Fred Vargas: Jenseits des Grabes

Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Marquardt, Limes, 526 Seiten, 26 Euro.

Lange hat man nichts mehr gehört von Inspektor Adamsberg und seiner Brigade criminelle des 13. Arrondissements in Paris. Doch das Wiedersehen mit der Belegschaft im Kommissariat ist nur von kurzer Dauer, denn eine Zeitungsmeldung erregt Adamsbergs Aufmerksamkeit und die Reise beginnt, diesmal in die Bretagne, in einen kleinen Ort namens Louviec, der irgendwo in der Nähe des realen Schlosses Combourg angesiedelt ist. Ein holzbeiniges Gespenst soll dort leben, dessen nächtliche Schritte immer dann durch die Gassen hallen, wenn ein Unheil kurz bevorsteht. Und genauso so kommt es: das Holzbein klappert, das Morden beginnt. Aber es wäre nicht Vargas, wenn hier nicht alles Mystische am Ende doch sehr fest auf bretonischem Boden stünde. Der Fall ist wie immer zunächst vertrackt. Adamsberg beschreibt das so: „Letzte Worte ohne erkennbaren Sinn, Schatten auf die man nicht treten darf… das Fehlen jeglichen Motivs.“ Bei Johan, dem Dorfschenk, speisen die Pariser Ermittler üppig mit den bretonischen Kollegen und versuchen die Dorfgemeinschaft zu entschlüsseln – auf die vertraute Art: Mercadet muss viel schlafen, die Retancourt zeigt einmal mehr, dass man sehr weise sein muss, um stark zu sein und am Ende sind es wieder einmal die Flöhe die den rechten Weg weisen.  Wie immer bei der Vargas ist diese kluge Milieustudie einer Dorfgemeinschaft, auch ein so gut gebauter Krimi, dass man ihn nur weglegt, um irgendwie, möglichst schnell in die Bretagne zu kommen. (Kerstin Follenius)

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R.J. Palacio: Pony

Wenn die Reise deines Lebens lockt, mach dich auf den Weg. Aus dem Amerikanischen von André Mumot, Hanser 2024, 304 S., € 19,-, ab 12

Es geht alles ganz schnell. Nachts werden Silas und sein Vater, die weit abgeschieden auf einer Farm leben, von Pferdegetrappel geweckt. Bewaffnete Männer bedrohen sie und entführen Silas Vater, einen hochspezialisierten Kollodium-Nassplatten-Fotografen und Erfinder. Angeblich nur für eine Woche, aber Silas traut ihnen nicht und will ihnen nach. Sein imaginärer Freund Mittenwool will ihn aufhalten, aber als ein Pony mit einem merkwürdigen Gesicht auftaucht, kennt Silas trotz seiner Ängste vor dem dichten Wald und dem Unbekannten, das ihn erwartet, keinen Halt. Begleitet von seinem imaginären Freund und dem Pony, zu dem er schnell eine enge Verbindung spürt, begibt sich der Junge auf eine spannende aufwühlende Reise. Er, der Halbwaise und besonders sensibel ist, begegnet im Wald einem alten Marshall, einem Sheriff samt Kompagnon, den Gangstern und vielen Gespenstern und Schatten der Vergangenheit. Die Autorin schont dabei weder den Protagonisten noch ihre LeserInnen, es geht um das kriegerische Amerika des 19. Jahrhunderts. Doch Silas Feinfühligkeit und Wachheit samt der magischen Unterstützung durch Mittenwool und Pony tragen ihn. Palacio schenkt uns mit „Pony” eine faszinierende Abenteuergeschichte, die sie mit anspielungsreichen Daguerreotypien, Zitaten und einem ausführlichen Nachwort zu einem herausragenden Jugendroman geschaffen hat. (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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Lauren Groff: Die weite Wildnis

Aus dem amerikanischen Englischen von  Stefanie Jacobs, Claassen 2023, 288 S., € 25,-

