Übersetzt von Nicolas Baier, Bohem, 40 Seiten, 20 Euro
ab 3
Der Sommer ist da mit herrlichem Wetter und so heißt es wiedereinmal: Auf in die Berge! Doch die Begeisterung dafür ist nicht bei allen Familienmitgliedern gleich groß. Der Vater und die jüngere Tochter lieben die Bewegung, die Anstrengung und die Aufregung der Naturentdeckungen beim Wandern. Der ältere Sohn wiederum hat dafür sein ganz eigenes, vor allem ganz anderes Tempo. Entschleunigt und voller Muße für die kleinen Details lässt er sich treiben, pausiert ausgiebig und genießt einfach das Draußensein. Am Ende des Tages hatten alle eine außergewöhnliche Begegnung mit einem Fuchs – jede*r auf seine Art. Mit viel Liebe zum Detail und großer Genauigkeit fängt Sebastián Ilabaca auch die leisen Natur- wie Gemütsstimmungen ein. Eine wunderschöne Einstimmung für den nächsten Ausflug, die kommende Reise! (Jana Kühn)

Mit einem regelrechten Paukenschlag beginnt Christian Linker seinen umwerfenden Roman für Kinder: Tills Vater wird mit Polizei und Rettungswagen abgeholt, sein Hund Flocke wird ins Tierheim gebracht und der Junge selbst von einem Sozialarbeiter in eine Wohngruppe. Was genau an diesem Tag geschehen ist, enthüllt der Autor geschickt erst einiges später und auch nur Stück für Stück. Relativ schnell ist jedoch klar, dass Till und Flocke sich wohl von ganzem Herzen, aber ganz sicher kein gutes Zuhause hatten. In der Wohngruppe wiederum findet Till schnell Anschluss, Freundschaft sogar, um nicht zu sagen eine Wahlfamilie – nur Flocke vermisst er schmerzlich. Als Till seinen Hund endlich im Tierheim besuchen kann, ist dieser jedoch gerade an eine andere Familie weitergegeben worden. Was Till komplett aus der Bahn wirft, wird im Buch zum Auslöser einer rasanten erzählerischen Beschleunigung. Gemeinsam mit seinem neuen Freund Pawel folgt Till der Spur der neuen Hundefamilie bis an die holländische Nordseeküste, wo es zum spektakulären Showdown kommt. Es ist ein Kinderbuch, es braucht ein Happy End – dieses hier ist wirklich stimmig. Christian Linker erzählt berührend und spannungsgeladen von Kindern aus Familien in Schieflage, die ihren Weg finden gemeinsam mit Freund*innen und Wahlverwandschaften. Diesen mitreißenden Ferienschmöker mit Tiefgang legt niemand so schnell aus der Hand! (Jana Kühn)
Yunis ist gerade mit seinen Eltern in einem Berliner Altbau angekommen – ein Glücksfall, so eine Wohnung bekommt man eigentlich gar nicht mehr. Der Zehnjährige sieht das anders, denn nicht nur, dass er sein altes Zuhause vermisst, die neue Wohnung ist wirklich seltsam. Ständig gehen Sachen kaputt oder verschwinden, und immer soll Yunis an allem Schuld sein. Als Yunis die Ursache allen Übels kennenlernt, beginnt eine abenteuerliche Zeitreise ins Jahr 1897, denn dorthin muss das Gespenstermädchen Lotte dringend zurück, um seine Unschuld zu beweisen … Anschaulich und geschickt im Erzähltstrom verpackt, vermittelt der witzige Kriminalroman historisches Wissen nicht nur, aber auch über Berlin. Kinder erfahren, dass, was heute eine Etage mit mehreren Wohnungen ist, in der Kaiserzeit von einer einzigen Familie und ihren Hausangestellten bewohnt wurde. Dass Kinder wie Lotte hart arbeiten und ohne ihre eigene Familie leben mussten. Und dass es früher fast schon Kraftsport war, einen Teppich zu reinigen. Historische Details verschmelzen dabei sowohl in der Erzählung als auch in den Illustrationen von Barbara Jung gekonnt mit Elementen aus unserer Zeit. Ergänzt wird der Erzählteil durch ein Glossar, historische Fotos und Informationen sowie eine Übersicht zum Alfabet der Kurrentschrift, die eine nicht unwesentliche Rolle im Buch spielt. Gerade für Berliner Kinder birgt die Geschichte großen Wiedererkennungseffekt und Lesespaß und bald schon folgt Band 2 dieser neuen Reihe! (Jana Kühn)
