Giulia Caminito: Das Wasser des Sees ist niemals süß

Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner, Verlag Klaus Wagenbach 2022, 320 S., € 26,-

(L’acqua del lago non è mai dolce, Bompiani 2021, ca. 22,50 €)

Ein Roman, der uns mit Wucht in die Realität der italienischen Provinz katapultiert. Gaia, die Ich-Erzählerin, wächst unter prekärsten Bedingungen auf. Der Vater sitzt seit einem Schwarzarbeitsunfall querschnittsgelähmt passiv herum, während die kämpferische Mutter, eine Mamma Roma, alles mit Ach und Krach über Wasser hält. Mit Tricks schafft diese es, die Familie raus aus Rom in eine Kleinstadt mit vielen Wohlsituierten am Lago di Bracciano zu bugsieren. Für die Tochter beginnt ein enormer Spagat. Sie soll den Aufstieg schaffen, der ihrer Mutter verwehrt ist. Dazu muss sie lernen, noch mehr pauken und jeden Tag den langen Weg nach Rom in eine Reichenschule pendeln. Dabei will sie wie die anderen Dinge anhäufen und sich vergnügen.  Doch so sehr sie sich anstrengt, sie bleibt die bemitleidete Außenseiterin, der sich auch als Erwachsene die Türen versperren. Da hilft nur unbändige Wut, die sich vielfach gewaltsam entlädt. Wie Giulia Caminito die Bandbreite an aufgestauten und ausbrechenden Gefühlszuständen ihrer Protagonistin austariert, ist grandios, verstörend und enorm berührend. Glasklar und unmittelbar ist dazu die deutsche Übertragung von Barbara Kleiner – eine Lektüre, die nachhallt. (Stefanie Hetze)

Das bestelle ich!

Behzad Karim Khani: Hund, Wolf, Schakal

Hanser Verlag 2022, 288 S., € 24,-

Nach der Ermordung ihrer Mutter fliehen die jungen Brüder Saam und Nima zusammen mit ihrem Vater aus dem Iran nach Deutschland. Sie landen in Berlin-Neukölln: Dort finden die drei eine Wohnung und ihr „neues“ Leben fängt an. Der Vater ist viel unterwegs, er muss halt mehrere Jobs gleichzeitig ausführen, um die Familie versorgen zu können. Die Jungs müssen sich in der neuen Stadt durchkämpfen: Berlin ist kein Zuhause, willkommen fühlen sie sich dort nicht, gerade sicher nicht in dem trüben, arabisch-dominierten Stadtteil, den sie als eine fremde Welt wahrnehmen. Und so gerät Saam bald auf Abwege.
Behzad Karim Khani, Kreuzberger Superstar (er wohnt im Bezirk und betreibt eine Bar in der Reichenberger Straße) und jetzt auch Romanautor, schreibt mit Wut und Mitgefühl. Ehrlich, melancholisch, zum Teil brutal und immer ausdrucksstark. Dieses Debüt ist eines meiner Highlights des Jahres. Der Autor schreibt, als ob es keine Distanz zwischen ihm und den Leser:innen gäbe. Seine Sätze schlagen vielfach mitten ins Herz. Ein Gangsterroman der besonderen Art, in dem Toleranz ganz im Mittelpunkt steht. (Giulia Silvestri) Leseprobe und der Autor im Gespräch

Das bestelle ich!

Ann Petry: The Narrows

Aus dem amerikanischen Englisch von Pieke Biermann, Nagel & Kimche 2022, 544 S., € 28,-

