Xavier-Laurent Petit: Der Sohn des Ursars

Aus dem Französischen von Désirée Schneider, Knesebeck 2022, 240 S., € 15,-, ab 12

Ciprian ist der jüngste Sohn einer Roma-Familie, die seit Generationen als Ursari, als Bärenführer, durch Rumänien zieht. Als Dorfbewohnern sie wieder einmal bedrohen und vertreiben, lassen Sie sich auf das Angebot von zwei Männern ein, nach Paris gebracht zu werden. Doch die Schleuser zwingen sie dort, für sie als Diebe und Bettler zu arbeiten, um ihre „Schulden“ zurückzubezahlen. Das Leben in der Slumbaracke am äußersten Rand der Stadt scheint hoffnungslos, als Ciprian im Jardin du Luxembourg Schachspieler beobachtet. Das Spiel lässt ihn nicht mehr los und als zwei der Spieler seine ungewöhnliche Intelligenz und Begabung entdecken, wendet sich das Blatt.
Xavier-Laurent Petit hat es geschafft, eine hochspannende Geschichte zu erzählen, und gleichzeitig wichtige Themen wie Ausgrenzung, Vorurteile, Menschenhandel und Ausbeutung in sklavereiähnlichen Abhängigkeitsverhältnissen zu thematisieren. Jugendliche Leser:innen werden nach diesem Buch sicher mit anderen Augen auf die Roma auch in unseren Straßen blicken. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Elin Wägner: Die Sekretärinnen

Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn. Ecco Verlag 2022, 176 S., € 20,-

Stockholm, Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Zentrum des Romans steht die Icherzählerin Pegg. Ohne jede familiäre Unterstützung und stattdessen mit Verantwortung für ihren jüngeren Bruder muss sie zusehen, wie sie überhaupt im Leben klarkommt, finanziell und in der Liebe. Mehr als einen leider schlecht bezahlten Bürojob findet sie nicht. Ihre Rettung ist ein Sofaplatz in einer Frauen-WG, in der sie zusammen mit ihren drei Mitbewohnerinnen das Unerhörte wagt, trotz Armut als Frau selbstbestimmt und genussvoll zu leben. Es macht riesigen Spaß, diesen Debütroman zu lesen. Er ist flott und spritzig geschrieben. Mit Nonchalance, aber mit umso mehr Nachdruck flicht die Autorin wichtige Themen wie sexuelle Belästigung oder ungleiche Arbeitsbedingungen in Peggs, Babys, Evas und Emmys Erlebnisse und Gespräche ein. Ein Roman, heute immer noch aktuell, obwohl er 1908 erstmals in Schweden erschien. Wunderbar, dass dieser moderne Klassiker feministischer Literatur nach weit über 100 Jahren hier wieder zugänglich ist. Und das Cover von Hilma af Klint passt besonders schön! (Stefanie Hetze)

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Kirsten Boie: Heul doch nicht, du lebst ja noch

Oetinger 2022, 176 s., € 14,-, ab 13

Ende Juni 1945 im zerbombten Hamburg. Der Zweite Weltkrieg ist gerade vorbei, die Menschen kämpfen vordergründig mit dem Alltag zwischen Trümmern, mit Hunger, mit durch die vielen Einquartierungen engsten Wohnverhältnissen, aber eigentlich mit den neuen Verhältnissen als Besiegte und mit einem kompletten Wertewandel. Boie porträtiert wie in einem Brennglas drei Jugendliche, die sich auf der Straße fern der Erwachsenen begegnen:  im Mittelpunkt Jakob, dessen jüdische Mutter deportiert wurde, der das Ende des Kriegs nicht wahrgenommen hat, aber aus massivem Hunger sein Versteck in einer Ruine verlässt. Sein Gegenpol Hermann, Ex-HJ-Führer, der immer noch der NS-Ideologie anhängt und der zu seinem Ärger seinen beinamputierten Vater überallhin, auch auf die Toilette, tragen muss. Und dann noch Traute, eine Bäckerstochter, die sich nach Schule und Normalität sehnt und ihren Eltern Brot klaut. In ihrem spannenden zeitgeschichtlichen Roman, der für Jakob ein gutes Ende nimmt, erzählt Kirsten Boie in knappen Szenen abwechselnd aus den drei verschiedenen Perspektiven und von ihren so unterschiedlichen Problemen. Sie bewertet sie nicht. Zusätzlich ausgestattet mit einer Fülle von Erklärungen historischer Fakten können jugendliche Leser:innen selbst zu Einschätzungen dieser Zeit kommen und viele Verbindungen zum Heute ziehen. (Stefanie Hetze)

