Fabio Stassi: Ich töte wen ich will

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki, Edition Converso 2022, 304 S., € 22,-

(Uccido chi voglio, Sellerio 2020, ca € 18,-)

Was für ein Noir! Genretypisch ist Vince Corso, der Protagonist, ein mittelloser Einzelgänger mit einem reichen Innenleben. Das Setting ist hochaufgeladen und changiert zwischen einer banal einsamen Existenz und einer Vielzahl literarischer und psychologischer Anspielungen, möglicher Fährten und Irrwege.

Der Held verdient seinen Lebensunterhalt mit einer eigentlich harmlosen Tätigkeit, als Bibliotherapeut empfiehlt er Bücher als Ausweg aus Krisen. Als er einmal in seine kleine römische Dachwohnung zurückkommt, findet er seinen Hund vergiftet vor, das Zimmer  verwüstet, Bücher und Schallplatten vernichtet. Dieser ihm unerklärliche Anschlag ist nur das erste ihn bedrohende Ereignis. Während seiner Gänge zwischen Tierklinik und Wohnung geschiehen brutale Morde, die ihm angelastet werden. Ein Blinder spielt dabei eine nicht unwichtige Rolle… Ein rasanter Strudel seltsamer Begegnungen und Zufälle aus Realität und Literatur sorgt für Verwirrung und enorme Spannung und dies in der Stadt Rom, die ich so dicht und atmosphärisch beschrieben ich noch nie gelesen habe. Das meisterliche Zusammenspiel von Autorschaft, Stassi ist im Brotberuf Bibliotheksdirektor, Kopetzkis schnörkelloser Übersetzung und Ausstattung mit literarischen und geographischen Verweisen macht den Roman zu einem großen Lesevergnügen und bietet jede Menge Raum für die ureigene Lektüre. (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

Das bestelle ich!

Xavier-Laurent Petit: Der Sohn des Ursars

Aus dem Französischen von Désirée Schneider, Knesebeck 2022, 240 S., € 15,-, ab 12

Ciprian ist der jüngste Sohn einer Roma-Familie, die seit Generationen als Ursari, als Bärenführer, durch Rumänien zieht. Als Dorfbewohnern sie wieder einmal bedrohen und vertreiben, lassen Sie sich auf das Angebot von zwei Männern ein, nach Paris gebracht zu werden. Doch die Schleuser zwingen sie dort, für sie als Diebe und Bettler zu arbeiten, um ihre „Schulden“ zurückzubezahlen. Das Leben in der Slumbaracke am äußersten Rand der Stadt scheint hoffnungslos, als Ciprian im Jardin du Luxembourg Schachspieler beobachtet. Das Spiel lässt ihn nicht mehr los und als zwei der Spieler seine ungewöhnliche Intelligenz und Begabung entdecken, wendet sich das Blatt.
Xavier-Laurent Petit hat es geschafft, eine hochspannende Geschichte zu erzählen, und gleichzeitig wichtige Themen wie Ausgrenzung, Vorurteile, Menschenhandel und Ausbeutung in sklavereiähnlichen Abhängigkeitsverhältnissen zu thematisieren. Jugendliche Leser:innen werden nach diesem Buch sicher mit anderen Augen auf die Roma auch in unseren Straßen blicken. (Syme Sigmund) Leseprobe

Das bestelle ich!

Annika Büsing: Nordstadt

Steidl Verlag 2022, 128 S., € 20,-

Wie fühlt es sich an, im Norden einer Stadt im Ruhrgebiet in dem Stadtteil, in dem Armut, Arbeitslosigkeit und Gewalt zur Tagesordnung gehören, aufzuwachsen? Nene, die junge Protagonistin dieses fulminanten Debüts, weiß es aus eigener Erfahrung. Sie arbeitet als Bademeisterin in einer öffentlichen Badeanstalt und kämpft sich dort durchs Leben, indem sie Menschen beobachtet, ihre Bahnen zieht und dabei rational bleibt. Eines Tages begegnet sie Boris, einem jungen Mann aus derselben Gegend, der wegen seiner Kinderlähmung seine Beine trainieren will. Zwischen den beiden entwickelt sich schnell eine romantische Beziehung, die zu intensiven Auseinandersetzungen mit Schwierigkeiten, Selbstzweifeln und Traumata führen wird.

