Hervé Le Tellier: Ich verliebe mich so leicht

Aus dem Französischen von Romy und Jürgen Ritte, Rowohlt 2022, 128 S., € 20,-

Unser Held – einen anderen Namen werden wir nicht erfahren – ist verliebt. So verliebt, dass er seiner zwanzig Jahre jüngeren Affäre nach Schottland hinterher reist – gegen jede Vernunft, was ihm schon im Flugzeug klar ist, und gegen ihren ausdrücklichen Willen. Sie ist liiert und bei ihrer Mutter zu Besuch, stimmt dann aber doch einem Treffen zu – und zeigt ihm deutlich, wenn auch mit Feingefühl, dass er nicht erwünscht ist. So bemitleidet er sich selbst in im Voraus gebuchten Hotelzimmern mit zu großen Betten, ruft sie erneut und erneut und erneut an, ringt um ein weiteres Treffen, weiß, dass er sich – anders lässt es sich kaum sagen – zum Affen macht … und kann doch nicht anders.
Ein äußerst amüsantes kleines Stück Literatur über das Altern des Mannes und die Vergeblichkeit der Liebe. Ein kunstvoll-ironisches, sehr charmantes Büchlein für ein paar Stunden der Leichtigkeit. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Viktor Schklowski: Zoo

Briefe nicht über Liebe, oder die dritte Heloise. Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja, Guggolz Verlag 2022, 189 S., € 22,-

In den Jahren 1922/23 lebte Viktor Schklowski, der Begründer des russischen Formalismus, im Exil in Berlin in einer aus bis zu 300.000 Emigranten bestehenden russischen Berliner Parallelgesellschaft. Unglücklich verliebt in Elsa Triolet – der späteren Frau von Louis Aragon – verfasste er in wenigen Wochen den experimentellen Briefroman „Zoo“, der nun dank der akkuraten, sprachvirtuosen Übersetzung von Olga Radetzkaja hundert Jahre nach Entstehung erstmals in der Urfassung auf Deutsch zu lesen ist.
Der Autor schreibt an eine Frau, die er liebt, die ihm aber verbietet, über Liebe zu sprechen. Und so sinniert er über alles Mögliche, schweift oft assoziativ durch die unterschiedlichsten Themen, erzählt vom Emigrantendasein, vom Wetter oder von neuen Automodellen, klagt über die Einsamkeit, das deutsche Essen und die deutsche Mode, theorisiert über verschiedenste Fragen der zeitgenössischen Kunst und Literatur – erhellend und unbedingt zu lesen sind hier die Anmerkungen – und das alles mal elegisch und mal satirisch, oft komisch und paradox.  Eine überraschende, lohnende Lektüre. (Syme Sigmund) Leseprobe

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A. Kendra Greene: Das Walmuseum, das Sie nie besuchen werden. Eine Reise nach Island

Aus dem Amerikanischen von Stefanie Schäfer, Liebeskind 2022, 272 S., € 24,-

Wer weiß schon, dass das faszinierende dünnbesiedelte Island über 265 Museen verfügt, die meist aus einer privaten Sammelleidenschaft einer Person fernab der Hauptstadt entstanden und nun von rührigen Familienangehörigen als touristische Magnete weiter betrieben werden. Die Autorin des haptisch und visuell angenehmst gestalteten Reisebuchs besucht in Island ganz unterschiedliche und mehr oder weniger obskure Sammlungen wie Petras Steinmuseum, das Phallologische Museum, das historische Museum der Heringsära, das Museum für isländische Zauberei und Hexerei und viele andere. Dabei widmet sie sich nicht nur mit viel Emphase den teils skurrilen Exponaten, mehr noch interessieren sie die reizvollen Geschichten dahinter, die der Menschen, die meist sehr prekär lebten und dennoch aus ihren mit Begeisterung betriebenen privaten Sammlungen in die Öffentlichkeit gerieten. Die isländische Leidenschaft für Geschichten und abseitig scheinende Phänomene überträgt sich mühelos bei der Lektüre dieses außergewöhnlichen Reisebuchs. (Stefanie Hetze)

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Fredrik Sjöberg: Mama ist verrückt und Papa ist betrunken

Ein Essay über den Zufall. Aus dem Schwedischen von Paul Berf, Hanser 2022, 192 S., € 24,-

