Dantiel W. Moniz: Milch Blut Hitze

Storys. Aus dem amerikanischen Englisch von Claudia Arlinghaus und Anke Caroline Burger, 230 S., C.H. Beck Verlag 2022, € 23,-

Eine Jugendliche mit zu viel Neugier auf die dunklen Seiten des Lebens, eine junge Frau, die nicht darüber hinwegkommt, ihr ungeborenes Kind verloren zu haben, ein Ehemann, der nicht verstehen kann, dass seine Frau den Kampf gegen den Krebs aufgibt, ein zehnjähriges Mädchen, das in existenzieller Not seine beste Freundin verrät und lernen muss, damit zu leben. Das sind nur einige, der immer Lebensumbrüche betreffenden Situationen, welche die junge Autorin Dantiel W. Moniz in ihrem großartigen Debüt beschreibt. Alle Figuren eint, dass sie schwarz sind und in Florida leben, aber jeder Charakter ist einzigartig, mit sensiblem Gespür für psychologische Feinheiten in wenigen präzisen, dichten Worten umrissen, elf meisterliche Kurzgeschichten, in denen jedes Wort sitzt, jeder Satz stimmt. Es ist kein Buch, das man in einem Rutsch weglesen kann, denn jede Geschichte zwingt zum Innehalten, zum Nachspüren. Doch es ist eine lohnende Reise in die Erzählungen einer hochtalentierten Autorin, die der typisch US-amerikanischen Form der Shortstory neues Feuer gibt, neues, zeitgemäßes Leben einhaucht. Bitte mehr davon! (Syme Sigmund) Leseprobe

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Gianfranco Calligarich: Der letzte Sommer in der Stadt

Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Zsolnay Verlag 2022, 208 S., € 22,-
(L’ultima estate in città, Bompiani, ca. € 17,50)

In Italien eine sensationelle Wiederentdeckung des 1973 erschienenen Romans, hierzulande erstmals zu entdecken: der aufsehenerregende Rom-Roman, in dem die Stadt mit ihren Plätzen, Hügeln, Kirchen und Bars, mit dem Tiber und der Nähe zum Meer eine entscheidende Rolle spielt. Leo Gazzara, ein junger, gutaussehender Mailänder, schnorrt sich durch, lässt sich treiben in der Stadt, in der Anfang der 70er die Kulturszene noch das vergangene Dolce Vita bemüht, während sich längst die 68er auswirken und Hippies sich in den angesagten Bars der Piazza Navona breitmachen. Eine flirrende Unruhe durchzieht den Roman, Leos nächtliche Streifzüge durch all die angesagten Orte, das Flirten, Reden und Trinken, die Eskapaden zu verschlossenen Strandvillen in Ostia bringen keine Erfüllung. Seine Liebesgeschichte mit einer schönen depressiven Venezianerin läuft ins Leere, vielleicht haben sie nur den richtigen Augenblick verpasst. Diese Atmosphäre von Melancholie ist ganz fein, ganz beiläufig erzählt und wirkt dadurch umso stärker. Natalia Ginzburg hatte damals dem Manuskript zu einem Verlag verholfen, zum Glück! (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Georgi Gospodinov: Zeitzuflucht

Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann, Aufbau Verlag 2022, 342 S., € 24,-

Gaustine, ein rätselhafter Herr, der als Geriater arbeitet, macht in Zürich eine „Klinik für Vergangenheit“ auf. In der eigenartigen Struktur werden demente Patienten aufgenommen. Die Methode besteht in dem Versuch, das Gedächtnis der Patienten zu fördern, indem sie Zeit in Räumlichkeiten der Klinik verbringen, die genau wie ihnen vertraute Räume entsprechend der verschiedenen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts eingerichtet sind. Die Idee wird sofort begrüßt, die Patienten vermehren sich, das Projekt wird immer ambitionierter…
Ein namenloser, hochsensibler Ich-Erzähler begleitet uns auf eine faszinierende Wanderung durch Städte, Länder und Zeiten und konfrontiert uns mit der Ungewissheit der Zukunft, indem er Satire, Nostalgie, Geschichte verbindet. Eine tiefgehende, tiefbewegende und vielseitige Lektüre, die der Leserin Tränen in die Augen treibt und die sie zwei Seiten später zum Lachen bringt. (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Esther Kinsky: Rombo

Suhrkamp 2022, 267 S., € 24,-

Der Rombo – das ist das Geräusch, welches einem schweren Beben vorangeht, ein Grollen tief aus der Erde kommend, ursprünglich und unvergleichlich.
1976 wurde die Region der Friauler Alpen im Nordosten Italiens von zwei heftigen Erdbeben heimgesucht, viele Orte wurden vollständig zerstört. Esther Kinski hat die Erinnerungen verschiedener Zeitzeugen gesammelt, die damals zum Großteil noch Kinder waren, und diese in einem ausgewogenen Wechsel mit geologischen und zeithistorischen Erläuterungen sowie Informationen über Flora und Fauna, Legenden und Bräuche der Gegend kombiniert. Die immer kurzen Textstücke der Memoiren folgen locker der Chronologie der Ereignisse, die beschriebenen Ereignisse kreuzen, überlappen und ergänzen sich.
Das Ergebnis ist eine fesselnde Lektüre, wobei der Ton hier authentisch die Erzählenden widerspiegelt und dort durch die dichten, lyrischen Sätze der Autorin geprägt ist. Ein Sprachkunstwerk ohne ein Wort zu viel, von hypnotischem Rhythmus und kühler Eleganz. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Cesare Pavese: Der schöne Sommer

