Samstag, 1. Juni 2024

Hinrich Schmidt-Henkel ist preisgekrönter Übersetzer aus dem Französischen, Norwegischen, Italienischen, Englischen und Dänischen.

Er blickt auf 30 Jahre mit Stefanie Hetze und viele gemeinsame Veranstaltungen mit großartigen Autor*innen und von ihm übersetzten Büchern zurück. Literarische Texte u.a. von Stefano Benni, Margherita Giacobino, Raymond Queneau und Tarjei Vesaas präsentierte er bei uns in unnachahmlichen Veranstaltungen, die lange nachwirkten. An diesem besonderen Abend wird er uns mit einem Konzentrat seiner Übersetzungen erfreuen und sicher bestens unterhalten.

Ein Best-Off zu dem wir herzlich einladen!
Wann? am Samstag, den 1. Juni 2024
Wo? in der Dante Connection

 

Eintritt frei –

Wir bitten um rechtzeitige Platzreservierung .

T 615 7658

info@danteconnection.de

 

Ankündigung aus alten Zeiten!

 

bell hooks: Bone Black. Erinnerungen an eine Kindheit

Aus dem amerikanischen Englisch von Marion Kraft. Sandmann 2024, 176 S., € 24,-

Die feministische Autorin und Intellektuelle bell hooks steht für außergewöhnliche Sachbücher,  in denen sie sich richtungsweisend mit Geschlecht, Liebe, Klasse und Race auseinandersetzt. Endlich erscheint in deutscher Übersetzung ihr Memoir über ihre Kindheit, das im Original bereits 1996 erschien und in dem sie ihre großen Themen literarisch verdichtet. In kurzen Kapiteln erzählt sie vom Aufwachsen in einer armen Schwarzen Familie, in der viel Gewalt herrscht, in der die Mutter aber dennoch versucht, ihren Kindern mehr als Nahrung und Kleidung zu bieten. Nur bei dieser Tochter, die so sehr ihren eigenen Kopf hat, scheitert sie und sondert sie regelrecht aus. Als Kind schon Außenseiterin in der eigenen Familie retten sie die Bücher und die Erzählungen ihrer Vorfahren. Notgedrungen beginnt sie früh aus ihrer isolierten Position heraus, für sich nachzudenken und eigene Sichtweisen zu entwickeln. In ihren Erinnerungen wechselt sie dabei zwischen der Innenperspektive und einem Blick von Außen, erzählt so ganz persönlich von sich und objektivierend von vielen US-amerikanischen Schwarzen Mädchen ihrer Zeit.  Das ist anregend, klug, großartig. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Luna Ali: Da waren Tage

S. Fischer 2024, 304 S., € 24,-

Es ist der 15. März 2011. In Syrien bricht der Arabische Frühling aus, in Deutschland beginnt Aras sein Jurastudium, 12 Jahre nachdem er mit Schwester und Mutter Aleppo verließ. Der Jahrestag der Syrischen Revolution wird zum roten Faden, entlang dessen Luna Ali uns durch das Leben ihres Protagonisten führt. Hörsäle, Alltag zwischen Beziehung, Familienleben und Ausländerbehörde. Ein Interview zur Lage in Syrien. Die inhaltlichen Sprünge zwischen den Kapiteln werden gewagter, die sich zuspitzende Gewalt in Syrien wirkt sich auf Aras Leben in Deutschland aus, so wie andere Geschichten nach vorne dringen. Die sind schön erzählt, verstörend, nicht immer leicht zu lesen. Wenn Luna Ali die Wurzeln von Assads Schergen in eine deutsche Nazivergangenheit offenlegt, zum Beispiel. Oder wenn sie die Parallelität von Geschichte(n), die in Migrationsbiographien eine so bedeutende Rolle spielen, ernst nimmt und ganze Passagen in Spalten erzählt.
Was Sprache mit einer Biographie macht, zeigt uns Da waren Tage zwischen den Zeilen. Ali ist da wirklich etwas gelungen – eine junge, weibliche Stimme, die etwas wagt und der Sprache ebenso viel zumutet, wie sie ihr Vertrauen schenkt. (Kerstin Follenius) Leseprobe

