Martin Muser: Leimboy

Carlsen 2026, 240 Seiten, 14 €
ab 14 

Als der 18jährige Robert mit dem Transitzug nach West-Berlin fährt, steht die Mauer noch, WG-Zimmer kann man im Tip für 180 Mark finden und die Garage am Nollendorfplatz verkauft Second Hand Klamotten zu Kilopreisen. Es ist 1987 und Robert sucht nach etwas, von dem er selbst noch nicht weiß, was das sein könnte, so lange es nur weit genug weg von seinem süddeutschen Vorortelternhaus geschieht. Dass ihm „das mit der Liebe“ bereits im Zug passiert, bemerkt er erst viel später, als er über eine arglose Jobsuche zufällig in die Ausbildung zum Tischler gestolpert ist. Irgendwo in der Nachbarschaft brennt Bolle, während in der Tischlerwerkstatt ein Chef sein Nachkriegstrauma mit Alkohol betäubt. Martin Muser führt uns mit seinem Antihelden Robert in ein Berlin, das parallel zu dem glorifizierten Punk der 80er Jahre passiert. Wieder einmal gelingt es diesem begnadeten Erzähler all das Glück, das Elend und den Witz eines nicht perfekten Alltags in Figuren zu gießen, die gleichermaßen berühren wie in Erinnerung bleiben. Ein Berlin-Roman, ein Bartleby der 1980er, für alle, die es erlebt haben und jene, für die es Geschichte ist. (Kerstin Follenius)

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Anne Berest: Vatertage

Übersetzt von Amelie Thoma und Michaela Meßner
Berlin Verlag 2026, 448 Seiten, 25 Euro

Eine unspektakuläre Geschichte, die es in sich hat. Anne Berests wortkarger Vater lebte für die höhere Mathematik und theoretische Problemstellungen. Häusliche Nähe und Familiengespräche interessierten ihn nicht. Seine Frau, selbst Wissenschaftlerin, managte alles und sicherte ihm „dolmetschend“ seine Privatsphäre. Doch etwas teilte er mit seinen Töchtern: seine Liebe zum Finistère (so der Titel im französischen Original), seiner rauen bretonischen Heimat. Die Bretagne bildet das Fundament für Berests literarisch-historische Spurensuche der väterlichen Familienlinie. Über ein Jahrhundert französische Geschichte von unten, aus der Perspektive ihrer bretonischen Vorfahren, erzählt sie. In kurzen Kapiteln schreibt sie vom Leben in der Provinz, dem Aufbegehren gegen die Pariser Vorherrschaft, gegen die Nationalsozialisten, vom Aktivismus in den 68ern, der Frauen- und Schwulenbewegung. Aber auch vom Aufstieg durch Bildung, von den persönlichen Liebes- und Lebensgeschichten ihrer Angehörigen. Ein Schatz, vier Tagebücher ihres Großvaters, lässt sie tief in deren Vergangenheit eintauchen, manch im familiären Schweigen Verborgenes tritt so zutage. Auch wenn Sprachlosigkeit das reale Vater-Tochter-Verhältnis dominierte, verwandelt Anne Berests Sprachkunst das Porträt ihres Vaters in eine facettenreiche kritische Liebeserklärung an ihn und schreibt gleichzeitig ihre spannende, berührende Mikrogeschichte nach der Postkarte fort. (Stefanie Hetze)

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Amanda Lee Koe: Sister Snake


culturebooks 2026, 328 Seiten, 24 Euro

Die jahrhundertealte chinesische Legende der weißen Schlange dient als Folie des wunderbaren Romans Sister Snake von Amanda Lee Koe, kein Fantasy-Roman im eigentlichen Sinne, gleichwohl ein großartig lustvoll erzähltes Spiel mit Identitäten, Begehren und Vergänglichkeit.
Su und Emerald lebten einst in enger Verbundenheit als weiße und als grüne Schlange zusammen am schönen Westsee, bevor sie mit Hilfe eines Zauberlotus zu Menschen werden und ewige Jugend erhalten. Seit Jahrhunderten leben sie in Gestalt junger Frauen, Su inzwischen sehr wohlhabend, zum wiederholten Male verheiratet und angepasst in Singapur, Emerald hingegen führt in New York ein sehr bohèmehaftes Leben und kämpft ständig mit Geldsorgen und wechselnden Liebhaber*innen. Als Menschen brauchen sie Abstand voneinander, behalten sich aber über die große Entfernung immer im Blick, bis eine Zeitungsnotiz sie wieder zusammenführt  – anders als erwartet – zurück an den schönen Westsee.
Sister Snake erzählt klug und mit feinem Witz von bedingungsloser Sisterhood und den Zumutungen übergriffiger Liebe, von verschiedenen Hürden queerer Identitäten, von der Melancholie ewiger Jugend – in einer hervorragend eleganten und pointierten Übersetzung von Zoe Beck. (Katharina Bischoff)

