Rao Pingru: Unsere Geschichte

Eine Liebe im China des 20. Jahrhunderts. Aus dem Chinesischen von Eva Schestag, mit einem Vorwort von Kristof Magnusson, Matthes & Seitz 2023, 442 S., € 38,-

Auch wenn der Einband rot leuchtet und goldene Schrift schimmert, lässt er so zurückhaltend nicht ahnen, was für ein Schatz sich dahinter verbirgt. Rao Pingru hatte nach dem Tod seiner Frau Meitang die Geschichte ihrer Liebe und ihres Lebens für seine Nachkommen aufgeschrieben. Erst durch eine Enkelin, die Teile davon im Netz postete, kam es zur Buchveröffentlichung. In einer genialen Kombination aus lapidarem Berichten des Geschehens und tiefer Zuneigung für seine Liebste schildert er seine Kindheit und die 60 gemeinsamen Jahre mit Meitang. Auf ihre intime familiäre Welt wirken sich die übermächtigen politischen Ereignisse und Umwälzungen um sie herum im China des 20. Jahrhunderts unmittelbar aus.  Doch bei aller Drangsal behält Rao Pingru seine zuversichtliche Lebenseinstellung, genährt durch die Liebe zu seiner Frau. Ein faszinierendes, ja beglückendes Memoir, angereichert durch zahlreiche farbige Illustrationen des Autors und eine historische Zeittafel. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Joanna Bator: Bitternis

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes. Suhrkamp 2023, 829 S., € 34,-

Was für eine außergewöhnliche Familie sturer, auch durch die schlimmsten Schicksalsschläge nicht klein zu kriegender Frauen! Kalina, die Jüngste, erzählt und recherchiert die Geschichten ihrer Vorfahrinnen Winifreda, Berta, Barbara und Violetta, die sich trotz unzähliger physischer und seelischer Verletzungen mit hochgradiger Energie und Kreativität zur Wehr setzen. Im Falle von Berta, einer Metzgerstochter, und Barbara, die aus Not alles irgendwie Essbare zur Konserve macht, geht ihr Widerstand gegen Bevormundung und Gewalterfahrung so weit, dass sie dafür ins Gefängnis gehen müssen. Joanna Bator siedelt ihr großes emanzipatorisches Frauenepos in der polnischen Provinz an. Zentraler Ort ist wieder ihr niederschlesisches Heimatdorf Wałbrzych, ehemals Waldenburg, mit seinen unvergleichlichen Bewohner:innen, den Gerüchen, Hunden und Wölfen. Auch in 100 Jahren Geschichte haben sich die traumatischen Erfahrungen von Frauen in Polen nicht wesentlich verändert, allenfalls ist es für sie leichter zu konsumieren, wie die Figur der Violetta eindrücklich demonstriert. Sehr dunkel, sehr bitter ist dieser Roman, doch gleichzeitig phänomenal kraftvoll und widerständig – so auch die Sprache. Da gibt es Sätze wie Messerstiche und immer wieder Momente der Zartheit, der Suche nach Glück. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Maruša Krese: Trotz alledem

Aus dem Slowenischen von Liza Linde, mit einem Nachwort von Ilma Rakusa, Fischer Verlag 2023, 256 S., € 22,-

Maruša Krese war Lyrikerin, Autorin von Kurzgeschichten und Radiofeuilletons, alleinerziehende Mutter, Über-Lebenskünstlerin, weltoffene Kosmopolitin und Tochter hochdekorierter slowenischer Partisanen. In ihrem ersten Roman, den sie kurz vor ihrem Tod mit 62 Jahren veröffentlichte, verarbeitet sie, wie so oft in Debüts, ihre eigene Familiengeschichte. Dabei wählt sie jedoch einen Kunstgriff, der den Roman zu einem literarischen Juwel macht. Für ihre drei Hauptpersonen Mutter, Vater und sich selbst wählt sie drei Stimmen. Sie, Er, Ich. Mitten im extrem harten Partisanenkrieg erzählen abwechselnd Sie und Er ihre Erlebnisse, Gedanken und Gefühle. Nach dem Krieg im kommunistischen Jugoslawien, in dem Sie und Er erst einmal Karriere machen und hohe Preise dafür zahlen, kommt Ich mit der Wahrnehmung einer anderen freiheitsliebenden Generation hinzu, wechseln die drei Innenperspektiven auf die massiven politischen Umwälzungen einander ab. Das ist Geschichte von innen erzählt. Beeindruckend. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Katharina von der Gathen & Anke Kuhl (Illustr.): Radieschen von unten

Das bunte Buch über den Tod für neugierige Kinder. Klett Kinderbuch 2023, 160 S., € 22,-, ab 8

