Nella Larsen: Seitenwechsel

Aus dem Amerikanischen von Adelheid Dormagen mit einem Nachwort von Fridtjof Küchemann, Dörlemann 2021, 224 S., € 20,-

Irene und Clare sind im gleichen Viertel aufgewachsen. Sie haben afroamerikanische Wurzeln, die nicht auffällig sind. Beide Frauen sind hellhäutig, womit sie sich als Schwarze in den Vereinigten Staaten der 1920er Jahre gewisse Privilegien erlauben können, zum Beispiel die Seite wechseln und sich als Weiße präsentieren. Genau das tut Clare, indem sie einen reichen weißen Rassisten heiratet, der nichts über ihre Herkunft weiß. Irene dagegen lebt mit ihrem Mann in Harlem und befasst sich intensiv mit der politischen Lage der Gemeinde.

Die Wege der zwei Frauen haben sich längst getrennt, als eine zufällige Begegnung in einer Teestube sie wieder in Kontakt miteinander bringt. Schnell erblüht ihre alte Freundschaft, allerdings ist nicht alles eitel Sonnenschein …

In einer schnellfließenden, leicht zu lesenden Prosa berichtet Larsen über komplexe soziopolitische Themen, die immer noch relevant sind. Dieses Buch lässt sich auf einen Zug lesen und bleibt dann lange in den Gedanken. (Giulia Silvestri)

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Sophie Calle: Wahre Geschichten

65 Erzählungen und Fotografien. Aus dem Französischen von Sabine Erbrich, Suhrkamp Verlag 2021, 141 S., € 22,-

(Stand August 2021)

Gleich mit einer Urszene steigt die Künstlerin Sophie Calle in ihre Sammlung von Miniaturgeschichten ein, der Kindheitserinnerung, wie sie als Neunjährige einen Liebesbrief an ihre Mutter findet, von einem Mann, den sie für ihren wahren Vater hielt und den sie erfolglos zu enttarnen versuchte.  Ähnlich aufgeladen geht es weiter: Ums Klauen, um eine nicht stattgefundene Schönheits-Nasen-OP, einen Kellner, der der Fünfzehnjährigen ein sexuell aufgeladenes Dessert serviert, frühe Erfahrungen als Stripperin und komplizierten ersten Sex. Ganz beiläufig trocken, dann wieder zugespitzt und aufgebauscht erzählt sie von vermeintlich abwegigen und peinlichen Situationen, vom Lieben, Trennen, Sterben, Leben.  Die Leidenschaft und Hingabe, mit der die Künstlerin sich in ihre Selbstrecherchen und Erfahrungen stürzt und die sie mit Fotodokumenten als wirklich geschehen beweist, die aber nur als authentisch inszeniert sind – oder doch nicht? – steckt ungemein an. Es macht einen Riesenspaß, sich auf dieses raffinierte Spiel mit Wahrheit und Erfundenem einzulassen. (Stefanie Hetze)

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Elisabeth Steinkellner: Esther und Salomon

mit Fotos der Autorin und Illustrationen von Michael Roher. Tyrolia Verlag 2021, 336 S., € 19,95, ab 14

(Stand August 2021)

Esther ist mit ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester in den Ferien am Meer, die Eltern streiten viel, sie geht mit Flippa allein an den Strand. Als diese sich mit Aisha anfreundet, lernt sie deren Bruder Salomon kennen, und plötzlich sind da Schmetterlinge im Bauch, schleicht sie sich des Nachts heimlich raus, ist das Glück greifbar.
Im ersten Teil des Buches erzählt Esther ihre Geschichte, ergänzt von Polaroidfotos. Steinkellner schreibt in freien Versen, eindringlich, mit bisweilen fast leeren Seiten, die sich in der Schwebe mit Bedeutung füllen. Dass Salomon schwarz ist, erfährt man beiläufig und erst ganz am Schluss.
Im zweiten Teil, nach den Ferien, spricht Salomon. Er berichtet von seiner Sehnsucht nach Esther, der er Briefe schreibt, aber auch von seiner Familie, der Ermordung des Vaters, der traumatischen Fluchterfahrung, seiner Suche nach Halt. Hier begleiten Zeichnungen den Text, und auch hier bleibt die große Liebe dieser zwei Jugendlichen im Vordergrund, die so ist, wie die erste Liebe überall auf der Welt – authentisch, sehnsuchtsvoll, berührend und voller Poesie.
Elisabeth Steinkellner gelingt die schwierige Gratwanderung, große aktuelle Themen wie nebenbei einzuflechten – sensibel und ohne Pathos – und dabei einen wundervollen Liebesroman für Jugendliche zu schreiben. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Massimo Bertonasco: Gelato! Gelato! Die besten italienischen Eisrezepte

