Maryse Condé: Segu. Die Mauern aus Lehm

Aus dem Französischen von Uli Wittmann, Unionsverlag 2012, 640 S., € 16,95

(Stand März 2021)

Conde_Segu_Danteperle_DanteConnectionAls ich vor vielen Jahren anfing in der Dante Connection zu arbeiten, war die Literatur des afrikanischen Kontinents ein blinder Fleck für mich – in der Buchhandlung aber seit ihrer Gründung ein Schwerpunkt. Über die Jahre habe ich so viele wunderbare Bücher kennen gelernt: Segu ist eines meiner liebsten davon. 2012 war der Roman eine dankenswerte Neuauflage, im Original erstmalig bereits vor über 30 Jahren erschienen. Darin führt Condé ihre Leser:innen in die Gebiete des heutigen Mali, nach Segu, der prächtigen Hauptstadt des Königreichs der Bambara. Episch und in überaus opulenter Prosa erzählt die Autorin anhand von drei Generationen der weitverzweigten Familie des Patriarchen Dusika Traoré vom hart umkämpften und grausamen Einzug von Islam und Christentum, des Sklavenhandels und der Kolonialisierung in eine stolze Kultur, die geprägt war von ehrwürdigen Stammestraditionen und Animismus. Wie Spreu im Wind setzt in einem zweiten Band die Familiensaga  nach der muslimischen Eroberung im Jahre 1861 fort. Maryse Condé, auf Guadeloupe geboren, lebte lange in Westafrika, schrieb über 30 Romane und wurde 2018 mit dem Alternativen Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. In diesem Jahr erschien ihre ebenfalls sehr lesenswerte Autobiografie Das ungeschminkte Leben (Luchterhand 2020, 304 S., € 22,-), das eine unerschrockene, kluge und ihrer Zeit stets vorauseilende Frau zeigt. (Jana Kühn)

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Sandra Cisneros: Das Haus in der Mango Street

Aus dem amerikanischen Englisch von Gerd Burger, Kampa Verlag 2020, 160 S., € 18,-

(Stand März 2021)

Cisneros_Sandra_Das_Haus_in_der_Mango_Street_Danteperle_Dante_ConnectionEsperanza ist 12 und lebt seit einem Jahr mit ihrer Familie in Chicago, im Latinoviertel in einem dreckigen, verfallenen engen Häuschen in der  Mango Street. Das Mädchen mag das Leben dort nicht. Sie träumt eines Tages wegzukommen, weit entfernt von den Sorgen und der Traurigkeit. Sie will bessere Möglichkeiten haben, in der Hoffnung, ihre Familie, Freund*innen und Nachbar*innen irgendwann unterstützen zu können.
Dennoch wird in der Mango Street gekocht, und wie lecker es riecht! Klamotten werden vor die Fenster gehängt, wobei die Frauen ziemlich schön singen. In den kurzen Kapiteln geht es um Sehnsucht, ums Erwachsenwerden, um Mädchenträume und die Schönheit, die sich überall verbirgt.
Sandra Cisneros, Feministin, tolle Schriftstellerin und selbst Migrantin hat die perfekte Sprache gefunden, um Esperanzas Geschichte zu erzählen. „Esperanza“ heißt „Hoffnung“ und genau dieses Gefühl hat man am Ende. Die Zuversicht, nicht alleine zu bleiben, Perspektiven zu haben, gerade auch wenn es schwierig wird. Als ich das Buch las, war ich etwas älter als die Protagonistin und hab mit ihr geträumt und gehofft. Das tue ich noch! (Giulia Silvestri)

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Adriana Altaras: Die jüdische Souffleuse

Verlag Kiepenheuer & Witsch (2018), 208 S., TB 2020 € 10,-

(Stand März 2021)

