…für Genießer:innen

Giancarlo & Katie Caldesi / Helen Cathcart (Fotografien): Amalfiküche. Rezepte aus Italiens Süden. Aus dem Englischen von Christine Schnappinger, Prestel 2022, 272 S., € 30,-

Das ist Sehnsuchtsküche pur. Die Landschaft aus steilen Bergen, schmaler Küste und weitem Meer sowie die milden klimatischen Verhältnisse bieten die besten Voraussetzungen für die köstliche Mare e Monti– Küche aus regionalen Produkten wie Zitronen, Fisch, Mozzarella und Tomaten. Das italoenglische Ehepaar hat die amalfitanische Küste zusammen mit der Fotografin Helen Cathcart bereist, unzählige Lokale besucht, Menschen getroffen, die ihnen ihre Familienrezepte verraten haben und so ein inspirierendes Kochbuch geschaffen. Die Fotos schwelgen in der Schönheit der amalfitanischen Küste und der Genussfreude ihrer Bewohner.innen. Die Rezepte lassen sich gut nachkochen, besonders die Dolci haben es in sich wie die „Delizia al limone“ oder Tiramisù mit Erdbeeren und Zitronen. Das ist fast wie an die Amalfitana zu reisen! (Stefanie Hetze)

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… für alle, die sich für Kulturgeschichte/n begeistern

Stefan Ineichen: Principessa Mafalda. Biografie eines Transatlantikdampfers. Wagenbach 2022, 256 S., € 34,-

In nur 16 Tagen gelang 1908 die Reise von Genua nach Buenos Aires mit dem schnellen neuen Dampfer, der stolz den Namen der italienischen Prinzessin Mafalda trug. Das Schiff, das für den Transport großer Mengen europäischer Migrant:innen vorgesehen war, die darin eng zusammengepfercht hausen mussten, aber auf ihr Glück in Argentinien hofften, bot gleichzeitig reichen Menschen privilegierten Komfort in einer Luxus- sowie der Ersten Klasse. Die spannenden Geschichten, Herkünfte, Reiseziele, Missionen dieser unterschiedlichsten Reisenden, die der Autor aus einer beeindruckenden Vielfalt an Quellen gehoben hat, reichen weit hinein in die damalige Historie Italiens und der ganzen Welt. Wie in einem Schmelztiegel begegnen sie einander in dem Ozeandampfer, der mit einer Pause im Ersten Weltkrieg bis zu seinem dramatischen Untergang 1927 zwischen Europa und Südamerika hin- und herpendelte. Eine kenntnisreiche und unterhaltsame Biografie nicht nur des Schiffes und seiner Passagiere, sondern auch der sehr bewegten analogen Zeiten. (Stefanie Hetze)

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Dacia Maraini: Caro Pier Paolo. Briefe an Pier Paolo Pasolini

Aus dem Italienischen von Maja Pflug, Rotpunkt 2022, 208 S., € 25,-

(Caro Pier Paolo, Neri Pozza 2022, ca. € 22,80)

Fast ein Vierteljahrhundert nach seinem gewaltsamen Tod erscheint Dacia Maraini sanft lächelnd und sie direkt ansprechend ihr guter Freund Pier Paolo im Traum. Als sie ihn, glücklich ihn wiederzusehen, umarmen will, ist er verschwunden. Doch nimmt die Schriftstellerin die damit plötzlich wieder aufgetauchte Intensität an mit ihm verbundenen Erinnerungen zum Anlass, Briefe an ihn zu schreiben. Voller Zuneigung, aber auch mit dem liebevoll-kritischen Blick einer wirklich Vertrauten, erinnert sie sich an Pasolini, den Streitbaren, den Menschenfreund, den Dichter . . . An ihre Zusammenarbeit bei Drehbüchern, an ihre abenteuerlichen Reisen zusammen mit Alberto Moravia, manchmal mit Maria Callas, an ihren unaufhörlichen persönlichen und intellektuellen Austausch. Vor allem aber ist es ein intimes Buch über von einem großen Kreis rund um Pasolini, Moravia und Maraini innig und leidenschaftlich gelebte Freundschaften im Rom der Sechziger und Siebziger Jahre, die trotz aller Nähe und Zuneigung die innere Einsamkeit und Zerbrechlichkeit des Freundes nicht auflösen konnten. Fein ausbalanciert, was durch die meisterliche Übersetzung Maja Pflugs im Deutschen ein Genuss ist, ist das Buch nicht nur ein Muss für Pasolinifans. (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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Serata Manganelli

Zum 100. Geburtstag des italienischen Schriftstellers Giorgio Manganelli wird auch in Berlin gefeiert! Seine Tochter Lietta Manganelli, Andrea Cortellessa und Giovanni Sampaolo sowie seine deutsche Übersetzerin Marianne Schneider werden über Manganellis Werk und seine Bedeutung sprechen und seine nachdenklichen und humorvollen audiovisuellen Streifzüge kommentieren.

