Farai Mudzingwa: Die Avenues


Übersetzt von Jan Schönherr, Unionsverlag 2026, 304 Seiten, 24 Euro

Der tödliche Unfall eines Spielgefährten, frömmelnde Eltern, die große Schwester, die aus der engen Provinz in die Hauptstadt geht, dort mysteriös verschwindet und ihren kleinen Bruder Jedza alleinlässt. Dieser folgt ihr in die knallharte Stadt, in der er sich durchschlagen muss. Erst einmal alltäglich ist es, was dem Protagonisten in diesem Coming of Age-Roman widerfährt. Doch wie Farai Mudzingwa es in seinem Debüt erzählt, ist beindruckend komplex. Auch auf Jedza stürmen die gesellschaftlichen Verhältnisse, hier postkoloniale korrupte, ein. Er hat Schwierigkeiten, sein Liebes- und Berufsleben in einem Umfeld von Armut, Prostitution, Gewalt und Drogen auszutarieren. Zudem treiben ihn die Traumata der Vergangenheit um. Befreiung von seinen Dämonen sucht er durch die spirituelle Kommunikation mit der Geisterwelt, indem er sich einem tief verwurzelten Tranceritual unterzieht, bei dem die polyphone Mbira-Musik eine tragende Rolle spielt. Da setzen die Kunstfertigkeit des Autors und nicht zuletzt die des Übersetzers Jan Schönherr ein, die „den furiosen Mix aus Stimmen und Stilen, … durch Jahrzehnte und Jahrhunderte“ *, aus sozialen Gegensätzen, der Gleichzeitigkeit von Tradition und Moderne, aus Shona-Liedern und Zim-Dancehall, aus Referenzen an die neuere simbabwische Literatur und die uralte Shona-Kultur, zu einem vielstimmigen doppelbödigen, zutiefst afrikanischen Roman gezaubert haben. (Stefanie Hetze)

(*) mehr Informationen und Hintergründe zur Übersetzuung

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Maria van Lieshout: Das Lied der Amsel

Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Schimming
Fischer Sauerländer 2026, 256 Seiten, 22 Euro

In einem Krankenhaus in Amsterdam des Jahres 2011 erfährt die 71jährige Johanna, dass sie mit ihren Geschwistern nicht leiblich verwandt ist. Mit ihrer Biographie bricht für sie eine Welt zusammen, Kriegstraumata kehren zurück. Ihre Enkelin Annick macht sich auf die Suche und dringt immer tiefer, nicht nur in die eigene Familien-, sondern auch in die Widerstandsgeschichte der besetzten Niederlande vor. Entlang einer Reihe von Kunstdrucken, die die Großmutter ihr Leben lang begleiteten, macht sich die Enkelin auf den Weg in den Amsterdamer Untergrund der Jahre 1943 und 1944. Orte der Verfolgung und des Widerstands verbinden sich in Rückblicken zu einer historisch dichten, detailreichen und vor allem bildgewaltigen Erzählung von Mut, Scheitern und großer Menschlichkeit. Besonders eindrücklich: Das historische  Bildmaterial, mit dem diese Graphic Novel arbeitet und eine ganz eigene, sehr überzeugende Bildsprache entwickelt. Originalaufnahmen, oft heimlich aufgenommen und deshalb in ungewöhnlicher Perspektivierung, treten in einen direkten Dialog mit den graphischen Elementen der Erzählung. Ein feines, historisches Museumsstück für alle ab 12. (Kerstin Follenius)

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Monique Wittig: Opoponax

Aus dem Französischen von Elmar Tophoven
Czernin Verlag 2026, 252 Seiten, 25 Euro