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Sharon Dodua Otoo: So, in etwa, ist es gewesen

S. Fischer 2026, 144 Seiten, 22 Euro

Unerhört ist das. Otoos Protagonistin macht etwas, was sich die meisten Frauen und vermutlich noch mehr Schwarze Frauen angesichts unerträglicher männlicher und rassistischer Übergriffigkeit schon einmal gewünscht haben: sich einfach des Problems zu entledigen. Mühelos stranguliert die Schwarze Deutsche ihren penetrant gutmeinenden Chef auf einer heißen Autofahrt mit seinem eigenen Schal. Er hatte sich ihr, die in Zeitstress war, aufgedrängt, sie an die Lübecker Bucht zu fahren, wo sie zu einem privaten und gleichzeitig überaus politischen Treffen mit ihrer Mutter verabredet war. Amata steht zu ihrer Tat, aber sie steht auch ziemlich allein da. Selbst aktivistische Freund*innen und Kolleg*innen verurteilen ihre kompromisslose Radikalität. In der Nacht vor ihrer Gerichtsverhandlung schreibt sie in ihrer engen Zelle ohne Larmoyanz ihre Sicht des Hergangs der Ereignisse auf.

Dies ist kein klassisch erzählter Roman. Otoo kombiniert verschiedenste Texte, nicht nur Amintas Aufzeichnungen, sie bezieht sich auf Schwarze Autor*innen, historische Figuren, Ereignisse, auf Deutschlands Kolonialgeschichte, aber auch auf aktivistische Debatten, sie zitiert und kommentiert. Auf nur 140 Seiten gelingt der Autorin so das Kunststück, einen gedanklichen Raum zu schaffen, der das Entweder–Oder überwindet, keine Lösungen anbietet, statt dessen aufrüttelt und lange nachhallt. (Stefanie Hetze)

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Heike Geißler: Michaela Kohlhaas

Suhrkamp 2026, 253 Seiten, 24 Euro

Heike Geißler ist mit ihrem neuen Buch etwas ganz Großes gelungen. Michael Kohlhaas, Kleists
wutbürgernder Selbstjustiziar, dieses Urbild eines deutschen Aufbegehrens gegen die Obrigkeit, dass als Idee einer bürgerlichen Gegenwehr gerade von Rechts her ins Bild zu flimmern scheint, ist wieder sicher. Es brauchte dazu die Stimme einer Frau, die diesen männlichen Stolz, dieses Recht auf Rache hinter sich lässt und einer Kränkung Raum gibt, die endlich wieder politisch sein kann. Heike Geißler wagt sich hinein, in jenen Bereich zwischen zivilem Ungehorsam und Wutbürger*innentum, diesem aktuell so brandgefährlichen, weil so schwer fassbaren Terrain. Sie schickt eine Frau auf diesen schmalen Grat, die bestens ausgestattet ist, ihre Linie zu halten, sich nicht vereinnahmen zu lassen von populistischer Vereinfachung. Michaela Kohlhaas ist die „Stütze des Systems a.D.“, eine Mutter Courage, die mit ihrem Planwagen durch „leergeförderte Landschaften“ zieht, die eigene Zahmheit bekämpft und sich dem Unrecht des Systems sehr präzise und sichtbar entzieht. Sie ist die Möglichkeit eines Ausstiegs, der lockt und doch sehr hoch im Einsatz ist, was Geißler stets miterzählt: Immer wieder tritt die Erzählerinnenstimme hervor und zeigt ihr Ringen mit Michaela, der Zivilcourage, die diese Michaela in die Welt bringt. Eine Kampfschrift voller Demut. Ein so kluger, leiser Aufschrei nach Engagement. Eine Sprache, so präzise, wie verschlungen, um die Komplexität unserer Gegenwart einzufangen. Die wichtigste Überschreibung seit langem. (Kerstin Follenius)