Der 1922 in Mailand geborene und 1990 in Rom verstorbene Autor wurde in Deutschland sofort von dem Verleger Klaus Wagenbach geschätzt, der einen Großteil seiner zu Lebzeiten veröffentlichten Schriften, mehr als zwanzig Bücher, verlegte. Weniger bekannt in Deutschland sind posthume Veröffentlichungen von Texten Manganellis, und vor allem ist die nonchalante Art kaum bekannt, mit der sich der Schriftsteller durch die Medien seiner Zeit bewegte, nicht zuletzt im Fernsehen. Nicht zu vergessen sind seine Reportagen aus fernen Ländern.

Lietta Manganelli, die einzige Tochter von Giorgio Manganelli, hat sich schon immer für Literatur, Schriftstellerei und soziale Fragen engagiert. Sie gründete das Centro Studi Manganelli und veröffentlicht vergessene und unveröffentlichte Texte ihres Vaters.

Marianne Schneider, Übersetzerin zahlreicher italienischer Schriftsteller ins Deutsche, insbesondere auch von Giorgio Manganelli, mit dem sie befreundet war.

Andrea Cortellessa ist Professor für zeitgenössische italienische Literatur an der Universität Roma Tre und Literaturkritiker. Von und über Manganelli hat er mehrere Bände und Aufsätze herausgegeben.

Giovanni Sampaolo ist Ordinarius für germanistische Sprach- und Übersetzungswissenschaft an der Università Roma Tre und Mitglied des wissenschaftlichen Komitees für die Jubiläumsfeier Giorgio Manganellis.

Die neue Ausgabe von »Irrläufte. Hundert Romane in Pillenform« ist gerade bei Wagenbach (mit einem Nachwort von Klaus Wagenbach in Person) erschienen.

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E nei prossimi giorni uscirà per La Nave di Teseo «Giorgio Manganelli. Aspettando che l’inferno cominci a funzionare» di Lietta Manganelli, biografia del padre.

Dante Connection sarà presente con questo e molti altri libri del leggendario autore!

Die Veranstaltung findet auf Italienisch mit Simultanübersetzung statt. – L’evento si terrà in italiano con traduzione simultanea.

Wir freuen uns darauf!

wo? Istituto Italiano di Cultura di Berlino

wann? Dienstag, 22. November 2022 ab 18.00 Uhr

 

Helena Janeczek: Die Schwalben von Montecassino

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull, Berlin Verlag 2022, 432 S., € 24,-

(Le rondini di Montecassino, Guanda 2018, ca. € 24,-)

Vier lange Monate dauerte es, bis die Alliierten 1944 die von den Deutschen besetzte Abtei Montecassino im Latium einnahmen. Eine Schlacht in mehreren Etappen, an der Soldaten verschiedenster Herkunft beteiligt waren. Ihnen gibt Helena Janeczek eine Stimme, entreißt sie dem Vergessen. Es waren arme Texaner, neuseeländische Maori, Inder oder polnische Juden – aus sowjetischen Lagern kommend gelangten diese über Samarkand, Persien und Afrika nach Italien – die hier ihr Leben verloren oder mit den Erinnerungen an diese entsetzliche Schlacht in ihre Heimat zurückkehrten, sofern es diese noch gab. Gekonnt verwirkt die Autorin Orte, Schicksale, Teile ihrer eigenen jüdisch-polnischen Familiengeschichte und verschiedene Zeitebenen zu einem ergreifenden Epos. Sorgfältig recherchierte historische Fakten, Zeitzeugenberichte und Fiktion verbinden sich zu lebendiger Geschichte. Montecassino wird hier „zum Krieg von uns allen, zu dem Ort, von dem wir alle kommen“ schrieb Roberto Saviano bei Erscheinen des Buches. Dies gilt heute mehr denn je. Eine unbedingte Leseempfehlung, damit das in Vergessenheit geratene nicht vergessen bleibt. (Syme Sigmund) Blick ins Buch