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Fatma Aydemir: Dschinns

Hanser Verlag 2022, 368 S., € 24,-

Der klassische Beginn einer Familientragödie: Der plötzliche Herztod des Vaters, der sich endlich seinen Traum erfüllt hatte, eine Eigentumswohnung in Istanbul, für die er jahrzehntelang in deutschen Fabriken geschuftet hatte, zwingt seine Frau und die weit zerstreut lebenden Töchter und Söhne zum Begräbnis in der Türkei zusammenzukommen. Die Familie hatte sich längst auseinandergelebt. Sehr unterschiedliche Träume, Geheimnisse und Realitäten prallen da bei Geschwistern und Mutter in dieser unpersönlichen Wohnung aufeinander, manche schaffen es auch nicht rechtzeitig, zur Beerdigung nach Istanbul zu reisen. Fatma Aydemir hat jeder ihrer Figuren eine eigene Identität und eine individuelle Stimme gegeben. Wie in einem Kammerspiel prallen da zum Teil unvereinbare Lebensentwürfe aufeinander, auch wenn die Menschen eng verwandt sind. Sie alle aber tragen die Verletzungen und Verwerfungen türkisch-kurdisch-deutscher Historie, aber auch von gender- und identitätspolitischen Debatten in sich und jede:r hat mit dem eigenen Dschinn, den eigenen inneren Dämonen,  zu kämpfen. Das ist ungemein rasant und dicht in einem atemlosen Sound erzählt, als wären wir mitten im Zwischendrin dieser Menschen, die scheinbar zufällig einer Familie angehören in dieser anonymen Wohnung und auf den erbarmungslosen Fernautobahnen Europas.  (Stefanie Hetze)

Leseprobe

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William Melvin Kelley: Ein Tropfen Geduld

Aus dem amerikanischen Englisch von Kathrin Razum, Hoffmann und Kampe 2021, 288 S., € 24,-

(Stand Januar 2022)

Ludlow Washington ist fünf Jahre alt, als seine Eltern ihn in ein Heim für blinde schwarze Kinder geben. Hier lernt er ein Blasinstrument zu spielen, um sich seinen Lebensunterhalt verdienen zu können, und erfährt erstmals auch rassistische Anfeindungen. Mit sechzehn – er hat sich zu einem außergewöhnlich begnadeten Jazz-Musiker entwickelt – wird er von einem Big-Band-Manager „freigekauft“, kaum 18 und frei, zieht es ihn nach Norden, nach New York, wo er zunächst sehr erfolgreich ist. Doch die rassistischen Strukturen der USA verfolgen ihn sein Leben lang.
Konsequent vom Standpunkt des seit seiner Geburt  blinden Musikers aus erzählt, für den Hautfarbe ein unbegreiflicher Begriff ist, wird umso klarer, wie blind Rassismus die Sehenden macht.
1965 im Original erschienen, ist dieser Roman eines lange vergessenen, hochmodernen Autors, der sowohl die Geschichte der Schwarzen in den USA als auch die Geschichte des Jazz in einer Figur vereint, jetzt glücklicherweise wieder zu entdecken.
(Syme Sigmund)

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Maria Attanasio: Stark wie nur eine Frau

Mit einem Nachwort von Monika Lustig. Aus dem sizilianischen Italienisch von Judith Krieg und Monika Lustig. Edition Converso 2021, 153 S., € 20,-

(Stand Januar 2022)

Sizilien Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts – für die Bevölkerung gab es keinerlei Spielräume. Je nach sozialer Zugehörigkeit war das Leben mehr oder weniger vorherbestimmt. Für Frauen war es noch schlimmer, selbst wenn sie dem Adel angehörten. Die Inquisition trieb dazu ihr unberechenbares Unwesen. Ducken und Mitmachen waren an der Tagesordnung, jedes Abweichen von der Regel lebensgefährlich. Und doch gab es mutige Frauen, die sich dem widersetzten. Maria Attanasio stellt in „Stark wie nur eine Frau“ zwei historisch belegte Frauen aus ihrer Heimatstadt Caltagirone vor, die sich, beide aus unterschiedlichen Klassen stammend, nicht beugten, sondern konsequent ihre eigenen Vorhaben verfolgten. Für beider revolutionärer Versuche in Richtung eines selbstbestimmten Lebens hat die Autorin ganz eigene Erzählweisen gefunden, die Dokumentarisches mit Fiktivem verknüpfen sowie Perspektiven von damals und heute aufeinander beziehen. Die herausragende Übersetzung von Judith Krieg und Monika Lustig verstärkt aufs Geschmeidigste diese anregende Beschäftigung mit sizilianischer Diversität von vor weit über 300 Jahren. (Stefanie Hetze)

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Annika Thor: Der Sohn des Odysseus

Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer, mit Illustrationen von Ishtar Bäcklund Dakhil. Urachhaus 2021, 352 S, € 19,-, ab 11

(Stand Januar 2022)