Die Nachnamen Müller, Lange und Heinrich zählen zu den wohl häufigsten in Deutschland. Aber wie wieso heißen eigentlich so viele Familien so? Ausgehend vom frühen Mittelalter erfahren Kinder, dass die Menschen in dieser Zeit immer mehr wurden und bei gleichen Vornamen dennoch unterscheidbar bleiben mussten. Hans, der ein Müller war, wurde deshalb Hans Müller. Den großgewachsenen Hans nannte man Hans, der Lange. Und Hans, den Sohn von Heinrich, riefen alle Hans Heinrich. Einen Müller gab es in fast jedem Ort, Großgewachsene gab es immer schon viele, und Heinrich war als Vorname mindestens so häufig wie Hans. Das erklärt, warum diese Familiennamen so häufig existieren. Außerdem blickt Miro Poferl thematisch in unsere Gegenwart sowie in andere Sprachen. Miro Poferl gliedert das großformatige Sachbuch anschaulich in kurze und übersichtlichte Texte, zugängliche Infografiken sowie humorvolle Illustrationen. Kinder mit sicheren Lesekompetenzen manövrieren bestens allein durch die Seiten. Es bietet sich aber ebenso an, mit der ganzen Familie zu schmökern. Nach der interessanten wie lehrreichen Lektüre schauen Kinder sicherlich genauer auf die Namen ihrer Mitmenschen. (Jana Kühn)
Birdie hat ihre Eltern nie kennengelernt und wächst in einem Kinderheim auf, wo sie Freundschaft und Zugehörigkeit erfährt – eine liebevolle Wahlfamilie. Umso überraschender kommt die Nachricht des Adoptionswunsches ihrer bis dato unbekannten Großtante. Tieftraurig, unsicher, aber auch neugierig bricht das Kind in ein kleines Dorf der englischen Provinz auf. Der Empfang der Großtante ist abweisend, in der Dorfgemeinschaft und Schule erfährt Birdie noch deutlich Schlimmeres. Einziger Halt wird Mr. Duke, ein Grubenpony, das jedoch selbst in großer Gefahr schwebt. Geschickt verortet. J.P. Rose die Geschichte über das Pony in der Transformation des Kohlebergbaus im Nachkriegsengland. Zudem stattet sie ihre Protagonistin mit viel Mut und Gerechtigkeitssinn aus und lässt sie aus der eigenen Not heraus zur Retterin des tierischen Freundes werden. Mit Birdie erfahren Kinder, dass das Erleben von Ungerechtigkeit, Wut und Kraft freisetzen kann, die wiederum zu einer Veränderung führen können. Wie es der Autorin dabei gelingt, kindgerecht das Thema Rassismus nicht nur schrittweise in ihre Erzählung einzubinden, sondern dies auch noch in einer diskriminierungssensiblen Sprache, die dennoch jede Verletzung erspüren lässt ist große Kunst – gesellschaftskritische Geschichtserzählung und spannender Schmöker in perfekter Balance! (jk)
Hexe Hazel ist eine Figur, die man sofort ins Herz schließt. Ihre Pausbacken leuchten rot wie ihre Zipfelmütze. Sie ist tatkräftig, geduldig, aber auch mal mürrisch. Sie reitet keinen Besen, sondern fliegt auf Eule Otis. Darüber hinaus steckt die Magie ihrer Welt vor allem im Zauber der Natur. Kinder begleiten Hazel in vier Geschichten durch ein Jahr. So erleben sie den Wald in all seinen jahreszeitlichen Veränderungen und lernen Hazels Nachbarschaft aus Tieren, Wichteln und Elfen kennen. Und so vielen ist Hazel eine fürsorgliche Freundin, wie sie im Bilderbuche steht. Phoebe Wahl erzählt in klarer, eingänglicher Sprache vom freundschaftlichen Zusammenleben und lässt ihren Märchenwald dafür in nostalgischen Vintage-Farben strahlen. (Jana Kühn)