Kann ein Buch übers Sterben und den Tod leichtfüßig daherkommen und sogar lustig sein? Und dabei fundiert erzählen von dieser besonderen Lebenssituation, die uns alle betrifft?  Ja, diesem neuen Gemeinschaftswerk Katharina von der Gathens und Anke Kuhls gelingt es, die vielen Facetten von Sterben und Trauern anschaulich, und direkt zu schildern. Für Kinder oft verwirrende, aber auch höchst interessante Vorgänge werden aus vielerlei Perspektiven erläutert: z.B. wie Sterben geht oder was bei Beerdigungen passiert. Die mal schrägen, mal einfühlsamen Illustrationen Anke Kuhls kommentieren die sachlichen Informationen aus Kindersicht. Interviews mit Menschen, die beruflich mit dem Tod zu tun haben, Beispiele vom Umgang mit dem Tod in anderen Kulturen und Zeiten, Begriffserklärungen, Witze übers Sterben und sogar Bastelanleitungen runden dieses grandiose Buch ab, das dem Sterben seine Tabus und die Gefühle von Kindern absolut ernst nimmt. Ein geniales Familienbuch. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Ayòbámi Adébáyò: Das Glück hat seine Zeit

Aus dem Englischen von Simone Jacob, Piper 2023, 496 S., € 26,-

Die Familie des 15jährigen Eniola lebt seit der Arbeitslosigkeit des Vaters in immer größerer Armut. Gerade noch so halten sie den immer ungeduldigeren Vermieter ihrer Ein-Zimmer-Wohnung hin. Wuraola, die aus einer sehr wohlhabenden Familie stammt, kämpft wiederum als junge Assistenzärztin mit den Widrigkeiten des maroden nigerianischen Gesundheitssystems. An und für sich haben beide nur wenig gemeinsam. Doch Ayòbámi Adébáyò lässt ihre Wege in einer Schneiderei kreuzen, wo Eniola als Laufbursche arbeitet und Wuraolas Mutter hochverehrte Stammkundin ist. So erfahren wir abwechselnd vom Alltag und aus dem Umfeld zweier Familien, deren sozioökonomischer Status kaum unterschiedlicher sein könnte. Erzählerisch gekonnt, fesselnd und mit stetig steigendem Tempo bildet Adébáyò so einerseits ein gesellschaftliches Panorama des heutigen Nigerias im Strudel aus fragwürdigen Traditionen und Machtmissbrauch auf vielen Ebenen ab. Andererseits sind gerade aus familiärer Sicht diese Konflikte universell und leider durchaus übertragbar auf unsere Breiten. (Jana Kühn)

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Frederick Kohner: Gidget – Mein Sommer in Malibu

Aus dem Amerikanischen von Hanna Hesse. Mit einem Nachwort von Volker Weidermann, Fischer 2023, 176 S., € 22,-

Strand, Sonne, Wellen, Kalifornien. Völlig begeistert ist die 15-Jährige Franzie von den wagemutigen Künsten der Surfenden. Um jeden Preis will sie auch aufs Brett, was aus den Augen der ausschließlich männlichen Surfer schier unmöglich ist. Schließlich ist sie ein Mädchen, sind es die Fünfzigerjahre, doch Franzie lässt sich nicht unterkriegen. Schnell kriegt sie den Spitznamen Gidget (kleines Mädchen) verpasst und gehört damit irgendwie doch dazu. Sie wird immer besser, verliebt sich, verändert sich und führt ein Doppelleben, einerseits die kühne Surferin, andererseits die brave bürgerliche Tochter, die mit Lügengeschichten ihre Eltern austrickst. Das wäre jetzt eine heitere befreiende Coming-of-Age-Geschichte, die hier jedoch einen ganz anderen Dreh nimmt. Der schier ahnungslose Vater alias Frederick Kohner, ein jüdischer Drehbuchautor mit deutschen Wurzeln, hat den Auftrag seiner eigenen Tochter erfüllt und mit viel Augenzwinkern und Selbstironie ihre wahre Geschichte aufgeschrieben. Sie selbst wollte lieber surfen gehen. Dieses liebevoll karikierende Spiel mit den Perspektiven hat ab 1956 Gidget enorm populär gemacht mit hohen Auflagen und Verfilmungen. Jetzt kann die frische Neuübersetzung, die gekonnt mit dem Vokabular der Zeit spielt, einfach als entspannte Lektüre genossen werden. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Mariangela Di Fiore, Lisa Aisato (Illustr.): Wie man auf Einhörnern reitet

Übersetzt von Neele Bösche, Woow 2023, 56 S., € 18,-, ab 4

Die 6-jährige Vilja ist ein fröhliches Kind. Sie mag Einhörner und Piratenschiffe und spielt am liebsten mit ihrem besten Freund Sindre. Beide Kinder leben seit Monaten auf einer Kinder-Krebsstation. Dorthin nimmt dieses beeindruckende Bilderbuch mit und gibt Einblicke in den dann doch normalen Alltag einer kräftezehrenden Ausnahmesituation. Mariangela di Fiore trifft Viljas unverstellte, niemals rührselige Erzählstimme, die voller Mut und Hoffnung von ihrem Leben im Krankenhaus erzählt. In Lisa Aisatos unverkennbarem Stil betten anmutige und fantasievolle Illustrationen die Geschichte zurückhaltend und gefühlvoll ein.