Monique Wittig gilt als Vordenkerin der Queer-Theorie und hat sich in ihrem Werk intensiv mit Gender und der Überwindung binärer Geschlechtszuschreibungen auseinandergesetzt. Ihr Debütroman „Opoponax“ erschien auf Deutsch erstmals 1966 und war lange vergriffen. Dem feinen österreichischen Czernin Verlag ist es nun zu verdanken, dass der Text in der alten Übersetzung wieder erhältlich ist. Der Roman schildert Kindheit und Heranwachsen konsequent aus der erlebenden Perspektive von Catherine Legrand. „Opoponax“ erzählt von den ersten Jahren auf dem Land bis hin zu Erwachen von Begehren und erster Verliebtheit, erzählt von Freundschaften, Abschieden, vom Sich-Finden in der Welt, ohne je zu bewerten oder ins Sentimentale zu fallen. Das ist manchmal selbstversunken, manchmal atemlos, manchmal abenteuerlich und manchmal sehr aufregend und durchzogen von einem feinem Humor. Dabei ist Wittigs radikale Auseinandersetzung mit Gender bereits hier spürbar: Die Autorin trifft keinerlei qualitative Geschlechtszuschreibung (die Kinder sind lediglich durch ihre Namen einem Geschlecht zuzuordnen) und experimentiert mit dem Verzicht auf herkömmliche Personalpronomen. Dass die 60 Jahre alte Übersetzung dabei so erstaunlich frisch und zeitlos wirkt, unterstreicht die Kraft dieses Textes. Marguerite Duras bezeichnete „L’Opoponax“ bei seinem Erscheinen 1964 als „ein Meisterwerk“. Dem schließe ich mich gerne an!  (Katharina Bischoff)

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Jacqueline Harpman: Ich, die ich die Männer nicht kannte

Klett-Cotta 2026, 224 Seiten, 24,00 Euro

39 Frauen und ein Mädchen befinden sich in tageslichtloser Gefangenschaft, lange schon. Bewacht werden sie von namens- und sprachlosen Männern. Berührungen sind verboten, die Selbsttötung auch. Den Grund ihrer Gefangenschaft kennen sie nicht und die Erinnerung an ihre früheren Leben sind nahezu verblasst. Als eines Tages ein Alarm ertönt, fliehen die Männer und die Frauen betreten eine leere Welt. Trotz des dystopischen Settings ist dieser Roman nie düster, voll feinsinniger und filligraner Beobachtungen, an Suspense kaum zu überbieten.
Bereits 1995 hat die belgische Autorin und Psychoanalytikerin Jacqueline Harpman diese existentielle Parabel geschrieben, auf die wir Frauen lange warten mussten: Welche Rolle spielen die Männer im Höhlengleichnis der Frauen? Weshalb verfügte Beckett testamentarisch, dass keine der Rollen aus Warten auf Godot je von einer Frau gespielt werden dürfe?
Die Zeit scheint reif, die existentielle und strukturelle Krise der Frauen als ein psychologisches Drama zu erzählen, dessen Grund wir nicht kennen, in dem die Männer nicht zu Wort kommen und am Ende der eigenen misogynen Weltkonstruktionen fliehen. Welch ein Wurf. (Kerstin Follenius)

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Safae el Khannoussi: Oroppa

Aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel
Hanser 2026, 353 Seiten, 26 Euro

Salomé Abergel – gefeierte Künstlerin jüdisch-marokkanischer Herkunft, in Amsterdam lebende ehemalige politische Dissidentin – verschwindet von einem Tag auf den anderen und setzt damit ein weit verzweigtes Geflecht von Beziehungen bis in die Peripherie in Bewegung. Aus vielstimmigen Perspektiven nähert sich der Roman der widersprüchlichen Künstlerin, vor allem aber einer Fülle von Figuren und deren Geschichten: Menschen, die selten konform, selten bürgerlich leben – Reisende, Zugewanderte, Suchende, die sich in Bars, auf Durchgangsstationen und in Erinnerungsräumen begegnen und wieder verlieren.
Diese Geschichten umkreisen das Leben der Salomé Abergel, führen in die „bleiernen Jahre“ in Marokko, die Foltergefängnisse jener Zeit, nach Amsterdam, Paris, Casablanca und Tunis. Manche Fäden führen zueinander und Zusammenhänge erschließen sich im Laufe des Romans, viele Enden bleiben aber bewusst offen, auch das von Salomé Abergel.
Das zu Recht preisgekrönte Debüt von Safae el Khannoussi – fabelhaft übersetzt von Stefanie Ochel – fordert Aufmerksamkeit, aber liest sich dann wie ein literarisches Kaleidoskop: bunt, schillernd, immer ein bisschen unscharf aber von eigentümlicher Schönheit und sehr bezaubernd. (Katharina Bischoff)

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Joana Bator: Die Flucht der Bärin