Mit Illustrationen von Larissa Bertonasco. Aus dem Italienischen und dem Englischen von Nicola T Stuart, Jacoby & Stuart 2021, 160 S., € 20,-

(Stand August 2021)

Wer mag Eis? Alle mögen Eis! Nicht nur Kinder (und Hunde und sogar manche Katzen!) würden gerne jeden Tag ein süßes, frisches Eis essen, sondern auch… ich. Als Tochter eines gelernten Gelatiere ist diese Köstlichkeit mein täglich Brot – und natürlich fand ich dieses Buch erst einmal suspekt.
Dann habe ich es aufgeschlagen und begonnen, darin zu lesen: Ein Juwel! Mit Leidenschaft, Stolz und Gutmütigkeit erzählt Massimo Bertonasco die Geschichte seines Berufes und wie sein Traum (Eismann zu werden) Wirklichkeit geworden ist. Es geht um die Tradition der Gelaterie in Italien wie auch um seine Familie. Dazu kommen noch bunte, wunderbare Illustrationen in den Farben des italienischen Sommers. Und am Schluss finden sich viele kluge Rezepte für hausgemachtes Eis… Ein kleines herzerfreuendes Wunder für den Rest dieses Sommers und die kommenden! (Giulia Silvestri)

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Fatima Daas: Die jüngste Tochter

Aus dem Französischen von Sina de Malafosse, Claassen Verlag 2021, 192 S., € 20,-

(Stand Juli 2021)

»Ich heiße Fatima«: So beginnt jedes kurze Kapitel dieses autobiografischen Romans, der wie ein hypnotischer Singsang klingt. Wir lernen ein junges Mädchen kennen und begleiten sie auf ihrem Weg zur Selbstbestimmung. Fatima Daas, die jüngste Tochter algerischer Migranten in Frankreich, wächst in einem Elternhaus auf, in dem Liebe und Sexualität als Tabu gelten und Zärtlichkeiten vermieden werden. Sie lebt in dem größtenteils muslimischen Außenbezirk Clichy-sous-Bois und verbringt mehrere Stunden pro Tag in den öffentlichen Verkehrsmitteln, wo sie sich wie eine Touristin fühlt, die die Pariser Gebräuche beobachtet. Schon instabil in der Schulzeit, wird sie zur verhaltensgestörten Erwachsenen und macht vier Jahre lang eine Psychotherapie – ihre längste Beziehung. Aber als sie Abstand von ihrer Familie gewinnt und ihr eigenes Selbstbewusstsein entwickelt, setzt sie sich direkter mit ihrer Anziehungskraft auf Frauen auseinander und damit, wie diese mit ihrer Religion, die sie weiterhin praktiziert, zusammenpassen kann. Als Nina in ihr Leben tritt, weiß sie nicht genau, was sie braucht, hat aber das Gefühl, dass ihr etwas Wesentliches gefehlt hat. Brutal, ernst, berührend, klug: Dieses Buch ist eine Granate! Es wurde mit dem Internationalen Literaturpreis 2021 ausgezeichnet! (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Ann Petry: Country Place

Aus dem amerikanischen Englisch von Pieke Biermann, Nagel & Kimche 2021, 320 S., € 24,-

