Übersetzt von Nicolas Baier, Bohem, 40 Seiten, 20 Euro
ab 3
Der Sommer ist da mit herrlichem Wetter und so heißt es wiedereinmal: Auf in die Berge! Doch die Begeisterung dafür ist nicht bei allen Familienmitgliedern gleich groß. Der Vater und die jüngere Tochter lieben die Bewegung, die Anstrengung und die Aufregung der Naturentdeckungen beim Wandern. Der ältere Sohn wiederum hat dafür sein ganz eigenes, vor allem ganz anderes Tempo. Entschleunigt und voller Muße für die kleinen Details lässt er sich treiben, pausiert ausgiebig und genießt einfach das Draußensein. Am Ende des Tages hatten alle eine außergewöhnliche Begegnung mit einem Fuchs – jede*r auf seine Art. Mit viel Liebe zum Detail und großer Genauigkeit fängt Sebastián Ilabaca auch die leisen Natur- wie Gemütsstimmungen ein. Eine wunderschöne Einstimmung für den nächsten Ausflug, die kommende Reise! (Jana Kühn)

Als der 18jährige Robert mit dem Transitzug nach West-Berlin fährt, steht die Mauer noch, WG-Zimmer kann man im Tip für 180 Mark finden und die Garage am Nollendorfplatz verkauft Second Hand Klamotten zu Kilopreisen. Es ist 1987 und Robert sucht nach etwas, von dem er selbst noch nicht weiß, was das sein könnte, so lange es nur weit genug weg von seinem süddeutschen Vorortelternhaus geschieht. Dass ihm „das mit der Liebe“ bereits im Zug passiert, bemerkt er erst viel später, als er über eine arglose Jobsuche zufällig in die Ausbildung zum Tischler gestolpert ist. Irgendwo in der Nachbarschaft brennt Bolle, während in der Tischlerwerkstatt ein Chef sein Nachkriegstrauma mit Alkohol betäubt. Martin Muser führt uns mit seinem Antihelden Robert in ein Berlin, das parallel zu dem glorifizierten Punk der 80er Jahre passiert. Wieder einmal gelingt es diesem begnadeten Erzähler all das Glück, das Elend und den Witz eines nicht perfekten Alltags in Figuren zu gießen, die gleichermaßen berühren wie in Erinnerung bleiben. Ein Berlin-Roman, ein Bartleby der 1980er, für alle, die es erlebt haben und jene, für die es Geschichte ist. (Kerstin Follenius)
Eine unspektakuläre Geschichte, die es in sich hat. Anne Berests wortkarger Vater lebte für die höhere Mathematik und theoretische Problemstellungen. Häusliche Nähe und Familiengespräche interessierten ihn nicht. Seine Frau, selbst Wissenschaftlerin, managte alles und sicherte ihm „dolmetschend“ seine Privatsphäre. Doch etwas teilte er mit seinen Töchtern: seine Liebe zum Finistère (so der Titel im französischen Original), seiner rauen bretonischen Heimat. Die Bretagne bildet das Fundament für Berests literarisch-historische Spurensuche der väterlichen Familienlinie. Über ein Jahrhundert französische Geschichte von unten, aus der Perspektive ihrer bretonischen Vorfahren, erzählt sie. In kurzen Kapiteln schreibt sie vom Leben in der Provinz, dem Aufbegehren gegen die Pariser Vorherrschaft, gegen die Nationalsozialisten, vom Aktivismus in den 68ern, der Frauen- und Schwulenbewegung. Aber auch vom Aufstieg durch Bildung, von den persönlichen Liebes- und Lebensgeschichten ihrer Angehörigen. Ein Schatz, vier Tagebücher ihres Großvaters, lässt sie tief in deren Vergangenheit eintauchen, manch im familiären Schweigen Verborgenes tritt so zutage. Auch wenn Sprachlosigkeit das reale Vater-Tochter-Verhältnis dominierte, verwandelt Anne Berests Sprachkunst das Porträt ihres Vaters in eine facettenreiche kritische Liebeserklärung an ihn und schreibt gleichzeitig ihre spannende, berührende Mikrogeschichte nach der Postkarte fort. (Stefanie Hetze)
Die jahrhundertealte chinesische Legende der weißen Schlange dient als Folie des wunderbaren Romans Sister Snake von Amanda Lee Koe, kein Fantasy-Roman im eigentlichen Sinne, gleichwohl ein großartig lustvoll erzähltes Spiel mit Identitäten, Begehren und Vergänglichkeit.
