Albertine Sarrazin: Querwege

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Ink Press 2019, 228 S., € 20,-

Sarrazin_Albertine_Querwege_Danteperle_Dante_Connection_BuchhandlungAlbe ist eine junge Frau, die ein Viertel ihres Lebens im Knast verbracht hat. Da drinnen hat sie ihre gymnasiale Ausbildung abgeschlossen, gelesen, geschrieben und davon geträumt, Schriftstellerin zu werden. Nun ist sie frei und sucht einen Weg zur Veröffentlichung. Einfach ist es allerdings nicht: Ihr Mann ist noch im Gefängnis, alte Freunde lassen sie im Stich, sie kann nicht frei durch Frankreich reisen und hat dazu kein Geld.
„Querwege“ ist Albertine Sarrazins dritter und letzter Roman, autobiografisch wie die beiden davor. Die Autorin hatte ein kurzes Leben voller Übertretungen und Qualen, tatsächlich ein Querweg zur Freiheit, der sich in ihrem Schreibstil spiegelt. Ihre Sprache hat eine magische Energie, sie kommt dem Leben ganz nahe, bewegt sich zwischen Poesie und Argot, der Sprache der Unterwelt. Sarrazin ist eine Autorin, die sich nicht vergessen lässt. Ihre Bücher, obwohl vor 50 Jahren entstanden, bleiben so aktuell und berührend, als ob sie heute geschrieben worden wären. Eine herzliche Empfehlung für alle, die sich für Einzigartigkeit begeistern! (Giulia Silvestri)

Claudia Steinitz über ihre Übersetzung

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Jamel Brinkley: Unverschämtes Glück

Aus dem amerikanischen Englisch von Uda Strätling, Kein & Aber 2019, 336 S., € 22,-

BrinkleyEs sind ausschließlich Geschichten von Männern, die in diesen neun Erzählungen die Handlung bestimmen, schwarze Männer, die in einer Gesellschaft leben, in der zum Mannsein gehört, Frauen als Sexualobjekte zu betrachten, in der ein echter Mann keine Schwächen zeigt, in der – so Brinkley -ein vorherrschendes „oft zerstörerisches Bild der Männlichkeit“ besteht. Doch Brinkleys Figuren entsprechen diesem Bild nicht. Auch wenn sie versuchen, ihre Schwächen zu verbergen, sind es gebrochene Gestalten, voller Scheu, Minderwertigkeitsgefühlen und Selbstzweifeln. Ob scheinbar von sich überzeugte junge Studenten, die versuchen, Frauen aufzureißen, ein linkischer Mann mittleren Alters, der die Abende einsam in einer Bar verbringt, oder der ehemalige Frauenschwarm, der ständig seine Wampe einzuziehen versucht – Brinkley stellt die Frage, was es bedeutet, heute ein schwarzer Mann in New York zu sein, und er tut dies mit so großem psychologischem Feingefühl, dass den Lesern die Protagonisten zwar nicht unbedingt immer sympathisch werden, aber doch sehr nahe kommen. Dieser junge Autor, dessen Erzählungen in Sprache und Form überzeugen, kann sich jetzt schon mit Recht einfügen in die Reihe der großen anglo-amerikanischen Kurzgeschichten-Autoren. (Syme Sigmund)

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Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios

Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag, Hanser Verlag 2019, 240 S., € 22,-

VuongWas für ein Buch! In Form eines Briefes an die eigene Mutter, die ihn als Analphabetin nie wird lesen können, schreibt der junge vietnamesischstämmige Vuong vom Aufwachsen am Rand der Gesellschaft in der amerikanischen Provinz, von Armut und Drogen.  Er schreibt von den Kriegstraumata seiner schizophrenen Großmutter, die ein Kleid nur dann kauft, wenn es feuerfest ist, von seiner überforderten Mutter, die ihn im Hinterzimmer des Nagelstudios großzieht, in dem sie arbeitet, von seiner ersten Liebe zu einem weißen, drogenabhängigen Jungen inmitten der Weizenfelder Connecticuts. Er schreibt von der Suche eines Jungen, der kontinuierlich Ausgrenzung und Gewalt ausgesetzt war, nach sich selbst, und er tut dies mit Worten wie Eissplitter, mit Sätzen voller Liebe, Poesie und Klugheit, voller Schmerz und Leichtigkeit. Ein Text, der ins Herz trifft, überwältigt, erschüttert. Großartig! (Syme Sigmund) Leseprobe

Soundtrack zum Buch

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Amitava Kumar: Am Beispiel des Affen

Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Hanser Verlag 2019, 320 S. mit Illustrationen, € 23,-