Altaras Souffleuse_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergAdriana Altaras gehört zu den Autorinnen, denen es gelingt, schwere Themen mit sensibler Leichtigkeit zu behandeln. Die Ich-Erzählerin, die unverkennbar aus Adriana Altaras Biographie schöpft, freut sich auf ihr neues Regie-Projekt und das Versinken in Mozarts Welt der “Entführung aus dem Serail”. Auch wenn das heißt, die großen und kleinen Katastrophen des Theaterbetriebs abzufedern, ein Ensemble von 42 Exzentrikern zu bändigen und in weniger charmanten Theaterwohnungen schlecht zu schlafen. In diese schönschauerliche Idylle des Provinztheateralltags bricht sich vehement das Anliegen der jüdischen Souffleuse bahn: Adriana sei die Einzige, die ihr bei der bislang erfolglosen Suche nach ihrer im Holocaust verschollenen Familie behilflich sein könne. Eine Aufarbeitungsreise der beiden Frauen beginnt und damit eine erneute Möglichkeit, kluge Fragen zu ungelösten Konflikten der Nachgeborenen zu stellen. Mich persönlich hat die Lektüre direkt in meine Zeit katapultiert, in der ich selber Teil des wunderbaren Theaterirrsinns sein durfte. Und gerade jetzt, wo wir wieder auf Theaterbesuche verzichten müssen, kann eine Reise hinter die Kulissen vielleicht ein kleiner Trost sein. (Franziska Kramer)

Leseprobe

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Sebastian Barry: Tage ohne Ende

Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser, Steidl 2018, 272 S., € 12,80

(Stand März 2021)

Barry_Tage_Ohne_Ende_Danteperle_DanteConnectionWarum dieses Buch bei Erscheinen keine Danteperle wurde, kann ich heute beim besten Willen nicht mehr nachvollziehen, zog es doch direkt beim Lesen schon in die Liste MEINER Bücher ein. Selten las ich ein Buch, das so zärtlich wie brutal, historisch wie brandaktuell so komplex wie fesselnd und zutiefst menschlich ist. Thomas McNulty – Waise irischer Einwanderer und ein halbes Kind noch – lebt auf den Straßen Missouris, wo er den gleichaltrigen John Cole kennen lernt. Fortan schlagen sie sich gemeinsam durch die harten Tage, arbeiten als Tänzer in einem Saloon, heuern schließlich als Unionssoldaten an. Sie werden beste Freunde und später auch Geliebte. Oft ist es nur noch diese Liebe, die sie die entmenschlichten Gemetzel des US-amerikanischen Bürgerkrieges, vor allem aber gegen die indigene Bevölkerung aushalten lässt. Als schließlich die Lakota-Waise Winona zu ihnen stößt, knüpft sich ein neues Band – eine Familie entsteht. Doch auch diese schwebt in diesen wirren, erbarmungslosen Zeiten in allerhöchster Gefahr. „Wir waten knietief in der Geschichte“, so Barry in einem Interview auf Deutschlandfunk, aber nur so lässt sich die Gegenwart, auch die der USA im Wahljahr 2020 verstehen. In diesem Herbst erschien ein Folgeband, der ebenso großartig erzählt, die Perspektive Winonas einnimmt: Tausend Monde (Steidl 2020, 256 S., 24,- €). (Jana Kühn)

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Marina Rumjanzewa: Auf der Datscha

Eine kleine Kulturgeschichte und ein Lesebuch. Dörlemann Verlag 2009, 288 S., € 22,-, Suhrkamp TB € 11,-
(Stand April 2021)

datschaReisen ist in diesen Zeiten schwierig, aber so eine Datscha vor der Stadt, ein Häuschen im Grünen, das wär‘ doch was… Das wissen sie auch in Moskau und Sankt Petersburg und zwar schon seit Beginn des 18. Jahrhunderts. Marina Rumjanzewa erzählt uns im ersten Teil dieses schön gestalteten Buches auf fesselnde und interessante Weise die Geschichte der Datscha von ihren Anfängen unter Peter dem Großen bis heute. Sie ist ein Stück russischer Kultur und als solche spielt sie auch in vielen Texten der russischen Literatur eine Rolle. In Erzählungen von Puschkin, Tschechow oder Tolstoi, von Michail Schischkin oder Tatjana Tolstaja tauchen wir im zweiten Teil des Bandes ein in die Welt der Datscha, in den ihr ganz eigenen Lebensstil fernab der strengen gesellschaftlichen Regeln der Stadt, in das kleine, standesübergreifende Glück abseits der großen Metropole, wo der Sommer zwischen Gartenfesten und Datscha-Romanzen endlos scheint. Der Datscha-Bilderbogen auf der Innenseite des Schutzumschlages ist bitte nicht zu übersehen, er rundet das Buch aufs Schönste ab. (Syme Sigmund)

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Nanni Balestrini: Der Verleger

Aus dem Italienischen von Christel Fröhlich und Andreas Löhrer, Assoziation A 2020, 152 S., € 18,-
(L‘ editore, DeriveApprodi 2005, ca. € 20,50)
(Stand März 2021)