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Diane Oliver: Nachbarn. Storys

Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg. Mit einem Nachwort von Tayari Jones, Aufbau 2024, 301 S., € 24,-

Dieses Buch ist eine Wucht: 14 Erzählungen einer ganz jungen us-amerikanischen Autorin, die 60 Jahre nach ihrem Entstehen erstmals in ganzer Fülle erscheinen. Erzählungen einer schwarzen Autorin, die den in intimste Bereiche eindringenden allumfassenden Rassismus der amerikanischen Gesellschaft in den Sechzigerjahren tiefenscharf offenlegt. Die Gefühle, die Schikanen, die Zerrissenheit, ob sich wehren und sich und damit auch seine Kinder in Gefahr zu bringen oder sich mit den desaströsen Verhältnissen abzufinden, stehen im Zentrum der eindrücklichen Erzählungen. Die Bürgerrechtsbewegung ist erst in den Anfängen, was bedeutet es für die Menschen, mühsamst erkämpfte Rechte einzulösen? In wenigen Worten geht die Autorin aufs Ganze. Wie fühlt sich zum Beispiel eine Familie, deren Kind am nächsten Morgen unter Polizeischutz in eine weiße Schule gehen könnte und massiv bedroht wird? Wie eine Schwarze Collegestudentin, deren Eltern sie unbedingt in einem weißen College unterbringen wollten? Das geht wirklich unter die Haut, rüttelt auf und lässt viele Vergleiche zu heutigen Formen des Rassismus aufkommen. Leider ist Diane Jones schon mit 22 Jahren tödlich verunglückt. Ihre Erzählungen sind ein Glück für die literarische Welt. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Rachel Ferguson: Die Brontës gingen zu Woolworths

Aus dem Englischen von Sabine Reinhardus, Nagel & Kimche 2023, 256 S., € 22,00

Englische Autorinnen der 1930er Jahre erleben gerade ein spektakuläres Comeback. Neben Wiederauflagen von Klassikerinnen wie Josephine Tey und Margaret Kennedy gibt es auch eine deutsche Erstveröffentlichung zu vermelden und dringend zu empfehlen. Rachel Fergusons „Die Brontës gingen zu Woolworths“ is very british indeed: skurril, unterhaltsam, tiefgründig und schwer aus der Hand zu legen.
Die Handlung ist schnell umrissen: Mrs. Carne und ihre drei Töchter haben nach dem Tod des Vaters einiges zu tun, um ihre Position in der Gesellschaft zu sichern. Zumal die Töchter recht genau wissen, was sie vom Leben wollen und das nicht unbedingt den sozialen Normen ihrer Zeit entspricht. Ihr Ausweg aus diesem Dilemma ist bestechend einfach und hinreißend komisch. Mangels realer Kontakte, erfinden sich die vier Frauen ein reges Sozialleben mit allerlei prominenter Besetzung, das sie in verteilten Rollen zu Hause zum Leben erwecken. Als plötzlich eine dieser fiktiven Begegnungen real wird, kommen die vier ins Straucheln.
Ferguson beherrscht dieses Spiel mit doppelten Böden, Täuschungen und haarfeinen Pointen meisterhaft. Sie erzählt mit ihren vier Protagonistinnen die Geschichte weiblicher Selbstermächtigung die im ganz privaten ihren Anfang nimmt und das mit einer Lust am Fabulieren, am Erzählen, das man unversehens inmitten großer Literatur steht, die ganz einfach Spaß macht.
Ferguson ist die perfekte Begleiterin für lange, winterliche Leseabende. Ein hinreißend böses und abgrundtief lustiges Buch über das Geschichtenerfinden und die schöpferische Kraft von Familie. (Kerstin Follenius)

