeit fertigt, und mit denen sie mit viel Witz Berlin in seinen schönen und hässlichen Facetten kommentiert. Und mit dem  druckfrischen Postkartenbuch von Seltmann Publishers, „100 Places in Berlin“, das die Leere in der Stadt auf die Spitze treibt und bekannte und unbekannte Ansichten Berlins menschenleer abbildet.

Dazu alte und neue Berlinliteratur für die Erwachsenen, spannende Bücher für Kids, die in der Hauptstadt spielen, Stadtführer, Berlinkrimis, Klassiker aus früheren Zeiten. Entdecken und erleben Sie auf vielfältigen Wegen die ungewöhnlich leere Stadt neu.

Viel Spaß dabei!

 

 

 

 

 

Elin Wägner: Die Sekretärinnen

Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn. Ecco Verlag 2022, 176 S., € 20,-

Stockholm, Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Zentrum des Romans steht die Icherzählerin Pegg. Ohne jede familiäre Unterstützung und stattdessen mit Verantwortung für ihren jüngeren Bruder muss sie zusehen, wie sie überhaupt im Leben klarkommt, finanziell und in der Liebe. Mehr als einen leider schlecht bezahlten Bürojob findet sie nicht. Ihre Rettung ist ein Sofaplatz in einer Frauen-WG, in der sie zusammen mit ihren drei Mitbewohnerinnen das Unerhörte wagt, trotz Armut als Frau selbstbestimmt und genussvoll zu leben. Es macht riesigen Spaß, diesen Debütroman zu lesen. Er ist flott und spritzig geschrieben. Mit Nonchalance, aber mit umso mehr Nachdruck flicht die Autorin wichtige Themen wie sexuelle Belästigung oder ungleiche Arbeitsbedingungen in Peggs, Babys, Evas und Emmys Erlebnisse und Gespräche ein. Ein Roman, heute immer noch aktuell, obwohl er 1908 erstmals in Schweden erschien. Wunderbar, dass dieser moderne Klassiker feministischer Literatur nach weit über 100 Jahren hier wieder zugänglich ist. Und das Cover von Hilma af Klint passt besonders schön! (Stefanie Hetze)

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Gianfranco Calligarich: Der letzte Sommer in der Stadt

Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Zsolnay Verlag 2022, 208 S., € 22,-
(L’ultima estate in città, Bompiani, ca. € 17,50)

In Italien eine sensationelle Wiederentdeckung des 1973 erschienenen Romans, hierzulande erstmals zu entdecken: der aufsehenerregende Rom-Roman, in dem die Stadt mit ihren Plätzen, Hügeln, Kirchen und Bars, mit dem Tiber und der Nähe zum Meer eine entscheidende Rolle spielt. Leo Gazzara, ein junger, gutaussehender Mailänder, schnorrt sich durch, lässt sich treiben in der Stadt, in der Anfang der 70er die Kulturszene noch das vergangene Dolce Vita bemüht, während sich längst die 68er auswirken und Hippies sich in den angesagten Bars der Piazza Navona breitmachen. Eine flirrende Unruhe durchzieht den Roman, Leos nächtliche Streifzüge durch all die angesagten Orte, das Flirten, Reden und Trinken, die Eskapaden zu verschlossenen Strandvillen in Ostia bringen keine Erfüllung. Seine Liebesgeschichte mit einer schönen depressiven Venezianerin läuft ins Leere, vielleicht haben sie nur den richtigen Augenblick verpasst. Diese Atmosphäre von Melancholie ist ganz fein, ganz beiläufig erzählt und wirkt dadurch umso stärker. Natalia Ginzburg hatte damals dem Manuskript zu einem Verlag verholfen, zum Glück! (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Somerville & Ross: Durch Connemara

Mit dem Eselskarren in Irland. Aus dem Englischen und Herausgegeben von Elvira Willems. AvivA 2022, 160 S., € 20,-