Drei Romane. Mit einem Essay von Natalia Ginzburg. Aus dem Italienischen von Maja Pflug, Rotpunktverlag 2021, 488 S., € 29,-

(Stand März 2022)

Ein weiterer Band (der vierte) in der Reihe großartiger Neuübersetzungen der Werke Paveses durch Maja Pflug, die der Rotpunktverlag nach und nach publiziert. Erstmals sind hier die drei kurzen neorealistischen Romane Der schöne Sommer, Der Teufel auf den Hügeln und Die einsamen Frauen in einem Band vereint, so, wie sie ursprünglich in Italien erstmals erschienen und für die Pavese 1949 mit dem „Premio Strega“, dem wichtigsten italienischen Literaturpreis, ausgezeichnet wurde.
Als „urbane Romane über jugendliche Begeisterung und gescheiterte Leidenschaft“ hat Pavese sie selbst bezeichnet, diese Geschichten junger Menschen im Turin der unmittelbaren Nachkriegszeit, mit ihren Leidenschaften und Ängsten, ihrer Begeisterung und ihrem Scheitern. So modern, so aktuell muten die Figuren an, die sich treiben lassen, stets auf des Suche nach etwas, was sie nicht zu benennen wissen, getrieben von einer unbestimmbaren Sehnsucht. Paveses Sprache ist knapp, präzise, an amerikanischen Vorbildern orientiert. Psychologisch feinfühlig trifft er den Ton des Milieus, das er beschreibt. Maja Pflug gelingt es meisterhaft, diesen Ton ins Deutsche zu übertagen und die Texte in neuer Frische auf uns wirken zu lassen. (Syme Sigmund) Blick ins Buch

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Julia Strachey: Heiteres Wetter zur Hochzeit

Aus dem Englischen von Nicole Seifert, Dörlemann 2021, 160 S., € 19,-

(Stand Jauar 2022)

Der Morgen einer klassisch bürgerlichen Hochzeit, ein Landhaus, die Verwandtschaft und die Freunde der Braut treffen ein, die Organisation ist chaotisch, die Kinder piesacken einander, die jungen Leute geben sarkastische Kommentare von sich – und die Braut begegnet ihrer großen Liebe  des letzten Sommers wieder und weiß plötzlich nicht mehr, wo ihr der Kopf und das Herz stehen. Doch ist da ja noch eine Flasche Rum im Ankleidezimmer, von der sie Schluck für Schluck trinkt, um zu einer Entscheidung zu gelangen, während die Gesellschaft schon in der Kirche auf sie wartet … Julia Strachey, eine Bekannte Virginia Woolfs, ist bisher in Deutschland kaum bekannt. So wurde dieser 1932 erschienene, äußerst kurzweilige und bitterböse Roman jetzt erstmals ins Deutsche übersetzt.
Mit feinem Gespür für kuriose Eigenarten und Schrullen zeichnet die Autorin ihre Figuren. Mit Ironie und Situationskomik folgen die Szenen einander in immer absurder kreisendem Reigen und einem Hauch von leise durchschimmernder Tragik. Ein skurril-komisches Kammerstück, ein kleines literarisches Juwel, das es zu entdecken lohnt. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Emine Sevgi Özdamar: Ein von Schatten begrenzter Raum

Suhrkamp Verlag 2021, 763 S., € 28,-

(Stand November 2021)

Ein einzigartiger Roman, der – zum Glück – in keine Schublade passt. Die Ich-Erzählerin, das Alter Ego der Autorin, eine junge intellektuelle Schauspielerin, will an den besten Theatern Europas, das sind in den 70ern des vergangenen Jahrhunderts Bühnen in Ostberlin, Paris und Bochum, arbeiten, lernen und sich weiterentwickeln. Ihr Talent, ihre Kreativität und Hingabe werden allerorten geschätzt, nur ist sie keine Muttersprachlerin, hat sie als Türkin ohne längeres Bleiberecht keine stabile Perspektive. Zurückkehren geht angesichts der politischen Lage zuhause auch nicht. Das ist die Ausgangssituation für einen der ungewöhnlichsten Romane dieser Zeit, in dem es um die ganz großen Themen wie Politik, Gewalt, Heimat und Zugehörigkeit geht, den Grenzen und Schatten, aber ebenso um die feinen Momente, die Räume der Begegnungen, Freundschaften, Künste, der Liebe, der Sprachen.
Poesie, Verdichtung, Phantasie, Spielen, Improvisieren, Menschenfreundlichkeit und vielfältige Lektüren sind die Instrumente, die die Protagonistin immer wieder retten, und die sie als Stilmittel in ihrem Buch unkonventionell einsetzt und zu einer atemberaubenden, inspirierenden Literatur verwandelt. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Emine Sevgi Özdamar hat uns höchstpersönlich einige Exemplare ihres Buchs signiert! Noch haben wir ein paar.

