Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser, Steidl 2018, 272 S., € 12,80
(Stand März 2021)
Warum dieses Buch bei Erscheinen keine Danteperle wurde, kann ich heute beim besten Willen nicht mehr nachvollziehen, zog es doch direkt beim Lesen schon in die Liste MEINER Bücher ein. Selten las ich ein Buch, das so zärtlich wie brutal, historisch wie brandaktuell so komplex wie fesselnd und zutiefst menschlich ist. Thomas McNulty – Waise irischer Einwanderer und ein halbes Kind noch – lebt auf den Straßen Missouris, wo er den gleichaltrigen John Cole kennen lernt. Fortan schlagen sie sich gemeinsam durch die harten Tage, arbeiten als Tänzer in einem Saloon, heuern schließlich als Unionssoldaten an. Sie werden beste Freunde und später auch Geliebte. Oft ist es nur noch diese Liebe, die sie die entmenschlichten Gemetzel des US-amerikanischen Bürgerkrieges, vor allem aber gegen die indigene Bevölkerung aushalten lässt. Als schließlich die Lakota-Waise Winona zu ihnen stößt, knüpft sich ein neues Band – eine Familie entsteht. Doch auch diese schwebt in diesen wirren, erbarmungslosen Zeiten in allerhöchster Gefahr. „Wir waten knietief in der Geschichte“, so Barry in einem Interview auf Deutschlandfunk, aber nur so lässt sich die Gegenwart, auch die der USA im Wahljahr 2020 verstehen. In diesem Herbst erschien ein Folgeband, der ebenso großartig erzählt, die Perspektive Winonas einnimmt: Tausend Monde (Steidl 2020, 256 S., 24,- €). (Jana Kühn)

Reisen ist in diesen Zeiten schwierig, aber so eine Datscha vor der Stadt, ein Häuschen im Grünen, das wär‘ doch was… Das wissen sie auch in Moskau und Sankt Petersburg und zwar schon seit Beginn des 18. Jahrhunderts. Marina Rumjanzewa erzählt uns im ersten Teil dieses schön gestalteten Buches auf fesselnde und interessante Weise die Geschichte der Datscha von ihren Anfängen unter Peter dem Großen bis heute. Sie ist ein Stück russischer Kultur und als solche spielt sie auch in vielen Texten der russischen Literatur eine Rolle. In Erzählungen von Puschkin, Tschechow oder Tolstoi, von Michail Schischkin oder Tatjana Tolstaja tauchen wir im zweiten Teil des Bandes ein in die Welt der Datscha, in den ihr ganz eigenen Lebensstil fernab der strengen gesellschaftlichen Regeln der Stadt, in das kleine, standesübergreifende Glück abseits der großen Metropole, wo der Sommer zwischen Gartenfesten und Datscha-Romanzen endlos scheint. Der Datscha-Bilderbogen auf der Innenseite des Schutzumschlages ist bitte nicht zu übersehen, er rundet das Buch aufs Schönste ab. (Syme Sigmund)
Giangiacomo Feltrinelli, der berühmte Verleger, ist tot. Im Jahr 1972 wird sein lebloser Körper unter einem Hochspannungsmast in der Nähe von Mailand gefunden. Dieses viel diskutierte Ereignis wurde nie aufgeklärt.
Ein Fjord im Norden Islands, dem Polarmeer zugewandt. Ein kleiner Ort, eine Kirche, ein Gemeindevorsteher und ein paar versprengte Höfe, die meisten eher mit dem Vieh geteilte Katen, unter die Grasnarbe gebaut. Vielleicht 80 Menschen leben hier, trotzen den unwirtlichen Lebensbedingungen der unerbittlichen Natur und den jahrhundertealten Unterdrückungsstrukturen. Doch dann erscheinen Norweger im Fjord und beginnen eine Halle für die Heringsverarbeitung zu bauen. Dass diesem kleinen, hässlichen Fisch, der doch gerade mal als Viehfutter taugt, die Zukunft gehören, er Reichtum bringen soll, können die isländischen Bauern gar nicht glauben. Doch schon mit dem ersten Fang wird klar, dass die alte Zeit plötzlich und doch endgültig der Vergangenheit angehört.
Dieses Buch ist ein Hybrid aus spannender Familienbiografie, historischem Sachbuch, investigativer Dokumentation, politischer Anklage und rasantem Thriller. Auslöser ist ein österreichisches Kochbuch, das die Wiener Großmutter der Autorin Anfang der Dreißiger im Ernst Reinhardt Verlag erfolgreich veröffentlichte. Als Jüdin wurde sie von den Nazis vertrieben, sie überlebte in England als ausgebeutete Hausangestellte und erreichte nach vielen Stationen die USA, wohin sich ihre Söhne gerettet hatten. Nach Vertreibung, unguten Exilerfahrungen und all dem Leid, das ihr mit der Ermordung vieler Nahestehender zugefügt worden war, erfuhr Alice Urbach nach dem Krieg ein weiteres Trauma – die Tilgung als Autorin. Ihr Verlag hatte, wie sie zufällig entdeckte, ihr eigenes Kochbuch unter einem Männernamen und gekürzt einfach weiter publiziert und gutes Geld damit verdient!
