Ulrike Edschmid: Levys Testament

Suhrkamp Verlag 2021, 144 S., € 20,-

(Stand Juli 2021)

Ulrike Edschmid schreibt von dem, was sie selbst kennt, ohne sich um sich selbst zu drehen. Im linkspolitisch bewegten London der frühen Siebzigerjahre, die geprägt waren von Hausbesetzungen, IRA-Anschlägen und Kämpfen gegen rabiate Gerichtsurteile, in das sie, die Erzählerin, „wie vom Regen in die Traufe“ aus Berlin gekommen war, legt sich im Abbruchhaus voller Aktivist:innen ein Mann in ihr Bett. Schnell wird dieser ihr Geliebter, doch umso weniger beginnt jetzt ein klassischer Liebes- oder Beziehungsroman.
Edschmid, die Virtuosin des Verdichtens, legt mit der Geschichte dieses Mannes, den sie namenlos als „den Engländer“ bezeichnet und der nach gemeinsamer Zeit in Deutschland ein lebenslanger Freund wird, stattdessen Spuren, die weit in historische und soziale Zusammenhänge führen.  Er identifiziert sich als Arbeitersohn, ist aber auch Jude, was viele Leerstellen für ihn enthält, bis sich die Ereignisse in seiner ihm unbekannten Familie überschlagen und sich tiefe Abgründe offenbaren, die sein weiteres Schicksal prägen werden.  Angenehm nüchtern, in prägnant kurzen Sätzen wird das Drama eines Lebens erzählt, tun sich weitreichende Fragen zur Bedeutung von Herkunft, Familie, Klasse und Brüchen im Leben auf, die sehr berühren und lange nachhallen. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Dmitrij Kapitelman: Eine Formalie in Kiew

Verlag Hanser Berlin 2021, 176 S., € 20,-
(Stand März 2021)

Mit acht Jahren kam Dmitrij Kapitelman mit seiner Familie nach Deutschland. Mittlerweile 25-jährig beschließt er, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, doch dafür braucht er eine „Apostille seiner Geburtsurkunde“, ein Dokument, das er nur in Kiew bekommen kann.
Daher macht er sich auf in die Stadt seiner Geburt, den Kopf voll guter Ratschläge seiner Verwandten, wie Korruption und Misswirtschaft am besten zu begegnen seien, Anleitungen zur besten Bestechungsweise inklusive.
Doch dann verläuft alles ganz anders als gedacht, auch weil sein kranker Vater für eine dringend notwendige Behandlung ebenfalls nach Kiew kommt. Mit viel Selbstironie erzählt Kapitelman von seinem stolpernden Ankommen in der Realität seines Herkunftslandes, mit amüsanter Sensibilität und großem Gespür für Pointen und nebenher geäußerte Wahrheiten von Begegnungen mit Freunden und Verwandten. Schließlich wird die zur Ausbürgerung unternommene Reise zu einer Reise, die ihn seinen Wurzeln wieder nahebringt.
Eine Bürokratieposse, ein Familienroman voll scharfsinniger, psychologisch genau beobachtender Situationskomik, ein sensibles Buch, das mit großer Leichtigkeit, ja fast zärtlich, mit Klischees und Vorurteilen spielt und dabei mit viel Wahrhaftigkeit die Lebensrealität aller Migranten zu verstehen hilft. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Claudia Durastanti: Die Fremde

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki, Paul Zolnay Verlag 2021, 304 S., € 24,-
(La straniera, La Nave del Teseo 2019, ca. € 24,-)
(Stand März 2021)