Im Jahr 1890 beschließen zwei toughe Ladies aus dem irischen Landadel mit Pferd und Karren durch ihre Heimat zu fahren. Die beiden Frauen müssen einige Hindernisse überwinden, bis es endlich losgeht mit Picknickkorb, Revolver, großem Regenschirm und statt des Pferds einer eigenwilligen Eselin. Und dann nehmen sie uns mit zu einer abwechslungsreichen entschleunigten Reise quer durchs irische Connemara. Sie trotzen Wind, Regen und Hunden, verfahren sich und finden nicht immer ein Gasthaus. Sehr direkt, voller Selbstironie schildern sie ihre Erlebnisse, verknüpfen Begegnungen mit der Bevölkerung scharfzüngig mit historischen Ereignissen. Unter dem Namen Somerville & Ross bildeten die Cousinen 2. Grades Violet Martin und Edith Somerville ein eingespieltes Arbeitsteam als Reiseschriftstellerinnen. Zusammen formulierten sie Artikel und Bücher, die Edith mit ihren Illustrationen anreicherte. Ihre Biografien und vieles Mehr lassen sich in dem ausführlichen Nachwort von Elvira Willems nachlesen, sie geht auch der offenen Frage der Art der Beziehung der beiden nach. Very charming! (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Kirsten Boie: Heul doch nicht, du lebst ja noch

Oetinger 2022, 176 s., € 14,-, ab 13

Ende Juni 1945 im zerbombten Hamburg. Der Zweite Weltkrieg ist gerade vorbei, die Menschen kämpfen vordergründig mit dem Alltag zwischen Trümmern, mit Hunger, mit durch die vielen Einquartierungen engsten Wohnverhältnissen, aber eigentlich mit den neuen Verhältnissen als Besiegte und mit einem kompletten Wertewandel. Boie porträtiert wie in einem Brennglas drei Jugendliche, die sich auf der Straße fern der Erwachsenen begegnen:  im Mittelpunkt Jakob, dessen jüdische Mutter deportiert wurde, der das Ende des Kriegs nicht wahrgenommen hat, aber aus massivem Hunger sein Versteck in einer Ruine verlässt. Sein Gegenpol Hermann, Ex-HJ-Führer, der immer noch der NS-Ideologie anhängt und der zu seinem Ärger seinen beinamputierten Vater überallhin, auch auf die Toilette, tragen muss. Und dann noch Traute, eine Bäckerstochter, die sich nach Schule und Normalität sehnt und ihren Eltern Brot klaut. In ihrem spannenden zeitgeschichtlichen Roman, der für Jakob ein gutes Ende nimmt, erzählt Kirsten Boie in knappen Szenen abwechselnd aus den drei verschiedenen Perspektiven und von ihren so unterschiedlichen Problemen. Sie bewertet sie nicht. Zusätzlich ausgestattet mit einer Fülle von Erklärungen historischer Fakten können jugendliche Leser:innen selbst zu Einschätzungen dieser Zeit kommen und viele Verbindungen zum Heute ziehen. (Stefanie Hetze)

Blick ins Buch

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Helga Kurzchalia: Haus des Kindes

Friedenauer Presse 2021, 140 S., € 18,-

(Stand Januar 2022)

Im Nachkriegsberlin konkurrierten Ost und West auch um die architektonische Vorherrschaft – Hansaviertel gegen Stalinallee. Dort im Vorzeigebau „Haus des Kindes“ wuchs die Autorin als jüngste Tochter in die DDR eingewanderter Kommunisten auf. Anfangs war das Leben in diesem luxuriösen Vorzeigegebäude mit Fernheizung, hochwertiger Ausstattung besonders privilegiert. Ein offener Kindergarten, in den sie nach Belieben gehen konnte, Trubel und Treiben bei den prominenten Nachbarsfamilien wie der des Stalinalleearchitekten Henselmann oder den Havemanns. Während die Erwachsenen sich mit ihrem Glauben an den sozialistischen Fortschritt wie selbstverständlich in ihrem komfortablen Leben am Strausberger Platz einrichteten, lernt die „Bonzentochter“ die zerbombten Straßen und Wohnungen dahinter kennen, ist auch mit den dort ärmlich lebenden Kindern befreundet, was ihre Wahrnehmung auf die Widersprüche der Erwachsenen und die allmählich bröckelnden Verhältnisse nach dem Bau des „antifaschistischen Schutzwalls“ schärft. Seismographisch bemerkt das Mädchen aus ihrer unverstellten Perspektive die Risse, die nicht nur am Prachtgebäude, sondern wo sie auch hinschaut, auftauchen. Fein und genau erzählt, sind diese Erinnerungen an die Ideale und Fallstricke der aufstrebenden DDR, ein hochspannendes Dokument Berliner Zeitgeschichte. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Julia Blesken: Mission Kolomoro oder: Opa in der Plastiktüte

