Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Hanser Verlag 2019, 320 S. mit Illustrationen, € 23,-
(Stand März 2021)
Kailash, ein junger Mann aus dem eher ländlichen Indien kommt 1990 zum Studium in die USA. Er ist kein schüchterner Einwanderer, sondern staunend-begierig auf Bildung, auf Frauen, auf Sex und vor allem „versessen darauf zu glänzen“. An der New Yorker Uni schließt er sich dem charismatischen Dozenten und Aktivisten Ehsaan Ali an, der seine Studenten intellektuell herausfordert, sie aber gleichzeitig in sein Privatleben einbindet. Bewusst meidet Kailash indische Mitstudenten, in seinen Briefen an die Eltern in Indien schreibt er von irgendeinem phantastischen Amerika. Doch obwohl er immer weiter in sein amerikanisches Campus- und Beziehungsleben eintaucht, vermischen sich seine Reflexionen über sein neues Leben mit den Erinnerungen an seine Herkunft, die er allegorisch als „die eines Affen“ beschreibt. Mit viel Ironie schildert Kumar die Geschichte seines Alter Ego und vieler kultureller Missverständnisse. Er kombiniert dessen Erfahrungen mit einer Fülle historischer Ereignisse und realer Personen, virtuos bezieht er sich auf Literatur, Wissenschaft und Filme, er verwendet Fotos, Bilder, Zeitungsausschnitte, Anmerkungen. Dies alles so leichter Hand und scheinbar mühelos, dass es großes Vergnügen bereitet, diesen besonderen Roman einer Einwanderung zu lesen. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Ein Kaff in der tiefsten Provinz in Texas mit nur einem Café, in das die Schwarzen gehen, und einer Bar für Weiße, dem Treffpunkt der „Aryan Brotherhood of Texas“. Dazu der Highway durch den Ort, der außer dem Café der schwarzen Genoveva komplett einem Weißen gehört. Das ist das Setting, an dem zwei Morde passieren, der erste an einem unbekannten Schwarzen, einem durchreisenden BMW-Fahrer in städtisch-teuren Klamotten, der zweite an einer jungen weißen Kellnerin, die mit einem Redneck verheiratet war. Der hiesige Sheriff interessiert sich nur für den Mord an der blonden Weißen. Selbstverständlich ist jeder hier bewaffnet und lässt sich nicht in die eigenen Karten gucken, wie Darren Matthews, der übergeordnete schwarze Gesetzeshüter, ein eigentlich suspendierter Texas Ranger, schnell feststellt.
Eine Aufbruchsstimmung ließ im New York der frühen Sechziger Jahre vieles möglich erscheinen: Bürgerrechte, Selbständigkeit und Aussichten auf mehr Freiheit und Erfolg, bis dato undenkbar für junge schwarze Frauen. Auch glückliche Liebesbeziehungen zwischen Schwarzen und Weißen schienen auf einmal realistisch. In diesem aufregenden Klima der Hoffnungen und Erwartungen siedelt Kathleen Collins ihre Geschichten an. Mit an ihrer Filmausbildung geschulten rasanten Perspektivwechseln, Schnitten und schnellen Dialogen kommt sie in ihren Storys sofort auf den Punkt, ist mittendrin im Leben und in den Gefühlen ihrer meist schwarzen Protagonistinnen. Ganz fein lotet sie die Spannungsverhältnisse zwischen Herkunft, Geschlecht und Hautfarbe aus und ist damit ihrer Zeit weit voraus. Als afroamerikanische intellektuelle Künstlerin und Aktivistin hat Kathleen Collins erfahren müssen, wie die eigenen Vorhaben und Träume zerplatzten. Zum Glück für uns haben ihre unveröffentlichten Erzählungen in einer Kiste überlebt und sind nun in all ihrer Brisanz und Unmittelbarkeit für uns zu entdecken. (Stefanie Hetze)
USA, Mitte der 50er Jahre: Der Vater des Afroamerikaners Atticus ist verschwunden. Atticus, sein Onkel und eine Kindheitsfreundin begeben sich auf der Suche nach ihm auf einen Roadtrip durch die feindlich-rassistischen Staaten. Als sie an einen mysteriösen Ort gelangen, erleben sie unvorstellbare Schreckensrituale, die sich auf ihr Leben und das ihrer Familie auswirken. Horror steht im Vordergrund der Handlung. Trotz übernatürlicher Elemente wie schwarzer Magie, die diese Geschichte bevölkern, sind die wahren Schrecken, um die es Matt Ruff geht, die Ungerechtigkeiten der „Jim-Crow-Ära“. Der blinde Rassismus, der wie ein wildes Feuer durch die USA wütete, beweist wieder einmal, dass es nicht die Geister sind, die man fürchten muss, sondern die Menschen selbst.