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Judith Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel

Suhrkamp 2026, 176 Seiten, 24 Euro

Judith Schalansky schreibt nicht nur Bücher, sie gestaltet sie auch. Und so ist davon auszugehen, dass sie auch bei der Gestaltung ihres jüngsten Buches die Finger mit im Spiel hatte. Schon in der Erscheinung greift das Buch den Titel auf, fast marmoriert wirkt der Umschlag, quecksilberschillernd die Schrift. Und auf dem Titelblatt im Inneren löst sie sich fast nebulös auf. Ein Band, der schon optisch genau das einlöst, was sein Titel verspricht. In drei großen Kapiteln – Marmor, Quecksilber, Nebel – basierend auf ihren Frankfurter Poetikvorlesungen 2025, nimmt Judith Schalansky die Leser*innen jeweils mit an einen bestimmten Ort – die Ägäis, Guadalajara (Mexiko) und den Brocken – um von dort aus und unter dem Eindruck des titelgebenden Stoffes, gedanklich die Welt zu erforschen. „Es ist nicht das erste Mal, dass ich mit einbilde, die gesamte Weltgeschichte ließe sich anhand eines einzigen Gegenstandes erklären“schreibt die Autorin gleich auf einer der ersten Seiten. Diesem Versuch beizuwohnen und den mäandernden, gleichwohl konsequenten Gedankenströmen zu folgen, macht große Freude.
Ein wunderbares Buch zum Lesen und Verschenken, das den Blickwinkel weitet und Horizonte zu verschieben vermag. Aber Achtung: Rabbithole Gefahr! (Katharina Bischoff)

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Farai Mudzingwa: Die Avenues


Übersetzt von Jan Schönherr, Unionsverlag 2026, 304 Seiten, 24 Euro

Der tödliche Unfall eines Spielgefährten, frömmelnde Eltern, die große Schwester, die aus der engen Provinz in die Hauptstadt geht, dort mysteriös verschwindet und ihren kleinen Bruder Jedza alleinlässt. Dieser folgt ihr in die knallharte Stadt, in der er sich durchschlagen muss. Erst einmal alltäglich ist es, was dem Protagonisten in diesem Coming of Age-Roman widerfährt. Doch wie Farai Mudzingwa es in seinem Debüt erzählt, ist beindruckend komplex. Auch auf Jedza stürmen die gesellschaftlichen Verhältnisse, hier postkoloniale korrupte, ein. Er hat Schwierigkeiten, sein Liebes- und Berufsleben in einem Umfeld von Armut, Prostitution, Gewalt und Drogen auszutarieren. Zudem treiben ihn die Traumata der Vergangenheit um. Befreiung von seinen Dämonen sucht er durch die spirituelle Kommunikation mit der Geisterwelt, indem er sich einem tief verwurzelten Tranceritual unterzieht, bei dem die polyphone Mbira-Musik eine tragende Rolle spielt. Da setzen die Kunstfertigkeit des Autors und nicht zuletzt die des Übersetzers Jan Schönherr ein, die „den furiosen Mix aus Stimmen und Stilen, … durch Jahrzehnte und Jahrhunderte“ *, aus sozialen Gegensätzen, der Gleichzeitigkeit von Tradition und Moderne, aus Shona-Liedern und Zim-Dancehall, aus Referenzen an die neuere simbabwische Literatur und die uralte Shona-Kultur, zu einem vielstimmigen doppelbödigen, zutiefst afrikanischen Roman gezaubert haben. (Stefanie Hetze)

(*) mehr Informationen und Hintergründe zur Übersetzuung

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Maria van Lieshout: Das Lied der Amsel

Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Schimming
Fischer Sauerländer 2026, 256 Seiten, 22 Euro