Claudia Durastanti erzählt in ihrem Buch „Die Fremde“, das es in Italien auf die Shortlist für den wichtigen „Premio Strega“ geschafft hat, ihre eigene Familiengeschichte. Die Eltern – beide gehörlos – reagieren auf ihre Einschränkung nicht mit Anpassung, sondern mit Rebellion. Die Mutter lebt vorübergehend als Ausreißerin auf den Straßen Roms, der Vater pfeift auf gesellschaftliche Normen. Claudia wird in Brooklyn geboren, wohin die Eltern zeitweilig auswandern, und kehrt nach deren Trennung mit Mutter und Bruder nach Italien, in ein kleines Dorf der Basilikata, zurück. Immer ist sie, sind sie „anders“, fällt die Mutter als laut und unkonventionell auf. Das Mädchen muss sich die von den Eltern nicht vermittelten Sprachen – erst Englisch, dann Italienisch – selbst aneignen und ihren Weg, der sie schließlich nach Rom und London führt, selbst finden. Doch das „Sichfremdfühlen“ bleibt ihr ständiger Begleiter.
Claudia Durastanti geht nicht chronologisch vor, sondern erkundet ihre Familie, indem sie Themen wie „Reisen“, „Gesundheit“ oder „Liebe“ nachspürt, eine Archäologin ihrer selbst. In einer überaus feinfühligen, mal lebendigen, mal poetischen Sprache verfasst, deren Sätze immer wieder kostbar funkeln, lässt dieses beeindruckende Buch niemals unberührt. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Tove Ditlevsen: Kindheit

Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein, Aufbau Verlag 2021, 118 S., € 18,-
(Stand März 2021)

Kopenhagen in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Tove Ditlevsen wächst in ärmlichen Verhältnissen im Arbeiterviertel Vesterbro auf. Der Vater, von Beruf Heizer und überzeugter Sozialist, wird früh arbeitslos, die Mutter ist gefühlskalt, dem Mädchen oft ein Rätsel. In der Schule und im Hof gilt das sensible, scheue Kind, das früh das Lesen entdeckt und heimlich Gedichte schreibt, als seltsam. Schonungslos, in einer konzentrierten nüchternen Prosa, beschreibt die Autorin ihre als nicht glücklich und bedrückend empfundene Kindheit in einem Umfeld, das für Mädchen Bildung nicht als notwendig ansah, und öffnet gleichzeitig den Blick, in eine Welt, die noch nicht lange vergangen ist und doch nicht mehr in dieser Form besteht. Toves Kindheit endet mit 14 Jahren. Das Gymnasium wird ihr von den Eltern verwehrt, sie muss ihre erste „Stelle“ antreten.
Ditlevsens autobiografisch inspiriertes, faszinierendes Werk ist unbedingt lesenswert. Sie gilt als Wegbereiterin von Autorinnen wie Annie Ernaux oder auch Deniz Ohde. Die beiden zur Trilogie gehörenden Bände „Jugend“ und „Abhängigkeit“ sind gleichfalls perlenwürdig. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Ayad Akhtar: Homeland Elegien

Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren, Claassen Verlag 2020, 464 S., € 24,-
(Stand März 2021)

9783546100144_cover2002, im Zuge der Terroranschläge von 9/11 wurde das United States Department of Homeland Security gegründet. Und auch wenn Leben und Alltag von Muslimen in den USA mit jenem Datum einschneidend verändert wurden, elegisch und klagend ist Akthars Erzählton nur selten. Seine Homeland Elegien verknüpfen klug die persönliche Einwanderungsgeschichte der pakistanisch-stämmigen Familie Akhtar mit historischen Fakten aus dem pakistanisch-indischen Gründungskonflikt, dem ersten Afghanistan-Krieg und der Entstehung der Terrororganisation Al-Qaida. Wir lesen mit ihm im Koran, gleichwohl Rushdie und Freud. Er führt uns aber auch mit Autopanne in Joe Bidens Heimatstadt Scranton, die schon deutlich bessere Zeiten gesehen hat und berichtet aus dem Wahlkampf Donald Trumps im Jahr 2016, der einen tiefen Riss durch die Familie zieht: Vater Akhtar ist bekennender Trump-Fan. Dies liest sich kapitelweise und ohne Chronologie als Familiengeschichte und Entwicklungsroman. Ist persönliches Memoir wie politisches Essay. Aber Obacht, denn am Ende hat Ayad Akhtar einen Roman geschrieben. Ob sein Vater wirklich Trumps Kardiologe war? Egal! Nicht nur die Dialoge sind furios – und die Einblicke in den US-amerikanischen Alltag aus muslimischer Sicht ausgesprochen erhellend. (Jana Kühn) Leseprobe

