Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Heinrich. Suhrkamp Verlag 2012, 302 S., € 19,95, Suhrkamp TB 2013, € 9,99
(Stand März 2021)
Das neue Alter Ego der Autorin ist Lola Bensky, eine dickliche junge Australierin, Tochter polnischer Auschwitzüberlebender, die per Zufall zur Musikjournalistin wird und die Rockgrößen der Sechziger interviewen darf. Um Mick Jagger, Janis Joplin, Jimi Hendrix und all die anderen zum Sprechen zu bringen, schafft sie einen intimen Raum, indem sie von sich, von den Ermordeten ihrer Familie, von ihren Gewichtsproblemen erzählt, was zu erstaunlichen Begegnungen mit den Stars führt. Auf ihre unnachahmliche Art ist Lily Brett ein berührender, zugleich äußerst unterhaltsamer Roman gelungen und nebenbei ein Dokument der Musikgeschichte. (Stefanie Hetze)

Reportagen von den Kriegsschauplätzen des 20. Jahrhunderts – vom Spanischen Bürgerkrieg über den Zweiten Weltkrieg bis zu den Kriegen in Vietnam und Nicaragua. Immer in nächster Nähe des Geschehens richtet Gellhorn ihr Augenmerk vor allem auf die Unmenschlichkeit des Krieges und die Leiden der Zivilbevölkerung und hält ihre radikal subjektiven, doch auf besten Informationen fußenden Eindrücke in einer nüchternen, mit klugem Witz getränkten, gut lesbaren Sprache fest.
Längst ist Gabriele Göttle mit ihren Reportagen aus dem deutschen Alltag eine Institution. In ihrem neuen, lang erwarteten Buch „Der Augenblick“ versammelt sie 26 bereits in der taz erschienene Porträts sehr engagierter Frauen. Das Spektrum reicht von der Altenpflegerin über die Beamtin bei der Arbeitsagentur bis zur Professorin, auch seltene Berufe wie eine Präparatorin und eine Mouleurin sind vertreten. Egal, wie unterschiedlich sie sind, erhalten sie viel Raum, um ihre dezidierte Sicht auf die Dinge und Verhältnisse zu äußern, die Gabriele Goettle dann meisterlich verdichtet. Mehr davon! (Stefanie Hetze)
Blau ist das Licht an den langen Sommerabenden des Nordens. Wenn diese Zeit endet, spürt man, der Sommer ist bald vorbei. Joan Didions Adoptivtochter Quintana starb mit nur 39 Jahren, kurz nach dem Tod von Didions Mann. Sie ist nun allein, alt, selbst zerbrechlich und ohne Hoffnung. In diesem Buch schreibt sie an gegen den Tod, gegen die Verzweiflung, in klaren präzisen Worten frei von jeder Rührseligkeit, in Sätzen, die lange haften bleiben. Es ist kein Erinnerungsbuch, sondern ein radikales Buch über den Umgang mit der Leere, die unverhofft kommt und der sie begegnen will, ohne “zu jammern”. (Syme Sigmund)
Was, wenn ein wissensdurstiger Maler die Fotografie schon im 17. Jahrhundert erfunden hätte? Wäre seine Zeit reif dafür gewesen? Und würde heute jemand eine solche Entdeckung für bare Münze nehmen? Matthias Gatza erzählt die Geschichte des ersten Fotografen Silvius Schwarz und gleichzeitig die des erfolglosen Wissenschaftlers, der beweisen möchte, dass es Schwarz wirklich gegeben hat und die Leser an seinen Quellen teilhaben lässt. Eine Reise in die Zeit des Barock, in der die Künste und Wissenschaften neue Wege gingen. Außerdem eine Liebesgeschichte, denn zu den Quellen gehört ein passionierter Briefwechsel zwischen Schwarz und einer fortschrittlichen Dame. Und gleichzeitig ein Kriminalroman: Schwarz wird angeklagt, der Serienmörder zu sein, der die besten Sänger des Herzogtums zu seinen Opfern macht. Zwischen den historischen Episoden berichtet wiederum der Wissenschaftler von seiner Jagd nach Beweisen, auf der ebenfalls zahlreiche Frauen seinen Weg kreuzen … Geistreich, einfallsreich, doppelbödig – und vor allem eine sehr amüsante Lektüre. (Judith Krieg)