Verleger_Einband_5.inddGiangiacomo Feltrinelli, der berühmte Verleger, ist tot. Im Jahr 1972 wird sein lebloser Körper unter einem Hochspannungsmast in der Nähe von Mailand gefunden. Dieses viel diskutierte Ereignis wurde nie aufgeklärt.
Fast zwanzig Jahre später trafen sich ein Regisseur, eine Journalistin, ein Buchhändler und ein Universitätsprofessor, die Feltrinelli persönlich gekannt hatten, um mittels eines Drehbuchs über seine Geschichte zu sprechen. Es entstand kein Film,  dennoch wurde nach und nach immer klarer, wie sehr sein Todesfall einen Wendepunkt für die intellektuelle und linke Szene Italiens darstellte.
Als Nanni Balestrini letztes Jahr starb, las ich unzählige Würdigungen. Ich hatte noch kein ganzes Buch von ihm gelesen, war allerdings berührt und wollte unbedingt mehr über diesen Schriftsteller wissen. Dann wurde mir dieses Buch geschenkt: Durch verschiedene Erzählregister schildert Balestrini eine der faszinierenden Figuren des 20. Jahrhunderts, die aufgeheizte Atmosphäre und die sozialen Kämpfe der Jahre nach 1968. Nach ein paar Sätzen nur war ich schon in seine wilde, mutige, präzise Erzählstimme verliebt. (Giulia Silvestri) Vorwort zur Neuausgabe

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Hallgrímur Helgason: 60 Kilo Sonnenschein

Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig, Tropen Verlag 2020, 576 S., € 25,-, TB Februar 2022, € 14,-

(Stand Februar 2022)

helgason-60KIlo-U1+Ruecken.inddEin Fjord im Norden Islands, dem Polarmeer zugewandt. Ein kleiner Ort, eine Kirche, ein Gemeindevorsteher und ein paar versprengte Höfe, die meisten eher mit dem Vieh geteilte Katen, unter die Grasnarbe gebaut. Vielleicht 80 Menschen leben hier, trotzen den unwirtlichen Lebensbedingungen der unerbittlichen Natur und den jahrhundertealten Unterdrückungsstrukturen. Doch dann erscheinen Norweger im Fjord und beginnen eine Halle für die Heringsverarbeitung zu bauen. Dass diesem kleinen, hässlichen Fisch, der doch gerade mal als Viehfutter taugt, die Zukunft gehören, er Reichtum bringen soll, können die isländischen Bauern gar nicht glauben. Doch schon mit dem ersten Fang wird klar, dass die alte Zeit plötzlich und doch endgültig der Vergangenheit angehört.
Diesmal hat Helgason keine absurd-schräge Geschichte verfasst, sondern eine veritable Islandsaga, einen historischen Roman über den Einzug der Moderne in eine archaische Welt, angelehnt an die Geschichte des Siglufjördur, von Beginn des 20. Jahrhunderts bis 1968 der Fischereihafen für Heringe in Island schlechthin. Fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite und mit vielen Szenen voller Situationskomik und skurrilen Figuren, die den uns bekannten Helgason erkennen lassen, ist dieses Buch vor allem große Literatur und wurde zurecht mit dem Isländischen Literaturpreis für den besten Roman des Jahres 2018 ausgezeichnet.
Als ergänzende Lektüre empfiehlt sich „Heringe“ von Holger Teschke, erschienen 2014 in der Reihe Naturkunden bei Matthes & Seitz, damals übrigens auch eine „Danteperle“. (Syme Sigmund)

Leseprobe

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Karina Urbach: Das Buch Alice – Wie die Nazis das Kochbuch meiner Großmutter raubten

Propyläen Verlag 2020, 420 S., € 25,-, TB Ullstein 2021, € 12,99

(Stand Oktober 2021)

