Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Schimming
Fischer Sauerländer 2026, 256 Seiten, 22 Euro
In einem Krankenhaus in Amsterdam des Jahres 2011 erfährt die 71jährige Johanna, dass sie mit ihren Geschwistern nicht leiblich verwandt ist. Mit ihrer Biographie bricht für sie eine Welt zusammen, Kriegstraumata kehren zurück. Ihre Enkelin Annick macht sich auf die Suche und dringt immer tiefer, nicht nur in die eigene Familien-, sondern auch in die Widerstandsgeschichte der besetzten Niederlande vor. Entlang einer Reihe von Kunstdrucken, die die Großmutter ihr Leben lang begleiteten, macht sich die Enkelin auf den Weg in den Amsterdamer Untergrund der Jahre 1943 und 1944. Orte der Verfolgung und des Widerstands verbinden sich in Rückblicken zu einer historisch dichten, detailreichen und vor allem bildgewaltigen Erzählung von Mut, Scheitern und großer Menschlichkeit. Besonders eindrücklich: Das historische Bildmaterial, mit dem diese Graphic Novel arbeitet und eine ganz eigene, sehr überzeugende Bildsprache entwickelt. Originalaufnahmen, oft heimlich aufgenommen und deshalb in ungewöhnlicher Perspektivierung, treten in einen direkten Dialog mit den graphischen Elementen der Erzählung. Ein feines, historisches Museumsstück für alle ab 12. (Kerstin Follenius)

Monique Wittig gilt als Vordenkerin der Queer-Theorie und hat sich in ihrem Werk intensiv mit Gender und der Überwindung binärer Geschlechtszuschreibungen auseinandergesetzt. Ihr Debütroman „Opoponax“ erschien auf Deutsch erstmals 1966 und war lange vergriffen. Dem feinen österreichischen Czernin Verlag ist es nun zu verdanken, dass der Text in der alten Übersetzung wieder erhältlich ist. Der Roman schildert Kindheit und Heranwachsen konsequent aus der erlebenden Perspektive von Catherine Legrand. „Opoponax“ erzählt von den ersten Jahren auf dem Land bis hin zu Erwachen von Begehren und erster Verliebtheit, erzählt von Freundschaften, Abschieden, vom Sich-Finden in der Welt, ohne je zu bewerten oder ins Sentimentale zu fallen. Das ist manchmal selbstversunken, manchmal atemlos, manchmal abenteuerlich und manchmal sehr aufregend und durchzogen von einem feinem Humor. Dabei ist Wittigs radikale Auseinandersetzung mit Gender bereits hier spürbar: Die Autorin trifft keinerlei qualitative Geschlechtszuschreibung (die Kinder sind lediglich durch ihre Namen einem Geschlecht zuzuordnen) und experimentiert mit dem Verzicht auf herkömmliche Personalpronomen. Dass die 60 Jahre alte Übersetzung dabei so erstaunlich frisch und zeitlos wirkt, unterstreicht die Kraft dieses Textes. Marguerite Duras bezeichnete „L’Opoponax“ bei seinem Erscheinen 1964 als „ein Meisterwerk“. Dem schließe ich mich gerne an! (Katharina Bischoff)
39 Frauen und ein Mädchen befinden sich in tageslichtloser Gefangenschaft, lange schon. Bewacht werden sie von namens- und sprachlosen Männern. Berührungen sind verboten, die Selbsttötung auch. Den Grund ihrer Gefangenschaft kennen sie nicht und die Erinnerung an ihre früheren Leben sind nahezu verblasst. Als eines Tages ein Alarm ertönt, fliehen die Männer und die Frauen betreten eine leere Welt. Trotz des dystopischen Settings ist dieser Roman nie düster, voll feinsinniger und filligraner Beobachtungen, an Suspense kaum zu überbieten.
Salomé Abergel – gefeierte Künstlerin jüdisch-marokkanischer Herkunft, in Amsterdam lebende ehemalige politische Dissidentin – verschwindet von einem Tag auf den anderen und setzt damit ein weit verzweigtes Geflecht von Beziehungen bis in die Peripherie in Bewegung. Aus vielstimmigen Perspektiven nähert sich der Roman der widersprüchlichen Künstlerin, vor allem aber einer Fülle von Figuren und deren Geschichten: Menschen, die selten konform, selten bürgerlich leben – Reisende, Zugewanderte, Suchende, die sich in Bars, auf Durchgangsstationen und in Erinnerungsräumen begegnen und wieder verlieren.
