Aus der aus dem Afrikaans übersetzten englischen Fassung von J. M. Coetzee übertragen von Renate Stendhal, Wagenbach 2020, 160 S., € 18,-
(Stand März 2021)
Eine Frau unbestimmten Alters lebt allein in einem hohlen Baobabbaum im Veld, dem Plateau im Inland Südafrikas. Die in der Nähe lebenden „Kleinen Menschen“ – wahrscheinlich Mitglieder des San-Volks, die sich durch eine recht helle Hautfarbe und eine geringe Körpergröße auszeichnen- meiden sie, versorgen sie jedoch auch mit Lebensmitteln. Wie aus der Zeit gefallen versucht sie sich und die Zeit zu fassen, kreist um ihren Aufenthaltsort, ihre Seele, verliert sich in Träumen und im Schlaf. In Episoden, welche die chronologische Zeit aufheben, erzählt sie uns ihr Leben. Als Kind mit Gewalt aus ihrem Dorf entführt, als Sklavin verkauft, hat sie unter drei „Herren“ gelebt, die sie alle auch als Sexualobjekt missbrauchten und ihre Kinder früh weiterverkauften, bis ein „Fremder“ sie als Geliebte mitnimmt auf eine aussichtslose Expedition ins Inland, auf der Suche nach einer nie erreichten mythischen Stadt, und sie allein zurückbleibt.
Ein hochpoetischer Roman von größter Erzählkunst und schwebender Präzision, der uns in eine sowohl wirklichkeitspralle als auch magische Welt entführt und verzaubert zurücklässt. Jetzt ist das erstmals 1987 auf Deutsch erschienene Buch in der wunderschön gestalteten Quartheft-Reihe von Wagenbach endlich wieder erhältlich. (Syme Sigmund)

Äußerlich unscheinbar kommt dieses Buch daher, und hat es doch in sich. Für jeden Monat werden bis zu zehn ausgewählte Pflanzen vorgestellt, die wir auch in Berlin leicht entdecken können. Dabei werden nicht nur die jeweiligen Eigenheiten beschrieben, sondern auch auf kurzweilige Weise kulturhistorische Informationen und Anekdoten geliefert. So erfahren wir – zum Beispiel im Mai – welche Bedeutung der Flieder bei den antiken Griechen hatte und dass Holunder nicht nur Gummibärchen färbt, sondern auch zur Umhüllung mikroskopischer Präparate verwendet wird. Aber auch die Knoblauchsrauke fällt uns plötzlich ins Auge, wie sie am Wegesrand weißlich blüht, eignet sie sich vortrefflich für einen würzigen Salat. So begleitet dieses Buch durchs Jahr und verführt dazu, den Blick immer wieder ganz neu auf die uns umgebende Natur zu lenken. (Syme Sigmund)
Der britische Kochbuchautor Nigel Slater konnte selbst in seinem Gemüsekochbuch Tender bislang schwerlich auf Fleisch in seinen Rezepten verzichten. Doch auch er hat sich gewandelt und anhand seiner täglichen Notizen zu den Gerichten, die er sich zubereitet, ein wunderbar alltagstaugliches Grünes Gelage-Kochbuch geschaffen. Alle Rezepte brauchen höchstens 30 Minuten, sie sind keine starren Anleitungen, sondern verlockende Vorschläge, etwas auszuprobieren, sich auch einmal ein Sandwich mit unterschiedlichem Gemüse zusammenzustellen. In seiner unnachahmlichen Art, auch seine eigene Sprache aromatisch zu würzen, erzählt Slater von seinen eigenen Vorlieben und Gewohnheiten, zum Beispiel reifes Sommergemüse wie Auberginen seidig weich zu backen und mit einer Basilikum-Pinienkernsauce auf einem Blätterteig zu einer knusprigen Tarte zu verwandeln und dies alles ganz einfach im Ofen. Das regt schon beim Lesen die Geschmackssinne an! (Stefanie Hetze)
Ralph und Molly sind die jüngsten Kinder einer amerikanische Mittelstandsfamilie. Wild, frech und spröde, fühlen sie sich einander auf symbiotische Weise verbunden und ihren großen, eitlen Schwestern sowie ihrer zimperlichen Mutter nicht zugehörig. Als sie mehrere Jahre hintereinander den Sommer auf der Ranch eines Onkels verbringen dürfen, scheint dies für sie zunächst ein unerwartetes Glück. Doch der zwei Jahre ältere Ralph schließt sich mit Beginn der Pubertät dem bewunderten Onkel an und Molly, die sich verraten fühlt, driftet immer mehr in ihre eigene störrische Welt ab. Schleichend baut sich in diesem 1947 erschienen Meisterwerk eine zum Reißen gespannte psychologische Spannung auf. Ein großes Stück Weltliteratur der heute fast vergessenen Pulitzerpreisträgerin, das es wiederzuentdecken gilt. (Syme Sigmund)
Berlin ist das Mekka für unzählige Tierarten, die Autorin geht von rund 20.000 unterschiedlichen Wildtier
