Valerio Curcio: Der Torschützenkönig ist unter die Dichter gegangen – Fußball nach Pier Paolo Pasolini

Aus dem Italienischen von Judith Krieg. Mit einem Vorwort von Moritz Rinke, Edition Converso 2022, 190 S., € 20,-
(Il calcio secondo Pasolini, Compagnia Editoriale Aliberti 2018, ca. € 21,80)

Nicht alle wissen, dass der berühmte, unvergessliche Schriftsteller und Regisseur ein leidenschaftlicher Fußballfan und -spieler war. Doch der Volkssport hat Pasolini sein Leben lang begeistert. Fußball war für ihn nicht nur ein Spiel, sondern auch eine die Menschen verbindende Sprache, die jedes Mal zum Ausdruck kommt, wenn ein Fuß den Ball berührt. Über diese Vorliebe berichtet der junge Autor Valerio Curcio. Eine Collage verschiedener Aussagen, Anekdoten, Fotos und Interviews, ist dieses Buch wie eine Wanderung zwischen Literatur und Sport, wobei die emotionale Beziehung zwischen Pier Paolo Pasolini und dem Fußballspiel meisterhaft dargestellt wird. Als Fan, aber auch als Sportjournalist beobachtete er den Fußball auf den kleinsten Spielfeldern bis hin zur Serie A. Manchmal bewunderte er die Ehrlichkeit eines Spiels irgendwo draußen, manchmal jubelte er seiner Mannschaft Bologna zu, manchmal betrachtete er mit soziologischer Aufmerksamkeit das Match im Stadion als den letzten heiligen Akt seiner Zeit. Fußball in seiner ursprünglichen Bedeutung. (Giulia Silvestri)

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Somerville & Ross: Durch Connemara

Mit dem Eselskarren in Irland. Aus dem Englischen und Herausgegeben von Elvira Willems. AvivA 2022, 160 S., € 20,-

Im Jahr 1890 beschließen zwei toughe Ladies aus dem irischen Landadel mit Pferd und Karren durch ihre Heimat zu fahren. Die beiden Frauen müssen einige Hindernisse überwinden, bis es endlich losgeht mit Picknickkorb, Revolver, großem Regenschirm und statt des Pferds einer eigenwilligen Eselin. Und dann nehmen sie uns mit zu einer abwechslungsreichen entschleunigten Reise quer durchs irische Connemara. Sie trotzen Wind, Regen und Hunden, verfahren sich und finden nicht immer ein Gasthaus. Sehr direkt, voller Selbstironie schildern sie ihre Erlebnisse, verknüpfen Begegnungen mit der Bevölkerung scharfzüngig mit historischen Ereignissen. Unter dem Namen Somerville & Ross bildeten die Cousinen 2. Grades Violet Martin und Edith Somerville ein eingespieltes Arbeitsteam als Reiseschriftstellerinnen. Zusammen formulierten sie Artikel und Bücher, die Edith mit ihren Illustrationen anreicherte. Ihre Biografien und vieles Mehr lassen sich in dem ausführlichen Nachwort von Elvira Willems nachlesen, sie geht auch der offenen Frage der Art der Beziehung der beiden nach. Very charming! (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Michela Tartaglia: Andere Länder, andere Sprüche

Mit Illustrationen von Daniele Simonelli. Aus dem Italienischen von Alexandra Titze-Grabec, Dumont 2022, 136 S., € 18,-
(Una mela al giorno. Proverbi e modi di dire dal mondo, Nomos Edizioni 2020, ca. € 27,80)

Redewendungen in fünf Sprachen lautet der Untertitel dieses äußerst ansprechenden Sprichwörterbuchs. So global die Welt auch geworden sein mag, Redensarten bleiben einzigartig. Während es im Deutschen Bindfäden regnet und im Französischen Seile, sind es im Englischen Katzen und Hunde, gießt es in Italien aus Waschschüsseln, nur getoppt von spanischen Kröten und Schlangen! Dagegen schauen all die fünf Sprachen einem geschenkten Gaul nicht ins Maul, suchen beim berühmten Haar in der Suppe jedoch länderspezifisch ganz andere Dinge an anderen Orten. Auf vergnügliche Weise lassen sich Vergleiche ziehen, Redewendungen anhand der charmanten Illustrationen erraten und spielerisch Idiome dieser Sprachen lernen. Bestens zum Verschenken geeignet. (Stefanie Hetze)

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Eisvogel und Lotusblüte. Vögel in Meisterwerken der japanischen Holzschnittkunst

