Martha Gellhorn: Das Gesicht des Krieges

aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring, Dörlemann  2012, € 24,90

GellhornGesicht-US-1.inddReportagen von den Kriegsschauplätzen des 20. Jahrhunderts – vom Spanischen Bürgerkrieg über den Zweiten Weltkrieg bis zu den Kriegen in Vietnam und Nicaragua. Immer in nächster Nähe des Geschehens richtet Gellhorn ihr Augenmerk vor allem auf die Unmenschlichkeit des Krieges und die Leiden der Zivilbevölkerung und hält ihre radikal subjektiven, doch auf besten Informationen fußenden Eindrücke in einer nüchternen, mit klugem Witz getränkten, gut lesbaren Sprache fest.

A.L. Kennedy: Das blaue Buch

Aus dem Englischen von Ingo Herzke, Hanser 2012 ,€ 21,90  TB dtv 2014, € 9,90

kennedy-das-blaue-buch-danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergEin Kreuzfahrtschiff, ein Mann und eine Frau auf Verlobungsreise, ironisch-distanzierte Beobachtungen über die Mitreisenden und Kreuzfahrten im Allgemeinen… Doch was zunächst so einfach scheint ist es ganz und gar nicht. Elisabeth und Derek sind nur auf den ersten Blick ein glückliches Paar und der seltsame Fremde ist vielleicht doch gar nicht so fremd – zumindest nicht für Elisabeth. Kennedy spielt geschickt mit der Wirklichkeit, lenkt den Leser auf falsche Fährten, enthüllt durch Rückblicke eine Liebe, die die Liebenden verstört und von der sie doch nicht lassen können und das mit einer sprachlichen Eleganz, die durch ihre unerwarteten Bilder überrascht und begeistert. (Syme Falco)

Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend

TB btb 2014, €9,99

Aller Tage Abend von Jenny Erpenbeck
Aller Tage Abend von Jenny Erpenbeck

Fünf Lebensentwürfe für eine Person. Fünf mögliche Tode – und Leben – und die Einsicht, wie viel vom kleinen Zufall abhängt, von der Sekunde früher oder später, einem Schritt zu viel. Vom möglichen Tod als Säugling, über den Selbstmord aus Liebeskummer, das Umkommen im Gulag und den Sturz auf der Treppe im Rentenalter – Jenny Erpenbeck führt uns in kunstvoll wechselndem Schreibstil und -rhythmus mit ihrer 1902 als Kind einer jüdisch-galizischen Mutter und eines katholischen Vaters geborenen Protagonistin durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts, immer wieder ansetzend mit “was wäre wenn (oder wenn nicht)”. Aus dem von Pogromen bedrohten jüdischen Ghetto Galiziens über das hungernde Wien von 1919/20 sowie das stalinistische Russland der Schauprozesse und Massenverhaftungen von 1938 bis ins Ostberlin vor und nach der Wende spannt sich der Bogen. Und gerne folgt man der Autorin und ihrer eleganten, bedacht gesetzten schönen Sprache auf dieser Reise und durch ihr gelungen umgesetztes Gedankenspiel. (Syme Falco)

Kiran Nagarkar: Die Statisten

Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini, A1 Verlag 2012, € 28,00

a1_titel_statisten_end.qxd:a1_titel_kiranDieser herrliche Roman liest sich wie eine bombastisch bunte Bollywood-Komödie. In den „Hauptrollen“ Ravan und Eddie, zwei reichlich naive, aber sehr talentierte junge Musiker, die denselben Traum haben, Schauspieler zu werden. Sie jagen dem Erfolg hinterher, doch der ist immer schneller. Selbst Statist zu werden stellt sich als Herausforderung heraus. Das  Leben schlägt ihnen in immer  tragikomischeren Wendungen stets ein Schnippchen. Und als Leser folgt man den beiden Helden dabei mitfiebernd in jeden Fettnapf, in jede Katastrophe und rappelt sich stolpernd mit ihnen wieder heraus – ein großer Lesespaß mitten aus dem Herzen von Bombay. (Jana Kühn)

Teju Cole: Open City

Aus dem amerikanischen Englisch von Christine Richter-Nilsson, Suhrkamp 2012, € 22,95, TB Suhrkamp 2013, € 10,99.

cole-open-city_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergManhattan, einige Jahre nach 9/11. Julius, ein gebildeter junger Psychiater nigerianisch-deutscher Herkunft, läuft in jeder freien Minute durch die pulsierenden Straßen New Yorks. Er lässt sich kreuz und quer treiben, beobachtet, betrachtet, kommt an allen möglichen Orten mit den unterschiedlichsten Bewohnern der Metropole in Kontakt, debattiert und philosophiert mit ihnen. Ihre Geschichten und Wahrnehmung verzahnt er mit seinen eigenen Erfahrungen als schwarzer Einwanderer in den USA, mit seiner Kindheit in Nigeria, seinen Lektüren, seiner Vorliebe für klassische Musik.
Mit jeder neuen Begegnung schält Teju Cole, Kunsthistoriker und Straßenfotograf, wie in einem Palimpsest eine weitere Facette aus den vielen Schichten New Yorker Realitäten heraus und stößt dabei auf die drängenden Fragen unserer Gegenwart. Das ist ungemein anregend erzählt in der besten Tradition kosmopolitischer Flaneure. (Stefanie Hetze)

