Maddalena Fingerle: Muttersprache

Aus dem Italienischen von Maria E. Brunner, Folio 2022, 191 S., € 22,-
(Lingua madre, Italo Svevo 2021, ca. € 26,-)

Welch aufsehenerregendes Debüt aus der nördlichsten Gegend Italiens, das die komplexe Gemengelage im heutigen Südtirol seziert! Eigentlich könnte das Alto Adige heutzutage ein kreatives Labor für Zwei- oder Mehrsprachigkeit sein. In Wirklichkeit leben die Sprachgruppen fein säuberlich nach Proporz getrennt. Paolo, der Icherzähler und sensible Sohn einer italienischsprachigen Bozener Familie, für den Wörter eine fundamentale Bedeutung haben, nimmt wie ein Seismograf das Problematische dieses Missverhältnisses in sich auf. „Dreckige“ Wörter, für ihn gleichbedeutend mit unehrlichem Getue, hasst er so abgrundtief, dass er mit Waschzwang, Verweigerung und kompletter Ablehnung der Repräsentantin seiner Muttersprache, seiner Mutter und seiner Heimatstadt reagiert. Erst mit der Flucht nach Berlin, in den deutschen Sprachraum, kommen seine Obsessionen zur Ruhe, aber selbstverständlich schlummern sie noch.  Bissig-boshaft, klug und sehr unterhaltsam spielt Maddalena Fingerle in ihrem Debüt mit den Fallstricken der Mehrsprachigkeit. Sie übertreibt, persifliert und macht eine:n ziemlich nachdenklich. Und der Folio Verlag hat mit den „Flecken“ auf dem Schutzumschlag für eine besondere Pointe gesorgt! (Stefanie Hetze)

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Fatma Aydemir: Dschinns

Hanser Verlag 2022, 368 S., € 24,-

Der klassische Beginn einer Familientragödie: Der plötzliche Herztod des Vaters, der sich endlich seinen Traum erfüllt hatte, eine Eigentumswohnung in Istanbul, für die er jahrzehntelang in deutschen Fabriken geschuftet hatte, zwingt seine Frau und die weit zerstreut lebenden Töchter und Söhne zum Begräbnis in der Türkei zusammenzukommen. Die Familie hatte sich längst auseinandergelebt. Sehr unterschiedliche Träume, Geheimnisse und Realitäten prallen da bei Geschwistern und Mutter in dieser unpersönlichen Wohnung aufeinander, manche schaffen es auch nicht rechtzeitig, zur Beerdigung nach Istanbul zu reisen. Fatma Aydemir hat jeder ihrer Figuren eine eigene Identität und eine individuelle Stimme gegeben. Wie in einem Kammerspiel prallen da zum Teil unvereinbare Lebensentwürfe aufeinander, auch wenn die Menschen eng verwandt sind. Sie alle aber tragen die Verletzungen und Verwerfungen türkisch-kurdisch-deutscher Historie, aber auch von gender- und identitätspolitischen Debatten in sich und jede:r hat mit dem eigenen Dschinn, den eigenen inneren Dämonen,  zu kämpfen. Das ist ungemein rasant und dicht in einem atemlosen Sound erzählt, als wären wir mitten im Zwischendrin dieser Menschen, die scheinbar zufällig einer Familie angehören in dieser anonymen Wohnung und auf den erbarmungslosen Fernautobahnen Europas.  (Stefanie Hetze)

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Bianca Schaalburg: Der Duft der Kiefern

Meine Familie und ihre Geheimnisse. avant-verlag 2021, 208 S., € 26,-

(Stand März 2022)