Leporello mit 112 Farbabb. und 48-seitigem Booklet, Prestel 2022, € 25,-

Eisvogel und Lotusbluete von

Taschenbuchklein ist der hübsche Schuber, in dem sich ein Wunderwerk der Buchkunst verbirgt. 60 Farbtafeln werden von zwei seidenbezogenen roten Deckeln zusammengehalten, die sich zu einem meterlangen Leporello auseinanderziehen lassen, das die Kostbarkeit und Vergänglichkeit der Natur feiert. Vögel und Blumen werden in den klassischen farbigen Holzschnitten japanischer Meister in ihrer filigranen Schönheit präsentiert, dass es nur so eine Augenweide ist: Pfauen prunken da mit ihrem prächtigen Federnkleid, rotschnabelige Schwäne tummeln sich im blauen Wasser. Kakadus, Kraniche, Möwen, Eulen, Weidenzweige, Kamelien, Kirschblüten und vielerlei mehr an Pflanzen, Blüten und Vögeln lassen sich bewundern und studieren. Das beigelegte Booklet gibt einen informativen kunsthistorischen Überblick über die Epochen und Meister des japanischen Holzschnitts. Ein optisches Vergnügen nicht nur für Vogelkundler:innen! (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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Esther Kinsky: Rombo

Suhrkamp 2022, 267 S., € 24,-

Der Rombo – das ist das Geräusch, welches einem schweren Beben vorangeht, ein Grollen tief aus der Erde kommend, ursprünglich und unvergleichlich.
1976 wurde die Region der Friauler Alpen im Nordosten Italiens von zwei heftigen Erdbeben heimgesucht, viele Orte wurden vollständig zerstört. Esther Kinski hat die Erinnerungen verschiedener Zeitzeugen gesammelt, die damals zum Großteil noch Kinder waren, und diese in einem ausgewogenen Wechsel mit geologischen und zeithistorischen Erläuterungen sowie Informationen über Flora und Fauna, Legenden und Bräuche der Gegend kombiniert. Die immer kurzen Textstücke der Memoiren folgen locker der Chronologie der Ereignisse, die beschriebenen Ereignisse kreuzen, überlappen und ergänzen sich.
Das Ergebnis ist eine fesselnde Lektüre, wobei der Ton hier authentisch die Erzählenden widerspiegelt und dort durch die dichten, lyrischen Sätze der Autorin geprägt ist. Ein Sprachkunstwerk ohne ein Wort zu viel, von hypnotischem Rhythmus und kühler Eleganz. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Gunther Buskies / Jonas Engelmann (Hg.): Stereo Total’s Party Anticonformiste

10 Songcomics – Comics zu Lieblingssongs aus über 25 Jahren Bandgeschichte. Ventil Verlag 2022, 128 S., 25,- €

Als mich im Februar 2021 die Nachricht erreichte, Françoise Cactus sei verstorben, war ich sehr traurig. Sängerin, Schlagzeugerin, Liedermacherin vom feinsten, Radiomoderatorin einer meiner Lieblingssendungen, eine offenherzige, witzige Frau und nicht zuletzt Kreuzbergerin, über sie könnte man viel erzählen.
Dieses bunte Buch, mit Comics unterschiedlichster Autor*innen, ist eine Hommage an sie und ihre legendäre Band Stereo Total. Die Geschichte fing in der Adalbertstraße vor vielen Jahren an, als Françoise Cactus und ihr Partner Brezel Göring sich trafen… Es bleiben u.a. viele Lieder, die man noch hören kann, um dabei zu lachen, zu weinen, sich zu empören – oder auch überhaupt nichts zu fühlen… Eine Sache aber ist sicher: Diese Comic-Strips wurden mit großer Liebe, viel Fantasie und tollen Farben gemacht! (Giulia Silvestri)

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ATAK: Stillleben

Kunstmann 2022, 144 S. mit 8 heraustrennbaren Postern, € 38,-

Das Cover ist schon das einladende Entree zu einer farbenfrohen Ausstellung in Buchform: Satt leuchtende Blumen in einer Vase, ein Vogel, eine Libelle, eine lächelnde Mickey Mouse, die in diesem Tableau herumspaziert, das durch eine großflächige Prägung zusätzlichen haptischen Reiz gewinnt. Und schon geht es los zu einer visuellen Reise, die es in sich hat und große Freude bereitet. ATAK hat seine Schatzkisten geöffnet und präsentiert Lieblinge aus seinen speziellen Sammlungen, die er, dann wieder ganz klassisch, mit Blumen, Früchten, Tieren kombiniert. Vordergründig wirken diese schönen Schaubilder dekorativ-plakativ, doch verbergen sich jede Menge Details aus der Welt der Künste, der Comics, der Malerei, Musik, Literatur, des Films… Gekonnt mixt ATAK die Genres und schert sich keinen Deut um Hierarchien. Ziemlich „laut“ sind seine farbintensiven „Still-Leben“, „Hoch-“ und „Popkultur“ verschmelzen zu ganz eigenen Bilderwelten. Sie zu entschlüsseln macht großen Spaß, zumal ein ausführliches Bildverzeichnis die wichtigsten Bezüge verrät. (Stefanie Hetze)

