Aus dem Englischen von Hannes Meyer, Carl Hanser Verlag 2019, 288 S., € 22,-, TB dtv 2021, € 11,90
(Stand September 2022)
„There is no there, there“ schrieb Gertrude Stein in „Everybody’s Autobiography“. „Es gibt dort kein Dort“ sagt einer der Charaktere von Tommy Oranges Debütroman. In beiden Fällen geht es um Orte und ihre Bedeutung, bei Stein um das Kindheitsende und die ländliche Gesellschaft, bei Orange um das Powwow, Treffpunkt für Generationen von Native Americans, das seit mehr als hundert Jahren an unnatürlichen Orten wie einem Stadion stattfindet. In den kurzen Kapiteln werden Geschichten erzählt davon, was es bedeutet, vertrieben zu sein und ein vages Leben zu führen zwischen einem hypothetischen „Dort der Traditionen“, das es nicht mehr gibt, und dem ohne Orientierung gelebten „Dort der Gegenwart“.
Über die lange, grausame Geschichte der Ureinwohner Nordamerikas zu schreiben ist keine leichte Aufgabe. Noch schwieriger aber ist es, darüber einen spannenden, tiefgehenden Roman zu schreiben, der von innen heraus mal brutal, mal zart, mal humorvoll erzählt. Tommy Orange hat es geschafft. Sein Buch ist berührend und einfühlsam, die Sprache stark nuanciert, die Beobachtungen sehr subtil. In einem Wort: Großartig. (Giulia Silvestri) Leseprobe

Der Neurologe und Autor Oliver Sacks hatte eine ungewöhnliche Passion, die Liebe zu Farnen. Als er den Aushang für ein Treffen der „New Yorker Farngesellschaft“ entdeckt, ist es um ihn geschehen. Er wird Mitglied dieser Vereinigung, in der sich verschrobene Liebhaber*innen dieser Pflanze widmen. Für Sacks ist es einer der wenigen Orte, an dem sich Spezialisten treffen, denen es um die Sache, die Farngewächse, geht, und nicht um Eitelkeiten, Besserwisserei und Karrieren. Sein Glück ist perfekt, als er mit anderen Aficionados aus verschiedenen amerikanischen Farngesellschaften eine Reise in den Süden Mexikos unternimmt, um dort Hunderte von Farnen aufzuspüren, zu erforschen und zu bestaunen. Auch als Laie lässt sich durch seine Beschreibungen die Faszination dieser älteren Menschen nachvollziehen, die klettern, über Flüsse springen und sogar ihr Leben für einen seltenen Farn riskieren. Das steckt an, wie Sacks an sich selbst erfährt, und er erzählt in seinem Tagebuch, was diese naturkundliche Reise mit ihm macht, wie er immer weiter in die Geschichte des Ortes, Oxaca, eintaucht und dabei tiefes Glück erfährt. Und nach der Lektüre habe ich mir den Zimmerfarn zu Hause erstmals richtig angeschaut! (Stefanie Hetze)
Es sind ausschließlich Geschichten von Männern, die in diesen neun Erzählungen die Handlung bestimmen, schwarze Männer, die in einer Gesellschaft leben, in der zum Mannsein gehört, Frauen als Sexualobjekte zu betrachten, in der ein echter Mann keine Schwächen zeigt, in der – so Brinkley -ein vorherrschendes „oft zerstörerisches Bild der Männlichkeit“ besteht. Doch Brinkleys Figuren entsprechen diesem Bild nicht. Auch wenn sie versuchen, ihre Schwächen zu verbergen, sind es gebrochene Gestalten, voller Scheu, Minderwertigkeitsgefühlen und Selbstzweifeln. Ob scheinbar von sich überzeugte junge Studenten, die versuchen, Frauen aufzureißen, ein linkischer Mann mittleren Alters, der die Abende einsam in einer Bar verbringt, oder der ehemalige Frauenschwarm, der ständig seine Wampe einzuziehen versucht – Brinkley stellt die Frage, was es bedeutet, heute ein schwarzer Mann in New York zu sein, und er tut dies mit so großem psychologischem Feingefühl, dass den Lesern die Protagonisten zwar nicht unbedingt immer sympathisch werden, aber doch sehr nahe kommen. Dieser junge Autor, dessen Erzählungen in Sprache und Form überzeugen, kann sich jetzt schon mit Recht einfügen in die Reihe der großen anglo-amerikanischen Kurzgeschichten-Autoren. (Syme Sigmund)
„Mothers“, der Titel, ist ein wenig irreführend. Nicht jede Geschichte dieses außerordentlichen Debüts beschäftigt sich mit einer Mutterfigur oder -beziehung. Doch in den drei Erzählungen, die von einer einzigen Protagonistin handeln und den Band einrahmen, ist die Mutter, besser deren Abwesenheit, zentral. In ihrer Kindheit erlebt Eva ihre Mutter als rein physisch anwesend, als Erwachsene verbleibt ihr nur ein zerfledderter Europareiseführer der Verstorbenen und dann, selbst Mutter, kann sie nicht anders, als sich ihrer eigenen Tochter zu entziehen. Vieles bleibt dabei ungesagt. Entfremdung, Überforderung und die Unfähigkeit, mit den eigenen Gefühlen umzugehen, und andererseits die Suche nach Freiheit, Liebe oder nach Anerkennung treiben Chris Powers Charaktere an, lassen sie kreuz und quer durch die Welt ziehen und sich ins Leben stürzen, wann immer es sich bietet. Im Nu erschafft der Autor, der seit Jahren im „Guardian“ eine Kolumne über Short Stories schreibt, eine umwerfende Intensität, die nachhallt. (Stefanie Hetze)
