Wu Ming: Ufo 78

Aus dem Italienischen von Klaus-Peter Arnold, Assoziation A 2023, 448 S., € 28,-

Die siebziger Jahre waren in Italien geprägt von der Aktivität der Roten Brigaden einerseits und den Anschlägen neofaschistischer Gruppierungen andererseits (welche noch 1980 in Bologna 85 Menschen das Leben kosteten). Es war das Jahrzehnt, in dem das Recht auf Schwangerschaftsabbruch durchgesetzt wurde und die Zahl der Heroinabhängigen rasant zunahm. Im Jahr 1978 wurde Aldo Moro, Politiker der Christdemokraten, von den Roten Brigaden entführt und ermordet. Gleichzeitig war es das Jahr mit den meisten UFO-Sichtungen – über 2000 wurden gemeldet.
Das geniale Autorenkollektiv Wu Ming verbindet all diese Elemente in einem rasanten Text, der zwischen Realität und Fiktion, Popliteratur, politisch-historischem Roman, Krimi und unterhaltsamen Einblicken in das Soziotop der Ufologen und Ufophilen geschmeidig mäandert und dabei wie nebenbei die dunklen und vertuschten Seiten der italienischen Geschichte zur Sprache bringt. Eine hochinteressante, so spannende wie unterhaltsame Lektüre.
Wer das Thema weiter vertiefen möchte, dem sei der Roman von Leonardo Sciascia „Die Affaire Moro“ (Leseprobe), erschienen 2023 bei Edition Converso, ans Herz gelegt. (Syme Sigmund)

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Maja Nielsen: Der Tunnelbauer

Gerstenberg 2024, 192 S., € 14,- , ab 13

Achim hält es nicht mehr aus, er muss raus aus Ost-Berlin, wo nach dem Bau der Mauer 1961 der Druck  auf regierungskritische Personen nochmals deutlich größer geworden ist. Seine Familie, zahlreiche Freund*innen und vor allem Chris, seine Freundin, lässt er zurück – nicht ohne jedoch zu versprechen, zumindest zu versuchen, einige von ihnen nachzuholen. In West-Berlin angekommen wird Achim einer der mutigen Tunnelbauer, die 70 unterirdische Gänge gruben, um Menschen aus Ost-Berlin die Flucht zu ermöglichen. Ganze zehn Stunden dauerte das erste Treffen von Maja Nielsen mit dem Zeitzeugen Joachim Neumann, dessen Geschichte(n) sie für ihren historischen Jugendroman verarbeitet. Mit ihren Recherchen hat sie sich buchstäblich in die Stadt- und DDR-Geschichte gegraben, verdeutlicht aber genauso anschaulich die individuelle und brisante Situation der dazugehörigen Menschen. Ihre Biographien erzählt Maja Nielsen phänomenal verdichtet in einem vergleichsweise schmalen Band, der Dank des versiert gesetzten Spannungsbogen, auch heute, 35 Jahre nach dem Mauerfall, viele Jugendliche berühren wird. (Jana Kühn) Leseprobe

Video-Interview mit dem Zeitzeugen Joachim Neumann

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Diane Oliver: Nachbarn. Storys

Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg. Mit einem Nachwort von Tayari Jones, Aufbau 2024, 301 S., € 24,-

Dieses Buch ist eine Wucht: 14 Erzählungen einer ganz jungen us-amerikanischen Autorin, die 60 Jahre nach ihrem Entstehen erstmals in ganzer Fülle erscheinen. Erzählungen einer schwarzen Autorin, die den in intimste Bereiche eindringenden allumfassenden Rassismus der amerikanischen Gesellschaft in den Sechzigerjahren tiefenscharf offenlegt. Die Gefühle, die Schikanen, die Zerrissenheit, ob sich wehren und sich und damit auch seine Kinder in Gefahr zu bringen oder sich mit den desaströsen Verhältnissen abzufinden, stehen im Zentrum der eindrücklichen Erzählungen. Die Bürgerrechtsbewegung ist erst in den Anfängen, was bedeutet es für die Menschen, mühsamst erkämpfte Rechte einzulösen? In wenigen Worten geht die Autorin aufs Ganze. Wie fühlt sich zum Beispiel eine Familie, deren Kind am nächsten Morgen unter Polizeischutz in eine weiße Schule gehen könnte und massiv bedroht wird? Wie eine Schwarze Collegestudentin, deren Eltern sie unbedingt in einem weißen College unterbringen wollten? Das geht wirklich unter die Haut, rüttelt auf und lässt viele Vergleiche zu heutigen Formen des Rassismus aufkommen. Leider ist Diane Jones schon mit 22 Jahren tödlich verunglückt. Ihre Erzählungen sind ein Glück für die literarische Welt. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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R.J. Palacio: Pony