Abbas Khider führt diesmal wieder in sein Geburtsland, den Irak und in die Zeit des Wirtschaftsembargos. Familie Hussein verlässt den besonders gebeutelten Süden des Landes und versucht in Bagdad einen Neuanfang aus dem Nichts. Findig und voller Einfallsreichtum bauen sie eine Hütte in den wachsenden Slums am Stadtrand der Hauptstadt. Kein Unglück, keine Beschwernis – und davon gibt es zahlreiche – scheinen den Lebensmut der Familie brechen zu können. Im Mittelpunkt steht der heranwachsende Shams, der bald schon eine große Liebe zu Büchern entwickelt, die zu jener Zeit aber auch große Gefahren birgt. Auf zwei sich abwechselnden Ebenen lässt Khider den mittlerweile jungen Mann erzählen: in anschaulichen Rückblenden vom Alltag im Blechviertel und ganz unmittelbar aus dem Gefängnis, in das ihn seine Bücherliebe schließlich bringt. Gerade diese Unmittelbarkeit, die Direktheit des Erzählens bis ins noch so schmerzhafte Detail haben es in sich und lassen ahnen, was es heißt, ein Gefangener zu sein. (Jana Kühn)
Birdie Walker ist eine in die Jahre gekommene Witwe, aber mit der richtigen Klamotte und entsprechender Haltung spielt sie alle locker an die Wand. Das hat sie auch bitter nötig, das Geld ist knapp und die Schulden hoch. Die haben ihr die korrupten Machenschaften der Musikindustrie eingebrockt, die sich an Jack, dem Superrockstar, auf ihre Kosten bereicherten. Von Jack, der beim Brand seines Hauses ums Leben kam, soll es noch Bänder mit Songs und legendäre Filmaufnahmen geben. Das lockt nach 25 Jahren die Haie der Branche auf den Plan, die wie Birdie und Jack einmal klein und als Kumpel angefangen hatten… Doch obwohl sie jede Menge hinterhältige Ränke schmieden, eine Birdie ist ihnen absolut gewachsen.
Der Dokumentarfilm La Rabbia erschien 1963. In Form eines poetischen Essays kommentiert Pasolini mehrere Ereignisse der Zeit, die im Film mit Ausschnitten aus internationalen Wochenschauen gezeigt werden: den Kolonialismus, den Weg Algeriens zur Unabhängigkeit, die Krönung von Elizabeth II, die Wahlen verschiedener Päpste, den Tod von Marilyn Monroe, die Revolutionen in Ungarn und in Kuba, die Entwicklung der Konsumgesellschaft im westlichen Teil der Welt. Starke Gefühle wie Entfremdung, Unmut und Angst spiegeln sich in seinen kommentierenden Ausführungen.
Das Cover, ein stark vergrößerter Papagei, zieht einen vielleicht nicht gleich an, doch dieser schmale Roman hat es in sich. Wir befinden uns auf unsicherem Boden, dem meerumtosten Pier von Brighton, Ende der Fünfzigerjahre, als nach dem harten Krieg, noch vor dem Fernsehzeitalter die Menschen im Varietétheater rasche Zerstreuung suchten. Jack, der Conférencier, liebt Evie, die hinreißende Assistentin und Verlobte seines Freundes, des Zauberers Ronnie. Während Ronnie als Pablo auf der Bühne versessen an der perfekten, nie dagewesenen Illusion arbeitet, hat Jack, der sich in den Zuschauerraum stiehlt, nur Augen für die schöne Evie. Der Autor Swift lässt dieses hochexplosive Dreieck nicht einfach befreiend auseinanderknallen, stattdessen lässt er Ronnie spurlos wie den Papagei (!) aus seiner Show verschwinden. Auch in den fünfzig Ehejahren von Jack und Evie taucht er nicht mehr auf, hat quasi mit seinem eigenen Verschwinden die höchste Stufe der Illusionskunst erreicht. Dabei würden wir doch wie bei einem Zauberer so gerne ganz viel von ihm wissen. Magisch hält Graham Swift diese Spannung in der Schwebe. Eine absolute Empfehlung. (Stefanie Hetze)
1901 ist Mary MacLane 19 Jahre jung und lebt in einer kleinen Bergbaustadt in Montana. Von der ersten Seite an springt der in Tagebuchform verfasste Text uns an, leidenschaftlich, ungestüm, mit jugendlicher Überheblichkeit und doch reflektiert spricht hier eine Frau, die an den Konventionen, der Bigotterie und Verlogenheit ihrer Zeit und der Provinz leidet, sich unverstanden und einsam fühlt und doch weiß, dass sie zu mehr bestimmt ist. Verzweifeln möchte sie an der Begrenztheit der Möglichkeiten, die ihr das Leben bietet, sie weiß „Ich kann fühlen“ – „Ich bin ein Genie“ schreit sie heraus, und bietet uns einen Blick in ihr Innerstes, das nur darauf wartet, leben und lieben zu dürfen, in einer sehnsuchtsvoll-poetischen, hoch rhythmischen, kraftvollen Sprache, die uns mitreißt wie ein Sog, aus dem wir erst mit der letzten Seite wieder auftauchen.