In einem Krankenhaus in Amsterdam des Jahres 2011 erfährt die 71jährige Johanna, dass sie mit ihren Geschwistern nicht leiblich verwandt ist. Mit ihrer Biographie bricht für sie eine Welt zusammen, Kriegstraumata kehren zurück. Ihre Enkelin Annick macht sich auf die Suche und dringt immer tiefer, nicht nur in die eigene Familien-, sondern auch in die Widerstandsgeschichte der besetzten Niederlande vor. Entlang einer Reihe von Kunstdrucken, die die Großmutter ihr Leben lang begleiteten, macht sich die Enkelin auf den Weg in den Amsterdamer Untergrund der Jahre 1943 und 1944. Orte der Verfolgung und des Widerstands verbinden sich in Rückblicken zu einer historisch dichten, detailreichen und vor allem bildgewaltigen Erzählung von Mut, Scheitern und großer Menschlichkeit. Besonders eindrücklich: Das historische  Bildmaterial, mit dem diese Graphic Novel arbeitet und eine ganz eigene, sehr überzeugende Bildsprache entwickelt. Originalaufnahmen, oft heimlich aufgenommen und deshalb in ungewöhnlicher Perspektivierung, treten in einen direkten Dialog mit den graphischen Elementen der Erzählung. Ein feines, historisches Museumsstück für alle ab 12. (Kerstin Follenius)

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Monique Wittig: Opoponax

Aus dem Französischen von Elmar Tophoven
Czernin Verlag 2026, 252 Seiten, 25 Euro

Monique Wittig gilt als Vordenkerin der Queer-Theorie und hat sich in ihrem Werk intensiv mit Gender und der Überwindung binärer Geschlechtszuschreibungen auseinandergesetzt. Ihr Debütroman „Opoponax“ erschien auf Deutsch erstmals 1966 und war lange vergriffen. Dem feinen österreichischen Czernin Verlag ist es nun zu verdanken, dass der Text in der alten Übersetzung wieder erhältlich ist. Der Roman schildert Kindheit und Heranwachsen konsequent aus der erlebenden Perspektive von Catherine Legrand. „Opoponax“ erzählt von den ersten Jahren auf dem Land bis hin zu Erwachen von Begehren und erster Verliebtheit, erzählt von Freundschaften, Abschieden, vom Sich-Finden in der Welt, ohne je zu bewerten oder ins Sentimentale zu fallen. Das ist manchmal selbstversunken, manchmal atemlos, manchmal abenteuerlich und manchmal sehr aufregend und durchzogen von einem feinem Humor. Dabei ist Wittigs radikale Auseinandersetzung mit Gender bereits hier spürbar: Die Autorin trifft keinerlei qualitative Geschlechtszuschreibung (die Kinder sind lediglich durch ihre Namen einem Geschlecht zuzuordnen) und experimentiert mit dem Verzicht auf herkömmliche Personalpronomen. Dass die 60 Jahre alte Übersetzung dabei so erstaunlich frisch und zeitlos wirkt, unterstreicht die Kraft dieses Textes. Marguerite Duras bezeichnete „L’Opoponax“ bei seinem Erscheinen 1964 als „ein Meisterwerk“. Dem schließe ich mich gerne an!  (Katharina Bischoff)

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Jacqueline Harpman: Ich, die ich die Männer nicht kannte

Klett-Cotta 2026, 224 Seiten, 24,00 Euro

39 Frauen und ein Mädchen befinden sich in tageslichtloser Gefangenschaft, lange schon. Bewacht werden sie von namens- und sprachlosen Männern. Berührungen sind verboten, die Selbsttötung auch. Den Grund ihrer Gefangenschaft kennen sie nicht und die Erinnerung an ihre früheren Leben sind nahezu verblasst. Als eines Tages ein Alarm ertönt, fliehen die Männer und die Frauen betreten eine leere Welt. Trotz des dystopischen Settings ist dieser Roman nie düster, voll feinsinniger und filligraner Beobachtungen, an Suspense kaum zu überbieten.
Bereits 1995 hat die belgische Autorin und Psychoanalytikerin Jacqueline Harpman diese existentielle Parabel geschrieben, auf die wir Frauen lange warten mussten: Welche Rolle spielen die Männer im Höhlengleichnis der Frauen? Weshalb verfügte Beckett testamentarisch, dass keine der Rollen aus Warten auf Godot je von einer Frau gespielt werden dürfe?
Die Zeit scheint reif, die existentielle und strukturelle Krise der Frauen als ein psychologisches Drama zu erzählen, dessen Grund wir nicht kennen, in dem die Männer nicht zu Wort kommen und am Ende der eigenen misogynen Weltkonstruktionen fliehen. Welch ein Wurf. (Kerstin Follenius)

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