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Ermanno Rea: Nostalgia

Aus dem Italienischen von Klaudia Ruschkowski, Marix Verlag 2022, 288 S., € 22,-

(Nostalgia, Feltrinelli 2016, ca. € 14,50)

Felice wächst in der Sanità auf, dem berüchtigtsten Viertel Neapels, beherrscht von organisierter Kriminalität und Gewalt. Von klein auf ist er eng mit Oreste befreundet, der ihn jedoch gegen sein eigenes Bauchgefühl zu immer riskanteren Raubüberfällen überredet. Als der Einbruch bei einem weithin bekannten Wucherer in einer Tragödie endet, schafft Felice – erst 16 Jahre alt – den Absprung und geht mit einem Onkel zur Arbeit bei einer Baufirma nach Beirut. 45 Jahre lang wird er nicht nach Italien zurückkehren, doch die Vergangenheit und der Mord, für den er sich mitverantwortlich fühlt, lassen ihn nicht los. Als seine Mutter im Sterben liegt, kehrt er in das Viertel seiner Jugend zurück und muss sich den Dämonen in seinem Kopf sowie Oreste – mittlerweile ein Boss der Camorra – stellen.
Ermanno Rea verwebt diese fiktive, mitreißend erzählte Story mit Abrissen über die Geschichte der Sanità, einst Vorstadt der Gärten, Grotten und Katakomben, dann bevorzugte Villengegend adliger Neapolitaner, und nach städtebaulichen Veränderungen, die das Viertel ins Abseits geraten ließen, sowie dem Niedergang des Lederhandwerks – hier wurden die feinsten Handschuhe Europas gefertigt – immer mehr Ort der Armut und Gewalt. Vermittelt durch die Figur des streitbaren Priesters Don Rega, der einer reellen Person nachempfunden ist, erzählt er aber auch von den engagierten Menschen, die es in den letzten 20 Jahren mit viel Zivilcourage und gegen alle Widerstände geschafft haben, an den Verhältnissen etwas zu ändern und die Hoffnung zurückkehren zu lassen.
So setzt er den Helden und den Opfern in seinem erst postum veröffentlichen Werk ein gerade für Neapelkenner spannendes und sehr lesenswertes Denkmal.
(Syme Sigmund)

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Fabio Stassi: Ich töte wen ich will

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki, Edition Converso 2022, 304 S., € 22,-

(Uccido chi voglio, Sellerio 2020, ca € 18,-)

Was für ein Noir! Genretypisch ist Vince Corso, der Protagonist, ein mittelloser Einzelgänger mit einem reichen Innenleben. Das Setting ist hochaufgeladen und changiert zwischen einer banal einsamen Existenz und einer Vielzahl literarischer und psychologischer Anspielungen, möglicher Fährten und Irrwege.
Der Held verdient seinen Lebensunterhalt mit einer eigentlich harmlosen Tätigkeit, als Bibliotherapeut empfiehlt er Bücher als Ausweg aus Krisen. Als er einmal in seine kleine römische Dachwohnung zurückkommt, findet er seinen Hund vergiftet vor, das Zimmer verwüstet, Bücher und Schallplatten vernichtet. Dieser ihm unerklärliche Anschlag ist nur das erste ihn bedrohende Ereignis. Während seiner Gänge zwischen Tierklinik und Wohnung geschehen brutale Morde, die ihm angelastet werden. Ein Blinder spielt dabei eine nicht unwichtige Rolle… Ein rasanter Strudel seltsamer Begegnungen und Zufälle aus Realität und Literatur sorgt für Verwirrung und enorme Spannung und dies in der Stadt Rom, die ich so dicht und atmosphärisch beschrieben noch nie gelesen habe. Das meisterliche Zusammenspiel von Autorschaft, Stassi ist im Brotberuf Bibliotheksdirektor, Kopetzkis schnörkelloser Übersetzung und Ausstattung mit literarischen und geographischen Verweisen macht den Roman zu einem großen Lesevergnügen und bietet jede Menge Raum für die ureigene Lektüre. (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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Maddalena Fingerle: Muttersprache

Aus dem Italienischen von Maria E. Brunner, Folio 2022, 191 S., € 22,-
(Lingua madre, Italo Svevo 2021, ca. € 26,-)