Suhrkamp 2026, 317 Seiten, 26 Euro

Eine polnische Dichterin beschließt in Bern, in der Aare, ihrem Leben ein Ende zu setzen und trifft dabei auf eine entlaufene Bärin. Nur dreieinhalb Stunden pro Woche hat die pflegende Mutter eines erwachsenen Sohns Zeit, um sich als anspruchsvolle Käuferin von Immobilien auszugeben und so von einem Leben in Luxus zu träumen. Eine schwerkranke, illusionslose Frau hütet ein Haus weitab von Warschau an einem dunklen Wald gelegen, den sie direkt durch die Gartenpforte betreten kann. Fasziniert verliert sie sich in dessen märchenhaftem Dickicht … Sechszehn makabre Erzählungen hat Joana Bator zu einem eindringlichen Labyrinth verwoben, in dem verfallende Häuser, verwohnte Zimmer und zuwuchernde Gärten vom Vergangenen erzählen und ihren Bewohnerinnen, den sie bewohnenden Menschen zusetzen. Nichts ist, wie es scheint. Selbst Dinge und vor allem Tiere greifen in das Geschehen ein. Eine eindringliche Melancholie durchzieht diese intensiven Geschichten, die alle miteinander verzahnt sind und so aus ganz unterschiedlichen Perspektiven von tiefen Sehnsüchten nach Selbstbestimmung erzählen. Lasst Euch davon verzaubern! (Stefanie Hetze)

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Yade Yasemin Önder: Anti Müller

Park X Ullstein 2026, 240 Seiten, 23 Euro

Andi Müller heißt das neue Match. Ein One-Night-Stand? Ein neuer Versuch, den letzten Versuch endlich zu vergessen? Ja? Nein? Vielleicht doch endlich eine wirkliche Beziehung? Denn das Anti-Müller-Hormon erlaubt keinen Zweifel: Die biologische Uhr der Ich-Erzählerin Mitte 30 tickt dröhnend. Die Männer in ihrer Welt hören absichtsvoll darüber hinweg. In kunstvollem wie urkomischem Sprachspiel nimmt Yade Yasemine Önder das Debakel von Suchenden auf Dating-Plattformen auseinander, wo Männer wie Frauen in einer Art Hormonchaos zwischen Spätpubertät und Peri Meno und in sehr unterschiedlichen (Un)Entschlossenheiten aufeinander prallen. Abstoßung sowas von vorhersehbar und trotzdem spielen alle mit, sei es aus Verzweiflung oder verinnerlichter Normativität. In dieser Dynamik bekommt bei Önder vor allem der vermeintlich progressiv feministische Kulturbetrieb ordentlich eins auf den Deckel. In manchmal fast genüsslich derben Kalauern, immer jedoch präzisen Setzungen schickt Önder ihre Protagonistin zu Tête-à-Têtes, Theken und Theatern und erzählt ganz nebenbei einen sehr heutigen Berlin-Roman. (Jana Kühn)

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Peggy Mädler: Selbstregulierung des Herzens

Galiani 2026, 304 Seiten, 23 Euro

Peggy Mädler hat sich auf ein Experiment eingelassen und durch die Kybernetik auf die Deutsche Geschichte geblickt: Wir folgen einer Gruppe junger Menschen in der DDR der 1960er Jahren, wie sie als erste Nachkriegsgeneration aufbrechen, eine Zukunft, eine Utopie zu verwirklichen. Mit dem Protagonisten Georg, der mit Lochkarten die ersten digitalen Ränder der Planwirtschaft umreißt, mit Mona, einer Künstlerin, deren Aufnahme in den Verband Bildender Künstler wieder und wieder abgelehnt wird – mangels Eignung oder weil ihre Schwester im Westen lebt? – durchlaufen wir die Jahre zwischen Mauerbau und Mauerfall bis ins Jetzt als eine kybernetische Langzeitbeobachtung. Zwischen Berlin und einer Datschensiedlung in der Nähe von Bernau werden wir Teil von Feedbackschleifen, die das Private und das Politische aufs Engste verknüpfen. Selbstregulierung ist bei Mädler allerdings nicht nur kybernetisches oder psychologisches Prinzip einer Systemstabilisierung, es ist stets auch ein poetischer Suchbegriff nach den Ökonomien sozialer Wünsche und Bedingungen. So abstrakt wie der theoretische Hintergrund vielleicht vermuten lässt, ist dieser Roman nämlich gar nicht: In dichten und atmosphärischen Vignetten erzählt Mädler vor allem eine Arbeiter*innengeschichte. Wenn Mona beispielsweise im dunklen Ladenlokal der Friseurin Dorle steht, sie portraitiert und ein Arbeiterinnenleben an uns vorbeiziehen lässt, ist der Roman am stärksten – im Nebeneinander von klugen, systemischen und systemkritischen Beobachtungen und dem Innehalten in Momenten, aus denen das liebevoll gezeichnete Lebensgefühl einer Generation spricht. (Kerstin Follenius)