Wenn die Reise deines Lebens lockt, mach dich auf den Weg. Aus dem Amerikanischen von André Mumot, Hanser 2024, 304 S., € 19,-, ab 12

Es geht alles ganz schnell. Nachts werden Silas und sein Vater, die weit abgeschieden auf einer Farm leben, von Pferdegetrappel geweckt. Bewaffnete Männer bedrohen sie und entführen Silas Vater, einen hochspezialisierten Kollodium-Nassplatten-Fotografen und Erfinder. Angeblich nur für eine Woche, aber Silas traut ihnen nicht und will ihnen nach. Sein imaginärer Freund Mittenwool will ihn aufhalten, aber als ein Pony mit einem merkwürdigen Gesicht auftaucht, kennt Silas trotz seiner Ängste vor dem dichten Wald und dem Unbekannten, das ihn erwartet, keinen Halt. Begleitet von seinem imaginären Freund und dem Pony, zu dem er schnell eine enge Verbindung spürt, begibt sich der Junge auf eine spannende aufwühlende Reise. Er, der Halbwaise und besonders sensibel ist, begegnet im Wald einem alten Marshall, einem Sheriff samt Kompagnon, den Gangstern und vielen Gespenstern und Schatten der Vergangenheit. Die Autorin schont dabei weder den Protagonisten noch ihre LeserInnen, es geht um das kriegerische Amerika des 19. Jahrhunderts. Doch Silas Feinfühligkeit und Wachheit samt der magischen Unterstützung durch Mittenwool und Pony tragen ihn. Palacio schenkt uns mit „Pony” eine faszinierende Abenteuergeschichte, die sie mit anspielungsreichen Daguerreotypien, Zitaten und einem ausführlichen Nachwort zu einem herausragenden Jugendroman geschaffen hat. (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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Lauren Groff: Die weite Wildnis

Aus dem amerikanischen Englischen von  Stefanie Jacobs, Claassen 2023, 288 S., € 25,-

Es sind die ganz frühen, eiskalten Morgenstunden, als sich das Mädchen Lamentatio aus einem Fort englischer Siedler in Nordamerika davonschleicht. Vor ihr liegt nicht weniger als Die weite Wildnis mit all ihren Gefahren. Doch mehr noch als Dunkelheit, Kälte und Einsamkeit fürchtet das Mädchen die Menschen, vor denen sie flieht bzw. ihren oder gar ihre mit Sicherheit beauftragten Verfolger. Schlimmes muss ihr widerfahren sein, man ahnt es lange nur. Von nun an wechseln sich Mut und Entdeckerfreude ab mit Verzweiflung und Schmerz. Für Lamentatios Kampf ums Überleben findet Lauren Groff einen überaus packenden Erzählton, der ihre existenziellen Erfahrungen fast physisch erlebbar macht – selten habe ich so mit einer Protagonistin mitgefiebert. Lamentatios in Rückblenden erzählte Erinnerungen sowie ihre im wandernden Selbstgespräch immer kritischer gestellten Fragen an Gott und die Welt gehen jedoch weit über das Genre des Abenteuerromans hinaus. Lauren Groff schlägt meisterhaft einen Bogen zu gesellschaftlichen Themen und Debatten, die heute von größter Aktualität sind. Sie verknüpft Elemente des Nature Writing, des historischen, des feministischen, des politischen Schreibens zu einem schlicht umwerfenden Roman. (Jana Kühn) Leseprobe

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Anete Melece: Der stibitzte Schlaf

