Fotografien aus Westberlin. Lehmstedt 2016, 160 S., € 24,90
(Stand April 2021)
Die Achtziger in Westberlin sind ein vielbesungener Mythos und zugleich waren sie die letzten als Ausnahme- und Inselstadt. Diese unwiederbringliche Atmosphäre, die eigenartige Schönheit des Maroden und der Leere und daneben die experimentierfreudige Ausgelassenheit der Lebensentwürfe sind in den Fotos von Christian Schulz aufs Wundervollste eingefangen. Sowohl für die, die es erlebt haben als auch für die, die es nicht erlebt haben.

Manchmal würden wir am liebsten ein Buch anders einschlagen, wenn das Cover völlig in die Irre führt. Dies ist so ein Fall. Margherita Giacobino erzählt in ihrem neuen Roman gänzlich unsentimental die Geschichte ihrer Familie, die nur mit großer Anstrengung und enormem Erfindungsreichtum einem Leben aus Armut, Entbehrung und Ausgeschlossensein entkommen konnte. Das war vor 100 Jahren im Piemont nichts Ungewöhnliches, doch das Besondere an dieser Familie ist, dass Frauen hier das Zepter fest in den Händen hielten und die grundlegenden Entscheidungen für die Familie trafen. Giacobinos Vorfahrinnen sind wirkliche Akteurinnen, natürlich sind sie sich nicht einig und versuchen nach allen Regeln der Kunst, das dicke Mädchen für sich einzuspannen. Dieses Kind gräbt Jahrzehnte später als gestandene Erwachsene in ihren Erinnerungen, befragt Verwandte, deutet alte Fotos und Materialien um und verbindet all diese Elemente zu einem großen Familienroman, in dem sie einige unverwechselbare italienische Matriarchinnen feiert. (Stefanie Hetze)
Gleich auf den ersten Seiten wird in diesem fürchterlich schrägen Bilderbuch das wildeste, das gefährlichste, das schrecklichste Monster auf der ganzen Welt aus der Kiste gelassen und sofort – o Schreck – laufen alle schreiend davon. Alle? Nein, eben nicht alle! Ein einziges Kind bleibt tapfer mit dem Buch in den Händen sitzen und blättert sogar gleich mutig weiter. Es ist sozusagen ein ganz harter Brocken. Weder scheußliches Heulen noch grausliges Dunkel, weder Gespensterkleider noch Geisterversammlung können diesem Kind einen Schrecken einjagen. Stattdessen wird es sich vor Lachen kringeln und wieder und wieder von vorn anfangen wollen mit diesem monstermäßigen Bilderbuchspaß – versprochen! (Jana Kühn)
Das katholische Viertel Belfasts ist in den 80er Jahren kein leichter Ort zum Aufwachsen, erst recht nicht, wenn man kein “harter Kerl” ist, sondern ein schmächtiger, sensibler und intelligenter Junge. Stacheldraht und Mauern trennen es vom protestantischen Teil der Stadt, immer wieder gibt es Kämpfe und Bombenexplosionen und die IRA schreibt Gesetz. Es ist der Sommer nach dem Ende der Grundschule. Die Stadt ist für Michey ein erschreckender Ort, die anderen Kinder mobben ihn als Weichei, sein großer Bruder schließt sich der IRA an und seine Hoffnung, auf eine Privatschule zu wechseln, an der es weniger rau zugeht, droht an der Armut der Familie zu scheitern. Doch voller Optimismus und Phantasie fasst der Junge einen Plan, um seine Träume doch noch zu verwirklichen. Ein lesenswertes Buch über eine Kinderseele in Krisenzeiten, heute so aktuell wie je. (Syme Sigmund)
Petina Gappah hat für ihren ersten Roman eine Protagonistin gewählt, die in kein soziales Raster passt und in einer Gesellschaft, die durch Kolonialismus, Apartheid, Korruption und Autokratie geprägt ist, überall aneckt und die demnach die extremste aller Strafen, die Todesstrafe, erwartet. Memory ist als Albino eine weiße Schwarze. Sie kennt die gegensätzlichsten Milieus. Ihre Kindheit hat sie arm und in einer Familie ohne Verwandte und Ahnen verbracht, ihre Jugend bei einem reichen weißen Farmer. Sie ist hochgebildet und sitzt nun in dem berüchtigsten Knast Simbabwes. Hier schreibt sie um ihr Leben und kommt beim Erinnern den eigenen Widersprüchen und denen ihrer Mitmenschen auf die Spur. Und dies in einer vielstimmigen mitreißenden Sprache, die Klischees und Schwarzweißdenken aufbricht! (Stefanie Hetze)
Von der Leidenschaft des Sandsammelns über den Geschmack von Käfern bis zu Darwin – diesen Bogen kann nur ein Fredrik Sjöberg schlagen, und zwar in der von ihm gewohnten höchst amüsanten und fesselnden Weise. Und das in nur einem der in diesem Band versammelten Texte des schwedischen Autors und Biologen. Immer wieder schafft er es auf elegant-ironische Art, den Leser für die abwegigsten Persönlichkeiten mit ihren skurrilen Passionen zu interessieren. Von einem Spielzeugfabrikanten zu den deutschen Romantikern, von Flohforschern und Insektenfang auf Eis, von Linné und Lenin bis zu Strindberg – “Wie leicht die Gedanken auf Abwege geraten, wenn der Himmel weit und die Straße schnurgerade ist”. Dem muss und will man folgen, und wenn man sich darauf einlässt, sind vergnügliche Stunden garantiert. (Syme Sigmund)
Das junge Glück des Ehepaars Tebrick nimmt eine jähe Wendung, als Mrs. Tebrick sich auf einem Spaziergang unversehens in eine Fähe verwandelt. Ihr Mann ist erschüttert, doch erkennt er sogleich seine Gemahlin in dem Tier und nimmt sich ihrer voller Liebe an. Die Angestellten entlässt er unter einem Vorwand und kümmert sich allein um das Wohlergehen seiner Frau. Diese ist zunächst wirklich ein Mensch in Tiergestalt, sie möchte sich ankleiden, spielt mit ihm abends Karten und lauscht seinem Klavierspiel. Doch nach und nach gewinnt die neue Natur in ihr die Überhand, bis sie mit einem Fuchs im Wald eine neue Familie gründet. Wie Garnett diese schleichende Verwandlung zu beschreiben vermag ist zugleich tragisch anrührend und höchst unterhaltsam. Mr. Tebrick verzweifelt daran, dass seine Frau sich immer mehr von ihm entfernt, und findet doch stets einen Weg, sie auch weiterhin zu akzeptieren und zu lieben. Erzählt wird in diesem kurzen, 1922 erschienenen und nun in wunderschöner Gestaltung vom Dörlemann-Verlag wiederaufgelegten Roman nicht einfach eine skurrile Begebenheit, sondern eine Geschichte von Liebe und Abhängigkeit, von der Suche nach der eigenen Natur in einer zutiefst von gesellschaftlichen Zwängen dominierten Zeit. (Syme Sigmund) 

Die Mutter weg zur Entziehungskur, der Vater, ein Immobilienspekulant, mit der Geliebten auf Geschäftsreise. Das sind Maiks Sommerferien im äußersten Osten Berlins – bis Tschick, der Neue in seiner Klasse, mit einem geklauten Lada auftaucht. Die rasante Fahrt der zwei 14-Jährigen durch verlassene Teile Ostdeutschlands ist grandios erzählt. Man streitet sich fast, wer das Buch als nächster lesen darf!! (Franziska Kramer)