(Stand Juli 2021)

Als Johnnie aus dem Krieg heimkehrt sehnt er sich vor allem nach seiner vier Jahre zuvor zurückgelassenen jungen Frau. Doch das Wiedersehen verläuft nicht wie erträumt, Glory erträgt seine Anwesenheit kaum. Nach und nach kommen in diesem Sittenbild einer amerikanischen Kleinstadt weitere Personen zu Wort – Glory, die glaubt ihr Glück bei dem Verführer des Ortes finden zu können, der alles beobachtende Apotheker, der tückische Schnüffler und Taxifahrer „Wiesel“ oder Glorys Mutter, die nur auf das Ableben ihrer Schwiegermutter lauert, um an das Erbe zu gelangen. Es entfaltet sich ein Bild voller Missgunst, Neid, Boshaftigkeit und Rassismus. Eine Sturmnacht mit sturzbachartigem Regen und entwurzelten Bäumen bildet die Kulisse für all die menschliche Niedertracht und Verlorenheit.
Ann Petry, die selbst in den dreißiger Jahren in einer solchen Kleinstadt gelebt hat, entlarvt mit scharfer Zunge und einer von Pieke Biermann hervorragend übersetzten Sprache die Bewohner des Ortes als engstirnige Verteidiger ihrer Privilegien, die auch vor Mord nicht zurückschrecken.
Einzig vom Lektorat hätte man sich bessere Arbeit gewünscht, der Text enthält leider zu viele Fehler – da sollte nachgebessert werden. Das Lesevergnügen wird dadurch aber nicht nachhaltig geschmälert. (Syme Sigmund)

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Rumer Godden: Unser Sommer im Mirabellengarten

Aus dem Englischen von Elisabeth Pohr, Kampa Verlag 2021, 320 S., € 22,-

(Stand Juni 2021)

Im Zug tragen sie ihre besten Kleider, graue englische Schuluniformen, aber die Mutter will ihnen trotz geringer finanzieller Ressourcen unbedingt die Schlachtfelder an der Marne in Frankreich zeigen. Doch unterwegs erkrankt sie, so dass die Kinder allein in einem Hotel in der Champagne landen. Eine verwirrend neue Welt tut sich in diesem heißen Sommer für die fünf auf, ist alles fremd: Sprache, Essen, Tagesabläufe. Während sich die Jüngeren in Routinen einrichten und die 16jährige Joss sich leidend verkriecht, entwickelt sich die 13jährige Cecil vom Mirabellen in sich hineinstopfenden Kind zur leidenschaftlichen Beobachterin und Chronistin des mannigfaltigen Geschehens im Hotel. Da sind die frivole Besitzerin, die sie umschwärmende Geschäftsführerin, diverse Gäste und Angestellte, doch vor allem Eliot, der mit seinem Charme einfach alle in den Bann zieht, dessen abstoßend andere Seite Cecil bald entdeckt. Als Joss, urplötzlich Frau, die Hotelhalle betritt, setzt sie eine Lawine in Gang. Mit leichter Hand, in einem stimmungsvoll-melancholischen Ton erzählt Rumer Godden diese hinreißende Coming of Age-Geschichte. Wie schön, dass der Kampa Verlag diesen flirrenden ein bißchen nostalgischen Sommerroman wieder entdeckt hat! (Stefanie Hetze)

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Bruno Ciccaglione: Radicchio

Mit Illustrationen von Linda Wolfsgruber. Mandelbaum Verlag 2021, 60 S., € 12,-

(Stand Mai 2021)

