Mit Illustrationen von Ulrike Möltgen, Gerstenberg 2018, 240 S., € 12,95, TB Oetinger 2019, € 8,-, ab 10
(Stand März 2021)
Vom ersten Augenblick an ist Ina fasziniert von ihrer neuen Mitschülerin. Allein ihr Name Gertrude – noch nie gehört … sie scheint so offensichtlich anders zu sein! Und das ist sie auch in der DDR der 1970er vor allem durch den von ihrer Familie gestellten Ausreiseantrag, der sie nicht nur im Pionieralltag zur Außenseiterin abstempelt. Auch Ina wird weder von den anderen Kindern noch von ihrer Lehrerin besonders gemocht. Und so stürzen sich beide Mädchen voller Euphorie in das Gefühl der ersten großen Freundschaft. Allerdings beruht die Anweisung, Gertrude zu meiden, auf höchst offizieller Entscheidung und die Freundschaft der Mädchen wird nicht gern gesehen – weder von Inas Mutter noch vom Schulpersonal. Doch Ina bleibt standhaft und kämpft einfallsreich und mutig für ihre Freundin. Ganz genau gelingt es Judith Burger in die Gefühlswelt der Mädchen einzutauchen. Dazu vermittelt sie alltagsnahe Einblicke in die vielen Kindern heute unbekannte Zeit der DDR und bricht eine Lanze für die poetische Zeitlosigkeit von Gertrude Stein. Ein tolles literarisches Debüt über die Kraft grenzenloser Freundschaft und den Mut aus der Reihe zu tanzen bis hin zum zivilen Ungehorsam! (Jana Kühn)

Ein Sommertag Anfang der 90er Jahre in Tokyo – wie immer liegt der alkoholsüchtige Barbetreiber und Loser Shimamura whiskytrinkend im Park. Es sind viele Leute dort, auch ein Mädchen, das sich nicht wie die anderen vor ihm wegdreht, sondern ihn wegen seiner zittrigen Hände anspricht. Plötzlich geht eine Bombe hoch, gibt es jede Menge Tote und Verletzte und ebenso plötzlich holt Shimamura seine Vergangenheit ein. Jahrzehntelang hatte er anonym in Deckung gelebt, denn er war nicht aus Japan geflohen wie Kuwano, sein Kumpel aus militanten Studentenrevoltenzeiten. Ihnen beiden war ein tödliches Attentat auf einen Polizisten zur Last gelegt worden. Wie in einem Déjà-vu ist Shimamura wieder an einem Tatort, an dem u.a. ein hoher Polizeibeamter ums Leben kommt, und gerät erneut mitten ins Visier der Ermittler. Nur er, der alkoholkranke und bettelarme Hauptverdächtige kann seine eigene Unschuld beweisen und gleichzeitig muss er unbedingt herausfinden, was mit dem Mädchen geschehen ist. Eine rasante Tour seiner Ermittlungen beginnt, bei der er in die Fänge der Polizei 
Der Clan der Kinder
Zwei ungleiche Freunde – Seth ein stiller Soundtüftler und Carter, ein auffallender Lebemann und Musiksammler – mischen mit ihren ungewöhnlichen Retrosounds die New Yorker Musikszene auf. Doch mitten im erfolgreichen Aufstieg wird ein unbedachter Scherz zum Auslöser ihres unaufhaltsamen Falls. Alles beginnt mit einem Soundschnipsel, den der nerdige Seth zufällig in einem New Yorker Park aufnimmt. Ein kratziger Bluessound, der von Carter so lange digital bearbeitet wird, bis er wie ein Original aus den 1920ern klingt. Schnell wird sich noch der Künstlername Charlie Shaw dafür ausgedacht und schon ist ein Coup in der Sammlerszene gelandet, denn einen solchen Sänger hat es scheinbar wirklich gegeben. Wenig später wird Carter nachts fast zu Tode geprügelt. Ein gefährliches Spiel hat begonnen, das für den Leser ähnlich schwer zu durchschauen ist wie für Seth, der zunehmend den Bezug zur Realität verliert. Das ist kurzfristig verwirrend, denn Hari Kunzru wechselt nun vom konzisen Erzählton, der die New Yorker Künstler-Boheme seziert in einen fast mystischen Sound, der schwindelerregend zwischen Erzählern und Zeiten wandelt. Der fast unerträgliche Erzählsog endet furios in Jackson Mississippi und spannt damit nicht nur meisterhaft einen Bogen von Nord nach Süd, sondern verhandelt vor allem ein tragisches Kapitel der Musikgeschichte eingebettet in Rassismus und kulturelle Aneignung. (Jana Kühn)