Eine Westberliner Kindheit der 70er zwischen der Wohnung im Märkischen Viertel und Sonntagsbesuchen bei den Großeltern in der nach Kiefern duftenden Onkel-Tom-Siedlung in Zehlendorf. Von der Vergangenheit, von der NS-Zeit wird kaum gesprochen. Das übliche Man-hat-ja nichts gewusst. Als Jahre später Bianca Schaalburg die Schlafzimmermöbel ihrer Großeltern erbt, setzen sie eine große Recherche bei ihr in Gang. Mit ihrer faszinierenden Graphic Novel begibt sie auf die Suche, hinter die familiäre Fassade, also all das Verdrängen, Ausreden und Lügen zu schauen. Immer tiefer gräbt sie, entdeckt Verstörendes, was ihren idyllischen Kindheitserinnerungen zuwiderläuft. Hin und her wechselt sie die Zeitebenen, was sie durch Stilmittel wie die Farbgebung, Wechsel der Moden, der Architektur, der Schauplätze, der Alltagssprache, der Lieder hautnah erfahrbar macht. Das Buch ist zudem wunderschön gestaltet, so glänzen die Stolpersteine golden, gibt es einen Anhang mit weiterführenden historischen, biographischen und kulturellen Informationen. Doch das wirklich Besondere ist, dass ihre Spurensuche und Überlegungen Teil des Ganzen sind, dass sie mit diesem Geniestreich einlädt, auch einmal die eigene Familie und die Gegenwart in den Blick zu nehmen. Eine unbedingte Empfehlung für Jugendliche & Erwachsene. (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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Bettina Flitner: Meine Schwester

Kiepenheuer & Witsch 2022, 320 S., € 22,-

(Stand März 2022)

Ein entspanntes Abendessen mit Besuch aus Wien, spät ein weinender Mann, der Schwager der Autorin, am Telefon. Ihre Schwester ist tot, hat ihrem Leben ein Ende gesetzt und ist damit ihrer Mutter gefolgt. Das ist der Einstieg zu einem umwerfenden wie berührenden Memoir, in dem Bettina Flitner schreibend versucht, den Schock über den Suizid ihrer Schwester zu verarbeiten. Mit einer gewissen Skepsis habe ich es aufgeschlagen, zu prominent die Autorin als vielfach ausgezeichnete Fotografin, aber sofort zieht sie eine:n in den Bann, hinein in diese westdeutsche Familiengeschichte, in der die bürgerlich-liberale Fassade an vielen Stellen bröckelt, doch für vielgestaltige Erfahrungen der Schwestern sorgt. Sie müssen mit der Waldorfschule, dominanten Großeltern, einem New York-Aufenthalt klarkommen, mit dem nicht-monogamen Liebesleben der Eltern, ihren abrupten Stimmungsschwankungen und hochgesteckten Erwartungen. Und dann ist da noch die Familienkrankheit Depression. In kurzen Sätzen, mit viel Sinn für die vielschichtigen Auswirkungen von Ereignissen, lässt Flitner uns eintauchen in ihre familiäre Vergangenheit, das ist traurig, komisch, unterhaltsam, verstörend, beeindruckend – das Leben eben. (Stefanie Hetze)

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Tamara Bach: Das Pferd ist ein Hund

Carlsen Verlag 2021, mit Illustrationen von Ulrike Möltgen, 240 S., € 12,-, ab 11

(Stand Januar 2022)

Nein – es ist nicht die Pandemie, aber so eisig, dass alle Kinder zuhause bleiben müssen. So auch Clara, die Ich-Erzählerin, die sich mit ihrer jüngeren Halbschwester Luze ein Zimmer teilt. Anfangs noch ein Spaß, nicht zur Schule gehen zu müssen, wird es drinnen schnell problematisch, zumal Clara sich mit ihrer Freundin zerstritten hat und die Erwachsenen hinter ihren Laptops abtauchen. Während die impulsive Luze sich einen unsichtbaren Hund als Begleiter phantasiert, wirbt Clara im Verborgenen um Vincent, den allerschönsten Jungen der Welt aus dem oberen Stockwerk, den sie mithilfe eines Spiegelungseffekts beobachtet. Scheinbar gänzlich unbeeindruckt von ihren Witzen und Bemühungen, verbringt er die Kältetage doch mit den Schwestern. Welches Projekt sich die drei ausdenken, wie das gesamte Haus ins Spiel kommt, sich so manche Konflikte reparieren lassen und sie am Ende übermütig draußen im Schnee herumtollen können, ist dank der Künste Tamara Bachs ein großes Lesevergnügen. Da stimmt einfach alles. Gegen die äußere Kälte und das Eingeschlossensein setzt die Autorin ihren warmen Ton und ihre befreiende Fantasie. Spannend für Mädchen & Jungen. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Edmund de Waal: Camondo