Laura, von allen Lolly genannt, ist fast dreißig und noch unverheiratet, als ihr Vater, mit dem sie im alten Familienhaus wohnt, stirbt. Ihr Bruder holt sie nach London, wo sie einen guten Mann kennenlernen, endlich erwachsen werden soll. Doch sie entscheidet sich, zurück aufs Land zu ziehen. Great Mop, ein kleines Dorf in Südostengland, klingt nach dem perfekten Ort, um endlich ihre Ruhe finden zu können. Doch läuft es anders als gedacht und Lolly entwickelt sich langsam, aber unvermeidlich zu einer gänzlich unabhängigen Frau, einer Hexe.
Eerie-on-Sea ist ein Seebad mit rauem Klima und einem wilden Meer, das viel nimmt und einiges anspült. So wurde vor Jahren ein kleiner Junge in einer Zitronenkiste am Strand aufgefunden und im uralten Grand Nautilus Hotel aufgenommen, wo er, Herbert Lemon genannt, sich um die Fundstücke der Hotelgäste kümmern muss. Der geldgierige Hoteldirektor macht Herbie das Leben schwer, aber die Hotelbesitzerin, die alte Lady Kraken, scheint ein Auge auf ihn zu haben, obwohl sie ganz oben in ihrer Suite zurückgezogen lebt. Fast alle im Ort fürchten sich vor dem Malander, einem gruseligen Seeungeheuer, um den sich viele Geschichten ranken.
Der Trend bei Kochbüchern ist zur Zeit Opulenz und Farbigkeit, ganz anders kommt da ein schmaler engbedruckter Saltoband mit kleinen Schwarzweiß-Fotos daher, der uns einlädt, die vielfältigen regionalen Küchen Italiens kennenzulernen und die Menschen, die mit Leidenschaft kochen und ihre kostbaren Familienrezepte und die Geschichten dazu liebend gerne mit anderen teilen. Immer wieder lässt es sich vortrefflich in diesem reichen kleinen Buch schmökern und mit der Autorin direkt in die häuslichen Kochtöpfe schauen. In der Vorstellung können wir mit der profunden Italienkennerin mitreisen an die verschiedensten Orte und Zusammenhänge, um dann ganz konkret die beschriebenen Köstlichkeiten nachzukochen. Wie oft hat mich schon das blitzschnelle phantastische Dolce, die Crema del Lario aus Sahne, Zitrone und Grappa, gerettet, haben Gäste sich auf den Risotto alla milanese gestürzt, freue ich mich im Winter auf eine tröstliche Minestra di Fagioli nach einem Triestiner Rezept. Zu unser aller Glück hält der Wagenbach Verlag dieses einzigartige Koch- und Reisebuch seit 30 Jahren lieferbar. (Stefanie Hetze)
Allseits bekannt sind Pippi und Michel, Lotta oder die Kinder von Bullerbü. Aber Astrid Lindgren hat auch wundervolle Märchen geschrieben. Da wird Göran, der nicht laufen kann, von Herrn Lilienstengel mit ins Land der Dämmerung genommen, wo alles „keine Rolle spielt“, da tauchen die Zwergenkinder Peter und Petra in der Schule und ein sprechender Kuckuck Lustig im Kinderzimmer auf, und ein Junge kämpft gegen Räuber im Puppenhaus seiner Schwester. Alle Geschichten sind voller Fantasie, mal geheimnisvoll, mal lustig, oft schleicht sich Magisch-Mystisches in eine bisweilen triste Alltagswelt, und viele der Geschichten sparen – ähnlich wie Lindgrens Klassiker „Mio mein Mio“ und „Die Brüder Löwenherz“ – Themen wie Armut, Krankheit und Tod nicht aus. Freundschaft, Mut und Hilfsbereitschaft sind die Werte, welche die überzeugte Humanistin zu vermitteln wusste. Die wundervollen Illustrationen von Ilon Wikland lassen das Buch zu einem bis ins Erwachsenenalter geliebten Klassiker werden – das Exemplar aus meiner Kindheit steht jedenfalls noch bei mir im Regal. (Syme Sigmund)
Hugo und Hassan sind nach kurzer, rasanter Anlaufschwierigkeit bald schon beste Freunde und verbringen richtig viel Zeit zusammen. Da wird gezockt und gedribbelt, gekloppt und wieder vertragen. Es geht auf jeden Fall hoch her und es ist sehr, sehr lustig. Tatsächlich kommt die Graphic Novel mit so viel rabenschwarzer Komik daher, wie es sich aktuell wahrscheinlich fast nur der Klett Kinderbuch Verlag zu veröffentlichen traut. Absolut ungeschönt und sehr dicht an den Erlebniswelten der Altersgruppe erzählen die in Dänemark bestens bekannten Kim Fupz Aakeson & Rasmus Bregnhøi von den zwei Freunden. Es ist Ramadan und Halloween – und dann hat Hugos Mama auch noch einen neuen Freund. Der toughen Alleinerziehenden drückt man lachend alle Daumen und hofft auf mehr Geschichten von den beiden Haudegen – vielleicht auch auf mehr von Hassans Familie, die bisher deutlich kürzer kommt. Man darf gespannt sein! Denn als Reihe angelegt eignen sich Hugo & Hassan Dank viel, viel Humor, des eben großen Bildanteils sowie der wohl dosierten Kapitellängen bestens, um positiv besetzte Leseerlebnisse zu schaffen. (Jana Kühn)