Mit knappen, prägnanten Sätzen, trockenem Humor und einer überraschenden Sprache, die vielfach aus Neologismen besteht, erzählt Annika Büsing eine einzigartige Liebesgeschichte, die gleichzeitig zärtlich und rau ist.  Die Gefühle, die Bemühungen, die Ängste der beiden Protagonisten werden so kristallklar geschildert, dass man sich denken könnte, ihnen im echten Leben begegnet zu sein – und das innerhalb von knapp 130 Seiten! So ein besonderes Buch findet man selten. (Giulia Silvestri) Leseprobe

Das bestelle ich!

Sofie Oksanen: Hundepark

Aus dem Finnischen von Angela Plöger, Kiepenheuer & Witsch 2022, 420 S., € 23,-

Aus vermeintlich sicherer Entfernung beobachtet die aus der Ukraine stammende Olenka eine Familie in einem Helsinkier Park, als sich plötzlich eine Frau zu ihr setzt.  Mit dieser Begegnung gerät Olenkas ohnehin prekäre Lebenssituation ins existenzielle Wanken. Schnell wird beim Lesen klar, dass ihr Alltag als Putzkraft nicht unbedingt Olenkas übliche Lebensumstände sind, sondern das Ergebnis einer gefährlichen Flucht, und dass sie ab sofort erneut um Leib und Leben fürchten muss.

Wie es dazu gekommen ist, erzählt Oksanen auf verschiedenen Zeitebenen. Einen großen Spannungsbogen haltend, deckt sie Schicht für Schicht Olenkas Vergangenheit und Familiengeschichte auf. Mit erzählerischem Geschick flicht sie dabei Einblicke in die wahrlich wirren und von Korruption wie Gewalt geprägten Zeiten während und nach dem Zusammenbruch der UdSSR ein. Große Aktualität erfährt der Roman durch seine zahlreichen Schauplätze in der Ukraine. Speziell dem brutalen Geschäft mit privatisierten Kohlengruben, dem Mohnanbau und der Vermittlung von künstlichen Befruchtungen widmet Oksanen ihre Aufmerksamkeit. Schnell wird klar, dass auch Olenka selbst unerbittlich und skrupellos ihren eigenen Aufstieg voranbrachte – nun aber muss sie mit einer ebensolchen Rache rechnen. (Jana Kühn) Leseprobe

Das bestelle ich!

Tyler Feder: Körper sind toll

Aus dem Amerikanischen  von Cornelia Boese, Zuckersüß 2022, 32 S, € 24,90, ab 4

Hier werden Körper gefeiert – und zwar alle! Selten (oder noch nie?) haben wir ein so breit aufgestelltes Spektrum menschlicher Geschlechter- und Körperformen in einem Bilderbuch für Kinder gesehen: Hauttöne samt Färbungen, Malen, Leberflecken, Schrammen und Narben, viele, viele Haarstrukturen und Frisuren sowie zahlreiche sichtbare körperliche Behinderungen jenseits eines Rollis sowie Veränderungen, die mit dem Älterwerden einhergehen. „Jeder Körper, meiner, deiner ist besonders, falsch ist keiner. […] Körper sind toll!“ Jawoll … und dieses Buch auch!

Das bestelle ich!

Constanze von Kitzing: Komm, wir zeigen dir unseren Wald

Carlsen 2022, 12 S., € 13,-, ab 2

Nach dem tollen Kita-Buch begleiten wir nun eine Gruppe ausderselben Kita Kunterbunt bei einem Ausflug in den Wald. Constanze von Kitzing hat wieder viele liebevolle Details erdacht, erzählt viele kleine Geschichten im Großen. Das Wimmelbuch knüpft in seinem Personal wieder an die zahlreichen anderen Bilderbücher der Illustratorin an. Kinder werden diese wieder erkennen und entsprechend vielfältig sind die Kinder wiederum gezeichnet, so dass hier über das Thema Kita hinaus für viele Kinder Identikikationsmöglichkeiten bestehen.

