Aus dem Französischen von Elmar Tophoven
Czernin Verlag 2026, 252 Seiten, 25 Euro
Monique Wittig gilt als Vordenkerin der Queer-Theorie und hat sich in ihrem Werk intensiv mit Gender und der Überwindung binärer Geschlechtszuschreibungen auseinandergesetzt. Ihr Debütroman „Opoponax“ erschien auf Deutsch erstmals 1966 und war lange vergriffen. Dem feinen österreichischen Czernin Verlag ist es nun zu verdanken, dass der Text in der alten Übersetzung wieder erhältlich ist. Der Roman schildert Kindheit und Heranwachsen konsequent aus der erlebenden Perspektive von Catherine Legrand. „Opoponax“ erzählt von den ersten Jahren auf dem Land bis hin zu Erwachen von Begehren und erster Verliebtheit, erzählt von Freundschaften, Abschieden, vom Sich-Finden in der Welt, ohne je zu bewerten oder ins Sentimentale zu fallen. Das ist manchmal selbstversunken, manchmal atemlos, manchmal abenteuerlich und manchmal sehr aufregend und durchzogen von einem feinem Humor. Dabei ist Wittigs radikale Auseinandersetzung mit Gender bereits hier spürbar: Die Autorin trifft keinerlei qualitative Geschlechtszuschreibung (die Kinder sind lediglich durch ihre Namen einem Geschlecht zuzuordnen) und experimentiert mit dem Verzicht auf herkömmliche Personalpronomen. Dass die 60 Jahre alte Übersetzung dabei so erstaunlich frisch und zeitlos wirkt, unterstreicht die Kraft dieses Textes. Marguerite Duras bezeichnete „L’Opoponax“ bei seinem Erscheinen 1964 als „ein Meisterwerk“. Dem schließe ich mich gerne an! (Katharina Bischoff)

39 Frauen und ein Mädchen befinden sich in tageslichtloser Gefangenschaft, lange schon. Bewacht werden sie von namens- und sprachlosen Männern. Berührungen sind verboten, die Selbsttötung auch. Den Grund ihrer Gefangenschaft kennen sie nicht und die Erinnerung an ihre früheren Leben sind nahezu verblasst. Als eines Tages ein Alarm ertönt, fliehen die Männer und die Frauen betreten eine leere Welt. Trotz des dystopischen Settings ist dieser Roman nie düster, voll feinsinniger und filligraner Beobachtungen, an Suspense kaum zu überbieten.
Als der junge, adlige Aleardo beschließt, mit seiner Yacht auf der abgelegenen Insel Ocaña vor der Küste Portugals anzulegen, ahnt er nicht, welches Abenteuer und welche Begegnung ihn dort erwarten. Ein Leguan erwartet Aleardo auf der Insel, ein grünes Tierchen, so groß wie ein Kind, als Frau gekleidet, mit einem dunklen Unterrock, einem weißen Korsett und einer Schürze aus farbigen Stoffen. Dieser Leguan (oder wie im Titel: Iguana) ist zugleich das Älteste und das Jüngste, was sich in der Substanz der Welt finden lässt – und eine Prinzessin. Aleardo verliebt sich Hals über Kopf in sie. Ortese schreibt ein vollkommenes romantisches Märchen – ein besonders schwieriges Genre, an dem sich bereits mehrere große Schriftsteller versucht hatten, das in Italien niemanden angezogen hat. L’Iguana wurde erstmals 1965 veröffentlicht und stieß auf allgemeines Unverständnis. Ihre Sprache klingt wie eine Ballade, ein Traum, ein Rätsel und wirkt wie eine Zauberformel. Lange vergriffen und gerade wiederentdeckt, ist dieser Roman mit seiner ausgezeichneten Verbindung von Zauber und Ironie dazu bestimmt, alle Literaturliebhaber*innen zu bezaubern. (Giulia Silvestri)