Eine polnische Dichterin beschließt in Bern, in der Aare, ihrem Leben ein Ende zu setzen und trifft dabei auf eine entlaufene Bärin. Nur dreieinhalb Stunden pro Woche hat die pflegende Mutter eines erwachsenen Sohns Zeit, um sich als anspruchsvolle Käuferin von Immobilien auszugeben und so von einem Leben in Luxus zu träumen. Eine schwerkranke, illusionslose Frau hütet ein Haus weitab von Warschau an einem dunklen Wald gelegen, den sie direkt durch die Gartenpforte betreten kann. Fasziniert verliert sie sich in dessen märchenhaftem Dickicht … Sechszehn makabre Erzählungen hat Joana Bator zu einem eindringlichen Labyrinth verwoben, in dem verfallende Häuser, verwohnte Zimmer und zuwuchernde Gärten vom Vergangenen erzählen und ihren Bewohnerinnen, den sie bewohnenden Menschen zusetzen. Nichts ist, wie es scheint. Selbst Dinge und vor allem Tiere greifen in das Geschehen ein. Eine eindringliche Melancholie durchzieht diese intensiven Geschichten, die alle miteinander verzahnt sind und so aus ganz unterschiedlichen Perspektiven von tiefen Sehnsüchten nach Selbstbestimmung erzählen. Lasst Euch davon verzaubern! (Stefanie Hetze)
Selten begeistert ein Buch uns bei Dante alle in gleicher Weise. Das gute Benehmen ist so ein Ausnahmeroman, ein gnadenlos-bissiger Pageturner um eine sehr spezielle Familie und ihre Hausangestellten. Ich-Erzählerin ist Aroon St. Charles, Tochter aus verarmtem anglo-irischem Adel. Groß und kräftigt prescht sie durchs Landleben, isst gerne viel, fährt rasend schnell Fahrrad, reitet ungestüm auch schwierige Pferde. Gerne wäre sie klein, dünn und flachbrüstig, wie es die Mode der Zwanziger vorsieht. In der Zeitung liest sie nur Pferdewetten und Gesellschaftsseiten. Bildung, Musik und Bücher sind im Elternhaus verpönt. Aroons kalte Mutter verweigert jegliche Haus- und Carearbeit, der Vater ist Jäger und ein notorischer Frauenheld. Allein die äußere Fassade zählt. Die Contenance reicht so weit, dass die Mutter selbst als Aroons jüngerer Bruder verunglückt, erst einmal Rosen schneidet . . . Meisterlich balanciert Molly Keane aus, wie das unbedingte Festhalten an äußerlicher Etikette Menschen, die eigentlich an ihren desaströsen Lebensumständen verzweifeln müssten, Halt gibt, ihnen aber andererseits jegliche Chance auf ein Glück nimmt. Dreh- und Angelpunkt ist ein queeres, für alle Beteiligten unglückliches Liebesdrama, das die Autorin mit all seinen Konsequenzen kunstvoll ausbreitet. Bettina Abarbanell hat Das gute Benehmen und dessen raffinierte Andeutungen des Unaussprechlichen in eine atemberaubend geschliffene Sprache übertragen. (Stefanie Hetze)
Was haben die Überfischung des Bodensees im Mittelalter, das langsame Aussterben der Sumpfschildkröte in den Rheinauen und ginsterbepflanzte Böschungen an NS-Autobahnen miteinander zu tun? Diese und viele weitere Fragen nach einem von Geschichte geformten und immer wieder überformten Naturbegriff wirft aktuell (noch bis zum 7.6.26) eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums Berlin auf. Begleitend erscheint in der Reihe Naturkunden des Matthes und Seitz Verlags eine Beitragssammlung, die historische Objekte mit neuen kulturhistorischen Selbstbestimmungsversuchen verschränkt. Von der „Grünkraft“ Hildegard von Bingens zur grünen Bürgerbewegung Ende der 1970er Jahre, spannt dieses Buch einen Bogen, der über 800 Jahre hinweg reicht und der Frage nachgeht, was genau wann gemeint und gewollt war, wenn in der Deutschen Geschichte von Natur die Rede war. Dieser weite Betrachtungswinkel führt notwendigerweise zu harten Kontrasten und einigen Unschärfen. Was hier jedoch außerordentlich gut gelingt, ist der enge Schulterschluss von Objekten, Geschichte und ihren Geschichten im Hinblick auf die Deutungshoheit über einen bis heute noch wenig angefassten Begriffes wie Natur. Die etablierten literarischen Verlage scheinen das museale Feld zu betreten. Herausgekommen ist ein Buch für alle, die Ausstellungen auch als literarische Form erkunden wollen. (Kerstin Follenius)