Das bestelle ich!

Max Appenroth, Vered Berman und Charli Vince (Illust.): Egal was sich auch ändert, das Herz bleibt genau dasselbe

August Dreesbach Verlag 2022, 34 S., € 16,-  ab 4

Das Autor:innen-Team erzählt aus der Ich-Perspektive eines Kindes von der Transition seiner alleinerziehenden Mutter zu seinem Vater. Die Ängste und Sorgen des Kindes kommen dabei zur Sprache, vor allem aber das Vertrauen in das liebevolle Verhältnis zum Elternteil – egal welchen Geschlechts. An den Erzählteil schließt „Etwas Lesestoff für Erwachsnene“ an, der Erwachsene dabei unterstützen kann, mit Kindern über die Themen Gender, biologisches Geschlecht, Transition etc. ins Gespräch zu kommen.

Das bestelle ich!

Felicita Sala: Heute pflanz ich, morgen koch ich…

Aus dem Italienischen von Ute Löwenberg. Prestel Junior 2022, 48 S., € 14,-, ab 6

In der ganzen Stadt ist endlich Frühling – auch in der Gartenstraße 10. Alle Bewohner:innen treffen sich im Gemeinschaftsgarten und graben, säen, schneiden, werkeln zusammen. Aber nicht nur dort: Auch auf Terrassen, Balkonen und Dächern wächst und grünt es durch das Jahr. Im Bilderbuch beginnt es im April und startet mit einem Rezept für eine leckere Spargelquiche. So begleitet Felicita Sala Monat für Monat und beglückt mit 12 saisonalen Köstlichkeiten, deren Zubereitung anschaulich für Kinder erklärt ist. Abgerundet wird der Reigen mit praktischen Gartentipps sowie einem Bilder-Glossar für Werkzeuge, Samen, Obst und Gemüse.

Das bestelle ich!

Marsha Diane Arnold, Susan Reagan (Illustr.): Licht aus, sagt der kleine Fuchs!

Aus dem Amerikanischen von Stephanie Menge, Fischer Sauerländer 2022, 40 S., € 15,-, ab 4

Dunkelheit sorgt nicht nur bei vielen Kindern für ein mulmiges Gefühl. Und so ist sie seit dem Zeitalter der Industrialisierung immer mehr verschwunden – gerade in großen Städten, wo beleuchtete Fenster, Laternen, Ampeln, Autolichter, Werbebanner undundund, die Nacht zum Tag machen. Doch wo ist es eigentlich noch richtig dunkel? An gar nicht so vielen Ort, führt dieses Bilderbuch vor Augen, in dem sich ein Fuchs, ein Käfer, ein Vogel, ein Frosch und ein Bär auf die Suche machen. Magisch schöne Bilder der Nacht und eine poetische Sprache erklären Kindern und ihren Erwachsenen, warum es – Stichwort Lichtverschmutzung – öfter gut wäre, das Licht aus zu machen!

Das bestelle ich!

Joelle Tourlonias: Die große Minibibliothek der Wörter – Ich und du

Annette Betz Verlag 2022, 20 S., € 15,-, ab 2

In warmen liebevollen Illustrationen werden Kinder in ihrem Sein und ihrer Vielfalt vorgestellt. Viel und Interessantes gibt es in dem großformatigen Pappbuch anzuschauen und, ganz wichtig, zu benennen: Körperteile, Kleidungsstücke, Spielzeug, Gefühle, die Familienmitglieder. Beim immer Wiederbetrachten lassen sich neue Details und Querverbindungen zwischen den Figuren entdecken, die zum Erzählen und Fabulieren anregen.

Das bestelle ich!