1916, Cambridge in New England. In einem Pub begegnen sich die beiden Musikstudenten David und Lionel. Der eine sitzt am Klavier und spielt alte Volkslieder, die er bei seinen Streifzügen durch die Provinzen sammelt. Der andere kann unerwartet eines davon mitsingen. Das ist der Beginn einer leisen, leidenschaftlichen und unausweichlichen Liebesgeschichte, die einen Herbst und einen Sommer dauert. Mit einem Phonographen und etlichen Wachsrollen ziehen die beiden jungen Männer zwei Monate durch die Nadelwälder Maines und zeichnen traditionelles Liedgut auf, gesungen in Küchen, Scheunen, abseits der Öffentlichkeit. Beindruckender sind jedoch die Worte, die der Erzähler Lionel „für all die filigranen Ränder der verlorenen Klänge“ findet, die nicht auf Wachsrollen archiviert wurden. Nüchtern, klar und hochpoetisch erzählt Shattuck diese Liebesgeschichte in und über ihre Klanglandschaft. Jene Wachsrollen sind es auch, die die Verbindung zu der zweiten, in diesem Band enthaltene Erzählung bilden. In den 1980ern findet Anni, Mitte 30, einen Karton mit jenem Archivmaterial auf dem Dachboden ihres neu gekauften Hauses und hört plötzlich das Knistern und Rauschen ihrer eigenen Beziehung. Ein Buch, so schmal wie intensiv. Im Sofa verschwinden und jemandem Vorlesen. In die Tasche stecken und im Wald eine Lichtung suchen – dieses Buch ist ein besonderer Moment. (Kerstin Follenius)
Was für ein herausforderndes, jeglichen Rahmen sprengendes und dabei unaufgeregtes, stilles Buch! Lebenserfahren, im hohen Alter, schaut die Autorin, immer eine Außenseiterin, auf ihre Kindheit im ausklingenden 19. Jahrhundert in einer kleinen Stadt auf einem Bergspitz in den italienischen Marken zurück. Es ist eine Kindheit ohne familiäre Geborgenheit, voller Scham und Ausgrenzung. Unehelich geboren, wurde sie von ihrer adeligen Mutter zu entfernten Verwandten, einem alten Priester und dessen Schwester gegeben. Überfordert zog sich die Tante, die ein unergründliches Geheimnis umgab, in ihre Lektüren zurück, während der Onkel, ein vielfältig begabter Menschenfreund, ihr die Sphäre der Dinge, des Wissens und der Worte eröffnete. Nur durch Beobachten erschließt sich das sensible Mädchen ihre Umgebung, was Dolores Prato mit ihrem großen Roman nachvollzieht. Detailliert und in einer unendlich reichen Sprache, die Anna Leube phantastisch im Deutschen abbildet, verleibt sich Prato diese vergangene Welt voller verschwundener Rituale, Phänomene und Tätigkeiten ein und dreht ihre Position als Ausgestoßene um. Wer sich auf dieses im besten Sinne altmodische Leseabenteuer einlässt, kann nur staunen und sich berühren lassen. (Stefanie Hetze)
Sich dauernd verstellen zu müssen, zu einem Doppelleben gezwungen zu sein, damit wächst die Ich-Erzählerin als trans Mädchen in einem völlig heruntergekommenen Arbeiterviertel im Madrid der Achtziger Jahre auf. Ihre Eltern wollen aus ihr einen richtigen Jungen machen, während sie sich schon ganz früh sicher ist, ein Mädchen zu sein. Nur in heimlichen Badezimmermomenten kann sie sie selbst sein, die Familie und das harte Umfeld verlangen von ihr den ganzen Kerl. Abgeschreckt und fasziniert beobachtet sie, wie eine alte trans Frau in ihrer Nachbarschaft geächtet wird und sieht ihr eigenes queeres Schicksal voller Leid und Gefahren vorher. Wie sie als Jugendliche versucht, sich da herauszuziehen, immer riskant am Limit lebt zwischen exzessiv-gefährlichen Nächten in der Innenstadt und dem gnadenlos rau-patriarchalen Alltag in der Arbeitervorstadt, ihr meist nur die Zuflucht Fantasie bleibt, schildert Alana Portero unglaublich dicht und lebendig. Ihre Suche nach Glück und Selbstverwirklichung trifft hauptsächlich auf Gewalt und Diskriminierung, wären da nicht andere trans Madrilenerinnen, die sie liebevoll-kritisch porträtiert. Ein Roman, der schillert, vibriert, fasziniert. (Stefanie Hetze)
Hinrich Schmidt-Henkel ist preisgekrönter Übersetzer aus dem Französischen, Norwegischen, Italienischen, Englischen und Dänischen.