Eine Familiengeschichte in Briefen. Mit zahlreichen farbigen Abbildungen. Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer, Zsolnay Verlag 2021, 192 S., € 26,-

(Stand Januar 2022)

In Paris in der Rue de Monceau steht das Musee Camondo, ein Palais mit ausgesuchten Möbeln und Kunstschätzen aus dem französischen 18. Jahrhundert. Es war das Lebensprojekt des eingewanderten jüdischen Bankiers und Kunstsammlers Moïse de Camondo, sein Werk der Assimilation an ein neues Zuhause. 1936 vererbte er es dem französischen Staat zum Gedenken an seinen im 1. Weltkrieg getöteten Sohn. Während das Palais samt Inventar die NS-Vernichtungspolitik unbeschadet überstand, wurde die Familie ermordet.
Edmund de Waal, dessen Vorfahre in direkter Nachbarschaft lebte, hat wieder einen Solitär der Geschichtserzählung geschaffen. Ausgehend vom Gegenständlichen, dem, was unversehrt geblieben ist wie das große Familienarchiv und Geschichte verkörpert, die nie aufhört, erkundet er in fiktiven Briefen an Moïse die zerbrechliche Geschichte der Camondos. Die Wahl der Briefform, angereichert durch Fotografien, ist für den Spurensucher de Waal ideal, um ganz Persönliches, das gesellschaftliche Leben der Belle Époque, das komplexe Thema der Assimilation und Anerkennung, Antisemitismus, Kunst- und Kulturhistorisches, die Auslöschung durch die Shoa und die fundamentale Bedeutsamkeit des Erinnerns vielstimmig zu verbinden und zu reflektieren. Eine nachhaltig wirkende Lektüre. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Rose Lagercrantz: Zwei von jedem

Mit Illustrationen von Rebecka Lagercrantz. Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch. Moritz Verlag 2021, 120 S., € 14,-, ab 9

(Stand November 2021)

Eli, der in Siebenbürgen in einer kleinen Stadt lebte, zusammen mit seiner Mama und seinem großen Bruder, erzählt seine Geschichte. Wie er anfing, ganz schnell zu rennen, um vor Vampiren weglaufen zu können. Wie er sich mit der gut gelaunten, immer hungrigen Luli aus seiner Klasse anfreundete, dauernd mit ihr um die Wette lief und sich ein Leben ohne sie gar nicht vorstellen konnte. Von einem gar nicht einfachen Alltag in den 1940er-Jahren, aber einem Geborgensein in Familie, Nachbarschaft und im Jüdisch-Sein. Und dann beginnt der Schrecken, Eli wird sehr krank, seine geliebte Freundin Luli zieht weit weg zu ihrem Vater in den USA. Krieg, Verfolgung und Vernichtung betreffen ihn und seine Familie. Doch seltenes Glück ist ihnen vergönnt. Als Erwachsene finden sie einander wieder, gründen in New York eine Familie, überredet Luli ihn, seine Geschichte für ihre Kinder aufzuschreiben.
Mit absolutem Gespür, was Kindern zuzumuten ist, nennt Rose Lagercrantz die Dinge beim Namen. Meisterlich hält sie dabei die feine Balance zwischen harten Fakten und der märchenhaft-berührenden Freundschaftsgeschichte mit glücklichem Ende, unterstützt durch die zarten Aquarelle ihrer Tochter Rebecka. (Stefanie Hetze)

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Scott McClanahan: Crap

Aus dem amerikanischen Englisch von Clemens J. Setz, ars vivendi 2021, 195 S., € 20,-

(Stand November 2021)

