Aus dem Englischen von Claudia Glenewinkel und Hans-Christian Oeser
Claassen 2026, 384 Seiten, 24 Euro
Irland, 1980er Jahre. Als die Außenseiterin dem Mädchenschwarm der Schule einen Brief ihrer Freundin übergibt, nimmt eine außergewöhnliche Beziehung ihren Anfang. Red, der gutaussehende badboy aus finanziell besseren, aber gewaltgeprägten Verhältnissen, findet bei Róisín und deren alleinerziehender Mutter lebenslange Freundschaft und familiären Halt. Die moralische Enge und wirtschaftliche Aussichtslosigkeit des kleinen irischen Städtchens treiben die beiden zur Flucht. Sie hat den Dialekt der irischen Arbeiterklasse, er ein familiäres Trauma im Gepäck, so landen sie über Umwege gemeinsam in der Hausbesetzer*innenszene Londons. Stations heißt der Titel im englischen Original und dabei hätte man bleiben sollen, denn es ist der mitreißende Lebensweg einer wütenden, oft beschämten und so klugen jungen Frau, den Louise Kennedy hier erzählt. Róisín bricht ihr Studium ab und in ein Leben auf, in dem sie gerade neben den vorgesehenen Bahnen von Erfolg und Scheitern so etwas wie Selbstbestimmung entdeckt. Red verliert sie unterwegs, findet ihn wieder, bleibt ihm verbunden und versucht trotzdem nie ihn zu retten.
Eine Charakter- und Zeitstudie von unglaublicher Intensität. Selten wurde die Anarchie und Enge der Thatcherjahre so nah erzählt. (Kerstin Follenius)

Eine Stadt am südafrikanischen Kap, Anfang der 1920er: Soraya scheint sich glücklich schätzen zu können. Bei einer alleinstehenden britischen Witwe kann sie als Dienstmädchen arbeiten, weder sind übergriffige Männer im Haus noch anstrengende Kinder. Trotzdem wappnet sie sich mit einer äußerlich devoten Fassade und verheimlicht Mrs Hattingh, dass ihr Vater, ein religiöser muslimischer Kalligraph, ihr Lesen und Schreiben beigebracht hat. Ihre Arbeitgeberin geriert sich als sozial engagierte Wohltäterin, schreibt für ihre junge Angestellte Briefe an deren Verlobten, verlangt von Soraya aber unablässig Verfügbarkeit und ständige Dankbarkeit. Sorayas Familie braucht dringend ihren Lohn, weshalb sie nicht gegen Mrs Hattinghs immer unverschämtere Ansprüche rebelliert. Aber sie erkennt die Schwächen der Witwe, die den äußeren Schein wahrt, aber kaum ihre Rechnungen bezahlen kann und sich nach ihrem weit entfernt in England lebenden Sohn sehnt. Das muss wiederum Soraya mit Besuchsverbot bei ihrer Familie und ihrem Liebsten büßen. Grandios, wie die Autorin den Kreis um die beiden so ungleichen und einander trotz allem so ebenbürtigen Frauen in dem Haus voller leerer, dauernd geputzter Zimmer immer enger zieht. Aus einem Kammerspiel entwickelt sich ein explosives spannungsreiches Drama um Privilegien, Macht und Ohnmacht, um Ausdauer und Widerstand – mit einem hoffnungsvollen Ende. (Stefanie Hetze)
„Wie stiehlt man ein Land?“, fragt – rhetorisch – die Journalistin Emma Nãwahĩ in einer ihrer Kolumnen, um die sarkastische Antwort gleich mitzuliefern: durch Manipulation, Unterwanderung, Schamlosigkeit und Vetternwirtschaft. Bereits hier, auf Seite 28 des opulent erzählten Romans „Territorium“, kommt man kaum umhin, Bezüge zu aktuellen politischen Machtspielen zu ziehen.
Polly ist eine Bilderbuchschönheit, aus bestem steinreichem Adel und in einem Alter, in dem selbstverständlich eine Eheschließung ansteht. Das findet zumindest ihre Mutter, die despotische Lady Montdore, eine Dame, mit der nicht zu scherzen ist. Ihre ihr ebenbürtige Tochter entzieht sich durch die Heirat mit einem angeheirateten und überdies übergriffigen Onkel den elterlichen und gesellschaftlichen Erwartungen. Sie wird enterbt, und da taucht ein Cedric auf, der schön wie Polly ist, überhaupt nicht dem englischen Männlichkeitsideal entspricht und nicht nur Lady Montdore verzaubert und verwandelt.