Ein Best-Off zu dem wir herzlich einladen!
Die feministische Autorin und Intellektuelle bell hooks steht für außergewöhnliche Sachbücher, in denen sie sich richtungsweisend mit Geschlecht, Liebe, Klasse und Race auseinandersetzt. Endlich erscheint in deutscher Übersetzung ihr Memoir über ihre Kindheit, das im Original bereits 1996 erschien und in dem sie ihre großen Themen literarisch verdichtet. In kurzen Kapiteln erzählt sie vom Aufwachsen in einer armen Schwarzen Familie, in der viel Gewalt herrscht, in der die Mutter aber dennoch versucht, ihren Kindern mehr als Nahrung und Kleidung zu bieten. Nur bei dieser Tochter, die so sehr ihren eigenen Kopf hat, scheitert sie und sondert sie regelrecht aus. Als Kind schon Außenseiterin in der eigenen Familie retten sie die Bücher und die Erzählungen ihrer Vorfahren. Notgedrungen beginnt sie früh aus ihrer isolierten Position heraus, für sich nachzudenken und eigene Sichtweisen zu entwickeln. In ihren Erinnerungen wechselt sie dabei zwischen der Innenperspektive und einem Blick von Außen, erzählt so ganz persönlich von sich und objektivierend von vielen US-amerikanischen Schwarzen Mädchen ihrer Zeit. Das ist anregend, klug, großartig. (Stefanie Hetze)
Es ist der 15. März 2011. In Syrien bricht der Arabische Frühling aus, in Deutschland beginnt Aras sein Jurastudium, 12 Jahre nachdem er mit Schwester und Mutter Aleppo verließ. Der Jahrestag der Syrischen Revolution wird zum roten Faden, entlang dessen Luna Ali uns durch das Leben ihres Protagonisten führt. Hörsäle, Alltag zwischen Beziehung, Familienleben und Ausländerbehörde. Ein Interview zur Lage in Syrien. Die inhaltlichen Sprünge zwischen den Kapiteln werden gewagter, die sich zuspitzende Gewalt in Syrien wirkt sich auf Aras Leben in Deutschland aus, so wie andere Geschichten nach vorne dringen. Die sind schön erzählt, verstörend, nicht immer leicht zu lesen.
Dieses Buch ist eine Wucht: 14 Erzählungen einer ganz jungen us-amerikanischen Autorin, die 60 Jahre nach ihrem Entstehen erstmals in ganzer Fülle erscheinen. Erzählungen einer schwarzen Autorin, die den in intimste Bereiche eindringenden allumfassenden Rassismus der amerikanischen Gesellschaft in den Sechzigerjahren tiefenscharf offenlegt. Die Gefühle, die Schikanen, die Zerrissenheit, ob sich wehren und sich und damit auch seine Kinder in Gefahr zu bringen oder sich mit den desaströsen Verhältnissen abzufinden, stehen im Zentrum der eindrücklichen Erzählungen. Die Bürgerrechtsbewegung ist erst in den Anfängen, was bedeutet es für die Menschen, mühsamst erkämpfte Rechte einzulösen? In wenigen Worten geht die Autorin aufs Ganze. Wie fühlt sich zum Beispiel eine Familie, deren Kind am nächsten Morgen unter Polizeischutz in eine weiße Schule gehen könnte und massiv bedroht wird? Wie eine Schwarze Collegestudentin, deren Eltern sie unbedingt in einem weißen College unterbringen wollten? Das geht wirklich unter die Haut, rüttelt auf und lässt viele Vergleiche zu heutigen Formen des Rassismus aufkommen. Leider ist Diane Jones schon mit 22 Jahren tödlich verunglückt. Ihre Erzählungen sind ein Glück für die literarische Welt. (Stefanie Hetze)