Es sind die ganz frühen, eiskalten Morgenstunden, als sich das Mädchen Lamentatio aus einem Fort englischer Siedler in Nordamerika davonschleicht. Vor ihr liegt nicht weniger als Die weite Wildnis mit all ihren Gefahren. Doch mehr noch als Dunkelheit, Kälte und Einsamkeit fürchtet das Mädchen die Menschen, vor denen sie flieht bzw. ihren oder gar ihre mit Sicherheit beauftragten Verfolger. Schlimmes muss ihr widerfahren sein, man ahnt es lange nur. Von nun an wechseln sich Mut und Entdeckerfreude ab mit Verzweiflung und Schmerz. Für Lamentatios Kampf ums Überleben findet Lauren Groff einen überaus packenden Erzählton, der ihre existenziellen Erfahrungen fast physisch erlebbar macht – selten habe ich so mit einer Protagonistin mitgefiebert. Lamentatios in Rückblenden erzählte Erinnerungen sowie ihre im wandernden Selbstgespräch immer kritischer gestellten Fragen an Gott und die Welt gehen jedoch weit über das Genre des Abenteuerromans hinaus. Lauren Groff schlägt meisterhaft einen Bogen zu gesellschaftlichen Themen und Debatten, die heute von größter Aktualität sind. Sie verknüpft Elemente des Nature Writing, des historischen, des feministischen, des politischen Schreibens zu einem schlicht umwerfenden Roman. (Jana Kühn) Leseprobe

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Andreas Langer: Schneekinder

Ueberreuter 2023, 352 S., € 16,-, ab 11

Jorlands König führt Krieg. Lange schon sind alle Erwachsenen entweder an die Front oder zum Hilfsdienst geschickt worden. In abgelegenen Bergdörfern leben nur noch wenige Alte und Kinder. Als in einem Bergwerk eine Bodenspalte geöffnet wird, steigen von dort giftige schwarze Schwaden auf und plötzlich drängen riesige steinerne Gestalten donnernd nach draußen. Die erst halbwüchsigen Bergarbeiter fliehen in das nächstgelegene Dorf und schließen sich einem Tross aus vor allem Kindern und Jugendlichen an. Eher wider Willen wird die 14jährige Elin zur Anführerin der Flüchtenden auf ihren beschwerlichen, tief verschneiten Pfaden. Sehr atmosphärisch beschreibt Andreas Langer die unwegsamen Winterlandschaften und lässt sie bildstark an Islands unberührte Natur erinnern. Genauso spannend wie die zahlreichen gefährlichen Abenteuer der Schneekinder ist jedoch zu lesen, wie es Elin gelingt, die unterschiedlichen Charaktere sehr verschiedenen Alters immer wieder in der Gruppe zusammenzuhalten. Welche Wesenszüge kitzeln Ausnahmesituationen heraus? Wieviel Moral bleibt übrig, wenn der Hunger groß ist? Solcherart Fragen stellt Andreas Langer seinen jungen Protagonist*innen zwischen den Zeilen. Damit gelingt ihm ein vielschichtiges, packendes Abenteuer perfekt für lange Winterabende. (Jana Kühn) Leseprobe

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James Kestrel: Fünf Winter

Aus dem Amerikanischen von Stefan Lux, Suhrkamp 2023, 499 S., € 20,-

Es ist Ende November 1941 als auf der hawaianischen Insel Honolulu ein brutaler Doppelmord geschieht. Ein weißer US-Amerikaner und seine japanische Freundin werden regelrecht geschlachtet. McGrady, ein eigensinniger, nicht gerade beliebter Einzelgänger und quasi Prototyp des literarischen Detektivs wird mit den Ermittlungen betraut. Der Fall erhält höchste Priorität, weshalb McGrady zu Ermittlungszwecken bis nach Hongkong reisen muss. Doch noch während er dort hoffnungsvoll von seiner baldigen Rückkehr und einem romantischen Weihnachten träumt, sitzt er plötzlich selbst hinter Gittern. Und als am 7. Dezember die Japanische Armee erst Pearl Harbour und wenige Stunden später Hongkong angegreift, ist McGrady vollends den historischen Verwerfungen ausgeliefert. Fünf Winter wird es dauern, bis er nach Honolulu und Pearl Harbour zurückkehrt – im Gepäck neue Informationen zu den Morden, mit denen alles begann. Vor dem Hintergrund des Pazifikkrieges erzählt Kestrel einen packenden Hard-Boiler, einen fulminanten Spionage-Thriller und einen berührenden Anti-Kriegsroman. (Jana Kühn)