In einer existentiellen Krise, verschärft durch erheblichen Schlafmangel, findet die argentinische Journalistin Marìa Sonia Cristoff nur Trost im Zoo. Das Betrachten der Tiere im Halbschlaf und das Sinnieren über ihre Lebensbedingungen und Eigenheiten regen die Autorin zu scharfsinnigen Reflexionen über uns Menschen und unser Verhältnis zu Tieren an. Es wäre aber kein Berenbergbuch, wenn es nicht darüber hinausginge und seinen Lesern nebenbei nicht noch mehr erzählte von Buenos Aires, Australien, vom Leben auf dem Land… (Stefanie Hetze)
Nur zwei Jahre lang war Dr. Dora Lux in den 50ern die Geschichtslehrerin Hilde Schramms, der Tochter des NS-Kriegsverbrechers Albert Speer. Der Herkunft nach Jüdin, äußerlich alt und unscheinbar, aber außerordentlich gebildet, vorurteilsfrei und eigenständig, vermittelte sie ihren Schülerinnen einen nachhaltigen Sinn für Aufklärung und Humanität. Wer war Dr. Dora Lux? Wie konnte sie eine der ersten Abiturientinnen und Studentinnen Deutschlands werden? Weitere Dinge tun, die eigentlich unvorstellbar bzw. verboten waren, wie als Ehefrau und Mutter zu unterrichten? Mitte der 30er noch aufklärerische Artikel publizieren? In Berlin den NS-Terror überleben?
Überzeugender Klappentext: “Dieses Buch beinhaltet keinen Lebenslauf und kein Werkverzeichnis. Es zeigt auch nur 5 Filmbilder. Dafür gibt es einiges zu entdecken, vielleicht sogar Klaus Kinski.” Wir sagen: Ein Prachtband!
Eines Abends erscheint dem Philosophen Hans Blumenberg ein Löwe, dessen Anwesenheit von einem tieferen Zusammenhang aller Dinge zeugt. Vier seiner Studenten suchen noch nach einem solchen Zeichen, teils auf radikale Weise. Ein vielschichtiger Roman, heiter und ernst, der mit Motiven aus Leben und Werk des realen Blumenberg spielt, von der zeitlosen Suche nach Sinn erzählt und zugleich die 80er-Jahre zum Leben erweckt. In den Bann zieht die Sprache mit einer ganz eigenen Leuchtkraft. (Judith Krieg)
Hinter einem sperrigen Titel, geschrieben von einem hierzulande bislang unbekannten Autor, dem englischen Keramikkünstler Edmund de Waal, verbirgt sich eines der faszinierendsten Bücher dieses Jahres. Ausgehend von kleinen Erbstücken, kostbaren japanischen Minaturschnitzereien (Netsuke) rekonstruiert de Waal die Geschichte seiner Familie, einer jüdischen Getreidehändler-, Bankiers- und Kunstsammlerfamilie im 19. und 20. Jahrhundert. Dabei spannt er einen Bogen von Paris, Wien, Odessa, Tokio nach London, erzählt vom kometenhaften Aufstieg, enormem Reichtum, Mäzenatentum, von Verfolgung, Enteignung und Vertreibung – und wie die Netsuke, die dank einer Hausangestellten als einziges von all den Besitztümern überlebt haben, zu ihrem Ursprung nach Tokio zurückkamen. Ganz ohne Nostalgie, aber präzise und einfühlsam gelingt de Waal eine ganz neue Form der Familienerzählung. Ganz nebenbei schreibt er auch eine weitläufige europäische Geschichte. Unbedingt lesen. (Stefanie Hetze)