Schräg war sie schon immer. Aber jetzt soll Izzy, die jüngste Tochter der Richardsons, regelrecht durchgedreht sein. Das Haus der eigenen Familie soll sie angezündet haben. So erzählt man es sich in Shaker Heights, um nicht zu sagen, der ganze Vorort redet über nichts anderes. Darüber hinaus passierte auch lange nichts in der wohlhabenden und höchst anständigen Siedlung. Bis die unkonventionell lebende, alleinerziehende Mutter und Künstlerin Mia erst zur Mieterin, dann zur Putzfrau der Richardsons wird und ungewollt die Ruhe und Ordnung nicht nur im Haus der Familie stört. Für ihre pubertierende Tochter Pearl werden die vier, sehr unterschiedlichen Kinder der Richardsons nach jahrelangem Unterwegssein zu ersten echten Freunden. Die Sehnsucht nach einem festen Zuhause ist groß – die Widersprüche und Gegensätze sind es auch, vor allem in den Mütterbildern von denen die Autorin erzählt. Gekonnt und facettenreich lässt Celeste Ng grundverschiedene Lebensmodelle aufeinander stoßen. All diesen Konflikten nähert sich der Familienroman in sanftem Erzählton mit großen Schmökerqualitäten bis zu einem fast schon leisen Knall, infolgedessen besagtes Feuer ausbricht. (Jana Kühn)
Zwei ungleiche Freunde – Seth ein stiller Soundtüftler und Carter, ein auffallender Lebemann und Musiksammler – mischen mit ihren ungewöhnlichen Retrosounds die New Yorker Musikszene auf. Doch mitten im erfolgreichen Aufstieg wird ein unbedachter Scherz zum Auslöser ihres unaufhaltsamen Falls. Alles beginnt mit einem Soundschnipsel, den der nerdige Seth zufällig in einem New Yorker Park aufnimmt. Ein kratziger Bluessound, der von Carter so lange digital bearbeitet wird, bis er wie ein Original aus den 1920ern klingt. Schnell wird sich noch der Künstlername Charlie Shaw dafür ausgedacht und schon ist ein Coup in der Sammlerszene gelandet, denn einen solchen Sänger hat es scheinbar wirklich gegeben. Wenig später wird Carter nachts fast zu Tode geprügelt. Ein gefährliches Spiel hat begonnen, das für den Leser ähnlich schwer zu durchschauen ist wie für Seth, der zunehmend den Bezug zur Realität verliert. Das ist kurzfristig verwirrend, denn Hari Kunzru wechselt nun vom konzisen Erzählton, der die New Yorker Künstler-Boheme seziert in einen fast mystischen Sound, der schwindelerregend zwischen Erzählern und Zeiten wandelt. Der fast unerträgliche Erzählsog endet furios in Jackson Mississippi und spannt damit nicht nur meisterhaft einen Bogen von Nord nach Süd, sondern verhandelt vor allem ein tragisches Kapitel der Musikgeschichte eingebettet in Rassismus und kulturelle Aneignung. (Jana Kühn)
Edith Wharton, berühmt für ihre Romane, in denen sie die Schattenseiten der New Yorker High Society aufdeckte und anprangerte, verfolgte mit Ethan Frome ein völlig anderes literarisches Ziel. Sie wollte das harte, buchstäblich auf Granit gebaute Leben in den abgelegenen Bergdörfern Neuenglands schildern und wählte dafür eine strenge Form, einen Kurzroman mit einer Rahmenhandlung und einem Zeitsprung, der das Drama ihrer Geschichte in ein kaum aushaltbares, da lebenslang andauerndes, Ausmaß katapultiert.
