Jean Rhys: Guten Morgen, Mitternacht

Aus dem Englischen von Grete Felten, mit einem Vorwort von A.L. Kennedy, Kampa Verlag 2021, 272 S., € 22,-
(Stand April 2021)

Sasha, 25 Jahre jung, ist wieder in Paris. Hier verbrachte sie die Tage ihrer großen Liebe, hier hangelte sie sich von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob, hier war sie schwanger und verlor ihr Kind. Nun soll sie hier – finanziell von einer Freundin großzügig unterstützt und nachdem sie in London ihre Trauer im Alkohol zu ertrinken versucht hatte – wieder neuen Lebensmut fassen. Die junge Frau lässt sich treiben, sucht Bars auf, in denen die Kellner sie möglichst nicht von früher kennen, trinkt weiterhin zu viel, trifft Männer, die sie hin- aber nicht wichtig nimmt. Erinnerungen an die glücklichen Tage wechseln sich ab mit der Erzählung des Jetzt, impressionistisch-assoziativ, in Sätzen so flüchtig wie Flügelschläge von Schmetterlingen, die doch schwer wiegen und voller Zwischentöne sind. Der Bericht einer jungen, unabhängigen, desillusionierten Frau am Abgrund. Große Literatur, erschienen 1939, von einer Autorin, die es unbedingt weiter wieder zu entdecken gilt. (Syme Sigmund)

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Martina Wildner: Der Himmel über dem Platz

Beltz Verlag 2021, 218 S., € 13,95, ab 11
(Stand April 2021)

Jo ist richtig gut beim Fußball, deshalb findet vor allem ihr ehrgeiziger Vater, dass die Mädchenmannschaft sie nicht mehr richtig fördert. In den besten Verein der Stadt soll sie wechseln und mit den Jungs trainieren. Jo findet die Idee schon ok, auch weil sie ja mal Profifußballerin werden will. Als aber die Jungs in der neuen Mannschaft sie nicht ernst nehmen und mobben, als die Freundinnen der alten Mannschaft sich verraten fühlen und sie meiden, ist sie gar nicht mehr sicher, dass der Wechsel eine so gute Idee war. Ihre Selbstsicherheit schwindet auch, so dass ihr im Spiel früher undenkbare Fehler unterlaufen, und vor allem der arrogante Star bei den Jungs macht ihr jedes Training zur Hölle. Wie Jo unerwartete Unterstützung auf verschiedenen Seiten findet und sich schließlich doch noch alles zum Guten wendet, ist spannend und temporeich erzählt.
Ein authentisches Buch über Geschlechterstereotype, Mobbing und Rollenzwänge sowie vor allem über ein starkes Mädchen, das seinen Traum verwirklicht, gegen allen persönlichen und gesellschaftlichen Widerstand, denn „das Ziel ist das Ziel“. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Jamaica Kincaid: Mein Garten(Buch)

Aus dem Amerikanischen von Renate Orth-Guttmann, Kampa Verlag 2021, 272 S., € 22,-
(Stand April 2021)

Unwiderstehlich, das Cover, auf dem die Farben und Formen wie in einem üppigen Blumenbeet leuchten und zu einem wunderschönen Ganzen verschmelzen, wie in einem phantastischen Garten, den die Schriftstellerin Jamaica Kincaid im Geiste vor sich sieht, vom sie aber auch nach vielen Jahren intensiver Gartenarbeit immer noch nicht genau weiß, wie er aussehen soll. Er liegt in Vermont, wo sich die Jahreszeiten stark unterscheiden und Kincaid in den Schneewintern, die alles überdecken, extrem leidet, die ihr aber gleichzeitig Raum geben, um ausgiebigst in Pflanzkatalogen zu stöbern und große Bestellungen auszulösen.  Da ist eine leidenschaftliche Gärtnerin am Werk, die nicht nur von ihren gärtnerischen Versuchen, den Überraschungen, dem Scheitern, ihren Erfolgen und der Schönheit der Pflanzen erzählt. Als Schriftstellerin, als Schwarze, die aus Antigua stammt, hinterfragt sie bei berühmten Gärten, Pflanzen und Gärtner:innen, über die sie liest und die sie besucht, allerdings auch die Geschichte, die dahinter steht und die oft eine der kolonialistischen Aneignung ist. Da werden komplexe weltumspannende Zusammenhänge deutlich, während es gleichzeitig um sehr persönliche „kleine” beglückende Gartenmomente geht. (Stefanie Hetze)

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Mithu M. Sanyal: Identitti

Hanser Verlag 2021, 432 S., € 22,-
(Stand März 2021)