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Tim Staffel: Südstern

Kanon Verlag 2023, 288 S., € 25,-

Der Himmel über Berlin hat sich wieder aufgetan und einen Engel rausgelassen. Dieser Engel, Vanessa, arbeitet nachts in einer Kreuzberger Kneipe und verteilt tagsüber als Apothekenkurierin Drogen an die vom Leben Erschöpften. Von der ersten Seite an treibt das Metronom Tim Staffels durch die Geschichte. Vertraut der Rhythmus seiner kurzen dichten Sätze. Schon taucht Deniz auf, ein Streifenpolizist aus der Friesenstraße und mit ihm dessen parkinsonkranker Vater Markus. Es wird dauern, bis sich die Wege der beiden Protagonist*innen kreuzen und eine Liebesgeschichte entsteht, die so gar nichts mit ihren gegensätzlichen Lebenswelten zu tun hat. Ab und zu treiben kleine, dystopische Miniaturen durch das Bild und erinnern an etwas Bevorstehendes. Der Seismograph Staffel weiß, wo er bohren muss. Ein Tischtennisausflug zum Lietzensee, eine Frau mit Hund kreuzt den Weg. Zum Glück, denn mit wenigen Sätzen legt Staffel die Biographie dieser gebrochenen Charlottenburger Gestalt frei und mit ihr urbane Zeitgeschichte. Von diesen Synkopen gibt es unzählige. Je tiefer man hineingerät in den Sog dieser atemlosen Liebesgeschichte zweier Gestrandeter, desto mehr wartet man darauf. Und dann am Schluss dieses leise, schnelle, tiefschöne Finale. Manchmal ist es so einfach. (Kerstin Follenius) Leseprobe

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Charlotte Gneuß: Gittersee

S. Fischer 2023, 240 S., € 22,-

Paul ist „rübergemacht“. So nannte man in der DDR umgangssprachlich, was offiziell als Republikflucht bezeichnet wurde. Karin, seine 16jährige Freundin, wusste nichts von seinen Plänen, was ihr aber niemand recht glaubt, schon gar nicht die mehr oder weniger offen agierenden staatlichen Sicherheitsorgane. Ihre Familie, ihre Freundschaften – alles steht plötzlich auf dem Prüfstand. Charlotte Gneuß beschreibt einerseits sehr einfühlsam, wie Karin versucht, mit dem völlig unerwarteten Verlust ihrer ersten Liebe umzugehen. Andererseits lässt sie ihre junge Protagonistin schonungslos die Perfidie des Bespitzelungssystems in der DDR erleben. Die Chronologie der Geschehnisse wird immer wieder von Träumen und Erinnerungen durchdrungen. Dazu kommt, dass der Erzählstrom enorm verdichtet ist und voller Andeutungen, die Sätze, Seiten oder auch Kapitel später erklärt werden. Oftmals bleiben sie aber auch offen und in ihrer Auflösung unserer Vorstellungskraft als Lesende vorbehalten. So manchem losen Ende der Erzählstränge wäre ich gerne weiter gefolgt, doch dann hätte ich ein komplett anderes, vermutlich eben nicht so gutes Buch gelesen. (Jana Kühn) Leseprobe

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Xi Xi: Meine Stadt

Aus dem kantonesischen Chinesisch und mit einem Nachwort von Karin Betz, Suhrkamp 2023, 253 S., € 24,-

Welch ein Fund, den Suhrkamp da gehoben hat und der von der Übersetzerin Karin Betz in ein nur so vor Lebendigkeit und Einfallsreichtum funkelndes Deutsch übertragen wurde! Meine Stadt erschien 1975 als Fortsetzungsroman in einer Hongkonger Zeitung. Er porträtiert diesen einmaligen Ort, der im Zentrum kolonialer und geopolitischer Macht- und Finanzinteressen stand, während die Bevölkerung, die durch die Ankunft vieler Geflüchteter enorm anstieg, versuchte, mit den verschiedenen Gegebenheiten umzugehen. In dieser vielfältigen Stadtgesellschaft, die den unterschiedlichsten Einflüssen ausgesetzt ist, in der Chinesische Kaiser auf die Beatles und Reissuppen auf Schinkensandwiches treffen, lässt Xi Xi ihren jugendlichen Protagonisten, der mit Mutter und Schwester frisch angekommen ist, die verschiedensten Menschen und Lebensumstände kennenlernen. All diese Begegnungen, Szenen und Episoden sind ein Feuerwerk an Anspielungen, Wort- und Gedankenspielen. Gegenstände und Phänomene erzählen ganz poetisch ihre Sicht der Dinge, wie die Fähre, die sich vom Pier verabschiedet. Filme, Songs und Buchtitel werfen auf das Beschriebene noch einmal ein anderes Licht. Der Kultautorin von 1975 und der Übersetzerin aus der Gegenwart ist es gelungen, das Hongkong von damals plastisch nachvollziehbar zu machen und gleichzeitig die großen Probleme der Menschheit anklingen zu lassen. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Teju Cole: Black Paper