20-Kumar_Amitava_Am_Besispiel_des_Affen_Danteperle_Dante_ConnectionKailash, ein junger Mann aus dem eher ländlichen Indien kommt 1990 zum Studium in die USA. Er ist kein schüchterner Einwanderer, sondern staunend-begierig auf Bildung, auf Frauen, auf Sex und vor allem „versessen darauf zu glänzen“. An der New Yorker Uni schließt er sich dem charismatischen Dozenten und Aktivisten Ehsaan Ali an, der seine Studenten intellektuell herausfordert, sie aber gleichzeitig in sein Privatleben einbindet. Bewusst meidet Kailash indische Mitstudenten, in seinen Briefen an die Eltern in Indien schreibt er von irgendeinem phantastischen Amerika. Doch obwohl er immer weiter in sein amerikanisches Campus- und Beziehungsleben eintaucht, vermischen sich seine Reflexionen über sein neues Leben mit den Erinnerungen an seine Herkunft, die er allegorisch als „die eines Affen“ beschreibt.  Mit viel Ironie schildert Kumar die Geschichte seines Alter Ego und vieler kultureller Missverständnisse. Er kombiniert dessen Erfahrungen mit einer Fülle historischer Ereignisse und realer Personen, virtuos bezieht er sich auf Literatur, Wissenschaft und Filme, er verwendet Fotos, Bilder, Zeitungsausschnitte, Anmerkungen. Dies alles so leichter Hand und scheinbar mühelos, dass es großes Vergnügen bereitet,  diesen besonderen Roman einer Einwanderung zu lesen. (Stefanie Hetze)

Leseprobe

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Saša Stanišić: Herkunft

Luchterhand Literaturverlag 2019, 360 S., € 22,-

Stanisic herkunftDanteConnection_Danteperle Was ist Herkunft, wo komme ich her? Nicht ein Geburtsort, eine Nation oder gar Nationalität. Herkunft – das sind Erinnerungen, Geschichten, Menschen. Die Großeltern, ein Dorf in den bosnischen Bergen, aus dem die Familie stammt, die Jungendfreunde an der ARAL-Tankstelle in der Hochhaussiedlung in Heidelberg, die erste Freundin, die Eltern, die in Deutschland nicht Fuß fassen, die Kindheit in Višegrad. Saša Stanišić flicht ein Netz aus Geschichten von vor und nach der Katastrophe des Krieges, der die Familie in die Fremde zwang und alle frühen Erinnerungsorte mit Gräuelnachrichten überschrieb, verwebt feinfühlig, flirrend, poetisch und doch klarsichtig und voller Witz Erinnerungen und Anekdoten, spricht von Sprache, Emigration, Scham und Ausgrenzung, von Zerrissenheit, Familie und Freundschaft. Kein „Zugehörigkeitskitsch“, sondern Zwischentöne.
Nachdenklich, erfüllt, berührt und auch heiter verfängt man sich und will immer noch mehr. Eine unbedingte Empfehlung! (Syme Sigmund) Leseprobe

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Gioacchino Criaco: Die Söhne der Winde

Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl, Folio Verlag 2019, 336 S., € 22,-

Criaco Söhne der Winde_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergKalabrien der 60-er Jahre. Im Dorf Africo Nuovo leben vor allem Frauen, Alte und Kinder. Die Männer sind emigriert, nach Mailand oder nach Wolfsburg. Nur die Mafiosi haben in dem kargen Land ihr Auskommen. Nicola und seine Freunde sehen im Schulbesuch keinen Sinn, hängen in der Bar rum und rutschen nach und nach in die Kleinkriminalität ab – auch um ihren hart arbeitenden Müttern etwas zustecken zu können, denn die fernen Männer schicken Geld nur sporadisch, wenn überhaupt. Als eines Tages Papula auftaucht, ein junger Rückkehrer aus Deutschland, mit revolutionären Ideen im Kopf, scheint plötzlich alles möglich. Die ausgebeuteten Frauen proben den Aufstand und die Jungen träumen für kurze Zeit von einer Zukunft für den Ort und für sich selbst. Doch gegen die mafiösen Strukturen und korrupte Politiker ist es ein ungleicher Kampf.
Criaco, Kenner der Verhältnisse vor Ort,  erinnert an ein vergessenes Kapitel kalabrischer Geschichte, denn Papula gab es tatsächlich, er hieß Rocca Palamaro und löste eine anarchistische Welle aus, die 68er-Bewegung Kalabriens.
In eindringlichen Bildern und düster-poetischer Sprache setzt Criaco der einfachen Bevölkerung ein Denkmal und klagt die Verhältnisse an, die sich bis heute kaum gebessert haben. (Syme Sigmund)

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Helene Bukowksi: Milchzähne

Blumenbar 2019, 220 S., € 20,-

Bukowski Milchzähne_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin Kreuzberg

In ihrem Debütroman imaginiert die Autorin ein Szenario in unbestimmter Zukunft, das im Kern vielfach Berührungspunkte mit unserer Lebensrealität aufweist.
Ein Mädchen lebt mit ihrer Mutter in einem Haus mit Garten nahe eines Kiefernwaldes. Das Klima ist dem Mensch kein Freund mehr und auch die Gemeinschaft ist von fragwürdigem Rückhalt. Ist die Mutter anfangs noch eine Verbündete, ist das Mädchen mit dem Verlust der Milchzähne plötzlich auf sich gestellt. Die Erklärung dafür bleibt lakonisch („sie sei nun eine von ihnen“) sowie sich auch die immer wieder als feindlich definierte Umgebung und Nachbarschaft nur langsam erschließt. Nur eins ist von Beginn an klar: Anderssein ist in diesen Zeiten kein Überlebensvorteil. In diesem Umfeld entsteht eine Protagonistin und Erzählerin, die sich neben dieser kargen und eingeschränkten Lebenswelt stark auf sich selbst zu besinnen beginnt. Aus der Selbstversorgerin wird eine Selbstdenkerin, die, als sie ein Kind im Wald findet, einen mutigen Entschluss fasst. Das Buch regt zum Denken an und ist aufgrund der atmosphärischen Dichte ein großes Lesevergnügen. (Franziska Kramer) Leseprobe