Blick ins Buch

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Natasha Brown: Zusammenkunft

Aus dem Englischen von Jackie Thomae. Suhrkamp Verlag 2022, 113 S., € 20,-

Eine junge Frau, müde und nachdenklich, bereitet sich auf ein Familienfest vor. Sie trägt ihre Sachen zusammen, pflegt ihr Gesicht und denkt derweil darüber nach, wie Menschen werden, was sie sind, wie sie es wohl schaffen, konsequent zu bleiben, in einer Welt, in einem Land, in einer Gesellschaft, die auf verschiedenste Arten und Weisen die Menschen dazu zwingt, sich zu verbiegen. Wie kann die eigene Persönlichkeit wahrhaftig bleiben in einem Umfeld, das immer wieder danach verlangt, dass diskriminierte Frauen Teile ihres Selbst aufgeben, um sich besser anzupassen?
Dieses mutige, elegante und durch seine Kürze umso eindringlichere Buch schildert die beängstigende Haltlosigkeit, die eine schwarze britische Frau erfährt, nachdem sie sich über Jahre dem kapitalistischen System unterworfen hat und in ihm mitschuldig wird, als sie unter dem Druck der Verhältnisse eine lebensverändernde Entscheidung trifft. Ein unvergessliches Debüt, meisterhaft von Jackie Thomae ins Deutsche übersetzt. (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Jakub Małecki: Saturnin

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall, Secession Verlag 2022, 272 S., € 25,-

Saturnin, Mitte dreißig, alleinstehend, ehemaliger Gewichtheber und jetzt unscheinbarer Handelsvertreter mit einem unaufgeregten Leben in Warschau, erhält einen Anruf seiner Mutter. Großvater ist verschwunden, der 96-jährige hat ihr Auto genommen. Saturnin fährt in sein Heimatdorf und beginnt mit der Suche.
Nach und nach stellt er sich immer mehr Fragen. Sein Großvater ist ein verschlossener, drahtiger, stets arbeitender Mann. Aber was bedeutet das Foto, auf dem er ausgelassen lachend Trompete spielt? Und wer ist dieser Saturnin, dessen Namen Großvater ihm gegeben hat? Was ist passiert an dem Fluss, wo sie ihn nach langer Suche finden?
Schließlich erzählt der Großvater – zum ersten Mal – vom Krieg, von Angst, Verwundung und Schrecken, und von der Rache, die er nimmt, für die Ermordung seiner Schwester.
Saturnin ist ein Buch über Kriegstraumata und ihrer Auswirkungen bis in die Enkelgeneration hinein, über das Schweigen und die Notwendigkeit des Erzählens, gegen das Vergessen, gegen jeden Krieg.
Ein verstörendes, humanes, wichtiges Buch. (Syme Sigmund)

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Fatma Aydemir: Dschinns

Hanser Verlag 2022, 368 S., € 24,-

Der klassische Beginn einer Familientragödie: Der plötzliche Herztod des Vaters, der sich endlich seinen Traum erfüllt hatte, eine Eigentumswohnung in Istanbul, für die er jahrzehntelang in deutschen Fabriken geschuftet hatte, zwingt seine Frau und die weit zerstreut lebenden Töchter und Söhne zum Begräbnis in der Türkei zusammenzukommen. Die Familie hatte sich längst auseinandergelebt. Sehr unterschiedliche Träume, Geheimnisse und Realitäten prallen da bei Geschwistern und Mutter in dieser unpersönlichen Wohnung aufeinander, manche schaffen es auch nicht rechtzeitig, zur Beerdigung nach Istanbul zu reisen. Fatma Aydemir hat jeder ihrer Figuren eine eigene Identität und eine individuelle Stimme gegeben. Wie in einem Kammerspiel prallen da zum Teil unvereinbare Lebensentwürfe aufeinander, auch wenn die Menschen eng verwandt sind. Sie alle aber tragen die Verletzungen und Verwerfungen türkisch-kurdisch-deutscher Historie, aber auch von gender- und identitätspolitischen Debatten in sich und jede:r hat mit dem eigenen Dschinn, den eigenen inneren Dämonen,  zu kämpfen. Das ist ungemein rasant und dicht in einem atemlosen Sound erzählt, als wären wir mitten im Zwischendrin dieser Menschen, die scheinbar zufällig einer Familie angehören in dieser anonymen Wohnung und auf den erbarmungslosen Fernautobahnen Europas.  (Stefanie Hetze)

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