Neben unseren Autor*innenlesungen wollen wir in der Dante ein neues Format starten, mit dem wir den Raum hinter dem Buch genauer in Augenschein nehmen. Den Auftakt zu dieser Reihe von Werkstattgesprächen machen wir mit den beiden Autorinnen Lene Albrecht und Laura Lichtblau. Beide thematisieren in ihren letzten Büchern Aspekte ihrer Familiengeschichten und schreiben gleichzeitig über einen konkreten Zeitraum deutscher Geschichte. Laura Lichtblau beschäftigt sich in ihrem Buch Sund mit der Rolle ihres Urgroßvaters im Nationalsozialismus, während Lene Albrechts Roman Weiße Flecken die familiäre Verflechtung mit der Kolonialgeschichte Togos in den Blick nimmt. Durch die Perspektive der eigenen Familiengeschichte ist eine distanzierte Recherche nach nüchtern wissenschaftlichen Kriterien kaum möglich und literarisch vermutlich nicht gewünscht. Wiederum gehören Generationenromane und Familiengeschichten zu den gefragtesten Formaten im Buchhandel.
Unerhört ist das. Otoos Protagonistin macht etwas, was sich die meisten Frauen und vermutlich noch mehr Schwarze Frauen angesichts unerträglicher männlicher und rassistischer Übergriffigkeit schon einmal gewünscht haben: sich einfach des Problems zu entledigen. Mühelos stranguliert die Schwarze Deutsche ihren penetrant gutmeinenden Chef auf einer heißen Autofahrt mit seinem eigenen Schal. Er hatte sich ihr, die in Zeitstress war, aufgedrängt, sie an die Lübecker Bucht zu fahren, wo sie zu einem privaten und gleichzeitig überaus politischen Treffen mit ihrer Mutter verabredet war. Amata steht zu ihrer Tat, aber sie steht auch ziemlich allein da. Selbst aktivistische Freund*innen und Kolleg*innen verurteilen ihre kompromisslose Radikalität. In der Nacht vor ihrer Gerichtsverhandlung schreibt sie in ihrer engen Zelle ohne Larmoyanz ihre Sicht des Hergangs der Ereignisse auf.
Suhrkamp 2026, 253 Seiten, 24 Euro
Judith Schalansky schreibt nicht nur Bücher, sie gestaltet sie auch. Und so ist davon auszugehen, dass sie auch bei der Gestaltung ihres jüngsten Buches die Finger mit im Spiel hatte. Schon in der Erscheinung greift das Buch den Titel auf, fast marmoriert wirkt der Umschlag, quecksilberschillernd die Schrift. Und auf dem Titelblatt im Inneren löst sie sich fast nebulös auf. Ein Band, der schon optisch genau das einlöst, was sein Titel verspricht. In drei großen Kapiteln – Marmor, Quecksilber, Nebel – basierend auf ihren Frankfurter Poetikvorlesungen 2025, nimmt Judith Schalansky die Leser*innen jeweils mit an einen bestimmten Ort – die Ägäis, Guadalajara (Mexiko) und den Brocken – um von dort aus und unter dem Eindruck des titelgebenden Stoffes, gedanklich die Welt zu erforschen. „Es ist nicht das erste Mal, dass ich mit einbilde, die gesamte Weltgeschichte ließe sich anhand eines einzigen Gegenstandes erklären“schreibt die Autorin gleich auf einer der ersten Seiten. Diesem Versuch beizuwohnen und den mäandernden, gleichwohl konsequenten Gedankenströmen zu folgen, macht große Freude.
Mit einem regelrechten Paukenschlag beginnt Christian Linker seinen umwerfenden Roman für Kinder: Tills Vater wird mit Polizei und Rettungswagen abgeholt, sein Hund Flocke wird ins Tierheim gebracht und der Junge selbst von einem Sozialarbeiter in eine Wohngruppe. Was genau an diesem Tag geschehen ist, enthüllt der Autor geschickt erst einiges später und auch nur Stück für Stück. Relativ schnell ist jedoch klar, dass Till und Flocke sich wohl von ganzem Herzen, aber ganz sicher kein gutes Zuhause hatten. In der Wohngruppe wiederum findet Till schnell Anschluss, Freundschaft sogar, um nicht zu sagen eine Wahlfamilie – nur Flocke vermisst er schmerzlich. Als Till seinen Hund endlich im Tierheim besuchen kann, ist dieser jedoch gerade an eine andere Familie weitergegeben worden. Was Till komplett aus der Bahn wirft, wird im Buch zum Auslöser einer rasanten erzählerischen Beschleunigung. Gemeinsam mit seinem neuen Freund Pawel folgt Till der Spur der neuen Hundefamilie bis an die holländische Nordseeküste, wo es zum spektakulären Showdown kommt. Es ist ein Kinderbuch, es braucht ein Happy End – dieses hier ist wirklich stimmig. Christian Linker erzählt berührend und spannungsgeladen von Kindern aus Familien in Schieflage, die ihren Weg finden gemeinsam mit Freund*innen und Wahlverwandschaften. Diesen mitreißenden Ferienschmöker mit Tiefgang legt niemand so schnell aus der Hand! (Jana Kühn)