Fatima Daas: Die jüngste Tochter

Aus dem Französischen von Sina de Malafosse, Claassen Verlag 2021, 192 S., € 20,-

(Stand Juli 2021)

»Ich heiße Fatima«: So beginnt jedes kurze Kapitel dieses autobiografischen Romans, der wie ein hypnotischer Singsang klingt. Wir lernen ein junges Mädchen kennen und begleiten sie auf ihrem Weg zur Selbstbestimmung. Fatima Daas, die jüngste Tochter algerischer Migranten in Frankreich, wächst in einem Elternhaus auf, in dem Liebe und Sexualität als Tabu gelten und Zärtlichkeiten vermieden werden. Sie lebt in dem größtenteils muslimischen Außenbezirk Clichy-sous-Bois und verbringt mehrere Stunden pro Tag in den öffentlichen Verkehrsmitteln, wo sie sich wie eine Touristin fühlt, die die Pariser Gebräuche beobachtet. Schon instabil in der Schulzeit, wird sie zur verhaltensgestörten Erwachsenen und macht vier Jahre lang eine Psychotherapie – ihre längste Beziehung. Aber als sie Abstand von ihrer Familie gewinnt und ihr eigenes Selbstbewusstsein entwickelt, setzt sie sich direkter mit ihrer Anziehungskraft auf Frauen auseinander und damit, wie diese mit ihrer Religion, die sie weiterhin praktiziert, zusammenpassen kann. Als Nina in ihr Leben tritt, weiß sie nicht genau, was sie braucht, hat aber das Gefühl, dass ihr etwas Wesentliches gefehlt hat. Brutal, ernst, berührend, klug: Dieses Buch ist eine Granate! Es wurde mit dem Internationalen Literaturpreis 2021 ausgezeichnet! (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Götz Aly: Das Prachtboot

S. Fischer 2021, 240 S., € 21,-

(Stand Juni 2021)

Feierlich und mit großem medialen Getöse wurde am 28. Mai 2018 das Herzstück der ethnologischen Sammlungen Berlins in das baulich noch zu vollendende Humboldt Forum manövriert und buchstäblich eingemauert: Das weltweit einmalige Luf-Boot – ein hochseetaugliches, mit Rudern, Segeln und kostbaren Schnitzereien versehenes Holzboot, das von einer dem heutigen Papua-Neuginea vorgelagerten Inselgruppe stammt, ehemalige Kolonie Deutsch Neuginea. Von dort „gelangte“ es als das letzte seiner Art und aus den Händen nur noch weniger Inselbewoher:innen 1903/04 in den Besitz der Berliner Museen. Dass diesem Transport zum Jahreswechsel 1882/83 eine verheerende Strafexpedition der kaiserlichen Marine vorausgegangen war, wird der Öffentlichkeit jedoch verschwiegen. Diese so, so ähnlich, in jedem Fall brutale und tausendfach verübte Praxis beschreibt und belegt Götz Aly anschaulich anhand zahlreicher Verzeichnisse, Biografien und Briefe so genannter Abenteurer und Forscher. Mit seinen Veröffentlichungen zum Nationalsozialismus und der Shoah wurde Aly zu einem der bekanntesten deutschen Historiker. Das Thema mag also erst einmal ungewöhnlich für ihn wirken, doch zum einen gibt es für Aly in diesem Fall sogar familiären Bezug, zum anderen ist das Thema der Beutekunst hochaktuell und erneut eines, von dem man zu lange so genau gar nichts wissen wollte – aber hätte können. Denn die von ihm benutzten Quellen sind öffentlich zugänglich.  Ein absolut lesenswertes Buch, das zornig macht und hoffentlich ein weiterer Stein des Anstoßes ist, endlich ehrliche Provenienzforschung zu betreiben, diese offen zu legen und bestenfalls Kunstwerke eben auch zurück zu erstatten. (Jana Kühn) Leseprobe

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Audre Lorde: Sister Outsider

Aus dem Englischen von Eva Bonné und Marion Kraft. Hanser Verlag 2021, 256 S., € 20,-

(Stand Mai 2021)