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Katharina von der Gathen & Anke Kuhl (Illustr.): Radieschen von unten

Das bunte Buch über den Tod für neugierige Kinder. Klett Kinderbuch 2023, 160 S., € 22,-, ab 8

Kann ein Buch übers Sterben und den Tod leichtfüßig daherkommen und sogar lustig sein? Und dabei fundiert erzählen von dieser besonderen Lebenssituation, die uns alle betrifft?  Ja, diesem neuen Gemeinschaftswerk Katharina von der Gathens und Anke Kuhls gelingt es, die vielen Facetten von Sterben und Trauern anschaulich, und direkt zu schildern. Für Kinder oft verwirrende, aber auch höchst interessante Vorgänge werden aus vielerlei Perspektiven erläutert: z.B. wie Sterben geht oder was bei Beerdigungen passiert. Die mal schrägen, mal einfühlsamen Illustrationen Anke Kuhls kommentieren die sachlichen Informationen aus Kindersicht. Interviews mit Menschen, die beruflich mit dem Tod zu tun haben, Beispiele vom Umgang mit dem Tod in anderen Kulturen und Zeiten, Begriffserklärungen, Witze übers Sterben und sogar Bastelanleitungen runden dieses grandiose Buch ab, das dem Sterben seine Tabus und die Gefühle von Kindern absolut ernst nimmt. Ein geniales Familienbuch. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Margaret Kennedy: Das Fest

Aus dem Englischen von Mirjam Madlung, Schöffling 2023, 432 S., € 24,-

Was für eine Katastrophe und dies an der malerischen Küste Cornwalls! Ein Felssturz hat ein kleines Hotel unter sich begraben. Nur die Gäste, die sich bei einem Fest am Strand aufhielten, haben überlebt. Doch wer zu diesen Glücklichen gehört, wird erst ganz am Ende dieses mitreißend-garstigen Gesellschaftsroman aufgedeckt. Bis dahin tauchen wir ein in den skurrilen Kosmos eines privat geführten Hotels im England der Nachkriegszeit. Bei allen Personen – von den Gästen mit ihren alles andere als niedlichen Kindern über das sich bekämpfende Personal bis zu der Familie, die das Hotel nur aus finanzieller Not betreibt, treten neben sparsam verteilten sympathischen Zügen allmählich diverse Schattenseiten und Abgründe zu Tage. Es kommt zu leidenschaftlichen Machtspielen, Romanzen und Kämpfen in diesem übervollen Haus, das sich überhaupt nicht zum Hotel eignet. Wie in einer Spirale steigert die Autorin die Perfidie der Intrigen und spielt virtuos mit den Erwartungen ihrer Leser:innenschaft, die mitfiebert, wer am Ende überleben wird. Etwa die richtig Bösen oder entpuppt sich der Gute doch als hinterhältig? Das macht großen Spaß, britische Unterhaltung at it’s best. (Stefanie Hetze)

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Pari Thomson: Greenwild – Die Jagd nach dem Wunderlicht

Aus dem Englischen von Maren Illinger, illustriert von Elisa Paganelli, Fischer SAUERLÄNDER 2023, 380 S., € 17,90, ab 10

