Lesung in der Nürtingen Grundschule

BiblioFest! mit Katharina Reschke und DGS Dolmetschung

Ranji Ram und Toni Finster könnten unterschiedlicher nicht sein. Während der soeben aus Mumbai nach Berlin gezogene dreizehnjährige Ranji von einer Star-Karriere beim Film träumt, kämpft die zwölfjährige Toni mit ihren Karatefähigkeiten gegen so manches Hindernis in ihrem Leben an. Leider stehen sich die beiden mit ihren Zielen zunächst ganz und gar im Weg …

Wir begleiten die Veranstaltung mit einem Büchertisch.

wann? Donnerstag, 23. Juni 2022 ab 16.00 Uhr
wo? Nürtingen Grundschule am Mariannenplatz, auf dem Horthof

Maddalena Fingerle: Muttersprache

Aus dem Italienischen von Maria E. Brunner, Folio 2022, 191 S., € 22,-
(Lingua madre, Italo Svevo 2021, ca. € 26,-)

Welch aufsehenerregendes Debüt aus der nördlichsten Gegend Italiens, das die komplexe Gemengelage im heutigen Südtirol seziert! Eigentlich könnte das Alto Adige heutzutage ein kreatives Labor für Zwei- oder Mehrsprachigkeit sein. In Wirklichkeit leben die Sprachgruppen fein säuberlich nach Proporz getrennt. Paolo, der Icherzähler und sensible Sohn einer italienischsprachigen Bozener Familie, für den Wörter eine fundamentale Bedeutung haben, nimmt wie ein Seismograf das Problematische dieses Missverhältnisses in sich auf. „Dreckige“ Wörter, für ihn gleichbedeutend mit unehrlichem Getue, hasst er so abgrundtief, dass er mit Waschzwang, Verweigerung und kompletter Ablehnung der Repräsentantin seiner Muttersprache, seiner Mutter und seiner Heimatstadt reagiert. Erst mit der Flucht nach Berlin, in den deutschen Sprachraum, kommen seine Obsessionen zur Ruhe, aber selbstverständlich schlummern sie noch.  Bissig-boshaft, klug und sehr unterhaltsam spielt Maddalena Fingerle in ihrem Debüt mit den Fallstricken der Mehrsprachigkeit. Sie übertreibt, persifliert und macht eine:n ziemlich nachdenklich. Und der Folio Verlag hat mit den „Flecken“ auf dem Schutzumschlag für eine besondere Pointe gesorgt! (Stefanie Hetze)

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Gogliarda Sapienza: Tage in Rebibbia

Gefängnistagebuch. Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. Aufbau Verlag 2022, 189 S., € 20,-

(L’università di Rebibbia, Einaudi 2012, ca € 14,50)

Eine aus Not begangene Straftat hat die unkonventionelle Intellektuelle, Künstlerin und Aktivistin Gogliarda Sapienza 1980 ins römische Frauengefängnis Rebibbia gebracht. Mangels Häftlingskleidung sticht sie in ihren Seidenhosen mit Bundfalten optisch gleich als nicht Zugehörige heraus, schnell treiben ihr die Mitgefangenen ihr anbiederndes Reden im angelernten römischen Dialekt aus. Doch schnell überwindet sie die Scheu vor ihnen und taucht tief ein in diese abgeschlossene Welt, die nach ganz eigenen Regeln funktioniert. Im vollen Frauengefängnis, in dem die Zellen tagsüber geöffnet sind und die unterschiedlichsten Frauen, junge, alte, „Kriminelle“, „Politische“, alle verschiedenster Herkunft, irgendwie miteinander klarkommen müssen. Prall wie ein Fellini-Film ist das Leben hier. Gewalt, Solidarität, Witz, Häuslichkeit, Gemeinheiten, Zartheit, Gleichgültigkeit, Kreativität… die ganze Bandbreite an Verhaltensweisen und Gefühlen, die sich im Knast gleichzeitig abspielen, erlebt Sapienza als einen „Erfahrungsschnellkurs“.  In ihrem Gefängnistagebuch überschreitet sie dabei die Grenzen des persönlichen Memoirs – eigentlich ein Kammerspiel hinter Gefängnismauern öffnet es sich zu einem vielstimmigen großen Gesellschaftspanorama. (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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Gianfranco Calligarich: Der letzte Sommer in der Stadt

Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Zsolnay Verlag 2022, 208 S., € 22,-
(L’ultima estate in città, Bompiani, ca. € 17,50)