Ein Bild, ein Dachbodenfund, zwei junge Frauen, Cousinen, der Blick eher traurig als unbeschwert. Wer waren sie? Und wer war der Maler? Frederik Sjöberg macht sich auf die Suche nach den Spuren des heute weitestgehend vergessenen dänischen Malers Anton Dich, Stiefvater eines der Mädchen – und findet Erstaunliches. In plaudernd lässigem Ton führt er uns in die familiären Verwicklungen einer schwedischen Meiereidynastie, zu Modigliani und den Pariser Modernisten, von hier nach Berlin und an die französische Riviera bis zu einem Spekulatius-Originalrezept von Brechts Mutter. Das macht ihm so schnell keiner nach. Eine Empfehlung für Kunstinteressierte und alle, die einfach gute Geschichten mögen. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Valerio Curcio: Der Torschützenkönig ist unter die Dichter gegangen – Fußball nach Pier Paolo Pasolini

Aus dem Italienischen von Judith Krieg. Mit einem Vorwort von Moritz Rinke, Edition Converso 2022, 190 S., € 20,-
(Il calcio secondo Pasolini, Compagnia Editoriale Aliberti 2018, ca. € 21,80)

Nicht alle wissen, dass der berühmte, unvergessliche Schriftsteller und Regisseur ein leidenschaftlicher Fußballfan und -spieler war. Doch der Volkssport hat Pasolini sein Leben lang begeistert. Fußball war für ihn nicht nur ein Spiel, sondern auch eine die Menschen verbindende Sprache, die jedes Mal zum Ausdruck kommt, wenn ein Fuß den Ball berührt. Über diese Vorliebe berichtet der junge Autor Valerio Curcio. Eine Collage verschiedener Aussagen, Anekdoten, Fotos und Interviews, ist dieses Buch wie eine Wanderung zwischen Literatur und Sport, wobei die emotionale Beziehung zwischen Pier Paolo Pasolini und dem Fußballspiel meisterhaft dargestellt wird. Als Fan, aber auch als Sportjournalist beobachtete er den Fußball auf den kleinsten Spielfeldern bis hin zur Serie A. Manchmal bewunderte er die Ehrlichkeit eines Spiels irgendwo draußen, manchmal jubelte er seiner Mannschaft Bologna zu, manchmal betrachtete er mit soziologischer Aufmerksamkeit das Match im Stadion als den letzten heiligen Akt seiner Zeit. Fußball in seiner ursprünglichen Bedeutung. (Giulia Silvestri)

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Jaroslav Rudiš: Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen

Piper 2021, 256 S., € 15,-

(Stand Januar 2022)

Eigentlich habe ich es schon immer gewusst – Zugfahren tut man um des Zugfahrens willen. Zumindest die Eisenbahnmenschen, zu denen Jaroslav Rudiš sich zählt (ganz allgemein, es gibt ja auch die Tunnel – Brücken- oder Stellwerkmenschen im Besonderen, dies nur nebenbei). Rudiš weiß alles über die Bahn und berichtet auf höchst vergnügliche Weise davon. Wir fahren mit ihm in 40 Stunden einmal durch ganz Deutschland oder von Palermo bis nach Finnland. Wir lesen von einer Lok, die singt, von Kosenamen für Lokomotiven (Nähmaschine, Wackeldackel, Tatzelwurm …), von Eisenbahnsongs und -filmen, dem Flair von Bahnhofsgaststätten, der besonderen Atmosphäre nächtlicher Bahnhofshallen und den besten Bordrestaurants. Wir erfahren, warum Loks Sexappeal haben und Kursbücher eine großartige Lektüre sind. Und dass man nie die direktesten, neuen Strecken nehmen sollte, weil die alten zwar (oder zum Glück?!) länger, aber (und!) viel schöner sind, ist eigentlich eh klar. (Syme Sigmund) Blick ins Buch

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Henrik Vilain & Ingo Schauser: Rezepte aus dem Garten der Zitronen

Mit Fotografien von Mikkel Adsbøl. Aus dem Dänischen von Nicola T. Stuart, Verlagshaus Jacoby & Stuart 2021, 208 S., € 25,-

(Stand Januar 2022)

Zwei dänische Musiker, die auf ihren vielen Konzertreisen ihre Liebe zur geschmacksintensiven grünen Küche des Mittelmeerraums und des Nahen Ostens entdeckten, haben sich mit einem kulinarisch-kulturellen Projekt, einem Zitronengarten in Andalusien, einen Traum erfüllt. In ihrem Garden of Lemons spielt die Zitrusfrucht die Hauptrolle bzw. gibt sie vielen Gerichten den entscheidenden, köstlichen Kick. In ihrem überaus schönen, rein vegetarischen Kochbuch versammeln sie ihre besten, immer alltagstauglichen Rezepte: darunter viele Dips und Aufstriche, substanzielle Gemüsegerichte wie Blumenkohl in Gänze im Ofen gebacken oder Chicoréegratin mit Mandelcreme, sowie verführerisches Süßes mit dem gewissen Extra der Zitrone wie eine Leichte Zitronencreme mit Himbeeren. Einfach lecker und ohne Aufwand selbst zu kochen. (Stefanie Hetze)