Mehr Informationen zu Teju Cole

Gabriele Goettle: Der Augenblick

Kunstmann 2012, € 22,95

goettle-der-augenblick_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergLängst ist Gabriele Göttle mit ihren Reportagen aus dem deutschen Alltag eine Institution. In ihrem neuen, lang erwarteten Buch „Der Augenblick“ versammelt sie 26 bereits in der taz erschienene Porträts sehr engagierter Frauen. Das Spektrum reicht von der Altenpflegerin über die Beamtin bei der Arbeitsagentur bis zur Professorin, auch seltene Berufe wie eine Präparatorin und eine Mouleurin sind vertreten. Egal, wie unterschiedlich sie sind, erhalten sie viel Raum, um ihre dezidierte Sicht auf die Dinge und Verhältnisse zu äußern, die Gabriele Goettle dann meisterlich verdichtet. Mehr davon! (Stefanie Hetze)

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf

Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze, Hanser 2012, € 17,90, TB dtv 2014, € 9,90

gasdanow-das-phantom-des-alexander-wolf_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergEin junger Mann schießt während des russischen Bürgerkriegs in Notwehr auf seinen Verfolger und lebt fortan mit der Überzeugung, einen Mord begangen zu haben. Jahre später liest er die Erzählungen eines Alexander Wolf, der die gleiche Szene aus Sicht des Verfolgers beschreib. Sein vermeintliches Opfer hat also überlebt. Fortan lässt den Ich-Erzähler die Idee nicht los, Wolf zu finden. Doch wer ist dieser Mann, der plötzlich so viele Spuren hinterlässt und so viele verschiedene Gesichter zu haben scheint? Ein elegant geschriebenes Buch, das letztendlich um das Thema Erinnerung kreist, aus der Feder eines lange verkannten ganz großen Autors der russischen Literatur. Der 1903 geborene Gasdanow gehörte einer Gruppe junger Literaten in Paris an, die sich von der russischen Prosatradition des 19. Jahrhunderts abwandten, und Proust, Kafka und Joyce zum Vorbild hatten. “Das Phantom des Alexander Wolf” schrieb er 1948. Es erscheint hier erstmals in deutscher Übersetzung. (Syme Falco)

Alice Pung: Ungeschliffener Diamant

Aus dem Englischen von Marieke Heimburger, edition fünf 2012, € 19,90.

Band_11_Pung_UMSCHLAG_120426.inddAlice wird in der neuen Heimat ihrer kambodschanisch-chinesischen Flüchtlingsfamilie geboren: Australien. Genau dieses Land wurde von der Familie ausgewählt, weil es dort im Gegensatz zu Kanada nicht schneien soll – wie der Vater gehört hatte. Sie kommen nur mit der Ahnung, dass es vom Schnee einmal abgesehen, hier fast alles zu geben scheint. Vieles, das die traditionell verhaftete Familie kaum versteht, vieles, das sie sehr wünscht und ebenso vieles, das gerade der heranwachsenden Tochter nicht zugestanden wird. Mit viel feinem Humor, doch ohne zu Beschönigen erzählt die junge Frau Alice vom Ankommen und sozialen Aufstieg ihrer Familie in kleinen Schritten. Eine neue, junge Stimme der australischen Literatur, die leichtfüßig vom schwierigen Aufwachsen in zwei Welten eines Landes, die verschiedener kaum sein könnten, berichtet. (Jana Kühn)

Mario Desiati: Zementfasern

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki, Wagenbach 2012, € 19,90
im Original “Ternitti” als TB bei Mondadori, € 12,50

desiati-zementfasern_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergAntonio Orlando zieht – wie weitere 2000 Einwohner seiner apulischen Heimat – in den siebziger Jahren mit Frau und Kindern in die Schweiz, um in einer Asbestfabrik zu arbeiten. Nur zwei Jahre bleibt die Familie dort, doch nach der Rückkehr ist das Leben aller für immer gezeichnet. Tochter Mimì zieht ihre mit nur 15 Jahren in Zürich gezeugte Tochter Arianna alleine groß, in einem Dorf der Frauen, dessen Männer einer nach dem anderen an asbestverseuchten Lungen zu Grunde gehen. Und so erzählt dieses Buch das Leben von Mimi – einer fast mythischen Figur, stark und mit den Geistern der Vorfahren verbunden – und Arianna, die ihren eigenen Weg findet und doch mit ihrer Herkunft verbunden bleibt, in einem hypnotisierenden Ton, der es schafft, den unauflösbaren Widerspruch zwischen den doch eng miteinander verflochtenen Polen Archaik und Moderne dieses Landstrichs auch sprachlich spürbar zu machen. (Syme Falco)

Erri de Luca: Montedidio

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki, Graf 2012, € 14,99, TB List 2014, € 8,99 ; im italienischen Original bei Feltrinelli 17. Auflage 2011, € 9,40.

de-luca-montedidio_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergEin Palazzo in einer lauten engen Straße Neapels, der Stadt der Wunder, des Blutes und der Legenden, der Stadt, in der die Schrecken des 2. Weltkriegs noch sehr real sind, erzählt aus der Perspektive eines 13-jährigen Schreinergehilfen. Seine Ablösung von der Kindheit und seine Mannwerdung bilden den äußeren Rahmen der Geschichte, in der es eigentlich ums Leben und Sterben geht, ums  Loslassen und Halten, um das im Vergleich stille Hochitalienisch zum  direkten Neapolitanisch.

Dass dies auch für die deutsche Fassung gilt,ist der Übersetzung Annette Kopetzkis zu verdanken, die die sprachlichen Nuancen des Originals durch Einbeziehung des Neapolitanischen anschaulich überträgt. Montedidio, eine kleine kostbare Perle. (Stefanie Hetze)