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Micol Cossali, Giulia Mirandola, Mara Rossi e Novella Volani: Libere e Sovrane. Le donne che hanno fatto la Costituzione

Illustrazioni di Michela Nanut: Settenove, pp. 56, dai 9 anni, ca. € 20,-
(aggiornato marzo 2021)

Libere_e_sovrane_Dante_Connection_DanteperleIn un tripudio di colori vivaci e fantasie, alcune signore dalle varie acconciature ci osservano dalla copertina di questo libro. Sono partigiane, contadine, insegnanti, operaie. Portano nomi comuni: Teresa, Bianca, Angelina, Adele… La lista arriva a 21 nomi, si tratta delle donne che hanno fatto la costituzione italiana, le prime deputate a partecipare attivamente alle decisioni politiche di un paese devastato da tanti anni di dittatura e di guerra. Vengono ricordate come “Madri costituenti”, eppure sono in pochi a conoscere i loro nomi, le loro storie, il loro valore fondamentale. Forse perché le ventuno signore affiancavano cinquecentocinquantasei uomini, a loro volta eletti all’Assemblea costituente il 2 giugno 1946. Nelle pagine di questo libro dai disegni variopinti troviamo dati importanti, racconti da scoprire e tenere a mente, figure vivide e forti, pronte a guidare grandi e piccine attraverso un viaggio alla scoperta della consapevolezza di genere. (Giulia Silvestri)

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Gianni Celati: Costumi degli italiani

Quodlibet 2020, pp. 272, ca. € 22,90
(aggiornato marzo 2021)

Celati_Gianni_Costumi_degli_italani_Dante_Connection_DanteperleIl viaggio di Gianni Celati si svolge negli anni Sessanta del secolo scorso. Ambientazione: un qualsiasi paese di provincia nel bel mezzo della pianura padana. Con sguardo affettuoso e velato di nostalgia ci vengono spiegati i costumi degli abitanti del posto e ci sono proprio tutti: i matti, gli anziani perennemente radunati attorno al tavolo di un bar, i pettegoli, i ragazzini dispettosi… Si parla di un tempo lontano, perduto, eppure ancora vivo nei ricordi e tra le pagine di questi racconti, gli ultimi in ordine cronologico scritti da Gianni Celati, per la prima volta raccolti insieme in questa edizione.
Con la maestria che lo contraddistingue, con il suo stile inconfondibile, preciso e sgangherato, l’autore ci conduce in luoghi (forse) mai visitati eppure facili da evocare, quei luoghi che sono forse semplicemente quelli dell’adolescenza di ciascuno di noi. Una sobria lezione di umanità per tempi difficili. (Giulia Silvestri)

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Eleonora Marangoni: E siccome lei

Feltrinelli 2020, pp. 256, € ca. 21,80
(aggiornato marzo 2021)

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Monica Vitti: sono in pochi a non conoscerla. Il suo nome evoca tanti volti di donne, personaggi spigolosi, sfuggenti, comici o sofferti di film indimenticabili. In occasione dell’ottantanovesimo compleanno di una delle più grandi Signore del cinema italiano Eleonora Marangoni regala a lei e a tutti i suoi osservatori questo libro magico, intriso della grazia enigmatica del volto di Monica. Si tratta di una serie di “Finzioni”, per dirlo con Borges, rappresentazioni a volte romanzate, altre volte fedelmente trasposte, delle numerose donne interpretate dall’attrice. Ci sono quasi tutte, da Assunta (La ragazza con la pistola), a Claudia (L’Avventura), passando per Dea (Polvere di stelle), Giuliana (Deserto rosso) e arrivando a Margherita (Scandalo segreto). Leggere queste pagine è un modo delizioso per celebrare Monica Vitti, scomparsa dalle scene da decenni, ma sempre presente negli occhi e nei ricordi di chi non può dimenticare il suo sguardo e la sua voce. (Giulia Silvestri)

