Lena Hach: Mission Hollercamp

Band 1 – Der unheimliche Fremde, Mixtvision 2021, 194 S., € 14,-, ab 10

(Stand Juli 2021)

In Lena Hachs neuer Reihe Mission Hollercamp schickt die Autorin gleich drei Kinder Jahr für Jahr zum selben Ferienort. Emily, Jakub und Leon lieben ihren Campingplatz am Hollersee, den vertrauten Wald und die ausgelassene Zeit miteinander. Sie sind richtig dick befreundet! In diesem Jahr läuft jedoch einiges anders: Leons chaotische Cousine und ein seltsamer Barfuß-Typ bringen gehörige Unruhe ins Hollercamp. Lena Hach hat eine leichtfüßige Sommergeschichte mit einem Hauch Crime geschrieben, deren besonderer Reiz in den unaufdringlich und beiläufig eingesponnenen gesellschaftlichen Fragen und diversen Figuren liegt: Was ist ein Fremder? Warum ist es strafbar, weggeworfene Lebensmittel zu retten? Jakub benutzt ein Hörgerät und sein Vater stammt aus Polen. Und Emilys Oma lebte in Großbritannien und serviert Gurkensandwiches. Das ist zeitgemäß, relevant und vor allem bestens unterhaltsame Ferienlektüre! Und Band 2 gibt es auch schon … (Jana Kühn)  Leseprobe

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Fatima Daas: Die jüngste Tochter

Aus dem Französischen von Sina de Malafosse, Claassen Verlag 2021, 192 S., € 20,-

(Stand Juli 2021)

»Ich heiße Fatima«: So beginnt jedes kurze Kapitel dieses autobiografischen Romans, der wie ein hypnotischer Singsang klingt. Wir lernen ein junges Mädchen kennen und begleiten sie auf ihrem Weg zur Selbstbestimmung. Fatima Daas, die jüngste Tochter algerischer Migranten in Frankreich, wächst in einem Elternhaus auf, in dem Liebe und Sexualität als Tabu gelten und Zärtlichkeiten vermieden werden. Sie lebt in dem größtenteils muslimischen Außenbezirk Clichy-sous-Bois und verbringt mehrere Stunden pro Tag in den öffentlichen Verkehrsmitteln, wo sie sich wie eine Touristin fühlt, die die Pariser Gebräuche beobachtet. Schon instabil in der Schulzeit, wird sie zur verhaltensgestörten Erwachsenen und macht vier Jahre lang eine Psychotherapie – ihre längste Beziehung. Aber als sie Abstand von ihrer Familie gewinnt und ihr eigenes Selbstbewusstsein entwickelt, setzt sie sich direkter mit ihrer Anziehungskraft auf Frauen auseinander und damit, wie diese mit ihrer Religion, die sie weiterhin praktiziert, zusammenpassen kann. Als Nina in ihr Leben tritt, weiß sie nicht genau, was sie braucht, hat aber das Gefühl, dass ihr etwas Wesentliches gefehlt hat. Brutal, ernst, berührend, klug: Dieses Buch ist eine Granate! Es wurde mit dem Internationalen Literaturpreis 2021 ausgezeichnet! (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Ann Petry: Country Place

Aus dem amerikanischen Englisch von Pieke Biermann, Nagel & Kimche 2021, 320 S., € 24,-

(Stand Juli 2021)

Als Johnnie aus dem Krieg heimkehrt sehnt er sich vor allem nach seiner vier Jahre zuvor zurückgelassenen jungen Frau. Doch das Wiedersehen verläuft nicht wie erträumt, Glory erträgt seine Anwesenheit kaum. Nach und nach kommen in diesem Sittenbild einer amerikanischen Kleinstadt weitere Personen zu Wort – Glory, die glaubt ihr Glück bei dem Verführer des Ortes finden zu können, der alles beobachtende Apotheker, der tückische Schnüffler und Taxifahrer „Wiesel“ oder Glorys Mutter, die nur auf das Ableben ihrer Schwiegermutter lauert, um an das Erbe zu gelangen. Es entfaltet sich ein Bild voller Missgunst, Neid, Boshaftigkeit und Rassismus. Eine Sturmnacht mit sturzbachartigem Regen und entwurzelten Bäumen bildet die Kulisse für all die menschliche Niedertracht und Verlorenheit.
Ann Petry, die selbst in den dreißiger Jahren in einer solchen Kleinstadt gelebt hat, entlarvt mit scharfer Zunge und einer von Pieke Biermann hervorragend übersetzten Sprache die Bewohner des Ortes als engstirnige Verteidiger ihrer Privilegien, die auch vor Mord nicht zurückschrecken.
Einzig vom Lektorat hätte man sich bessere Arbeit gewünscht, der Text enthält leider zu viele Fehler – da sollte nachgebessert werden. Das Lesevergnügen wird dadurch aber nicht nachhaltig geschmälert. (Syme Sigmund)

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Ulrike Edschmid: Levys Testament

Suhrkamp Verlag 2021, 144 S., € 20,-

(Stand Juli 2021)