In Italien eine sensationelle Wiederentdeckung des 1973 erschienenen Romans, hierzulande erstmals zu entdecken: der aufsehenerregende Rom-Roman, in dem die Stadt mit ihren Plätzen, Hügeln, Kirchen und Bars, mit dem Tiber und der Nähe zum Meer eine entscheidende Rolle spielt. Leo Gazzara, ein junger, gutaussehender Mailänder, schnorrt sich durch, lässt sich treiben in der Stadt, in der Anfang der 70er die Kulturszene noch das vergangene Dolce Vita bemüht, während sich längst die 68er auswirken und Hippies sich in den angesagten Bars der Piazza Navona breitmachen. Eine flirrende Unruhe durchzieht den Roman, Leos nächtliche Streifzüge durch all die angesagten Orte, das Flirten, Reden und Trinken, die Eskapaden zu verschlossenen Strandvillen in Ostia bringen keine Erfüllung. Seine Liebesgeschichte mit einer schönen depressiven Venezianerin läuft ins Leere, vielleicht haben sie nur den richtigen Augenblick verpasst. Diese Atmosphäre von Melancholie ist ganz fein, ganz beiläufig erzählt und wirkt dadurch umso stärker. Natalia Ginzburg hatte damals dem Manuskript zu einem Verlag verholfen, zum Glück! (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Valerio Curcio: Der Torschützenkönig ist unter die Dichter gegangen – Fußball nach Pier Paolo Pasolini

Aus dem Italienischen von Judith Krieg. Mit einem Vorwort von Moritz Rinke, Edition Converso 2022, 190 S., € 20,-
(Il calcio secondo Pasolini, Compagnia Editoriale Aliberti 2018, ca. € 21,80)

Nicht alle wissen, dass der berühmte, unvergessliche Schriftsteller und Regisseur ein leidenschaftlicher Fußballfan und -spieler war. Doch der Volkssport hat Pasolini sein Leben lang begeistert. Fußball war für ihn nicht nur ein Spiel, sondern auch eine die Menschen verbindende Sprache, die jedes Mal zum Ausdruck kommt, wenn ein Fuß den Ball berührt. Über diese Vorliebe berichtet der junge Autor Valerio Curcio. Eine Collage verschiedener Aussagen, Anekdoten, Fotos und Interviews, ist dieses Buch wie eine Wanderung zwischen Literatur und Sport, wobei die emotionale Beziehung zwischen Pier Paolo Pasolini und dem Fußballspiel meisterhaft dargestellt wird. Als Fan, aber auch als Sportjournalist beobachtete er den Fußball auf den kleinsten Spielfeldern bis hin zur Serie A. Manchmal bewunderte er die Ehrlichkeit eines Spiels irgendwo draußen, manchmal jubelte er seiner Mannschaft Bologna zu, manchmal betrachtete er mit soziologischer Aufmerksamkeit das Match im Stadion als den letzten heiligen Akt seiner Zeit. Fußball in seiner ursprünglichen Bedeutung. (Giulia Silvestri)

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Esther Kinsky: Rombo

Suhrkamp 2022, 267 S., € 24,-

Der Rombo – das ist das Geräusch, welches einem schweren Beben vorangeht, ein Grollen tief aus der Erde kommend, ursprünglich und unvergleichlich.
1976 wurde die Region der Friauler Alpen im Nordosten Italiens von zwei heftigen Erdbeben heimgesucht, viele Orte wurden vollständig zerstört. Esther Kinski hat die Erinnerungen verschiedener Zeitzeugen gesammelt, die damals zum Großteil noch Kinder waren, und diese in einem ausgewogenen Wechsel mit geologischen und zeithistorischen Erläuterungen sowie Informationen über Flora und Fauna, Legenden und Bräuche der Gegend kombiniert. Die immer kurzen Textstücke der Memoiren folgen locker der Chronologie der Ereignisse, die beschriebenen Ereignisse kreuzen, überlappen und ergänzen sich.
Das Ergebnis ist eine fesselnde Lektüre, wobei der Ton hier authentisch die Erzählenden widerspiegelt und dort durch die dichten, lyrischen Sätze der Autorin geprägt ist. Ein Sprachkunstwerk ohne ein Wort zu viel, von hypnotischem Rhythmus und kühler Eleganz. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Lucia Zamolo: Jeden Tag Spaghetti. Wie es sich anfühlt von hier zu sein, aber irgendwie auch nicht

Bohem Verlag 2022, 128 S., € 16,-, ab 9

(Stand März 2022)

„Woher kommst du?“ wird oft in Gesprächen gefragt. Oft genug wird die Antwort nicht einfach angenommen, sondern gleich nachgefragt: „Okay, aber wo kommst du wirklich her?“. Das macht sauer oder traurig oder verwirrt oder unsicher oder beleidigt … So oder so löst eine solche Frage keine schönen Gefühle aus. Lucia trägt einen ausländischen Namen, ist aber hier geboren und aufgewachsen. Vielleicht liegt es an ihrem Namen, vielleicht sieht sie untypisch aus, die Gründe hinter der komischen Frage sind dem Mädchen nicht klar … Dieses wunderschön illustrierte Buch berichtet über Alltagssituationen eines Mädchens, die vielen Menschen sehr bekannt vorkommen werden. Mit Liebenswürdigkeit und Humor erklärt Lucia Zamolo ziemlich viel über Diskriminierung, Migration und Identität. Raus aus den Schubladen!!! (Giulia Silvestri) Blick ins Buch