Daisys Mutter, eine erfolgreiche Journalistin, verschwindet auf einer Recherchereise im Amazonas-Gebiet. Sie selbst kann sich in letzter Minute vor grimmigen Verfolgern in den Londoner Botanischen Garten retten. Dort öffnet ihr eine geheimnisvolle Pforte den Weg nach Greenwild, einer fantastischen Welt voller wundersamer Pflanzen – vor allem voller Grüner Magie. Und offensichtlich kannte ihre Mutter diese Welt, war selbst eine Botanistin. Und: “Botanistin zu sein, bedeutet vor allem, darüber nachzudenken, was wir für die Natur tun können – und nicht nur, was sie für uns tun kann.” Daisy macht sich auf die Suche nach ihrer Mutter und erlebt zahlreiche Abenteuer, die bei aller Fantasie viele Anknüpfungspunkte in unserer Welt haben und en passant für den Schutz der Einzigartigkeit von Natur- und Pflanzenwelt sensibilisieren. Fesselnder Auftakt einer magisch-botanischen Trilogie in schönster Buchgestaltung, Teil II kommt schon im Herbst – wir sind gespannt! (Jana Kühn) Leseprobe

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Tony Hillerman: Tanzplatz der Toten

Ein Fall für die Navajo-Police. Aus dem Englischen von Helmut Eilers, Unionsverlag 2023, 224 S., € 14,-

Lieutenant Joe Leaphorn versucht das Verschwinden des Navajo Jungen George aufzuklären und wird dabei tief in die Welt der Götter der benachbarten Zuñi-Kultur hineingezogen. Warum suchte George nach den Rachegöttern der Zuñi, den Kachina? Und wer hat seinen besten Freund, den Zuñi-Jungen Cata getötet? Was haben die in der Nähe wohnenden Hippies und die nach Zeugnissen der prähistorischen Folsom-Menschen suchenden Archäologen damit zu tun?
Dieser erste Band einer wieder aufgelegten Serie in überarbeiteter Übersetzung, die ab sofort fortlaufend im Unionsverlag erscheinen wird (die ersten beiden Bände sind schon erhältlich), ist sowohl ein spannender Krimi, als auch ein faszinierender Blick in die indigenen Kulturen, die im Nordosten Arizonas ansässig sind, sowie auf ihre heutige Lebensweise zwischen Moderne und Tradition. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Cherie Jones: Wie die einarmige Schwester das Haus fegt

Aus dem Englischen von Karen Gerwig, Culture Books 2022, 328 S., € 25,-, TB Unionsverlag 2024, € 15,-

Bilder von den Stränden Barbados‘ wecken Fernweh – was für ein Paradies! Scheinbar muss man sagen, bzw. längst nicht für alle. Dies zeigt sich schon auf den ersten Seiten dieses Romans, der hauptsächlich in den Sommermonaten des Jahres 1980 auf der karibischen Insel spielt. Die junge, hochschwangere Lala steigt mitten in der Nacht eine steile und gefährliche Treppe hinab ans Meer. Sie verliert Blut und sucht ihren Mann Adan, einen Kleinkriminellen, der wieder einmal nicht nach Hause gekommen ist. Fast zeitgleich verliert Mrs. Whalen ihren Ehemann, der bei einem nächtlichen Raubüberfall in ihrer luxuriösen Strandvilla erschossen wird. Gekonnt verschränkt Cherie Jones diese beiden Erzählstränge, verspinnt aber auch weitere Perspektiven wie Lalas Großmutter, besagten Adan, einen Polizisten, einen Gigolo. So entsteht in der Chronologie der Sommertage sowie zahlreichen Rückblenden, vor allem aber über alle Klassen hinweg ein lebendiges wie eindringliches Panorama der Inselbewohner:innen. Schonungslos, muss man sagen, zieht Jones ihre Leser:innen immer tiefer in eine Spirale brutaler, patriarchaler Gewalt. Allerdings verfällt sie dabei keineswegs in misogyne Muster wie so manch anderer Krimi. Sie zeigt ihre Figuren wohl als verletzliche Opfer, vor allem aber als Frauen beim Versuch, einer alles dominierenden Armut zu entkommen. (Jana Kühn) Leseprobe

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