Die Sommerferien verbrachte Thomas de Padova immer in Mattinata, Apulien, dem Herkunftsort seines Vaters bei seiner Nonna, mit der er sich kaum verständigen konnte. Erst als Student lernte er Italienisch, nur um festzustellen, dass auch das bei seiner dialektsprechenden Nonna nicht weiterhalf. Mit einem kleinen lokalen Wörterbuch klappte es. Jahrelang setzte er sich auf ein Ministühlchen in ihrem dunklen Haus und hörte ihr zu, der kleinen schwarz gekleideten Frau, die anders als die Männer der Familie das Dorf und seine Umgebung nie verlassen hatte. Die Gespräche und Beobachtungen dieser „Sitzungen“ zwischen Großmutter und Enkel, zwischen Analphabetin und Wissenschaftspublizist umspannen ein großes Panorama an Themen wie Familie, Arbeit, Armut, Geld, Körper, Glauben, Migration, Weltall. Dank der lebendigen Sprache und vieler kleiner Gesprächssituationen schafft der Autor eine ungeheure Präsenz dieser Frau des Südens, die er mit seinem Buch liebevoll-kritisch würdigt. (Stefanie Hetze)
Die schwedische Kinderbuchmacherin Pija Lindenbaum ist bekannt für ihren unverfälschten wie fröhlichen, immer ein bisschen frechen Blick in Kinderwelten. Mit einem ebensolchen hat sie sich in ihrem neuesten Bilderbuch den Themen Flucht und Migration gewidmet, die sie in eine farbenfrohe Hunde-Fantasie-Welt verlegt. Dort leben drei Hunde auf einer ziemlich schönen Insel. Aber dann regnet es so lange nicht, bis sie nur noch eine Kartoffel haben und es wirft auch noch jemand einen großen Stein in ihren Pool. Sie können dort nicht bleiben, müssen fort. Wie die Drei ihre Insel über das Meer verlassen, erzählt Lindenbaum ohne zu beschönigen in allen Gefahren und Entbehrungen – bis endlich Land in Sicht kommt und damit auch die Pudel und davon gibt es wie im echten Leben nette und blöde. Viele Bilderbücher haben sich an der Thematik versucht. Dieses ist herausragend in seiner Direktheit vom Wunsch nach einem Zuhause zu erzählen, die anrührt und dabei viel Mitgefühl, Hoffnung und Gesprächsbedarf wecken wird. (Jana Kühn)
Ein besonderer Fall: Eine Autorin, die eine familiäre Herkunftssprache hat, aber in ihrer zweiten Sprache überaus erfolgreich schreibt, verliebt sich wie in einem Blitzschlag in eine dritte. Dies war der bengalisch-amerikanischen Schriftstellerin Jhumpa Lahiri während einer Italienreise geschehen. Zurück in den USA lernte sie Italienisch, versuchte, immer tiefer darin einzutauchen, was in der amerikanischen Umgebung natürlichen Grenzen gesetzt war. Ihre Leidenschaft treibt sie und ihre Familie nach Italien, wo sie begeistert weiterlernt und liest und spricht und anfängt, auf Italienisch über ihre Passion für die neue Sprache zu schreiben. Immer wieder stößt sie an ihre Grenzen, wird zudem von Italienern auf Englisch angesprochen, während ihr Mann, der nur radebricht wegen seines Aussehens für einen Italiener gehalten wird!
Friedrich Kissel, geboren