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Peter Burke: Giganten der Gelehrsamkeit – Die Geschichte der Universalgenies

Wagenbach Verlag 2021, Schmuckausgabe, gebunden mit Prägung, Großformat, 320 S., € 29,-

(Stand Januar 2022)

Wer waren sie, die Riesen der Geistesgeschichte, die Universalgelehrten, jene, die sich für das gesamte Wissen ihrer Zeit interessierten? In einem Zusammenspiel von chronologischen historischen Abrissen und biografischen Portraits führt Peter Burke uns von der Antike, China und der islamischen Welt über Mittelalter, Renaissance und Aufklärung bis in die heutige Zeit. Wir erfahren, welche Voraussetzungen die meisten der „Genies“ mit sich brachten – z.B. finanzielle Unabhängigkeit und damit Zeit, aber auch eine spielerische, riesige Neugierde – und begeben uns damit auch auf eine Reise durch die Geschichte des Wissens. Gottfried Wilhelm Leibniz oder Leonardo da Vinci werden dabei ebenso erwähnt wie Hildegard von Bingen, Jürgen Habermas oder Susan Sontag. (Syme Sigmund)

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Nella Larsen: Seitenwechsel

Aus dem Amerikanischen von Adelheid Dormagen mit einem Nachwort von Fridtjof Küchemann, Dörlemann 2021, 224 S., € 20,-

(Stand Oktober 2021)

Irene und Clare sind im gleichen Viertel aufgewachsen. Sie haben afroamerikanische Wurzeln, die nicht auffällig sind. Beide Frauen sind hellhäutig, womit sie sich als Schwarze in den Vereinigten Staaten der 1920er Jahre gewisse Privilegien erlauben können, zum Beispiel die Seite wechseln und sich als Weiße präsentieren. Genau das tut Clare, indem sie einen reichen weißen Rassisten heiratet, der nichts über ihre Herkunft weiß. Irene dagegen lebt mit ihrem Mann in Harlem und befasst sich intensiv mit der politischen Lage der Gemeinde.
Die Wege der zwei Frauen haben sich längst getrennt, als eine zufällige Begegnung in einer Teestube sie wieder in Kontakt miteinander bringt. Schnell erblüht ihre alte Freundschaft, allerdings ist nicht alles eitel Sonnenschein …
In einer schnellfließenden, leicht zu lesenden Prosa berichtet Larsen über komplexe soziopolitische Themen, die immer noch relevant sind. Dieses Buch lässt sich auf einen Zug lesen und bleibt dann lange in den Gedanken. (Giulia Silvestri)

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Sophie Calle: Wahre Geschichten

65 Erzählungen und Fotografien. Aus dem Französischen von Sabine Erbrich, Suhrkamp Verlag 2021, 141 S., € 22,-

(Stand August 2021)

Gleich mit einer Urszene steigt die Künstlerin Sophie Calle in ihre Sammlung von Miniaturgeschichten ein, der Kindheitserinnerung, wie sie als Neunjährige einen Liebesbrief an ihre Mutter findet, von einem Mann, den sie für ihren wahren Vater hielt und den sie erfolglos zu enttarnen versuchte.  Ähnlich aufgeladen geht es weiter: Ums Klauen, um eine nicht stattgefundene Schönheits-Nasen-OP, einen Kellner, der der Fünfzehnjährigen ein sexuell aufgeladenes Dessert serviert, frühe Erfahrungen als Stripperin und komplizierten ersten Sex. Ganz beiläufig trocken, dann wieder zugespitzt und aufgebauscht erzählt sie von vermeintlich abwegigen und peinlichen Situationen, vom Lieben, Trennen, Sterben, Leben.  Die Leidenschaft und Hingabe, mit der die Künstlerin sich in ihre Selbstrecherchen und Erfahrungen stürzt und die sie mit Fotodokumenten als wirklich geschehen beweist, die aber nur als authentisch inszeniert sind – oder doch nicht? – steckt ungemein an. Es macht einen Riesenspaß, sich auf dieses raffinierte Spiel mit Wahrheit und Erfundenem einzulassen. (Stefanie Hetze)

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