Schreiben in dunkler Zeit – Essays. Mit 8 SW- und 8 Farbabbildungen, aus dem amerikanischen Englisch von Anna Jäger und Uda Strätling, Claassen Verlag 2023, 320 S., € 24,-

Ein faszinierendes Spiel der Assoziationen, Verknüpfungen und gedanklichen Bezüge bieten uns diese Essays des nigerianischen Autors und Fotografs Teju Cole, der heute in den USA lebt. So folgt er den Wegen von Caravaggios Exil von Rom über Neapel nach Sizilien und Malta und verbindet dieses, und die dort entstandenen Kunstwerke mit den Spuren der heutigen Exilanten, die über das Mittelmeer kommen. In „Elegien“ würdigt er so unterschiedliche Künstler wie Tranströmer, Kassé Mady Diabaté oder Aretha Franklin und verbindet seine Hörerfahrung von Beethovens Streichquartett Nr. 15 op. 132 mit Erinnerungen an New York, Ramallah, Beirut und Berlin. Stets aufs Neue findet er überraschende Parallelen zwischen scheinbar voneinander unabhängigen Sphären, regt an, die Welt, auch die Dunkelheit, mit allen Sinnen zu erfahren, plädiert „für einen Haltung der wachen Sinne“, vereint immer wieder Ästhetik, Ethik und Politik, ohne dabei in Plattitüden zu verfallen. Es begegnet den Leser:innen ein intellektueller Autor im besten Sinne des Wortes, überraschend, anregend und inspirierend, der die Schönheit erfasst, ohne vor dem Elend der Welt die Augen zu verschließen. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Toni Morrison: Rezitativ

Mit einem Nachwort von Zadie Smith. Aus dem Amerikanischen von Tanja Handels, Rowohlt 2023, 96 S., € 20,-

Dieses schmale Buch hat es in sich! Dabei ist die Handlung relativ unspektakulär. Zwei Mädchen in einem Kinderheim werden zu unzertrennlichen Komplizinnen, trotzen gemeinsam den dortigen Zumutungen und der Trennung von ihren Müttern.  Als sich ihre Wege trennen, verlieren die einstigen Gefährtinnen einander aus den Augen. Bei zufälligen Begegnungen als Erwachsene können sie nicht an ihre Vergangenheit anknüpfen, sind sie einander mehr als fremd. Das Außergewöhnliche an dieser einzigen Erzählung Toni Morrisons ist, dass die Autorin schon auf der ersten Seite klarstellt, dass beide Mädchen eine unterschiedliche Hautfarbe haben, nur verrät sie nicht, wer von den beiden schwarz oder weiß ist. Das erzeugt bei der Lektüre große Irritationen, ertappt man sich immer wieder, dies an bestimmten Details herausfinden zu können. Aber warum eigentlich? Dieses geniale Spiel mit den Fallen und Klischees von Wahrnehmung tariert die Nobelpreisträgerin meisterlich aus. Sie hat diese geniale  Erzählung bereits 1983 veröffentlicht. Vierzig Jahre später können wir sie nun endlich auf Deutsch lesen, angereichert durch Zadie Smiths erhellendes Nachwort. (Stefanie Hetze)  Leseprobe

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