Ulrike Edschmid schreibt von dem, was sie selbst kennt, ohne sich um sich selbst zu drehen. Im linkspolitisch bewegten London der frühen Siebzigerjahre, die geprägt waren von Hausbesetzungen, IRA-Anschlägen und Kämpfen gegen rabiate Gerichtsurteile, in das sie, die Erzählerin, „wie vom Regen in die Traufe“ aus Berlin gekommen war, legt sich im Abbruchhaus voller Aktivist:innen ein Mann in ihr Bett. Schnell wird dieser ihr Geliebter, doch umso weniger beginnt jetzt ein klassischer Liebes- oder Beziehungsroman.
Edschmid, die Virtuosin des Verdichtens, legt mit der Geschichte dieses Mannes, den sie namenlos als „den Engländer“ bezeichnet und der nach gemeinsamer Zeit in Deutschland ein lebenslanger Freund wird, stattdessen Spuren, die weit in historische und soziale Zusammenhänge führen.  Er identifiziert sich als Arbeitersohn, ist aber auch Jude, was viele Leerstellen für ihn enthält, bis sich die Ereignisse in seiner ihm unbekannten Familie überschlagen und sich tiefe Abgründe offenbaren, die sein weiteres Schicksal prägen werden.  Angenehm nüchtern, in prägnant kurzen Sätzen wird das Drama eines Lebens erzählt, tun sich weitreichende Fragen zur Bedeutung von Herkunft, Familie, Klasse und Brüchen im Leben auf, die sehr berühren und lange nachhallen. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Lesung mit Asal Dardan verschoben!!!

(c) Sarah Berger

Das Freiluftkino Hasenheide wird in diesem Sommer zu einem Ort der Literatur.

Asal Dardan ist als Kind iranischer Eltern in Deutschland aufgewachsen, die Erfahrung des Exils hat sie geprägt. Anhand ihres eigenen Lebens erzählt sie davon, wie tief die Brüche sind, die sich durch unsere Gesellschaft ziehen.

Klassengegensätze, Verdrängung der eigenen Geschichte, eine Fixierung auf die Herkunft – Asal Dardans literarische Gegenwartsbestimmung ist eine Auseinandersetzung mit den großen Themen unserer Zeit. Immer ist ihr Blick überraschend, immer ist ihre Analyse scharfsichtig.

 

wann? Donnerstag, 1. Juli um 19 Uhr

wo? Freiluftkino Hasenheide

Zum Ticket hier entlang … klick!

Die Lesung fällt regenbedingt heute aus und wird verschoben. Sobald der neue Termin feststeht, findet Ihr ihn hier!

 

 

Lesung mit Thorsten Nagelschmidt

(c) Verena Brüning

Das Freiluftkino Hasenheide wird in diesem Sommer zu einem Ort der Literatur.

Es startet Thorsten Nagelschmidt, der aus seinem großartigen Roman Arbeit lesen wird.

Thorsten Nagelschmidt, Sänger der Band Muff Potter, hat nach einigen Romanen und Erzählbänden einen Episodenroman verfasst – und was für einen! Es ist Sittengemälde der Stadt, ein dichtes Berlin-Porträt, speziell ein Kreuzberg-Roadmovie rund um den Kotti und eine Art Hommage an die Menschen der Nacht. Übrigens eine Danteperle

wann? Samstag, 26. Juni um 18.30 Uhr
wo? Freiluftkino Hasenheide

Zum Ticket hier entlang … klick!

Götz Aly: Das Prachtboot

S. Fischer 2021, 240 S., € 21,-

(Stand Juni 2021)

Feierlich und mit großem medialen Getöse wurde am 28. Mai 2018 das Herzstück der ethnologischen Sammlungen Berlins in das baulich noch zu vollendende Humboldt Forum manövriert und buchstäblich eingemauert: Das weltweit einmalige Luf-Boot – ein hochseetaugliches, mit Rudern, Segeln und kostbaren Schnitzereien versehenes Holzboot, das von einer dem heutigen Papua-Neuginea vorgelagerten Inselgruppe stammt, ehemalige Kolonie Deutsch Neuginea. Von dort „gelangte“ es als das letzte seiner Art und aus den Händen nur noch weniger Inselbewoher:innen 1903/04 in den Besitz der Berliner Museen. Dass diesem Transport zum Jahreswechsel 1882/83 eine verheerende Strafexpedition der kaiserlichen Marine vorausgegangen war, wird der Öffentlichkeit jedoch verschwiegen. Diese so, so ähnlich, in jedem Fall brutale und tausendfach verübte Praxis beschreibt und belegt Götz Aly anschaulich anhand zahlreicher Verzeichnisse, Biografien und Briefe so genannter Abenteurer und Forscher. Mit seinen Veröffentlichungen zum Nationalsozialismus und der Shoah wurde Aly zu einem der bekanntesten deutschen Historiker. Das Thema mag also erst einmal ungewöhnlich für ihn wirken, doch zum einen gibt es für Aly in diesem Fall sogar familiären Bezug, zum anderen ist das Thema der Beutekunst hochaktuell und erneut eines, von dem man zu lange so genau gar nichts wissen wollte – aber hätte können. Denn die von ihm benutzten Quellen sind öffentlich zugänglich.  Ein absolut lesenswertes Buch, das zornig macht und hoffentlich ein weiterer Stein des Anstoßes ist, endlich ehrliche Provenienzforschung zu betreiben, diese offen zu legen und bestenfalls Kunstwerke eben auch zurück zu erstatten. (Jana Kühn) Leseprobe