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Judith Hermann: Ich möchte zurückgehen in der Zeit

S. Fischer 2026, 160 Seiten, 23 Euro

Eine deutsche Familie wie viele, in denen über die NS-Vergangenheit der Großvätertäter kaum gesprochen wird. Judith Hermann wusste, dass der Vater ihrer Mutter der Waffen-SS angehört hatte und im polnischen Radom stationiert gewesen war, als dort Abertausende Juden ermordet wurden. Auf Nachfragen pendelt ihre alte Mutter zwischen komplettem Verdrängen und blitzartigen Erinnerungen. Vorherrschend ist Schweigen. Mit fast Nichts versucht Hermann, die familiären Leerstellen zu füllen und reist an den Ort der Verbrechen, wo sich der Großvater lächelnd auf einem SS-Motorrad fotografieren ließ. Es ist verstörend. Sie findet keine Beweise für seine Täterschaft, aber ihre Vermutungen erhärten sich. Sie reist zu ihrer Schwester, die ebenfalls mit Abwehr reagiert. Nur in einer untergründigen innerfamiliären Kommunikation kann das Unaussprechliche einen beengten Raum finden. „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ erkundet in verschiedenen Konstellationen und Settings, wie in Familien Abgründe beiseitegeschoben werden. In dichten knappen Seiten gelingt es der Autorin, keine eindeutigen Antworten zu geben, aber einen Resonanzraum zu öffnen, sich dem Schweigen und den familiären Tabus zu stellen. Das kratzt, setzt sich fest, hallt nach. (Stefanie Hetze)

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Molly Keane: Das gute Benehmen

Übersetzt von Bettina Abarbanell
Kjona 2026, 336 Seiten, 26 Euro

Selten begeistert ein Buch uns bei Dante alle in gleicher Weise. Das gute Benehmen ist so ein Ausnahmeroman, ein gnadenlos-bissiger Pageturner um eine sehr spezielle Familie und ihre Hausangestellten. Ich-Erzählerin ist Aroon St. Charles, Tochter aus verarmtem anglo-irischem Adel. Groß und kräftigt prescht sie durchs Landleben, isst gerne viel, fährt rasend schnell Fahrrad, reitet ungestüm auch schwierige Pferde. Gerne wäre sie klein, dünn und flachbrüstig, wie es die Mode der Zwanziger vorsieht. In der Zeitung liest sie nur Pferdewetten und Gesellschaftsseiten. Bildung, Musik und Bücher sind im Elternhaus verpönt. Aroons kalte Mutter verweigert jegliche Haus- und Carearbeit, der Vater ist Jäger und ein notorischer Frauenheld. Allein die äußere Fassade zählt. Die Contenance reicht so weit, dass die Mutter selbst als Aroons jüngerer Bruder verunglückt, erst einmal Rosen schneidet  . . .  Meisterlich balanciert Molly Keane aus, wie das unbedingte Festhalten an äußerlicher Etikette Menschen, die eigentlich an ihren desaströsen Lebensumständen verzweifeln müssten, Halt gibt, ihnen aber andererseits jegliche Chance auf ein Glück nimmt. Dreh- und Angelpunkt ist ein queeres, für alle Beteiligten unglückliches Liebesdrama, das die Autorin mit all seinen Konsequenzen kunstvoll ausbreitet. Bettina Abarbanell hat Das gute Benehmen und dessen raffinierte Andeutungen des Unaussprechlichen in eine atemberaubend geschliffene Sprache übertragen. (Stefanie Hetze)

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