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Anne Rabe: Die Möglichkeit von Glück

Klett-Cotta 2023, 384 S., € 24,-

Stine – wie ihre Autorin 1986 geboren und zum Mauerfall erst drei Jahre alt – erinnert kaum Details der DDR-Zeit. Die Lebenserfahrungen ihrer Eltern und Großeltern prägen sie dennoch und sind auch prägend für diesen Roman. Doch Rabe erzählt auch von Generationskonflikten jenseits der Wende-Thematik, von (Groß)Eltern, denen bedürfnisorientiertes Begleiten von Kindern fremd ist, für die Kinder funktionieren und vor allem gehorchen müssen. Dafür verschränkt die Autorin Kindheitserinnerungen mit Erfahrungen von Mutterschaft, wobei dies nur eines der sehr vielen Themenfelder Rabes ist. Dreh- und Angelpunkt sind die Recherchen zu Stines systemtreuen Opa Paul, die immer neue Fragen aufwerfen – Fragen nach Gewalt in der Familie, aber auch in der Gesellschaft der Nachwendezeit. Dabei schaltet sich stetig eine zweite Erzählinstanz zur Ich-Erzählerin Stine, die hinterfragt, kommentiert oder fortschreibt. Wäre der Text eine Bühnensituation oder Filmsequenz, hätte man eine Stimme aus dem Off im Ohr. Anne Rabe debütiert zwar literarisch, man erkennt jedoch deutlich die Handschrift der erfahrenen Essayistin, Dramatikerin und Drehbuchautorin. Im collagenhaften Aufbau, mal faktenreich, mal erzählerisch droht das Buch manchmal etwas zu zerfasern. Doch gelingt es Anne Rabe stets, die disparaten Teile fesselnd zusammenzuhalten. (Jana Kühn) Leseprobe

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Veronica Raimo: Nichts davon ist wahr

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull, Klett-Cotta 2023, 224 S., € 22,-

(Niente di Vero, Einaudi 2022, 165 p., ca € 22,50)

Es ist eine sehr spezielle Hölle, diese Familie. Der paranoide Vater zieht in der engen Wohnung Trennwände ohne Ende, die depressive Mutter verfolgt die Tochter mit Telefonterror, der Bruder ist ein Überflieger. Verbote, seltsame Regeln und Usancen prägen die Kindheit der Ich-Erzählerin, die sich als Jugendliche da mühsam herauszustrampeln versucht und als junge Erwachsene höchst kreativ originelle Taktiken entwickelt, um ein eigenes Leben zu führen. sie muss tricksen, lügen, verschiedenste Rollen spielen, obwohl sie am liebsten nichts tut und schweigt, wie sie behauptet. Verika, Vero, Gans, Mistkäfer, Spillerix, V., Veca … jede:r nennt und kennt sie anders. Gekonnt spielt die Autorin, ihr scheinbares Alter Ego, dabei mit den Erwartungen an Autofiktion von uns Leser:innen, die wir alles für bare Münze nehmen. Aber Nichts davon ist wahr oder vielleicht doch? Ihr bitterböser Sarkasmus, hinter dem eine tiefe Zuneigung für ihre Figuren aufblitzt, macht durch ihre leichtfüßige pointierte Sprache großes Vergnügen. (Stefanie Hetze)

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Ulrike Draesner: die Verwandelten

Penguin 2023, 608 S., € 26,-

Dass Kriegskinder ihre Traumata bis in die dritte Generation weitergeben, ist der breiteren Öffentlichkeit seit den erfolgreichen Büchern von Sabine Bode „Kriegskinder“ und „Kriegsenkel“ bekannt. Ulrike Draesner verarbeitet das Thema nun in einem beeindruckenden, vielstimmigen und sprachmächtigen Roman.
Alissa wird in einem Heim des nationalsozialistischen „Lebensborn“ geboren, mit fünf Jahren von einem wohlhabenden nationalsozialistischen Paar adoptiert und wächst als Gerhild auf. Dass sie die Tochter der Köchin Adele aus Breslau ist, die vom Hausherren geschwängert wurde, entdeckt sie erst im hohen Alter.
Ihre Halbschwester Renate erfährt Ende des Krieges die Vergewaltigung durch russische Soldaten und verwandelt sich in Walla, um zu vergessen und im nun polnischen Breslau/Wrocław bleiben zu können.
Erst als ihrer beiden Töchter Kinga und Dorota – Nebelkinder, im Schweigen aufgewachsen –  einander begegnen, lösen sich die düsteren Spuren der Vergangenheit in einer möglicherweise klareren Zukunft auch für Kingas Adoptivtochter Flummy, „Krieg und Nachkrieg entkommen. Vielfach verwurzelt“.
Ulrike Draesner, die als Lyrikerin mit der Sprache virtuos zu wirken versteht, gibt den „Verwandelten“ eine Stimme. In Zeit- und Personenwechseln – mal spricht Alissa im Alter, mal als kleines Mädchen, mal Kinga oder Doro, mal Reni, ihre Mutter Else oder Adele – entfaltet sich ein überaus beeindruckendes Panorama weiblicher Lebenserfahrungen im 20. Jahrhundert. (Syme Sigmund) Leseprobe

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