Was für ein Buch! In Form eines Briefes an die eigene Mutter, die ihn als Analphabetin nie wird lesen können, schreibt der junge vietnamesischstämmige Vuong vom Aufwachsen am Rand der Gesellschaft in der amerikanischen Provinz, von Armut und Drogen. Er schreibt von den Kriegstraumata seiner schizophrenen Großmutter, die ein Kleid nur dann kauft, wenn es feuerfest ist, von seiner überforderten Mutter, die ihn im Hinterzimmer des Nagelstudios großzieht, in dem sie arbeitet, von seiner ersten Liebe zu einem weißen, drogenabhängigen Jungen inmitten der Weizenfelder Connecticuts. Er schreibt von der Suche eines Jungen, der kontinuierlich Ausgrenzung und Gewalt ausgesetzt war, nach sich selbst, und er tut dies mit Worten wie Eissplitter, mit Sätzen voller Liebe, Poesie und Klugheit, voller Schmerz und Leichtigkeit. Ein Text, der ins Herz trifft, überwältigt, erschüttert. Großartig! (Syme Sigmund)
Rufus ist ein junger Journalist, der sich mit seinem Job bei einer kleinen Zeitung über Wasser hält. Als sich ihm die Gelegenheit bietet, mit dem legendären Reporter Zaq die von Rebellen entführte Ehefrau eines englischen Ölingenieurs aufzuspüren, lässt er sich diese nicht entgehen. Die Reise führt sie in die Sümpfe des Nigerdeltas, eine vergiftete apokalyptische Welt, in der Vögel und Fische sterben, die Mangroven von einem Ölfilm überzogen sind, die Landschaft unter Pipelines begraben liegt, die Nacht von Abgasfackeln erhellt wird und die Fischer, ihrer Lebensgrundlage beraubt, entweder ins Elend der Slums oder zu den Rebellen getrieben werden. Zwischen die Fronten geratend, erfahren Rufus und Zaq hautnah, wie die Soldaten, welche die Rebellen bekämpfen sollen, die lokale Bevölkerung terrorisieren und Macht- gepaart mit Habgier die Menschenrechte mit Füßen treten. Ein spannend und großartig geschriebener Krimi, der uns drängend vor Augen führt, welchen Preis Menschen und Natur für die von internationalen Großkonzernen verschuldete Umweltkatastrophe in Nigeria zahlen müssen.
Heute kaum vorstellbar, aber Ende der Vierzigerjahre des letzten Jahrhunderts galt eine mit Anfang Dreißig noch unverheiratete Frau als Alte Jungfer, die froh sein musste, wenn jemand etwas von ihr wollte und sich mit ihr abgab. Mildred ist so eine Bedauernswerte, sie arbeitet ehrenamtlich für eine gemeinnützige Organisation, engagiert sich in ihrem Kirchenkreis und lebt ein unauffälliges, freudloses Leben im London der schwierigen Nachkriegszeit. Das Leben ist voller Entbehrungen, der Wohnraum knapp. So kommt es, dass ein Well-To-Do-Ehepaar in ihre enge Nachbarwohnung einziehen muss, er ein charmanter Marineoffizier und sie, eine kapriziöse Anthropologin, die zu Mildreds Entsetzen ihre eigene Arbeit und ihr eigenes Vergnügen an vorderste Stelle setzt. Da muss sich Mildred einfach um deren Haushaltsbelange und vor allem den armen vernachlässigten Mann kümmern. Auf einmal nimmt Mildreds Leben gehörig an Fahrt auf und werden wir heutigen Leser*innen mitten in die Diskussionen und Umwälzungen der Zeit katapultiert. Das geschieht mit viel Ironie und Feingefühl. Und in der geschliffenen Neuübersetzung von Sabine Roth ein großes Lesevergnügen. (Stefanie Hetze)
Thandi, Tochter einer südafrikanischen Mutter und eines US-amerikanischen Vaters, erzählt in knappen, prägnanten Darstellungen den Verlauf ihres Lebens. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage: Wohin geht man, wenn einem der Boden unter den eigenen Füßen weggezogen wird? Als Thandi noch ins College geht, erkrankt ihre Mutter an Krebs: Die Möglichkeit, dass sie sterben kann, wird schnell zur Gewissheit. Dieser große Verlust überwältigt sie und ihren Vater. Trotz allem müssen sie einen Weg finden, um ihr Leben weiterzuführen.
Siebzehn zu sein ist schon in sich nicht einfach. Karlo ist cool, beliebt und dennoch von Langeweile besessen. Er hat Freunde, spielt Fußball, Mädchen stehen auf ihn. Und in seiner Teenagerwelt kann er sich viel leisten, sogar beleidigend zu werden, ohne den Preis für sein Verhalten zahlen zu müssen. Dann verletzt er sich beim Fußball spielen, beginnt zu zweifeln, dass sein Vater wirklich sein Vater ist und lernt eine starke, heftige junge Frau kennen. Das alles hat einen enormen Einfluss auf seine Existenz.