Scott – trotz stark autobiographischer Züge nicht mit dem Autor zu verwechseln – wächst in West Virginia auf, in einer Familie von Berg- und Fabrikarbeitern, Kriminellen und skurrilen Freaks, bei seiner starrköpfigen Großmutter Ruby und seinem Onkel Nathan. Ruby, die 13 Kinder zur Welt gebracht hat, und Onkel Nathan, der spastisch gelähmt ist, sich so sehr eine Frau wünscht und voll Güte, Humor und Sehnsucht steckt. Krankheit und Tod gehören hier zum Leben wie Freude und Liebe. Es ist eine Welt der strukturellen Armut, die Welt von Pizza Hut und Ein-Euro-Shops, Brathuhn am Sonntag, Grubenunglücken und Förderklassen, von der McClanahan in chronologisch ungeordneten Fragmenten erzählt, und er tut dies mit so viel Zuneigung, ja Zärtlichkeit für seine Figuren, dass die Beschreibung des Grotesken, der Selbstmörder, Zwangsneurotiker und Gescheiterten, nie herablassend wirkt, nie zur Klamotte wird. Ein grandios absurdes Theater im Ticken der Zeit, voller Komik – bis einem immer wieder das Lachen im Hals stecken bleibt.
Übersetzt wurde der Roman von dem 2021 mit dem Büchner-Preis ausgezeichneten großen Sprachkünstler Clemens J. Setz. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Douglas Stuart: Shuggie Bain

Aus dem Englischen von Sophie Zeitz, Hanser Verlag 2021, 494 S., € 26,-

(Stand Oktober 2021)

Shuggie ist ein zarter, höflicher und rücksichtsvoller Junge, der lieber mit seiner Puppe als mit anderen Jungs Fußball spielt. Vor allem aber liebt er seine schöne gepflegte Mutter Agnes, die ihr rasantes Äußeres wie eine Waffe gegen alle Widrigkeiten des Lebens und ihrer Mitmenschen einsetzt. In der britischen Upperclass wäre Shuggie wahrscheinlich gut aufgehoben, im Glasgow der Achtziger, in den elenden Wohnungen der Arbeiterfamilien, die in der Thatcher Ära nach dem Aus von Stahl und Bergbau kein Land mehr gewinnen können und allein auf Stütze, Kindergeld und das illegale Anzapfen von Stromzählern angewiesen sind, ist er trotz älterer Halbgeschwister auf sich gestellt. Alkohol, Gewalt und Perspektivlosigkeit bestimmen das Leben der Familien. Shuggies Vater macht sich feige aus dem Staub, seine Mutter will nicht klein beigeben und kämpft trotz ihrer alles dominierenden Alkoholsucht mit unglaublicher Energie für ein besseres Leben. Diese faszinierende Vitalität, dem Leben trotz aller depressiven Umstände etwas Schillerndes, Schönes abzutrotzen, das Agnes mit Leib und Seele verkörpert, feiert der Autor trotz ihres letztlichen Scheiterns in seinem aufsehenerregenden, mit dem BOOKER-Preis 2020 prämierten Debüt mit einer opulenten berührenden Sprache, die einen nicht mehr loslässt. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Elisabeth Steinkellner: Esther und Salomon

mit Fotos der Autorin und Illustrationen von Michael Roher. Tyrolia Verlag 2021, 336 S., € 19,95, ab 14

(Stand August 2021)

Esther ist mit ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester in den Ferien am Meer, die Eltern streiten viel, sie geht mit Flippa allein an den Strand. Als diese sich mit Aisha anfreundet, lernt sie deren Bruder Salomon kennen, und plötzlich sind da Schmetterlinge im Bauch, schleicht sie sich des Nachts heimlich raus, ist das Glück greifbar.
Im ersten Teil des Buches erzählt Esther ihre Geschichte, ergänzt von Polaroidfotos. Steinkellner schreibt in freien Versen, eindringlich, mit bisweilen fast leeren Seiten, die sich in der Schwebe mit Bedeutung füllen. Dass Salomon schwarz ist, erfährt man beiläufig und erst ganz am Schluss.
Im zweiten Teil, nach den Ferien, spricht Salomon. Er berichtet von seiner Sehnsucht nach Esther, der er Briefe schreibt, aber auch von seiner Familie, der Ermordung des Vaters, der traumatischen Fluchterfahrung, seiner Suche nach Halt. Hier begleiten Zeichnungen den Text, und auch hier bleibt die große Liebe dieser zwei Jugendlichen im Vordergrund, die so ist, wie die erste Liebe überall auf der Welt – authentisch, sehnsuchtsvoll, berührend und voller Poesie.
Elisabeth Steinkellner gelingt die schwierige Gratwanderung, große aktuelle Themen wie nebenbei einzuflechten – sensibel und ohne Pathos – und dabei einen wundervollen Liebesroman für Jugendliche zu schreiben. (Syme Sigmund) Leseprobe

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