Für Gourmets und alle, die gern kochen und dabei lieber auf bunte Lifestylefotos verzichten, bietet die feine Reihe „mandelbaums kleine gourmandisen“ eine unschätzbare Fundgrube an Wissenswertem und Rezepten. In jedem Band wird eine einzige Gemüse-, Obst- bzw. Kräutersorte vorgestellt, geht es um ihren Geschmack, ihre Ursprünge und natürlich um tolle Rezepte.
Der 36. Band präsentiert das Zichoriengemüse, das die Menschen in Venetien liebevoll Fiore d’Inverno, Winterblume, nennen, den Radicchio, der in der wasserreichen Gegend rund um Venedig in einer reichen Sortenvielfalt kultiviert wird. Während er hierzulande eher noch ein Schattendasein führt, kennt die italienische Küche eine große Bandbreite an geschmacklichen Kombinationen, die die zarten bis kräftigen Bitterstoffe des Wintergemüses aufs Köstlichste zur Wirkung bringen. Radicchio in Rotweinessig und rosa Pfeffer mariniert, im Ofen mit Fenchel und Orange gebacken, als Suppe mit Bohnen, mit Safran zu Gnocchi verarbeitet, in salzigen oder süßen Kuchen, als Marmelade… Ohne viel Aufhebens sind die Rezepte nach zu kochen, einfach lecker! (Stefanie Hetze)

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Katharina Hacker: Alles, was passieren wird

Sauerländer Verlag 2021, 256 S., € 13,-, ab 12

(Stand Mai 2021)

Das erste Jugendbuch der preisgekrönten Schriftstellerin und passionierten Reiterin Katharina Hacker! Im Mittelpunkt steht die 13-jährige Iris, sie schottet sich ab, da sie um ihre Mutter trauert, worüber sie mit ihrer ehemals besten Freundin Lisa nicht sprechen kann. Ihr Vater kommt auch nicht klar, aus finanziellen Sorgen müssen sie umziehen, an Reiterferien ist längst nicht mehr zu denken. Und dann hat Iris bei einem Martinsumzug eine einschneidende Begegnung mit einer Schimmelstute. Ganz viel wird passieren, was das Mädchen aus ihrem Kokon löst. Ihre Suche nach dem beeindruckenden Pferd entwickelt sich zu einer aufregenden Roadnovel, die vom Turm ihrer Schule in Berlin bis zu einem Pferdehof auf dem Land in Brandenburg führt. Nicht nur zwei übermütige Hunde, magische Kaninchen und viele Pferde spielen dabei eine Rolle. Einfühlsam schildert die Autorin, wie Iris frühere Freundin Lisa und andere aus der Schule, sogar der Junge Lukas mit viel Kreativität und Engagement ein Netz um sie spannen und sie ganz allmählich wieder Freude und Zutrauen empfinden kann. Das ist spannend und ganz nah an den Gefühlen der Jugendlichen erzählt und nicht nur nebenbei ein toller Pferderoman, der mit so manchem Stereotyp aufräumt!  (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Jean Rhys: Guten Morgen, Mitternacht

Aus dem Englischen von Grete Felten, mit einem Vorwort von A.L. Kennedy, Kampa Verlag 2021, 272 S., € 22,-
(Stand April 2021)

Sasha, 25 Jahre jung, ist wieder in Paris. Hier verbrachte sie die Tage ihrer großen Liebe, hier hangelte sie sich von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob, hier war sie schwanger und verlor ihr Kind. Nun soll sie hier – finanziell von einer Freundin großzügig unterstützt und nachdem sie in London ihre Trauer im Alkohol zu ertrinken versucht hatte – wieder neuen Lebensmut fassen. Die junge Frau lässt sich treiben, sucht Bars auf, in denen die Kellner sie möglichst nicht von früher kennen, trinkt weiterhin zu viel, trifft Männer, die sie hin- aber nicht wichtig nimmt. Erinnerungen an die glücklichen Tage wechseln sich ab mit der Erzählung des Jetzt, impressionistisch-assoziativ, in Sätzen so flüchtig wie Flügelschläge von Schmetterlingen, die doch schwer wiegen und voller Zwischentöne sind. Der Bericht einer jungen, unabhängigen, desillusionierten Frau am Abgrund. Große Literatur, erschienen 1939, von einer Autorin, die es unbedingt weiter wieder zu entdecken gilt. (Syme Sigmund)

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