1984 kam die US-amerikanische Dichterin, Theoretikerin, und Aktivistin Audre Lorde für einen ersten Lehraufenthalt an der Freien Universität nach Berlin.  Bis sie 1992 ihrer Krebserkrankung erlag, verbrachte sie viele Aufenthalte in der Stadt und prägte die feministische wie Schwarze Szene im damaligen West-Berlin maßgeblich. Sie gilt als Vorreiterin eines intersektionalen Denkens, das Geschlecht, Sexualität, Race und Klasse nie getrennt voneinander betrachtet, und das erst heute und langsam in den Köpfen der Allgemeinheit ankommt. Als Schwarze, lesbische Dichterin, Mutter eines Sohnes und Partnerin einer weißen Frau wusste Lorde aus persönlicher Erfahrung von vielfacher Diskriminierung zu berichten, war sich aber gleichzeitig ihrer Privilegien gegenüber anderen Schwarzen Schwestern nur zu genau bewusst. In ihren Reden, Essays und Briefen kämpft sie gegen Rassismus und Sexismus. Sie engagiert sich darin für ein Miteinander in allen Unterschieden, darum einander respektvoll Zuzuhören, auch wenn es schwerfällt. Darum die Wut der Marginalisierten anzunehmen, sie nicht nur auszuhalten, sondern kreativ damit umzugehen – und zwar gemeinsam. Vehement wirbt sie um Solidarität. Das hat heute, da die identitätpolitischen Diskurse in einer breiten Gesellschaft angekommen sind, nichts an Aktualität verloren und lohnt fast 40 Jahre nach der ersten Veröffentlichung endlich in deutscher Übersetzung entdeckt zu werden.  (Jana Kühn) Leseprobe

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Vitomil Zupan: Menuett für Gitarre (zu 25 Schuss)

Aus dem Slowenischen und mit einem Nachwort von Erwin Köstler, Guggolz Verlag 2021, 597 S., € 28,-

(Stand Mai 2021)

Zwischen Prosa und Poesie, durch abwechselnde Erzählzeiten, wird die Geschichte des Partisans Jakob Bergant-Berk erzählt. Berk, der Hauptcharakter und Ich-Erzähler, offensichtlich ein Alter-Ego des Autors, beteiligt sich an der Widerstandsbewegung gegen die Unmenschlichkeit der Invasoren. Es sind die Jahre des slowenischen Partisanenkrieges gegen die italienische und deutsche Okkupation, des Widerstandes in den Bergen, dessen Motto lautet: „Es ist sehr wichtig, auf den Hügel zu kommen“. Berk erträgt die harte Disziplin, die schrecklichen Qualen, weil er glaubt, dass nur so menschliche Lebensbedingungen wiederhergestellt werden können. Dreißig Jahre nach dem Kriegsende wird die Erinnerung an dieses tragische Erlebnis durch eine zufällige Begegnung mit einem ehemaligen Wehrmachtsoffizier wiedererweckt.
Ein komplexer, trostloser Bericht über den Unsinn des Kriegs, ein vielschichtiger Roman über den Sinn des Lebens und die menschliche Natur, ein furioses, hochliterarisches Werk: Dies alles und noch viel mehr ist in diesem faszinierenden, ungewöhnlichen Buch zu finden. Noch eine großartige, meisterhaft edierte und gestaltete Entdeckung von Sebastian Guggolz! (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Shida Bazyar: Drei Kameradinnen

Verlag Kiepenheuer & Witsch 2021, 352 S., € 22,-

(Stand Mai 2021)

Die rot-goldenen Flammen auf dem Cover zündeln nicht dekorativ, sie machen klar, in diesem brennend aktuellen Roman gehts wirklich zur Sache.  Es hat gebrannt und Saya, eine der drei Kameradinnen, die seit ihren Kindheitstagen in der Siedlung am Rand der Kleinstadt befreundet sind, sitzt als Verdächtige einer islamistischen Tat im Gefängnis. Saya ist die Karrierefrau der drei, während Hani als ausgebeutete Sekretärin jobbt und Kasih, die Erzählerin, ohne Arbeit ist. Kasih versucht zu begreifen, was geschehen ist und holt dabei weit aus in Erinnerungen und Reflexionen. Sie berichtet von der Selbstverständlichkeit eines Alltagsrassismus, dem sie seit jeher ausgesetzt sind und von ihren unterschiedlichen Strategien, sich zu wehren.  Wie andere wollen auch sie an ihrem Heimatort ganz einfach mal ihren Spaß haben, gehen in Kneipen, auf Partys, in WG’s, treffen aber selbst in diesen aufgeschlossenen Kreisen auf Vorurteile und Hass. Unnachahmlich zieht uns die Autorin in die Gedankenwelt und Auseinandersetzungen der ausgegrenzten Freundinnen hinein, sie spricht uns direkt an und fordert uns raffiniert heraus, uns mit unseren eigenen Rassismen zu beschäftigen. Wegschauen geht nicht. Selten wirkt ein Roman so nach, erzeugt Empathie und fordert zum Handeln auf.  Einfach beeindruckend! (Stefanie Hetze) Leseprobe

Im sehr hörenswerten Podcast von RBB und LCB spricht die Autorin mit Anne-Dore Krohn und Thorsten Dönges über ihr Buch.