Link ist ein junger Mann mit hervorragendem Universitätsabschluss, schön wie ein Adonis, einst Star der Footballmannschaft seines Colleges, brillant und sensibel. Doch in der Kleinstadt in der Nähe von New York Anfang der 1950er Jahre hilft ihm das wenig. Aufgewachsen als schwarzes Adoptivkind in der berüchtigten Gegend am Fluss, den Narrows, bei der ehemaligen Lehrerin Abbie Crunch, die stets Angst hat, etwas „racetypisches“ zu tun, und geprägt von Bill Hod, dem Boss der Unterwelt, der ihn unter seine Fittiche nimmt und ihm Stolz auf seine Herkunft vermittelt, arbeitet er als Barmann in Hod’s Kneipe The Last Chance.
Als Link eines Abends einer jungen weißen Frau begegnet, entwickelt sich eine leidenschaftliche Liebesaffäre zwischen den beiden, bis Link durch Zufall herausfindet, dass sie verheiratet ist, und zwar mit dem reichsten Mann des Städtchens. Von da an nimmt das unausweichliche Verhängnis in einer Melange aus verletztem Stolz, Klassendünkel und rassistischen Vorurteilen seinen Lauf.
Dieser Roman gilt als Petrys Hauptwerk, eine sensibel beobachtete Milieuschilderung, mit einem Panorama an charakterstarken Figuren und kunstvoller Verflechtung der verschiedenen Lebensgeschichten. Der Sound ihrer Sprache ist purer Jazz und die hervorragende Übersetzung von Pieke Biermann überträgt ihn auf beeindruckende Weise ins Deutsche. Fesselnde, ganz große Literatur. (Syme Sigmund)

Das bestelle ich!

 

Gayl Jones: Corregidora

Aus dem Amerikanischen von Pieke Biermann, Kanon 2022, 224 S., € 23,-

Die Vorfahrinnen der Protagonistin Ursa haben eine verheerende endlose Abfolge an rassistischer und sexualisierter Gewalt erlitten als Abhängige eines brutalen Sklavenhalters, der sie missbrauchte, vergewaltigte und ausbeutete. Das Einzige, was den Frauen blieb, war, dass ihre jeweilige Nachfahrin Zeugnis ablegen konnte von dem, was ihnen angetan worden war. Erst Ursa hat die Chance, ein selbstbestimmteres Leben zu führen als Bluessängerin. In ihren Songs singt sie vom Schmerz und der Schwarzen angetanen Gewalt und erfüllt so den Auftrag, das Vermächtnis weiterzugeben. Doch die sozialen und zwischenmenschlichen Verhältnisse lassen sie der Spirale aus Willkür, Rassismus und Sexismus nicht entkommen. Tief eingegraben ist sie in Psyche und Körper. Was für ein Buch! Es berührt, verstört und gräbt sich tief in eine/n ein. Pieke Biermann hat in ihrer grandiosen Neuübersetzung einen eigenen Sound für den Blues des 1975 erstmals erschienenen Originals gefunden. Im Nachwort gibt sie einen Einblick in die Herausforderung, diesen herausragenden Roman über das Erbe der Sklaverei zu übersetzen. Ein gefeierter Meilenstein Schwarzer Literatur ist endlich hierzulande zugänglich. (Stefanie Hetze) Leseprobe und Hintergrundinformationen

Joy Delanane liest aus Corregidora

Das bestelle ich!

Xavier-Laurent Petit: Der Sohn des Ursars

Aus dem Französischen von Désirée Schneider, Knesebeck 2022, 240 S., € 15,-, ab 12

Ciprian ist der jüngste Sohn einer Roma-Familie, die seit Generationen als Ursari, als Bärenführer, durch Rumänien zieht. Als Dorfbewohnern sie wieder einmal bedrohen und vertreiben, lassen Sie sich auf das Angebot von zwei Männern ein, nach Paris gebracht zu werden. Doch die Schleuser zwingen sie dort, für sie als Diebe und Bettler zu arbeiten, um ihre „Schulden“ zurückzubezahlen. Das Leben in der Slumbaracke am äußersten Rand der Stadt scheint hoffnungslos, als Ciprian im Jardin du Luxembourg Schachspieler beobachtet. Das Spiel lässt ihn nicht mehr los und als zwei der Spieler seine ungewöhnliche Intelligenz und Begabung entdecken, wendet sich das Blatt.
Xavier-Laurent Petit hat es geschafft, eine hochspannende Geschichte zu erzählen, und gleichzeitig wichtige Themen wie Ausgrenzung, Vorurteile, Menschenhandel und Ausbeutung in sklavereiähnlichen Abhängigkeitsverhältnissen zu thematisieren. Jugendliche Leser:innen werden nach diesem Buch sicher mit anderen Augen auf die Roma auch in unseren Straßen blicken. (Syme Sigmund) Leseprobe

Das bestelle ich!