Im Jahre 1904 finden vier Kinder in den Sümpfen des Bayou drei Dollar. Ganz schön viel Geld! Als sie dafür heimlich beim Versandhaus Walker & Dawn eine Bestellung aufgeben, ahnen sie nicht, was sich noch alles in der Lieferung befinden wird – oder auch nicht. Mit dem Paket beginnt eine sagenhaft abenteuerliche Reise der Kinder bis nach Chicago. Wie das alles von statten geht, erzählen sie nacheinander mit sehr unterschiedlichem Fokus auf die Geschehnisse: Für den tollkühnen Te Trois ein riesiges Abenteuerspektakel, für den feinsinnigen Eddie eine Tour de Force voller Gefahren, für Julie eine harte Probe und für den stillen Tit eine Offenbarung. Davide Morosinotto geht in die Vollen! Sein Abenteueroman erzählt zugleich eine Kriminal- und Freundschaftsgeschichte, ist historischer Reisebericht und findet mit kritischem Blick, viel Witz und atemloser Spannung einen ganz eigenen Ton für die vier Erzählperspektiven der Kinder – und die aufwendige Gestaltung mit Kartenmaterial, Illustrationen und Fotografien macht das Buch zu einem echten Glücksfall! (Jana Kühn)
Die Küche der USA ist eine Küche der Eingewanderten und sie lebt von deren vielfältigen Einflüssen. Da mischen sich feurig scharfe Gewürze aus Mexiko mit neuenglischen Traditionen und südamerikanische Süßkartoffeln treffen auf englische Pastinaken. Chicago Style Pizza kann thin, stuffed oder deep sein. Und jüdische Knishes waren wohl das erste Streetfood überhaupt – wo? natürlich in New York. Auch der 5. Band dieser vegetarischen Reihe ist wieder ein leckerer Volltreffer!
1917. Während in Europa die Schlachten des Ersten Weltkriegs toben, scheint im Mittleren Westen die Zeit nach dem Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert stehen geblieben und auf den so genannten Fortschritt wartet hier niemand. Drei Brüder sind auf dem Weg nach Kanada, um dort in der Unbekanntheit ein neues Leben zu beginnen. Gerade noch lebten Cane, Cob und Chimney vom Vater zur Demut gezwungen in bitterer Armut, um endlich im Paradies an der Himmlischen Tafel speisen zu können. Doch nun nach seinem Tod und gänzlich unchristlich pflastern zahllose Raubüberfälle und Leichen ihren Weg gen Norden, sodass sie bald schon als Jewett-Bande von Sheriffs und Kopfgeldjägern verfolgt werden. Knochentrocken, dreckig-düster und bitter-komisch erzählt Pollock vom Hadern wenig heller Köpfe, viel Schwarzgebranntem und einer schier hoffnungslosen Suche nach Glück, auf der buchstäblich so einige Scheiße geschaufelt wird. Das klingt jetzt nicht attraktiv? Oh doch, denn ausgesprochen raffiniert und herrlich detailreich fügt Pollock stetig neue, kuriose Charaktere, groteske Episoden und rasende Erzählstränge zu einem Wahnsinns-”Hillbillie”-Epos zusammen. (Jana Kühn)