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Cesare Pavese: Der schöne Sommer

Drei Romane. Mit einem Essay von Natalia Ginzburg. Aus dem Italienischen von Maja Pflug, Rotpunktverlag 2021, 488 S., € 29,-

(Stand März 2022)

Ein weiterer Band (der vierte) in der Reihe großartiger Neuübersetzungen der Werke Paveses durch Maja Pflug, die der Rotpunktverlag nach und nach publiziert. Erstmals sind hier die drei kurzen neorealistischen Romane Der schöne Sommer, Der Teufel auf den Hügeln und Die einsamen Frauen in einem Band vereint, so, wie sie ursprünglich in Italien erstmals erschienen und für die Pavese 1949 mit dem „Premio Strega“, dem wichtigsten italienischen Literaturpreis, ausgezeichnet wurde.
Als „urbane Romane über jugendliche Begeisterung und gescheiterte Leidenschaft“ hat Pavese sie selbst bezeichnet, diese Geschichten junger Menschen im Turin der unmittelbaren Nachkriegszeit, mit ihren Leidenschaften und Ängsten, ihrer Begeisterung und ihrem Scheitern. So modern, so aktuell muten die Figuren an, die sich treiben lassen, stets auf des Suche nach etwas, was sie nicht zu benennen wissen, getrieben von einer unbestimmbaren Sehnsucht. Paveses Sprache ist knapp, präzise, an amerikanischen Vorbildern orientiert. Psychologisch feinfühlig trifft er den Ton des Milieus, das er beschreibt. Maja Pflug gelingt es meisterhaft, diesen Ton ins Deutsche zu übertagen und die Texte in neuer Frische auf uns wirken zu lassen. (Syme Sigmund) Blick ins Buch

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Maria Attanasio: Stark wie nur eine Frau

Mit einem Nachwort von Monika Lustig. Aus dem sizilianischen Italienisch von Judith Krieg und Monika Lustig. Edition Converso 2021, 153 S., € 20,-

(Stand Januar 2022)

Sizilien Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts – für die Bevölkerung gab es keinerlei Spielräume. Je nach sozialer Zugehörigkeit war das Leben mehr oder weniger vorherbestimmt. Für Frauen war es noch schlimmer, selbst wenn sie dem Adel angehörten. Die Inquisition trieb dazu ihr unberechenbares Unwesen. Ducken und Mitmachen waren an der Tagesordnung, jedes Abweichen von der Regel lebensgefährlich. Und doch gab es mutige Frauen, die sich dem widersetzten. Maria Attanasio stellt in „Stark wie nur eine Frau“ zwei historisch belegte Frauen aus ihrer Heimatstadt Caltagirone vor, die sich, beide aus unterschiedlichen Klassen stammend, nicht beugten, sondern konsequent ihre eigenen Vorhaben verfolgten. Für beider revolutionärer Versuche in Richtung eines selbstbestimmten Lebens hat die Autorin ganz eigene Erzählweisen gefunden, die Dokumentarisches mit Fiktivem verknüpfen sowie Perspektiven von damals und heute aufeinander beziehen. Die herausragende Übersetzung von Judith Krieg und Monika Lustig verstärkt aufs Geschmeidigste diese anregende Beschäftigung mit sizilianischer Diversität von vor weit über 300 Jahren. (Stefanie Hetze)

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Manuele Fior: Celestia

Aus dem Italienischen von Myriam Alfano, Avant-Verlag 2021, 272 S., € 29,-

(Stand Januar 2022)

In einer Lagunenstadt namens Celestia, die sehr an Venedig erinnert, sind ein Junge und ein Mädchen auf der Flucht. Nach einer großen Invasion aus dem Meer ist die uralte steinerne Insel, auf der Celestia liegt, zu einem Zufluchtsort für alle Arten von Kriminellen, Schmugglern und anderen seltsamen Figuren geworden. Dora und Pierrot wollen herausfinden, was hinter den Grenzen der Insel liegt, und so begeben sie sich auf ein Abenteuer.
Das neueste Werk von Manuele Fior ist eine Reflexion über die Zukunft der Menschheit, eine Graphic Novel mit wunderbaren Illustrationen in zarten und eindrucksvollen Farben, mit meisterhaften Bildausschnitten und in einer poetischen Sprache geschrieben. Es ist aber vor allem eine Ode an die Leidenschaft und den Lebenshunger. (Giulia Silvestri)

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