Welch aufsehenerregendes Debüt aus der nördlichsten Gegend Italiens, das die komplexe Gemengelage im heutigen Südtirol seziert! Eigentlich könnte das Alto Adige heutzutage ein kreatives Labor für Zwei- oder Mehrsprachigkeit sein. In Wirklichkeit leben die Sprachgruppen fein säuberlich nach Proporz getrennt. Paolo, der Icherzähler und sensible Sohn einer italienischsprachigen Bozener Familie, für den Wörter eine fundamentale Bedeutung haben, nimmt wie ein Seismograf das Problematische dieses Missverhältnisses in sich auf. „Dreckige“ Wörter, für ihn gleichbedeutend mit unehrlichem Getue, hasst er so abgrundtief, dass er mit Waschzwang, Verweigerung und kompletter Ablehnung der Repräsentantin seiner Muttersprache, seiner Mutter und seiner Heimatstadt reagiert. Erst mit der Flucht nach Berlin, in den deutschen Sprachraum, kommen seine Obsessionen zur Ruhe, aber selbstverständlich schlummern sie noch.  Bissig-boshaft, klug und sehr unterhaltsam spielt Maddalena Fingerle in ihrem Debüt mit den Fallstricken der Mehrsprachigkeit. Sie übertreibt, persifliert und macht eine:n ziemlich nachdenklich. Und der Folio Verlag hat mit den „Flecken“ auf dem Schutzumschlag für eine besondere Pointe gesorgt! (Stefanie Hetze)

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Gogliarda Sapienza: Tage in Rebibbia

Gefängnistagebuch. Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. Aufbau Verlag 2022, 189 S., € 20,-

(L’università di Rebibbia, Einaudi 2012, ca € 14,50)

Eine aus Not begangene Straftat hat die unkonventionelle Intellektuelle, Künstlerin und Aktivistin Gogliarda Sapienza 1980 ins römische Frauengefängnis Rebibbia gebracht. Mangels Häftlingskleidung sticht sie in ihren Seidenhosen mit Bundfalten optisch gleich als nicht Zugehörige heraus, schnell treiben ihr die Mitgefangenen ihr anbiederndes Reden im angelernten römischen Dialekt aus. Doch schnell überwindet sie die Scheu vor ihnen und taucht tief ein in diese abgeschlossene Welt, die nach ganz eigenen Regeln funktioniert. Im vollen Frauengefängnis, in dem die Zellen tagsüber geöffnet sind und die unterschiedlichsten Frauen, junge, alte, „Kriminelle“, „Politische“, alle verschiedenster Herkunft, irgendwie miteinander klarkommen müssen. Prall wie ein Fellini-Film ist das Leben hier. Gewalt, Solidarität, Witz, Häuslichkeit, Gemeinheiten, Zartheit, Gleichgültigkeit, Kreativität… die ganze Bandbreite an Verhaltensweisen und Gefühlen, die sich im Knast gleichzeitig abspielen, erlebt Sapienza als einen „Erfahrungsschnellkurs“.  In ihrem Gefängnistagebuch überschreitet sie dabei die Grenzen des persönlichen Memoirs – eigentlich ein Kammerspiel hinter Gefängnismauern öffnet es sich zu einem vielstimmigen großen Gesellschaftspanorama. (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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Gianfranco Calligarich: Der letzte Sommer in der Stadt

Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Zsolnay Verlag 2022, 208 S., € 22,-
(L’ultima estate in città, Bompiani, ca. € 17,50)

In Italien eine sensationelle Wiederentdeckung des 1973 erschienenen Romans, hierzulande erstmals zu entdecken: der aufsehenerregende Rom-Roman, in dem die Stadt mit ihren Plätzen, Hügeln, Kirchen und Bars, mit dem Tiber und der Nähe zum Meer eine entscheidende Rolle spielt. Leo Gazzara, ein junger, gutaussehender Mailänder, schnorrt sich durch, lässt sich treiben in der Stadt, in der Anfang der 70er die Kulturszene noch das vergangene Dolce Vita bemüht, während sich längst die 68er auswirken und Hippies sich in den angesagten Bars der Piazza Navona breitmachen. Eine flirrende Unruhe durchzieht den Roman, Leos nächtliche Streifzüge durch all die angesagten Orte, das Flirten, Reden und Trinken, die Eskapaden zu verschlossenen Strandvillen in Ostia bringen keine Erfüllung. Seine Liebesgeschichte mit einer schönen depressiven Venezianerin läuft ins Leere, vielleicht haben sie nur den richtigen Augenblick verpasst. Diese Atmosphäre von Melancholie ist ganz fein, ganz beiläufig erzählt und wirkt dadurch umso stärker. Natalia Ginzburg hatte damals dem Manuskript zu einem Verlag verholfen, zum Glück! (Stefanie Hetze) Leseprobe

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