Eine Frau mittleren Alters entschließt sich, das in den 1990ern erworbene Haus im Brandenburgischen zu verkaufen. Sie selbst stammt aus Österreich und aus diesem Sprachraum stammt auch die Bezeichnung der Alleinruheelage des vereinzelt stehenden Hauses mitten im Wald und nah an einem See. Als sprachliches Bild kann der gleichnamige Titel des Romans ebenso als Beschreibung der mittlerweile allein lebenden und in sich selbst ruhenden Protagonistin verstanden werden. Eine Lebensrückschau beginnt und im Wiederauflebenlassen von alten Geschichten rund um das Haus träumt sich die Erzählerin in ihre Vergangenheit zurück. Menasse bezeichnet sie als „Archäologin einer untergegangenen Familie“ und gleichzeitig steht ihr ein Aufbruch bevor. Episodenhaft streift sie mit kritischem wie (selbst)ironischem Blick durch das persönlich Erlebte und führt gleichermaßen durch die von außen betrachtete deutsch-deutsche Geschichte, vor allem die Nachwendezeit, ohne jedoch einer Chronologie zu folgen. Elternschaft, Nachbarschaftsnöte, Stasi, Kindheitserinnerungen, Liebeslagen, Rasenpflege, Bürokratie, Borkenkäfer. Vermeintlich plaudernd, lotet Menasse dieser Art Diskurse voller historischer Brisanz und großer politischer Aktualität aus. Wer einen handlungsgetriebenen Roman sucht, wird mit Menasses mäandernder Erzählerin sicher nicht glücklich. Alle anderen dürfen sich in ihrem klugen und stilistisch ausgefeilten Gedankenstrom von Höckchen zu Stöckchen treiben lassen und einfach genießen. (Jana Kühn)
Sato Reang ist ein Lausbub im besten Sinne. Fröhlich, lebhaft, neugierig – und mit dem zweifelhaften Talent gesegnet, Ärger geradezu magisch anzuziehen. Gleichzeitig ist Sato der Sohn eines Vaters, der sich nicht nur ein frommes Kind wünscht, sondern eines will. Und fromm zu sein bedeutet in des Vaters Augen: fünf Mal am Tag in die Moschee zu gehen, abends im Koran zu lesen, gottesfürchtig zu sein und eben keinen Ärger zu machen. Weil Sato den Ärger aber anzieht (oder umgekehrt), folgen viele Demütigungen und Strafen, die sich tief in Satos Körper und Denken einschreiben.
Als der 18jährige Robert mit dem Transitzug nach West-Berlin fährt, steht die Mauer noch, WG-Zimmer kann man im Tip für 180 Mark finden und die Garage am Nollendorfplatz verkauft Second Hand Klamotten zu Kilopreisen. Es ist 1987 und Robert sucht nach etwas, von dem er selbst noch nicht weiß, was das sein könnte, so lange es nur weit genug weg von seinem süddeutschen Vorortelternhaus geschieht. Dass ihm „das mit der Liebe“ bereits im Zug passiert, bemerkt er erst viel später, als er über eine arglose Jobsuche zufällig in die Ausbildung zum Tischler gestolpert ist. Irgendwo in der Nachbarschaft brennt Bolle, während in der Tischlerwerkstatt ein Chef sein Nachkriegstrauma mit Alkohol betäubt. Martin Muser führt uns mit seinem Antihelden Robert in ein Berlin, das parallel zu dem glorifizierten Punk der 80er Jahre passiert. Wieder einmal gelingt es diesem begnadeten Erzähler all das Glück, das Elend und den Witz eines nicht perfekten Alltags in Figuren zu gießen, die gleichermaßen berühren wie in Erinnerung bleiben. Ein Berlin-Roman, ein Bartleby der 1980er, für alle, die es erlebt haben und jene, für die es Geschichte ist. (Kerstin Follenius)
Eine unspektakuläre Geschichte, die es in sich hat. Anne Berests wortkarger Vater lebte für die höhere Mathematik und theoretische Problemstellungen. Häusliche Nähe und Familiengespräche interessierten ihn nicht. Seine Frau, selbst Wissenschaftlerin, managte alles und sicherte ihm „dolmetschend“ seine Privatsphäre. Doch etwas teilte er mit seinen Töchtern: seine Liebe zum Finistère (so der Titel im französischen Original), seiner rauen bretonischen Heimat. Die Bretagne bildet das Fundament für Berests literarisch-historische Spurensuche der väterlichen Familienlinie. Über ein Jahrhundert französische Geschichte von unten, aus der Perspektive ihrer bretonischen Vorfahren, erzählt sie. In kurzen Kapiteln schreibt sie vom Leben in der Provinz, dem Aufbegehren gegen die Pariser Vorherrschaft, gegen die Nationalsozialisten, vom Aktivismus in den 68ern, der Frauen- und Schwulenbewegung. Aber auch vom Aufstieg durch Bildung, von den persönlichen Liebes- und Lebensgeschichten ihrer Angehörigen. Ein Schatz, vier Tagebücher ihres Großvaters, lässt sie tief in deren Vergangenheit eintauchen, manch im familiären Schweigen Verborgenes tritt so zutage. Auch wenn Sprachlosigkeit das reale Vater-Tochter-Verhältnis dominierte, verwandelt Anne Berests Sprachkunst das Porträt ihres Vaters in eine facettenreiche kritische Liebeserklärung an ihn und schreibt gleichzeitig ihre spannende, berührende Mikrogeschichte nach der Postkarte fort. (Stefanie Hetze)
Die jahrhundertealte chinesische Legende der weißen Schlange dient als Folie des wunderbaren Romans Sister Snake von Amanda Lee Koe, kein Fantasy-Roman im eigentlichen Sinne, gleichwohl ein großartig lustvoll erzähltes Spiel mit Identitäten, Begehren und Vergänglichkeit.
Unerhört ist das. Otoos Protagonistin macht etwas, was sich die meisten Frauen und vermutlich noch mehr Schwarze Frauen angesichts unerträglicher männlicher und rassistischer Übergriffigkeit schon einmal gewünscht haben: sich einfach des Problems zu entledigen. Mühelos stranguliert die Schwarze Deutsche ihren penetrant gutmeinenden Chef auf einer heißen Autofahrt mit seinem eigenen Schal. Er hatte sich ihr, die in Zeitstress war, aufgedrängt, sie an die Lübecker Bucht zu fahren, wo sie zu einem privaten und gleichzeitig überaus politischen Treffen mit ihrer Mutter verabredet war. Amata steht zu ihrer Tat, aber sie steht auch ziemlich allein da. Selbst aktivistische Freund*innen und Kolleg*innen verurteilen ihre kompromisslose Radikalität. In der Nacht vor ihrer Gerichtsverhandlung schreibt sie in ihrer engen Zelle ohne Larmoyanz ihre Sicht des Hergangs der Ereignisse auf.