Urbach_Karina_Das_Buch_Alice_Danteperle_Dante_Connection_BuchhandlungDieses Buch ist ein Hybrid aus spannender Familienbiografie, historischem Sachbuch, investigativer Dokumentation, politischer Anklage und rasantem Thriller. Auslöser ist ein österreichisches Kochbuch, das die Wiener Großmutter der Autorin Anfang der Dreißiger im Ernst Reinhardt Verlag erfolgreich veröffentlichte. Als Jüdin wurde sie von den Nazis vertrieben, sie überlebte in England als ausgebeutete Hausangestellte und erreichte nach vielen Stationen die USA, wohin sich ihre Söhne gerettet hatten. Nach Vertreibung, unguten Exilerfahrungen und all dem Leid, das ihr mit der Ermordung vieler Nahestehender zugefügt worden war, erfuhr Alice Urbach nach dem Krieg ein weiteres Trauma – die Tilgung als Autorin. Ihr Verlag hatte, wie sie zufällig entdeckte, ihr eigenes Kochbuch unter einem Männernamen und gekürzt einfach weiter publiziert und gutes Geld damit verdient!
Wie die Historikerin Karina Urbach darlegt, ist dieses skandalöse Vorgehen, die „Arisierung“ von Sachbüchern jüdischer Urheber*innen leider kein Einzelfall in der Verlagsbranche und bislang nicht richtig erforscht. Pointiert und spannend wie ein Krimi, aber mit verbürgten Quellen, hat sie nun den entscheidenden Anfang gemacht, ihrer Großmutter wenigstens nachträglich Anerkennung zu verschaffen und die Öffentlichkeit für dieses perfide Verbrechen wachzurütteln. (Stefanie Hetze)

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Sylvia Townsend Warner: Lolly Willowes oder der liebevolle Jägersmann

Aus dem Englischen von Ann Anders, mit einem Nachwort von Manuela Reichart, Dörlemann Verlag 2020, 272 S., € 25,-

(Stand März 2021)

Warner_Sylvia_Townsend_Lolly_willowes_Danterperle_Dantge_connectionLaura, von allen Lolly genannt, ist fast dreißig und noch unverheiratet, als ihr Vater, mit dem sie im alten Familienhaus wohnt, stirbt. Ihr Bruder holt sie nach London, wo sie einen guten Mann kennenlernen, endlich erwachsen werden soll. Doch sie entscheidet sich, zurück aufs Land zu ziehen. Great Mop, ein kleines Dorf in Südostengland, klingt nach dem perfekten Ort, um endlich ihre Ruhe finden zu können. Doch läuft es anders als gedacht und Lolly entwickelt sich langsam, aber unvermeidlich zu einer gänzlich unabhängigen Frau, einer Hexe.
In ihrem ersten Roman erzählt Sylvia Townsend Warner mit klarer Sprache und feinem Humor die Geschichte einer ungewöhnlichen selbstbestimmten Frau, die sich entgegen aller Erwartungen entscheidet und stolz ihre eigenen Wege geht. In diesem großartigen Roman aus den 20ern wird eine unvergessliche, starke literarische Figur meisterhaft dargestellt. Dazu kommen schöne Landschaftsbeschreibungen, die Lust auf herbstliche Waldspaziergänge machen. Ein Genuss, diesen Roman (wieder-) zu entdecken! (Giulia Silvestri) Lese-und Hörprobe

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Alice Vollenweider: Italiens Provinzen und ihre Küche

Verlag Klaus Wagenbach 1990, erhältlich in der 19. Auflage 2021, 160 S., € 18,-, im Nachdruck, erscheint wieder im Juli 2021

(Stand April 2021)

Voellenweider_Alice_Italines_Provinzen_und_ihre_Küche_Danteperle_Dante_connectionDer Trend bei Kochbüchern ist zur Zeit Opulenz und Farbigkeit, ganz anders kommt da ein schmaler engbedruckter Saltoband mit kleinen Schwarzweiß-Fotos daher, der uns einlädt, die vielfältigen regionalen Küchen Italiens kennenzulernen und die Menschen, die mit Leidenschaft kochen und ihre kostbaren Familienrezepte und die Geschichten dazu liebend gerne mit anderen teilen. Immer wieder lässt es sich vortrefflich in diesem reichen kleinen Buch schmökern und mit der Autorin direkt in die häuslichen Kochtöpfe schauen. In der Vorstellung können wir mit der profunden Italienkennerin mitreisen an die verschiedensten Orte und Zusammenhänge, um dann ganz konkret die beschriebenen Köstlichkeiten nachzukochen. Wie oft hat mich schon das blitzschnelle phantastische Dolce, die Crema del Lario aus Sahne, Zitrone und Grappa, gerettet, haben Gäste sich auf den Risotto alla milanese gestürzt, freue ich mich im Winter auf eine tröstliche Minestra di Fagioli nach einem Triestiner Rezept. Zu unser aller Glück hält der Wagenbach Verlag dieses einzigartige Koch- und Reisebuch seit 30 Jahren lieferbar. (Stefanie Hetze)

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