Oetinger 2021, 287 S., € 15,-, ab 10

(Stand Januar 2022)

Ein Opa in der Plastiktüte? Tatsächlich ist es die Asche des Großvaters, welche hier quer durch die Stadt getragen wird. Dahinter steckt nicht weniger als große Liebe – aber erst einmal von vorn. Katja, Zeck, Fridi, Mustafa, Polina und Jennifer treffen sich zufällig auf dem Parkplatz vorm Supermarkt. Dass Jennifer die Asche ihres Opas dabeihat, dem sie noch zu Lebzeiten versprochen hat, diese nach Kolomoro zu bringen, sorgt für helle Aufregung. Keiner weiß, wo Kolomoro ist – aber alle kommen mit. Alles startet mit einer von zahlreichen Verfolgungsjagden und endet mit einem Krimi-Showdown. Dazwischen erleben die Kinder Berlin in Reinkultur. Es ist viel, was Julia Blesken in ihr erstaunliches Debüt packt: Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Armut und vor allem Freundschaft. Das alles ist mit viel Humor und Spannung erzählt – überragender Twist: Magische Ratten! (Jana Kühn)

Leseprobe

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Berlin Black ‚N‘ White

Wochenkalender 2022, Kulturverlag Kadmos 2021, € 16,99

Der Kalender ist leider schon nicht mehr erhältlich.
(Stand Januar 2022)

Dieser handliche Kalender zum Aufstellen bringt die vielen Facetten und Grautöne Berlins in 53 hinreißend schönen Schwarz-Weiß-Fotografien zum Leuchten. Er kombiniert Architekturfotos mit Straßenszenen und mit Details aus dem Stadtraum ganz unterschiedlicher Fotograf:innen. Dazu werden jede Woche die Unesco-Welttage genannt. Der große Mehrwert: jede Woche gibt es eine Postkarte zum Abtrennen, Verschicken oder Selbstbehalten! (Stefanie Hetze) Blick in den Kalender

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Kirsty Bell: Gezeiten der Stadt

Eine Geschichte Berlins. Aus dem Englischen von Laura Su Bischoff und Michael Bischoff, Kanon Verlag 2021, 260 S., € 28,-

(Stand Januar 2022)

Vor gut 20 Jahren zog die britisch-amerikanische Kunstkritikerin und Neuberlinerin mit ihrem Mann an einen unwirtlichen Ort, eine riesige Wohnung in einem Gründerzeithaus am Landwehrkanal. Der Traum vom familiären Glück erfüllte sich nicht, ein Wasserschaden tat sein Übriges. Sie fing an, auf ihre Situation, ihre sie unmittelbar umgebende Wohnung und den Kanal sowie den weiten Berliner Horizont zu schauen. Und wie sie das tut! Als Kunsthistorikerin, die genauestens beschreibt, was sie wahrnimmt, die umfassend recherchiert, liest, kartografiert und kombiniert.  Und die mit ihrer Perspektive als Zugezogene keine Angst vor unkonventionellen Methoden wie eine Feng Shui-Analyse Berlins hat, und die sich bei den Menschen, über die sie forscht und schreibt, nicht bei den üblichen Verdächtigen aufhält, sondern gerade auch Unbekannte, Frauen in ihren Fokus rückt. So ist ein Berlinbuch der ganz besonderen Art entstanden, absolut lesenswert, auch für Urberliner:innen. (Stefanie Hetze)

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