Wills Schuhe sind nicht nur auf gar keinen Fall cool, sie sind richtig oll. Genau wie alle seinen anderen Sachen auch. In der Schule wird er gehässig Ramschladen gerufen. Er wohnt mit seinem versehrten und arbeitslosen Vater in einer Gegend mit einschlägigem Ruf. Das Zuhause bleibt oft kalt, der Kühlschrank leer. Das war nicht immer so, aber je länger dieser prekäre Zustand Alltag ist, desto dünnhäutiger wird Will. Und irgendwann helfen selbst die einzigen beiden Lichtpunkte, sein bester Freund Cameron und das Zeichnen, nicht mehr darüber hinweg und Will droht allen Halt zu verlieren. In jeder Zeile des eindrücklichen Romans für Kinder liest sich mit, dass Tom Percival aus eigener Erfahrung genau weiß, wovon er schreibt. Detailreich sind nicht nur die beschwerlichen Lebensverhältnisse beschrieben, sondern ebenso die Strategien des Kindes davon abzulenken – Scham als grundsätzliches Lebensgefühl. Dennoch ist das Buch keinesfalls erdrückend in seiner Problematik, es zeichnet sich vor allem durch eine genaue emotionale Vielseitigkeit aus: das Glück gute Freund*innen um sich zu wissen, die tiefe Ruhe, die sich beim Zeichnen einstellt, der Stolz sich trotz aller Schwierigkeiten integer zu behaupten. Und wer Tom Percival bisher eher als Illustrator kannte, dem sei gesagt, dass auch dieses Buch mit stimmungsvollen Zeichnungen aus seiner Hand versehen ist. (Jana Kühn)
… und jede Menge Himbeereis! Ja, Eis spielt eine große Rolle in diesem herrlich sommerlichen Roman für Kinder, der ebenso mit gefühlvollem Tiefgang aufwartet. Den einmaligen Geschmack von Himbeereis wird Oma Rosa ihr ganzes Leben nicht vergessen. Das Rezept ihres Vaters für Blaubeereis fällt ihr aber beim besten Willen nicht mehr ein. Überhaupt vergisst sie in letzter Zeit ziemlich viel. Ihre Enkelin Ada bemerkt diese Veränderungen wohl, vor allem aber hat sie den mahnenden Ton ihrer eigenen Mutter im Ohr, dass Oma Rosa jetzt „anders“ sei und vieles nicht mehr alleine schaffe. Muss sie ja auch nicht, sie hat ja Ada, und die würde sofort mit Oma Rosa in das italienische Bergdorf aufbrechen, in dem Oma Rosa aufgewachsen ist und wo sie ganz sicher, sagt Oma, das Eisrezeptebuch ihres Vaters versteckt hat. Ihre ältere Schwester Rike hat Ada schnell von der Reiseidee begeistert … ihre Mutter leider gar nicht. Doch es geht trotzdem los und es wird aufregend und es wird himbeereisgut. Nora Hoch hat als Theaterpädagogin und Dramaturgin ein untrügliches Gespür für lebendige Dialoge und einen erzählerischen Spannungsbogen, der en passant die Demenz der Großmutter und die damit einhergehenden Herausforderungen an eine Familie aufgreift. Wie Ada und Rike ihre Oma Rosa nach Italien bringen und was es mit dem Eisrezeptebuch auf sich hat, ist in jedem Fall eine vergnüglich leichte Sommerlektüre, die im Gedächtnis bleibt. (Jana Kühn)
Wieder einmal sind die Ferien bei den Großeltern Ausgangspunkt großer Abenteuer … in diesem Fall im Norden Schottlands, wo sich Christopher natürlich nicht an das Verbot seines Großvaters hält, einen nahen Hügel zu erklimmen. Prompt öffnet sich dem außergewöhnlich tierlieben Jungen dort ein Übergang zu einer fantastischen Welt und er begegnet Mal, einem Mädchen, das vor einem Mörder flieht. Sie kann mit einem alten Mantel fliegen und beschützt einen jungen Greif – vielleicht den letzten seiner Art. Die Magie des Archipels scheint zu versiegen, etwas Dunkles steht bevor. Nicht nur der Greif, alle Fabelwesen sind in Gefahr, mit ihnen der gesamte Archipel. Allein das Unsterbliche verspricht Rettung, ist jedoch verschollen. Katherine Rundell vereint in ihrer enorm spannenden Trilogie Fabelwesen aus den Mythologien einmal rund um den Globus – eben Impossible Creatures. Neben Kindern sehr sicher bekannten Wesen wie Einhorn und Drache begegnen sie dem Al-mi’raj (ein gehörnter Hase), dem Lavellan (eine Art bösartige Spitzmaus) oder dem Mantikor (ein gefährlicher Löwe mit Skorpionschwanz). So entsteht mit dem Archipel eine Fabelwelt der Sonderklasse! (Jana Kühn)