Saraswati, die von ihren Studierenden angebetete Star-Professorin für Postkoloniale Studien, ist in Wirklichkeit weiß. Gerade Nivedita, ihrer Lieblingsstudentin, die enorm viel von Saraswati gelernt hat, zieht es den Boden der eigenen Identität unter den Füßen weg. Dazu tobt das Internet in einem Shitstorm: Ist es kulturelle Aneignung? Ist es Identitätsdiebstahl? Oder ist transrace das neue transgender? Rachel Dolezal und Jessica Krug sind nur wenige Jahre vergangene und reale Fälle aus den USA, die Mithu M. Sanyal zu ihrem Roman inspiriert haben. Wie würde ein solcher Fall in Deutschland bewertet werden? Diese theoretische Frage stellte sie bekannten Kolleg:innen in den (sozialen) Medien, die ihr zahlreich antworteten und deren Zitate im Original in den Roman einfließen. Dies ist nur eine Besonderheit des literarischen Debüts der bisher als Journalistin und Essayistin bekannten Autorin. Aber Identitti ist ein einziges Feuerwerk: ein Debattenroman, denn es wird wahrlich hart diskutiert, ein Entwicklungsroman, denn Nivedita ist bei aller Theorie in ihrer verzweifelten Verwirrung samt Liebeskummer und Eifersucht dennoch eine glaubwürdige Figur. Und dazu ein verdammt kluger Unterhaltungsroman für alle, die ihren Grundkurs in sex, gender & race schon hinter sich haben! (Jana Kühn) Leseprobe

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Bernardine Evaristo: Mädchen, Frau, etc.

Aus dem Englischen von Tanja Handels, Tropen 2021, 512 S., € 25
(Originalausgabe: Girl, Woman, Other, Penguin Books 2020, 464 S., € 12,50)
(Stand März 2021)

12 Frauen, 12 Geschichten. Eine davon ist Winstom, deren Lieblingsdichterin die in Guyana geborene Lyrikerin Grace Nichols ist. Die in dem Buch zitierte Gedichtzeile „We the women/whose praises go unsung/whose voices go unhead“, kann als Motto des Romans verstanden werden. Bernadine Evaristo, die für dieses Buch mit dem Booker Preis 2019 ausgezeichnet wurde, entwirft 12 Charaktere und gibt damit girl, woman and other unterschiedlicher Generationen eine Stimme. Die Protagonist*innen, alle POC sind Feministinnen, sind politisch engagiert, lieben lesbisch oder heterosexual oder entscheiden sich für nicht binäre geschlechtliche Identitäten. Manche sind verheiratet und haben Kinder, einige kämpfen mit ihrer Karriere, alle ringen mit der Frage, wie sie leben wollen. In einer Rede „The danger of a single story“ erklärte die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, wie wichtig es ist polyphone Geschichten zu erzählen, um Misrepräsentationen und Stereotype zu vermeiden. Bernadine Evaristo hat diesen Gedanken in einer reichen vielstimmigen Sprache fulminant umgesetzt, und dem Konzept der Intersektionalität eine literarische Stimme gegeben. Die Lebenswege dieser Personen sind unvorhersehbar und werden immer wieder unvermutet miteinander verflochten, so dass die Leser*in stets aufs Neue überrascht wird. Die oben genannte Winstom beispielsweise migrierte in den 50er Jahren nach England; Jahrzehnte später, zurück in Barbados, wird sie ihrer Enkeltochter wie schwer es für sie in und ihren Mann Clovis als POC in England war. Der Roman ist fantastisch zu lesen, er ist aber auch ein Beispiel dafür wie politische Informiertheit zusammengehen kann mit einer ausgetüftelten literarischen Sprache. Um es mit Megan, einer der Akteur*innen zusammenfassen: woke. (Veronika Springman)

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Esther Becker: Wie die Gorillas

Verbrecher Verlag 2021, 160 S., € 19,-
(Stand März 2021)

Was bedeutet es, als Frau aufzuwachsen? Was bedeutet es, den eigenen Körper beim Erwachsenwerden von innen zu spüren, während er gleichzeitig von außen betrachtet wird? Welchen Einfluss hat die Gesellschaft auf die Entwicklung eines Wesens, wie wird ein Mädchen ihre Rolle in der Welt richtig spielen? In knappen Kapiteln befasst sich die namenlose Protagonistin mit diesen Fragen. Erzählt wird ihr Leben, begleitet von zwei Kindheitsfreundinnen, die sich mit ähnlichen Fragen konfrontieren.
Es geht um Freundschaft, Familie, Körperlichkeit, psychisches Leiden, Selbstbewusstsein, Selbstermächtigung. In ihrem Debütroman schafft Esther Becker etwas Seltenes: In klarer, eingängiger Sprache zu schreiben über tiefe, manchmal peinliche Gefühle, die jede Frau kennt, dennoch gar nicht leicht auszudrücken sind. Dieses Buch ist ein Trost für schwierige, einsame Zeiten: Jemand war schon da, wir haben uns alle falsch, hässlich, nicht dazugehörend, beurteilt gefühlt. Manchmal geht es uns noch genau so, wie damals. Und immerhin sind wir nicht alleine. (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Tove Ditlevsen: Kindheit

Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein, Aufbau Verlag 2021, 118 S., € 18,-
(Stand März 2021)