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Jenny Offill: Wetter

Aus dem amerikanischen Englisch von Melanie Walz, Piper 2021, 224 S., € 20,-
(Stand Mai 2021)

Lizzie lebt in New York, arbeitet nach gescheiterten akademischen Ambitionen als Bibliothekarin, hat einen Sohn, einen Mann, der sie liebt, und eine enge Beziehung zu ihrem Bruder, einem Ex-Junkie. Bei der Arbeit für einen Blog ihrer Freundin und ehemaligen Dozentin zur Klimakrise arbeitet sie sich zunehmend in die teils bizarren, teils nachvollziehbaren Gedanken der Prepper-Szene ein und stellt ihre eigene, für Katastrophen nicht gerüstete Lebensweise immer mehr in Frage. Zwischen Familienleben und Alltagssorgen legt sich die Zukunftsangst wie ein Tuch auf ihre Gedanken, und während ihre Freundin irgendwann Zuflucht in der menschenleeren Wüste sucht, bleibt sie doch wo sie ist, in der Gewissheit, dass es zum Handeln schon längst zu spät ist.
Offill entwirft in kaleidoskopartigen, kurzen, scheinbar zusammenhangslosen Textfetzen voller Lakonie und trockenem Humor ein Bild der Absurdität und Befremdlichkeit dessen, was gemeinhin als normal gilt, und liefert uns ein meisterhaft komponiertes, teils verstörendes, teils höchst amüsantes Panorama der Ängste, und des alltäglichen Wahnsinns der linksliberalen New Yorker Mittelschicht während der Trump-Ära, gefangen zwischen Klimakrise, Zukunftsangst, Psychotherapie und Yogakurs.
(Syme Sigmund) Leseprobe

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Lena Müller: Restlöcher

Edition Nautilus 2021, 128 S., € 18,-
(Stand April 2021)

Sando ist in einen jungen Mann verliebt, den er Fuchs nennt. Der Fuchs, ein mysteriöser Typ, hat ihn jedoch verlassen. Er ist einfach verschwunden, keiner weiß wohin. Noch während Sando ihm nachhängt, meldet sich seine Schwester: Auch ihre Mutter ist verschwunden. Sie hat eine rätselhafte Nachricht bei ihrem Vater hinterlassen: „Mach dir keine Sorgen, mir geht es gut“. Was nun? Die zwei Geschwister machen sich auf die Suche. Damit startet eine Fahrt in die Vergangenheit, in der die damals noch junge Mutter mit ihren zwei Kindern nach West-Berlin gezogen war, um ihre Träume zu erfüllen. In ruhigem Tempo und mit leiser Stimme erzählt Lena Müller die Geschichte einer Frau, die Mitte der Achtziger für ihre Unabhängigkeit kämpfte, als es so viel bequemer gewesen wäre, in der kleinbürgerlichen Sicherheit einer klassischen Kleinfamilie zu bleiben. Sie erzählt von Einsamkeit und Verlust und schildert dabei die vielschichtigen Gefühle, die entstehen, wenn eine Person sich entfernt, von den Dynamiken zwischen Geschwistern und von der Kraft geteilter Erfahrungen. Ist es möglich, über starke Emotionen zu schreiben und dabei nie laut zu werden? Anscheinend schon, dieser kompakte literarische Genuss beweist es. (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Jamaica Kincaid: Mein Garten(Buch)

Aus dem Amerikanischen von Renate Orth-Guttmann, Kampa Verlag 2021, 272 S., € 22,-
(Stand April 2021)