Aus dem Lettischen von Matthias Knoll, Verlag Antje Kunstmann 2023, 32 S., 16,- €, ab 3

Es ist Schlafenszeit. Papa liest Stella noch etwas vor, doch nach einer, zwei – nein neun (!) Geschichten ist Stella immer noch nicht müde. Da ruft Papa schnell mal beim Schlaflieferservice an. Der versichert jedoch, schon eine Portion Schlaf geliefert zu haben, ja, auch an die richtige Adresse. Wo ist der Schlaf gelandet? Papa und Stella suchen mithilfe der Detektive Nilpferd und Flamingo in der ganzen Wohnung nach ihm. Sie suchen in allen Zimmern, im Bad in der Badewanne, in der Küche auf dem Herd und im Flur – hat vielleicht der Staubsauger den Schlaf einfach weggesaugt? Am Ende stellt sich natürlich heraus, wer den Schlaf stibitzt hat, doch das wird hier nicht verraten.
In knalligen, mit Filzstift und Aquarellfarben gemalten Bildern, erzählt Anete Melece, die schon mit „Der Kiosk“ ihre Begabung unter Beweis gestellt hatte, diese Suche voll witziger Details, die nicht nur Kindern, sondern auch den hier bestimmt nicht einschlafenden Vorlesenden riesigen Spaß macht. (Syme Sigmund) Blick ins Buch

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Darja Serenko: Mädchen & Institutionen

Aus dem Russischen von Christiane Körner, mit Illustrationen von Xenia Chariyeva, Suhrkamp 2023, 191 S., € 23,-

Was ist das? Ein weißer Umschlag mit einer rein schwarzen typographischen Gestaltung, die die Sprengkraft dahinter nur in dem übergroßen Zeichen für „Und“ andeutet. Dass in Putins Russland ein einziges Icon Menschen ins Gefängnis bringen kann, davon erzählen diese Geschichten der jungen Autorin, Feministin und Antikriegs-Aktivistin Darja Serenko. Im ersten Teil des Bands erzählt sie in poetisch verdichteten Texten von Frauen, die in den patriarchal-autoritären Kulturinstitutionen Russlands herabgewürdigt als „Mädchen“ drangsaliert werden. Die Autorin, die „Hunderte“ von ihnen in Bibliotheken, Universitäten usw. befragt hat, erzählt ganz aus dem Inneren des totalitären Alltags, der von geradezu absurder repressiver Willkür geprägt ist. Wie sich dieses Leben zwischen Mitmachen und Entziehen für Frauen anfühlt, vermittelt sie bravourös. Die prägnanten Illustrationen intensivieren dieses Dilemma zusätzlich. Was die Konsequenz eines kleinen Aufbegehrens dagegen ist, wird im zweiten Teil des in Russland nicht veröffentlichten Gefängnistagebuchs deutlich spürbar. Serenko verschränkt hier dokumentarisches Schreiben, essayistische Reflexionen und träumerische Poesie und bewegt sich so eindrücklich zwischen Verzweiflung, Kampf und Hoffnung hin und her. Die Anmerkungen Christiane Körners erhellen viele uns hierzulande unverständlichen Anspielungen. Mittlerweile lebt die Autorin im Exil. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Stefanie Sargnagel: Iowa – Ein Ausflug nach Amerika

Mit korrigierenden Fußnoten von Christiane Rösinger. Rowohlt 2023, 304 S., € 22,-

Ein privates liberales College in einer amerikanischen Kleinstadt in the Middle of Nowhere hat die Autorin erstaunlicherweise eingeladen, die privilegierten Studierenden dort in Creative Writing zu unterrichten. Zur Verstärkung nimmt sie ihre Tourfreundin, die 30 Jahre ältere Künstlerin Christiane Rösinger mit, die auf dem Campus auch ein Konzert geben soll. Sie kommen in einem großen Haus der Uni mit nur einem Sofa und einem Fernsehsessel (die Coverabbildung!) unter, müssen sich miteinander sortieren und gleichzeitig dieses seltsame Amerika des Mittleren Westens erkunden. Teilweise zu Fuß, ein Unding, ziehen sie los, wenn sie sich denn endlich aus ihrer Bequemlichkeit und ihrer Künstlerinnen-WG aufgerafft haben. Lakonisch vergleicht Sargnagel ihre Beobachtungen und Erlebnisse vom bizarren Amerika mit ihren Bildern und Erwartungen im Kopf, die Rösinger immer wieder knochentrocken und lebenserfahren kommentiert. Dieser ständige Dialog der zwei Künstlerinnen, die an ganz unterschiedlichen Punkten im Leben stehen, macht den besonderen Reiz dieser Reiseerzählung aus, das gegenseitige Reden, Necken und Kritisieren von spöttisch bis liebevoll. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Rachel Ferguson: Die Brontës gingen zu Woolworths