Kopenhagen in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Tove Ditlevsen wächst in ärmlichen Verhältnissen im Arbeiterviertel Vesterbro auf. Der Vater, von Beruf Heizer und überzeugter Sozialist, wird früh arbeitslos, die Mutter ist gefühlskalt, dem Mädchen oft ein Rätsel. In der Schule und im Hof gilt das sensible, scheue Kind, das früh das Lesen entdeckt und heimlich Gedichte schreibt, als seltsam. Schonungslos, in einer konzentrierten nüchternen Prosa, beschreibt die Autorin ihre als nicht glücklich und bedrückend empfundene Kindheit in einem Umfeld, das für Mädchen Bildung nicht als notwendig ansah, und öffnet gleichzeitig den Blick, in eine Welt, die noch nicht lange vergangen ist und doch nicht mehr in dieser Form besteht. Toves Kindheit endet mit 14 Jahren. Das Gymnasium wird ihr von den Eltern verwehrt, sie muss ihre erste „Stelle“ antreten.
Diltevsens autobiografisch inspiriertes, faszinierendes Werk ist unbedingt lesenswert. Sie gilt als Wegbereiterin von Autorinnen wie Annie Ernaux oder auch Deniz Ohde. Die beiden zur Trilogie gehörenden Bände „Jugend“ und „Abhängigkeit“ werden gleichfalls in Kürze erscheinen. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Eleonora Marangoni: E siccome lei

Feltrinelli 2020, pp. 256, € ca. 21,80
(aggiornato marzo 2021)

9788807034169

Monica Vitti: sono in pochi a non conoscerla. Il suo nome evoca tanti volti di donne, personaggi spigolosi, sfuggenti, comici o sofferti di film indimenticabili. In occasione dell’ottantanovesimo compleanno di una delle più grandi Signore del cinema italiano Eleonora Marangoni regala a lei e a tutti i suoi osservatori questo libro magico, intriso della grazia enigmatica del volto di Monica. Si tratta di una serie di “Finzioni”, per dirlo con Borges, rappresentazioni a volte romanzate, altre volte fedelmente trasposte, delle numerose donne interpretate dall’attrice. Ci sono quasi tutte, da Assunta (La ragazza con la pistola), a Claudia (L’Avventura), passando per Dea (Polvere di stelle), Giuliana (Deserto rosso) e arrivando a Margherita (Scandalo segreto). Leggere queste pagine è un modo delizioso per celebrare Monica Vitti, scomparsa dalle scene da decenni, ma sempre presente negli occhi e nei ricordi di chi non può dimenticare il suo sguardo e la sua voce. (Giulia Silvestri)

Lo voglio ordinare!

Stefano Massini: Das Buch der fehlenden Wörter

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki, mit Illustrationen von Magda Wei, Hanser Verlag 2020, 256 S., € 26,-
(Dizionario inesistente, Mondadori 2018, ca. € 24,-)
(Stand März 2021)

Massini_Stefano_Das_Buch_der_fehlenden_Wörter_Danteperle_Dante_ConnectionWir alle kennen Stimmungen, die wir nicht näher beschreiben können. Auch für Stefano Massini war der Auslöser für sein Kompendium ausgedachter Wörter eine unartikulierbare Gefühlskrise, aus der er erst herausfand, als er sich neue Begriffe dafür ausdachte. Damit ward die Idee für diese außergewöhnliche Wörter- und Geschichtensammlung geboren. Massini schuf fantastische Worte, indem er sich von historischen Ereignissen und Persönlichkeiten wie Dorothy Parker, Rosa Parks oder der Shackletonexpedition, aber auch von literarischen Figuren wie Swifts Gulliver inspirieren ließ. Er erfand Begrifflichkeiten wie die „Parksiade“, „Dottienz“, „questisch“ oder die „Gulliverose“. Was es mit ihnen auf sich hat, erzählt er höchst abwechslungsreich wie in einem Füllhorn, das zudem fantasievoll illustriert ist.
Eine vergnügliche Anregung, selbst kreativ zu werden und sich eigene Wortschöpfungen auszudenken, die vielleicht in unser aller Sprachgebrauch übergehen werden wie die Silhouette oder die Hortensie! Denn „Sprache ist eine lavaartige Materie, in ständiger Bewegung.“ (Stefanie Hetze)

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Johann Friedrich Naumann: Die Vögel Mitteleuropas

Eine Auswahl, herausgegeben und mit einem Essay versehen von Arnulf Conradi, Die Andere Bibliothek 2020, 520 S., 100 Abbildungen, € 39,-
(Stand März 2021)

Naumann die vögel Mitteleurop_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergDieser sorgfältig gestaltete Prachtband ist schon von außen ein Hingucker. Im Innern sind dann achzig wunderschöne, ganzseitige, großformatige Aquarelle des berühmten Ornithologen aus dem 19. Jahrhundert, ein Vorreiter seiner Zunft, zu entdecken, sowie im Anschluss ausführliche, sachkundige Portraits einzelner Arten, ihrer Eigenschaften, Nahrung, Feinde sowie – ein besonderes I-Tüpfelchen – die vielen verschiedenen Namen, unter denen sie bekannt sind (z.B. Turmfalke = Rötelweibchen oder Graukopf, Windweh oder Rüddelgeier, um nur einige zu nennen). Ein Buch zum Schauen, Blättern, Entdecken, Festlesen – und wieder Schauen, nicht nur für Vogelfans. (Syme Sigmund)

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