Elin Wägner: Die Sekretärinnen

Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn. Ecco Verlag 2022, 176 S., € 20,-

Stockholm, Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Zentrum des Romans steht die Icherzählerin Pegg. Ohne jede familiäre Unterstützung und stattdessen mit Verantwortung für ihren jüngeren Bruder muss sie zusehen, wie sie überhaupt im Leben klarkommt, finanziell und in der Liebe. Mehr als einen leider schlecht bezahlten Bürojob findet sie nicht. Ihre Rettung ist ein Sofaplatz in einer Frauen-WG, in der sie zusammen mit ihren drei Mitbewohnerinnen das Unerhörte wagt, trotz Armut als Frau selbstbestimmt und genussvoll zu leben. Es macht riesigen Spaß, diesen Debütroman zu lesen. Er ist flott und spritzig geschrieben. Mit Nonchalance, aber mit umso mehr Nachdruck flicht die Autorin wichtige Themen wie sexuelle Belästigung oder ungleiche Arbeitsbedingungen in Peggs, Babys, Evas und Emmys Erlebnisse und Gespräche ein. Ein Roman, heute immer noch aktuell, obwohl er 1908 erstmals in Schweden erschien. Wunderbar, dass dieser moderne Klassiker feministischer Literatur nach weit über 100 Jahren hier wieder zugänglich ist. Und das Cover von Hilma af Klint passt besonders schön! (Stefanie Hetze)

Das bestelle ich!

Kirsten Boie: Heul doch nicht, du lebst ja noch

Oetinger 2022, 176 s., € 14,-, ab 13

Ende Juni 1945 im zerbombten Hamburg. Der Zweite Weltkrieg ist gerade vorbei, die Menschen kämpfen vordergründig mit dem Alltag zwischen Trümmern, mit Hunger, mit durch die vielen Einquartierungen engsten Wohnverhältnissen, aber eigentlich mit den neuen Verhältnissen als Besiegte und mit einem kompletten Wertewandel. Boie porträtiert wie in einem Brennglas drei Jugendliche, die sich auf der Straße fern der Erwachsenen begegnen:  im Mittelpunkt Jakob, dessen jüdische Mutter deportiert wurde, der das Ende des Kriegs nicht wahrgenommen hat, aber aus massivem Hunger sein Versteck in einer Ruine verlässt. Sein Gegenpol Hermann, Ex-HJ-Führer, der immer noch der NS-Ideologie anhängt und der zu seinem Ärger seinen beinamputierten Vater überallhin, auch auf die Toilette, tragen muss. Und dann noch Traute, eine Bäckerstochter, die sich nach Schule und Normalität sehnt und ihren Eltern Brot klaut. In ihrem spannenden zeitgeschichtlichen Roman, der für Jakob ein gutes Ende nimmt, erzählt Kirsten Boie in knappen Szenen abwechselnd aus den drei verschiedenen Perspektiven und von ihren so unterschiedlichen Problemen. Sie bewertet sie nicht. Zusätzlich ausgestattet mit einer Fülle von Erklärungen historischer Fakten können jugendliche Leser:innen selbst zu Einschätzungen dieser Zeit kommen und viele Verbindungen zum Heute ziehen. (Stefanie Hetze)

Blick ins Buch

Das bestelle ich!