Was mag wohl Thelemakos während der Abwesenheit seines Vaters erlebt haben? Das erzählt Annika Thor in wunderbar frischem Ton. Wie er auf den Vater wartet, langsam erwachsen wird, die Hoffnung auf eine Rückkehr nicht aufgibt. Als die Situation sich zuspitzt, die Freier seiner Mutter immer dreister werden, muss er all seinen Mut zusammennehmen und für sein Leben, seine Zukunft einstehen. Die Abenteuer des Odysseus fließen über Träume in den Erzählfluss ein, und die großartigen Illustrationen ergänzen den Text aufs Schönste. Lange nicht wurde die Odyssee so spannend für Kinder nacherzählt. (Syme Sigmund)

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Timothy Snyder, Nora Krug: Über Tyrannei

Illustrierte Ausgabe. Aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Withensohn. Verlag C.H.Beck 2021, 128 S., € 20,-

(Stand Januar 2022)

„Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam“, mit diesem überaus wichtigen Appell gegen Obrigkeitshörigkeit, beginnt Timothy Snyders bereits 2017 erschienenes Plädoyer gegen Populismus und Autoritarismus. Die preisgekrönte Illustratorin Nora Krug hat aus Timothy Snyders 20 Lektionen für den Widerstand nun ein aufrüttelndes aufregendes Kunstwerk geschaffen. Collagen aus Snyders Texten, ihren großformatigen Zeichnungen, kleinen Vignetten und teils kolorierten Fotofundstücken aus diversen historischen Situationen und Ländern machen die Dringlichkeit, sich sofort und überall gegen Tyrannei und ihre Vorzeichen zur Wehr zu setzen, noch plastischer. Viel Stoff und Anregung zum politischen Handeln, gerade für Jugendliche und junge Erwachsene. (Stefanie Hetze) (Leseprobe)

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Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Fischer Verlag 2021, 432 S., € 24,-

(Stand November 2021)

Als Adina ihr Heimatdorf in den tschechischen Bergen in Richtung Berlin verlässt, ist sie voller Zuversicht. Deutsch lernen wird sie und studieren, ihren Weg machen. In Berlin lernt sie die selbstbewusste Rickie kennen, die ihr einen Job im Oderbruch vermittelt, wo ein Kulturzentrum entstehen soll, mit Fördergeldern der EU. Doch der, der die Gelder bewilligen soll, ist an Adina auf seine eigene Art interessiert. Vergewaltigt, misshandelt und traumatisiert findet Adina den Weg nach Finnland und muss all die ihr verbliebene Kraft aufwenden, sich nicht selbst zu verlieren und ihr Vorhaben, die Täter anzuzeigen, in die Tat umzusetzen.
Ein kunstvoll erzähltes Buch, das unter die Haut geht. In präzise, bisweilen poetisch formulierten Sätzen, in vier einander ergänzenden und aufeinander verweisenden Teilen, benennt es die Strukturen, die es möglich machen, dass – insbesondere osteuropäische – Frauen zu Sexualobjekten degradiert werden, handelt es von toxischer Männlichkeit, Machtmissbrauch und der Mitschuld derer, die wegschauen oder nicht gut genug hinsehen. Wer die blaue Frau ist, bei deren Auftauchen „die Erzählung innehalten muss“, sollte jede:r selbst für sich erlesen.
(Syme Sigmund)

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Douglas Stuart: Shuggie Bain

Aus dem Englischen von Sophie Zeitz, Hanser Verlag 2021, 494 S., € 26,-

(Stand Oktober 2021)

Shuggie ist ein zarter, höflicher und rücksichtsvoller Junge, der lieber mit seiner Puppe als mit anderen Jungs Fußball spielt. Vor allem aber liebt er seine schöne gepflegte Mutter Agnes, die ihr rasantes Äußeres wie eine Waffe gegen alle Widrigkeiten des Lebens und ihrer Mitmenschen einsetzt. In der britischen Upperclass wäre Shuggie wahrscheinlich gut aufgehoben, im Glasgow der Achtziger, in den elenden Wohnungen der Arbeiterfamilien, die in der Thatcher Ära nach dem Aus von Stahl und Bergbau kein Land mehr gewinnen können und allein auf Stütze, Kindergeld und das illegale Anzapfen von Stromzählern angewiesen sind, ist er trotz älterer Halbgeschwister auf sich gestellt. Alkohol, Gewalt und Perspektivlosigkeit bestimmen das Leben der Familien. Shuggies Vater macht sich feige aus dem Staub, seine Mutter will nicht klein beigeben und kämpft trotz ihrer alles dominierenden Alkoholsucht mit unglaublicher Energie für ein besseres Leben. Diese faszinierende Vitalität, dem Leben trotz aller depressiven Umstände etwas Schillerndes, Schönes abzutrotzen, das Agnes mit Leib und Seele verkörpert, feiert der Autor trotz ihres letztlichen Scheiterns in seinem aufsehenerregenden, mit dem BOOKER-Preis 2020 prämierten Debüt mit einer opulenten berührenden Sprache, die einen nicht mehr loslässt. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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