Aus dem Englischen von Sabine Reinhardus, Nagel & Kimche 2023, 256 S., € 22,00

Englische Autorinnen der 1930er Jahre erleben gerade ein spektakuläres Comeback. Neben Wiederauflagen von Klassikerinnen wie Josephine Tey und Margaret Kennedy gibt es auch eine deutsche Erstveröffentlichung zu vermelden und dringend zu empfehlen. Rachel Fergusons „Die Brontës gingen zu Woolworths“ is very british indeed: skurril, unterhaltsam, tiefgründig und schwer aus der Hand zu legen.
Die Handlung ist schnell umrissen: Mrs. Carne und ihre drei Töchter haben nach dem Tod des Vaters einiges zu tun, um ihre Position in der Gesellschaft zu sichern. Zumal die Töchter recht genau wissen, was sie vom Leben wollen und das nicht unbedingt den sozialen Normen ihrer Zeit entspricht. Ihr Ausweg aus diesem Dilemma ist bestechend einfach und hinreißend komisch. Mangels realer Kontakte, erfinden sich die vier Frauen ein reges Sozialleben mit allerlei prominenter Besetzung, das sie in verteilten Rollen zu Hause zum Leben erwecken. Als plötzlich eine dieser fiktiven Begegnungen real wird, kommen die vier ins Straucheln.
Ferguson beherrscht dieses Spiel mit doppelten Böden, Täuschungen und haarfeinen Pointen meisterhaft. Sie erzählt mit ihren vier Protagonistinnen die Geschichte weiblicher Selbstermächtigung die im ganz privaten ihren Anfang nimmt und das mit einer Lust am Fabulieren, am Erzählen, das man unversehens inmitten großer Literatur steht, die ganz einfach Spaß macht.
Ferguson ist die perfekte Begleiterin für lange, winterliche Leseabende. Ein hinreißend böses und abgrundtief lustiges Buch über das Geschichtenerfinden und die schöpferische Kraft von Familie. (Kerstin Follenius)

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Daniel Kehlmann: Lichtspiel

Rowohlt 2023, 480 S., € 26,-

G.W. Pabst, neben Lang, Murnau und Lubitsch einer der ganz großen Regisseure der Weimarer Republik, Entdecker von Greta Garbo, ging nach der Machtergreifung der Nazis in die USA, es gelang ihm aber nicht, in Hollywood Fuß zu fassen. Hier setzt Kehlmann ein, der das Leben Pabsts von diesem Moment an bis 1945 in einen packenden Roman verwandelt hat.
Pabst ging zurück nach Europa, nach Frankreich. Während eines Besuchs in Österreich bei seiner schwerkranken Mutter wird er vom Kriegsausbruch überrascht und kann das Land nicht mehr verlassen. Ihm, der aufgrund seiner sozialkritischen Filme der „rote Pabst“ genannt wurde, wird nun zu verstehen gegeben, dass er Filme zu drehen hat, eine Ablehnung hätte schwerwiegende Folgen für ihn und seine Familie. Der Regisseur fügt sich – in Kehlmanns Interpretation – nur widerwillig, doch wird er nach dem Krieg der Verstrickung beschuldigt, seine große Zeit ist definitiv vorbei.
Wie ist Kunst möglich unter einem totalitären Regime? Wie kann man integer bleiben, wenn der eigene Mut nicht zum Widerstand reicht? Ist korrumpierte Kunst noch Kunst? Zeitlose Fragen, die leider aktueller nicht sein könnten. (Syme Sigmund) Leseprobe

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