Fatma Aydemir: Dschinns

Hanser Verlag 2022, 368 S., € 24,-

Der klassische Beginn einer Familientragödie: Der plötzliche Herztod des Vaters, der sich endlich seinen Traum erfüllt hatte, eine Eigentumswohnung in Istanbul, für die er jahrzehntelang in deutschen Fabriken geschuftet hatte, zwingt seine Frau und die weit zerstreut lebenden Töchter und Söhne zum Begräbnis in der Türkei zusammenzukommen. Die Familie hatte sich längst auseinandergelebt. Sehr unterschiedliche Träume, Geheimnisse und Realitäten prallen da bei Geschwistern und Mutter in dieser unpersönlichen Wohnung aufeinander, manche schaffen es auch nicht rechtzeitig, zur Beerdigung nach Istanbul zu reisen. Fatma Aydemir hat jeder ihrer Figuren eine eigene Identität und eine individuelle Stimme gegeben. Wie in einem Kammerspiel prallen da zum Teil unvereinbare Lebensentwürfe aufeinander, auch wenn die Menschen eng verwandt sind. Sie alle aber tragen die Verletzungen und Verwerfungen türkisch-kurdisch-deutscher Historie, aber auch von gender- und identitätspolitischen Debatten in sich und jede:r hat mit dem eigenen Dschinn, den eigenen inneren Dämonen,  zu kämpfen. Das ist ungemein rasant und dicht in einem atemlosen Sound erzählt, als wären wir mitten im Zwischendrin dieser Menschen, die scheinbar zufällig einer Familie angehören in dieser anonymen Wohnung und auf den erbarmungslosen Fernautobahnen Europas.  (Stefanie Hetze)

Leseprobe

Das bestelle ich!

 

 

William Melvin Kelley: Ein Tropfen Geduld

Aus dem amerikanischen Englisch von Kathrin Razum, Hoffmann und Kampe 2021, 288 S., € 24,-

(Stand Januar 2022)

Ludlow Washington ist fünf Jahre alt, als seine Eltern ihn in ein Heim für blinde schwarze Kinder geben. Hier lernt er ein Blasinstrument zu spielen, um sich seinen Lebensunterhalt verdienen zu können, und erfährt erstmals auch rassistische Anfeindungen. Mit sechzehn – er hat sich zu einem außergewöhnlich begnadeten Jazz-Musiker entwickelt – wird er von einem Big-Band-Manager „freigekauft“, kaum 18 und frei, zieht es ihn nach Norden, nach New York, wo er zunächst sehr erfolgreich ist. Doch die rassistischen Strukturen der USA verfolgen ihn sein Leben lang.
Konsequent vom Standpunkt des seit seiner Geburt  blinden Musikers aus erzählt, für den Hautfarbe ein unbegreiflicher Begriff ist, wird umso klarer, wie blind Rassismus die Sehenden macht.
1965 im Original erschienen, ist dieser Roman eines lange vergessenen, hochmodernen Autors, der sowohl die Geschichte der Schwarzen in den USA als auch die Geschichte des Jazz in einer Figur vereint, jetzt glücklicherweise wieder zu entdecken.
(Syme Sigmund)

Das bestelle ich!

Maria Attanasio: Stark wie nur eine Frau

Mit einem Nachwort von Monika Lustig. Aus dem sizilianischen Italienisch von Judith Krieg und Monika Lustig. Edition Converso 2021, 153 S., € 20,-

(Stand Januar 2022)

Sizilien Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts – für die Bevölkerung gab es keinerlei Spielräume. Je nach sozialer Zugehörigkeit war das Leben mehr oder weniger vorherbestimmt. Für Frauen war es noch schlimmer, selbst wenn sie dem Adel angehörten. Die Inquisition trieb dazu ihr unberechenbares Unwesen. Ducken und Mitmachen waren an der Tagesordnung, jedes Abweichen von der Regel lebensgefährlich. Und doch gab es mutige Frauen, die sich dem widersetzten. Maria Attanasio stellt in „Stark wie nur eine Frau“ zwei historisch belegte Frauen aus ihrer Heimatstadt Caltagirone vor, die sich, beide aus unterschiedlichen Klassen stammend, nicht beugten, sondern konsequent ihre eigenen Vorhaben verfolgten. Für beider revolutionärer Versuche in Richtung eines selbstbestimmten Lebens hat die Autorin ganz eigene Erzählweisen gefunden, die Dokumentarisches mit Fiktivem verknüpfen sowie Perspektiven von damals und heute aufeinander beziehen. Die herausragende Übersetzung von Judith Krieg und Monika Lustig verstärkt aufs Geschmeidigste diese anregende Beschäftigung mit sizilianischer Diversität von vor weit über 300 Jahren. (Stefanie Hetze)

Das bestelle ich!