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Kate O’Shaugnessy: Das Glück wartet nur bis um vier

Aus dem Amerikanischen von Barbara Lehnerer, dtv junior 2021, 304 S., € 12,95, ab 10

(Stand Juni 2021)

Maybelle, 11 Jahre alt, lebt mit ihrer Mutter in einem Wohnmobil auf einem Campingplatz in Mississippi, das Geld ist knapp. Die beiden machen aber das Beste daraus. Maybelle hat zudem ein ungewöhnliches Hobby:  sie sammelt Geräusche und Stimmen. Ihr wertvollster Schatz ist eine Aufnahme vom Lachen ihres Vaters, den sie nicht kennt. Immer wieder hört sie es sich an, sie hat es verinnerlicht. Und dann hört sie eines Tages genau dieses Lachen im Radio! Ihr Vater entpuppt sich als Moderator einer Musiksendung, die einen Gesangswettbewerb veranstaltet. Da muss sie hin und mitmachen, auch wenn Nashville fast 1000 km entfernt ist und ihre Mutter endlich als Musikerin einen Job gefunden hat, aber auf einem Schiff. Maybelle kann ihre Nachbarin Mrs Broggs, eine strenge Lehrerin, überzeugen. In ihrem riesigen Wohnmobil voller Möbel und Bücher, überdies mit Tommy, einem Blinden Passagier, fahren sie los. Ob sie es wohl rechtzeitig schaffen. Eine richtige Roadnovel, eine rasante Reise im Schneckentempo beginnt, die alle drei verändern wird und die für die atemlos beglückt Lesenden jede Menge umwerfender dramatischer Wendungen bereithält. Ob das Glück am Ende wohl wie erwartet sein wird? (Stefanie Hetze)

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Rumer Godden: Unser Sommer im Mirabellengarten

Aus dem Englischen von Elisabeth Pohr, Kampa Verlag 2021, 320 S., € 22,-

(Stand Juni 2021)

Im Zug tragen sie ihre besten Kleider, graue englische Schuluniformen, aber die Mutter will ihnen trotz geringer finanzieller Ressourcen unbedingt die Schlachtfelder an der Marne in Frankreich zeigen. Doch unterwegs erkrankt sie, so dass die Kinder allein in einem Hotel in der Champagne landen. Eine verwirrend neue Welt tut sich in diesem heißen Sommer für die fünf auf, ist alles fremd: Sprache, Essen, Tagesabläufe. Während sich die Jüngeren in Routinen einrichten und die 16jährige Joss sich leidend verkriecht, entwickelt sich die 13jährige Cecil vom Mirabellen in sich hineinstopfenden Kind zur leidenschaftlichen Beobachterin und Chronistin des mannigfaltigen Geschehens im Hotel. Da sind die frivole Besitzerin, die sie umschwärmende Geschäftsführerin, diverse Gäste und Angestellte, doch vor allem Eliot, der mit seinem Charme einfach alle in den Bann zieht, dessen abstoßend andere Seite Cecil bald entdeckt. Als Joss, urplötzlich Frau, die Hotelhalle betritt, setzt sie eine Lawine in Gang. Mit leichter Hand, in einem stimmungsvoll-melancholischen Ton erzählt Rumer Godden diese hinreißende Coming of Age-Geschichte. Wie schön, dass der Kampa Verlag diesen flirrenden ein bißchen nostalgischen Sommerroman wieder entdeckt hat! (Stefanie Hetze)

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Judith Hermann: Daheim

Fischer Verlag 2021, 192 S., € 21,-
(Stand Juni 2021)

Ein Neuanfang. Von ihrem Mann getrennt, die flügge gewordene Tochter irgendwo in der Welt unterwegs, hat sie die Großstadt verlassen, und ist an die Küste gezogen. Weite Felder, flaches Land, Deiche und Schafe. Das Meer grau und kalt selbst im Sommer. Ihr Bruder betreibt eine Kneipe, hier arbeitet sie – und begegnet ihrer neuen Umgebung mit offenen Augen. Mit Mimi, ihrer Nachbarin, freundet sie sich an, und von Arild, dem verschlossenen Schweinebauern, fühlt sie sich angezogen. Es ist eine begrenzte Welt, unaufgeregt, bodenständig, rau-herzlich der Ton, es wird viel geschwiegen, und doch viel gesagt. Judith Herrmann beschreibt ihre Figuren mit liebevollem Blick und großer Empathie, abwartend, ohne zu werten, in unverwechselbarem, schwebend-leichtem und doch präzisem Ton, ohne ein Wort zu viel. Ein kleiner Kosmos fernab des Weltgeschehens und doch allumfassend, menschlich. Eine Wohltat in Zeiten vorschnellen Schubladendenkens und ein beglückendes Leseerlebnis. (Syme Sigmund) Leseprobe

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