 

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Fischer Verlag 2021, 432 S., € 24,-

(Stand November 2021)

Als Adina ihr Heimatdorf in den tschechischen Bergen in Richtung Berlin verlässt, ist sie voller Zuversicht. Deutsch lernen wird sie und studieren, ihren Weg machen. In Berlin lernt sie die selbstbewusste Rickie kennen, die ihr einen Job im Oderbruch vermittelt, wo ein Kulturzentrum entstehen soll, mit Fördergeldern der EU. Doch der, der die Gelder bewilligen soll, ist an Adina auf seine eigene Art interessiert. Vergewaltigt, misshandelt und traumatisiert findet Adina den Weg nach Finnland und muss all die ihr verbliebene Kraft aufwenden, sich nicht selbst zu verlieren und ihr Vorhaben, die Täter anzuzeigen, in die Tat umzusetzen.
Ein kunstvoll erzähltes Buch, das unter die Haut geht. In präzise, bisweilen poetisch formulierten Sätzen, in vier einander ergänzenden und aufeinander verweisenden Teilen, benennt es die Strukturen, die es möglich machen, dass – insbesondere osteuropäische – Frauen zu Sexualobjekten degradiert werden, handelt es von toxischer Männlichkeit, Machtmissbrauch und der Mitschuld derer, die wegschauen oder nicht gut genug hinsehen. Wer die blaue Frau ist, bei deren Auftauchen „die Erzählung innehalten muss“, sollte jede:r selbst für sich erlesen.
(Syme Sigmund)

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Beppe Fenoglio: Eine Privatsache

Aus dem Italienischen von Heinz Riedt, Wagenbach Verlag 2021, 192 S., € 20,-
(Una questione privata, Einaudi, ca. € 16,50)

(Stand Oktober 2021)

Der 1963 posthum veröffentlichte Roman Una questione privata wird heute als Fenoglios Meisterwerk und einer der besten italienischen Romane des 20. Jahrhunderts angesehen. Italo Calvino hat ihn sogar mit dem Orlando furioso verglichen. Der Vergleich mag weit hergeholt klingen, doch ist dieses Buch ein wahres literarisches Wunder.
In den Langhe des Piemont, kämpft Milton, ein junger Universitätsstudent, während des Partisanenkriegs in den autonomen Formationen. Im Zuge einer Militäraktion sieht der einsame Held die Villa, in der Fulvia, ein Mädchen, das er geliebt hat und immer noch liebt, einst lebte. Kurz danach erfährt er, dass seine Geliebte auch mit seinem Freund Giorgio ein Verhältnis hatte. Von Eifersucht geplagt versucht Milton seinen Rivalen zu finden und erfährt, dass dieser von den Faschisten gefangen genommen wurde.
Erst 1968 ins Deutsche übersetzt und schon lange vergriffen, ist dieses wunderbares Buch endlich wieder erhältlich, hier zudem mit einem sehr lesenswerten Nachwort von Francesca Melandri. (Giulia Silvestri)

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Ann Petry: Country Place

Aus dem amerikanischen Englisch von Pieke Biermann, Nagel & Kimche 2021, 320 S., € 24,-

(Stand Juli 2021)

Als Johnnie aus dem Krieg heimkehrt sehnt er sich vor allem nach seiner vier Jahre zuvor zurückgelassenen jungen Frau. Doch das Wiedersehen verläuft nicht wie erträumt, Glory erträgt seine Anwesenheit kaum. Nach und nach kommen in diesem Sittenbild einer amerikanischen Kleinstadt weitere Personen zu Wort – Glory, die glaubt ihr Glück bei dem Verführer des Ortes finden zu können, der alles beobachtende Apotheker, der tückische Schnüffler und Taxifahrer „Wiesel“ oder Glorys Mutter, die nur auf das Ableben ihrer Schwiegermutter lauert, um an das Erbe zu gelangen. Es entfaltet sich ein Bild voller Missgunst, Neid, Boshaftigkeit und Rassismus. Eine Sturmnacht mit sturzbachartigem Regen und entwurzelten Bäumen bildet die Kulisse für all die menschliche Niedertracht und Verlorenheit.
Ann Petry, die selbst in den dreißiger Jahren in einer solchen Kleinstadt gelebt hat, entlarvt mit scharfer Zunge und einer von Pieke Biermann hervorragend übersetzten Sprache die Bewohner des Ortes als engstirnige Verteidiger ihrer Privilegien, die auch vor Mord nicht zurückschrecken.
Einzig vom Lektorat hätte man sich bessere Arbeit gewünscht, der Text enthält leider zu viele Fehler – da sollte nachgebessert werden. Das Lesevergnügen wird dadurch aber nicht nachhaltig geschmälert. (Syme Sigmund)

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