Unwiderstehlich, das Cover, auf dem die Farben und Formen wie in einem üppigen Blumenbeet leuchten und zu einem wunderschönen Ganzen verschmelzen, wie in einem phantastischen Garten, den die Schriftstellerin Jamaica Kincaid im Geiste vor sich sieht, vom sie aber auch nach vielen Jahren intensiver Gartenarbeit immer noch nicht genau weiß, wie er aussehen soll. Er liegt in Vermont, wo sich die Jahreszeiten stark unterscheiden und Kincaid in den Schneewintern, die alles überdecken, extrem leidet, die ihr aber gleichzeitig Raum geben, um ausgiebigst in Pflanzkatalogen zu stöbern und große Bestellungen auszulösen.  Da ist eine leidenschaftliche Gärtnerin am Werk, die nicht nur von ihren gärtnerischen Versuchen, den Überraschungen, dem Scheitern, ihren Erfolgen und der Schönheit der Pflanzen erzählt. Als Schriftstellerin, als Schwarze, die aus Antigua stammt, hinterfragt sie bei berühmten Gärten, Pflanzen und Gärtner:innen, über die sie liest und die sie besucht, allerdings auch die Geschichte, die dahinter steht und die oft eine der kolonialistischen Aneignung ist. Da werden komplexe weltumspannende Zusammenhänge deutlich, während es gleichzeitig um sehr persönliche „kleine” beglückende Gartenmomente geht. (Stefanie Hetze)

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Dmitrij Kapitelman: Eine Formalie in Kiew

Verlag Hanser Berlin 2021, 176 S., € 20,-
(Stand März 2021)

Mit acht Jahren kam Dmitrij Kapitelman mit seiner Familie nach Deutschland. Mittlerweile 25-jährig beschließt er, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, doch dafür braucht er eine „Apostille seiner Geburtsurkunde“, ein Dokument, das er nur in Kiew bekommen kann.
Daher macht er sich auf in die Stadt seiner Geburt, den Kopf voll guter Ratschläge seiner Verwandten, wie Korruption und Misswirtschaft am besten zu begegnen seien, Anleitungen zur besten Bestechungsweise inklusive.
Doch dann verläuft alles ganz anders als gedacht, auch weil sein kranker Vater für eine dringend notwendige Behandlung ebenfalls nach Kiew kommt. Mit viel Selbstironie erzählt Kapitelman von seinem stolpernden Ankommen in der Realität seines Herkunftslandes, mit amüsanter Sensibilität und großem Gespür für Pointen und nebenher geäußerte Wahrheiten von Begegnungen mit Freunden und Verwandten. Schließlich wird die zur Ausbürgerung unternommene Reise zu einer Reise, die ihn seinen Wurzeln wieder nahebringt.
Eine Bürokratieposse, ein Familienroman voll scharfsinniger, psychologisch genau beobachtender Situationskomik, ein sensibles Buch, das mit großer Leichtigkeit, ja fast zärtlich, mit Klischees und Vorurteilen spielt und dabei mit viel Wahrhaftigkeit die Lebensrealität aller Migranten zu verstehen hilft. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Claudia Durastanti: Die Fremde

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki, Paul Zolnay Verlag 2021, 304 S., € 24,-
(La straniera, La Nave del Teseo 2019, ca. € 24,-)
(Stand März 2021)

Claudia Durastanti erzählt in ihrem Buch „Die Fremde“, das es in Italien auf die Shortlist für den wichtigen „Premio Strega“ geschafft hat, ihre eigene Familiengeschichte. Die Eltern – beide gehörlos – reagieren auf ihre Einschränkung nicht mit Anpassung, sondern mit Rebellion. Die Mutter lebt vorübergehend als Ausreißerin auf den Straßen Roms, der Vater pfeift auf gesellschaftliche Normen. Claudia wird in Brooklyn geboren, wohin die Eltern zeitweilig auswandern, und kehrt nach deren Trennung mit Mutter und Bruder nach Italien, in ein kleines Dorf der Basilikata, zurück. Immer ist sie, sind sie „anders“, fällt die Mutter als laut und unkonventionell auf. Das Mädchen muss sich die von den Eltern nicht vermittelten Sprachen – erst Englisch, dann Italienisch – selbst aneignen und ihren Weg, der sie schließlich nach Rom und London führt, selbst finden. Doch das „Sichfremdfühlen“ bleibt ihr ständiger Begleiter.
Claudia Durastanti geht nicht chronologisch vor, sondern erkundet ihre Familie, indem sie Themen wie „Reisen“, „Gesundheit“ oder „Liebe“ nachspürt, eine Archäologin ihrer selbst. In einer überaus feinfühligen, mal lebendigen, mal poetischen Sprache verfasst, deren Sätze immer wieder kostbar funkeln, lässt dieses beeindruckende Buch niemals unberührt. (Syme Sigmund) Leseprobe

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