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Hilmar Klute: Was dann nachher so schön fliegt

Galiani Berlin 2018, 368 S., € 22,-

Klute Was dann nachher_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergBochum 1986. Volker macht Zivildienst, im Altenheim, aber eigentlich, eigentlich ist er Dichter, angehender zumindest. Immerhin wird er eingeladen, nach West-Berlin, zu einem Seminar für junge Schriftsteller. Das ist zwar nicht die Gruppe 47, die seine Tagträume bestimmt, aber doch ein Anfang. Und in Berlin lernt er Katja kennen, die ihn wirklich für begabt hält und ihm auch sonst eine neue Welt eröffnet – vor allem die Club- und Kneipenszene der geteilten Stadt. Sensibel und höchst komisch begleitet Hilmar Klute diesen jungen Mann auf dem Weg ins Erwachsen-Sein. Der Alltag eines durchschnittlichen Pflegeheims und der um sich selbst kreisende Literaturbetrieb werden einander in geschicktem Wechselspiel gegenübergestellt. Klute gelingt dies mit unterhaltsam-eleganter Ironie ohne dabei in Überheblichkeit abzugleiten. Ein Werk voll leichten Witzes und Poesie sowie ein Hoch auf die Kraft und die Schönheit, die Worte zu entfalten in der Lage sind. Ein wunderbares Buch. (Syme Sigmund)

Leseprobe

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Myriam Lang, Larissa Bertonasco: La grande cucina vegetariana

Carlo Bernasconis vegetarische Menüs für Gäste. Jacoby & Stuart 2018, 160 S., € 20,-

Cover Cucina vegetariana_Verlag.inddEin Kochbuch, das gleichermaßen für den Alltag, als auch für festliche Einladungen geeignet ist, mit Rezepten, die nicht schwer nachzukochen sind und keinen Großeinkauf erfordern, sondern mit einer überschaubaren Anzahl von Zutaten auskommen. Carlo Bernasconi betrieb ein vegetarisches italienisches Restaurant in Zürich, und italienisch ist eindeutig die Basis der Gerichte, wenn sie auch überraschend verwandelt daherkommen und zum Experimentieren anregen. Wie wäre es mal mit Ravioli gefüllt mit Mangold oder Linsensalat mit Auberginenrouladen? Und danach etwas Himbeer-Tiramisù mit Pistazien? Präsentiert werden die Gerichte in nach Jahreszeiten abgestimmten Menüs mit 3-6 Gängen, aus denen man sich problemlos persönliche Highlights herauspicken kann. Die wunderbaren Illustrationen von Larissa Bertonasco machen zudem schon das Durchblättern zu einem Genuss. Probieren will man danach eigentlich alles, und zwar am besten sofort. Mmmmh! (Syme Sigmund)

Blick ins Buch

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Antonio Ruiz-Camacho: Denn sie sterben jung

Stories. Aus dem Englischen von Johann Christoph Maass, Beck 2018, 205 S., € 19,95

Ruiz-Camacho denn sie sterben jung_DanteConnection_DanteperleDer wohlhabende José Victoriano wird in Mexico City entführt und für seine Kinder und Enkel ist plötzlich nichts mehr wie zuvor. Als nach und nach Pakete mit verschiedenen Körperteilen des Großvaters eintreffen, verlassen sie in Panik und überstürzt das Land. In acht lose miteinander verknüpften Geschichten, scharfen und gleichzeitig sensiblen Momentaufnahmen, erzählt Antonio Ruiz-Camacho aus Sicht unterschiedlicher Familienmitglieder vom Leben in Madrid, Austin Texas oder Palo Alto, vom Gefühl des plötzlichen Verlusts jeglicher Sicherheit und sozialen Halts. Da ist der junge Vater, der es nicht schafft, seinem neugeborenen Sohn in die Augen zu sehen, da sind die jugendlichen Enkel, gestrandet in einem heruntergekommenen Appartement in New York, die ihr altes Leben vermissen oder die geheime Geliebte, die nicht weiß, warum der Vater ihres sechsjährigen Sohnes einfach nicht mehr bei ihr auftaucht und wie sie diesem das erklären soll. Aus den verschiedenen Puzzleteilen  entsteht ein eindrucksvolles, authentisches und höchst spannungsvolles Bild des Zerfalls einer Familie und der verhängnisvollen Auswirkungen der immer mächtiger werdenden Drogenmafia in Mexiko, die ein ganzes Land zu zerstören droht. (Syme Sigmund)

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