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Thorsten Nagelschmidt: Arbeit

Fischer Verlag 2020, 336 S., € 22,-
(Stand März 2021)

U1_978-3-10-397411-9_nagelschmidt_arbeit.inddThorsten Nagelschmidt, Sänger der Band Muff Potter, hat nach einigen Romanen und Erzählbänden einen Episodenroman verfasst – und was für einen! Es ist Sittengemälde der Stadt, ein dichtes Berlin-Porträt, speziell ein Kreuzberg-Roadmovie rund um den Kotti und eine Art Hommage an die Menschen der Nacht. Ihre Arbeit bzw. das was sie tun, gestaltet unsere Gesellschaft, sorgt dafür, dass sie funktioniert, stellt sie aber auch auf die Probe. Da ist der blanke Taxi-Fahrer, der trotzdem eigentlich nur schnell zu seiner Liebsten möchte – ein romantischer Antrag steht an. Da ist die Rettungssanitäterin, die Ärztin werden will und deshalb auf der Abendschule das Abitur nachholt. Da ist die junge Polizistin auf ihren ersten Streifzügen rund um Kotti, Schlesi und Görli. Und auch ein Dealer, eine Flaschensammlerin, die Inhaberin eines Spätis und viele andere mehr. Wie Nagelschmidt sein Figurenensemble miteinander verknüpft, sich unwissentlich über den Weg laufen und begegen lässt, das ist ganz große Erzählkunst. Mitten im Kiez, spannend wie ein Krimi, in schlagfertigen Dialogen und mit vielen unerwarteten Wendungen rasen die Episoden durch die Nacht, die in Kreuzberg nach dem berühmten Gassenhauser ja sehr lang werden kann – mit diesem Buch in der Hand garantiert, denn sie werden es nicht weglegen können! (Jana Kühn) Leseprobe

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Stefano Massini: Das Buch der fehlenden Wörter

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki, mit Illustrationen von Magda Wei, Hanser Verlag 2020, 256 S., € 26,-
(Dizionario inesistente, Mondadori 2018, ca. € 24,-)
(Stand Juni 2021)

Massini_Stefano_Das_Buch_der_fehlenden_Wörter_Danteperle_Dante_ConnectionWir alle kennen Stimmungen, die wir nicht näher beschreiben können. Auch für Stefano Massini war der Auslöser für sein Kompendium ausgedachter Wörter eine unartikulierbare Gefühlskrise, aus der er erst herausfand, als er sich neue Begriffe dafür ausdachte. Damit ward die Idee für diese außergewöhnliche Wörter- und Geschichtensammlung geboren. Massini schuf fantastische Worte, indem er sich von historischen Ereignissen und Persönlichkeiten wie Dorothy Parker, Rosa Parks oder der Shackletonexpedition, aber auch von literarischen Figuren wie Swifts Gulliver inspirieren ließ. Er erfand Begrifflichkeiten wie die „Parksiade“, „Dottienz“, „questisch“ oder die „Gulliverose“. Was es mit ihnen auf sich hat, erzählt er höchst abwechslungsreich wie in einem Füllhorn, das zudem fantasievoll illustriert ist.
Eine vergnügliche Anregung, selbst kreativ zu werden und sich eigene Wortschöpfungen auszudenken, die vielleicht in unser aller Sprachgebrauch übergehen werden wie die Silhouette oder die Hortensie! Denn „Sprache ist eine lavaartige Materie, in ständiger Bewegung.“ (Stefanie Hetze)

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