Danteperlen

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An jedem Monatsanfang veröffentlichen wir an dieser Stelle vier persönliche Buchempfehlungen, unsere Danteperlen, denen wir viel Aufmerksamkeit  wünschen.

Im Mai 2020 haben wir zum sechsten Mal die Danteperlen als schöne gedruckte Broschüre veröffentlicht mit einem prallen Jahr voller Lesetipps für Große und Kleine. Die Broschüren sind kostenlos bei uns erhältlich.

Hier finden Sie unsere aktuellen Danteperlen aus diesem Monat. Stöbern und frühere Empfehlungen lesen können Sie auf den Unterseiten.

... für Erwachsene
Beppe Fenoglio: Eine Privatsache
» Empfehlung lesen

... für Kinder
Jordan Scott, Sydney Smith (Illustr.): Ich bin wie der Fluss
» Empfehlung lesen

... für Erwachsene
Max Annas: Der Hochsitz
» Empfehlung lesen

... für Erwachsene
Douglas Stuart: Shuggie Bain
» Empfehlung lesen

 

Beppe Fenoglio: Eine Privatsache

Aus dem Italienischen von Heinz Riedt, Wagenbach Verlag 2021, 192 S., € 20,-
(Una questione privata, Einaudi, ca. € 16,50)

Der 1963 posthum veröffentlichte Roman Una questione privata wird heute als Fenoglios Meisterwerk und einer der besten italienischen Romane des 20. Jahrhunderts angesehen. Italo Calvino hat ihn sogar mit dem Orlando furioso verglichen. Der Vergleich mag weit hergeholt klingen, doch ist dieses Buch ein wahres literarisches Wunder.
In den Langhe des Piemont, kämpft Milton, ein junger Universitätsstudent, während des Partisanenkriegs in den autonomen Formationen. Im Zuge einer Militäraktion sieht der einsame Held die Villa, in der Fulvia, ein Mädchen, das er geliebt hat und immer noch liebt, einst lebte. Kurz danach erfährt er, dass seine Geliebte auch mit seinem Freund Giorgio ein Verhältnis hatte. Von Eifersucht geplagt versucht Milton seinen Rivalen zu finden und erfährt, dass dieser von den Faschisten gefangen genommen wurde.
Erst 1968 ins Deutsche übersetzt und schon lange vergriffen, ist dieses wunderbares Buch endlich wieder erhältlich, hier zudem mit einem sehr lesenswerten Nachwort von Francesca Melandri. (Giulia Silvestri)

Das bestelle ich!

Jordan Scott, Sydney Smith (Illustr.): Ich bin wie der Fluss

Aus dem Englischen von Bernadette Ott, Aladin 2021, 44 S., € 18,-, ab 5

Er kennt es schon, aber heute war es in der Schule besonders schlimm, als wieder einmal die Worte nicht aus seinem Mund kommen wollten und alle Kinder über ihn lachten. Sein Vater – was für eine beglückende Figur! – fährt mit ihm an seinen Lieblingsort, den Fluss und hilft ihm, zu verstehen und zu akzeptieren, dass seine Sprache und auch er selbst wie der Fluss sind: mal sprudelnd, wirbelnd, mal weich und sanft. Autor Jordan Scott – der selbst ein Leben lang mit seinem Stottern haderte – erzählt wunderbar verdichtet und poetisch, gleichzeitig mit viel Empathie für ein Kind in Not. Der kanadische Illustrator – und selbst ebenfalls Kinderbuchautor – Sydney Smith findet dafür berückend schöne, für ein Bilderbuch ungewöhnlich künstlerische und mutige Bilder. (Jana Kühn)

Das bestelle ich!

Max Annas: Der Hochsitz

Rowohlt 2021, 272 S., € 22,-

Osterferien 1978, ein Dorf in der Eifel, nahe der Grenze zu Luxemburg. Die beiden zehnjährigen Mädchen Sanne und ihre beste Freundin Ulrike zieht es immer wieder zu ihrem Versteck, dem Hochsitz im Wald. Hier werden sie nicht gesehen, bekommen aber so allerhand mit. Nicht nur die Autos mit den heimlichen Liebespaaren, sondern auch die beiden fremden Frauen, die hier immer wieder auftauchen. Als die Freundinnen in einer Nacht direkt vor Sannes Haus einen Mord beobachten, sind sie die einzigen, die die dunkle Gestalt sehen, die sich sofort danach entfernt. Da ihnen keiner glaubt, müssen sie eben auf eigene Faust ermitteln.
Max Annas hat hier einen echten Krimi mit überraschender Auflösung geschrieben. Doch Der Hochsitz ist mehr als das. Tief taucht man ein in die Atmosphäre der westdeutschen Provinz der siebziger Jahre einschließlich der RAF-Suchplakate im Postamt, Fußball-WM-Sammelalben mit Hanuta-Klebebildern und Bonanza-Rad.
Ein spannendes und – dank der Gewitztheit der Hobbydetektivinnen und dem Erzähltalent von Annas – äußerst kurzweiliges Lesevergnügen. (Syme Sigmund) Leseprobe

Das bestelle ich!

Douglas Stuart: Shuggie Bain

Aus dem Englischen von Sophie Zeitz, Hanser Verlag 2021, 494 S., € 26,-

Shuggie ist ein zarter, höflicher und rücksichtsvoller Junge, der lieber mit seiner Puppe als mit anderen Jungs Fußball spielt. Vor allem aber liebt er seine schöne gepflegte Mutter Agnes, die ihr rasantes Äußeres wie eine Waffe gegen alle Widrigkeiten des Lebens und ihrer Mitmenschen einsetzt. In der britischen Upperclass wäre Shuggie wahrscheinlich gut aufgehoben, im Glasgow der Achtziger, in den elenden Wohnungen der Arbeiterfamilien, die in der Thatcher Ära nach dem Aus von Stahl und Bergbau kein Land mehr gewinnen können und allein auf Stütze, Kindergeld und das illegale Anzapfen von Stromzählern angewiesen sind, ist er trotz älterer Halbgeschwister auf sich gestellt. Alkohol, Gewalt und Perspektivlosigkeit bestimmen das Leben der Familien. Shuggies Vater macht sich feige aus dem Staub, seine Mutter will nicht klein beigeben und kämpft trotz ihrer alles dominierenden Alkoholsucht mit unglaublicher Energie für ein besseres Leben. Diese faszinierende Vitalität, dem Leben trotz aller depressiven Umstände etwas Schillerndes, Schönes abzutrotzen, das Agnes mit Leib und Seele verkörpert, feiert der Autor trotz ihres letztlichen Scheiterns in seinem aufsehenerregenden, mit dem BOOKER-Preis 2020 prämierten Debüt mit einer opulenten berührenden Sprache, die einen nicht mehr loslässt. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Das bestelle ich!