Klett-Cotta 2020, 302 S., € 22,-, TB dtv 2022, € 12,-
(Stand Januar 2022)
Josef Klein ist 22, als er 1925 mit einer Winterfahrkarte der dritten Klasse nach Amerika auswandert. Sein Bruder musste wegen eines Unfalls in Deutschland bleiben. Klein hat weder einen festen Plan, noch einen übertriebenen Ehrgeiz, er ist vielmehr froh, dem gewalttätigen Vater entronnen zu sein und ein paar Jahre später ist er mit einem unaufgeregten Job in einer Druckerei zufrieden, genießt das Leben und Treiben seines Harlemer Viertels, richtet sich eine eigene Funkstation ein und lässt die Welt der Amateurfunker zu sich in die kleine Wohnung kommen. Aber er kann dem Weltgeschehen nicht gänzlich ausweichen, das New York der 1930 ist ein politisch zutiefst zerrissenes Land. Josef Klein bekommt einen unscheinbaren Auftrag “unter Deutschen” und verfängt sich, zunächst ohne es zu ahnen, in die Spionagetätigkeit des Naziregimes.
Ulla Lenzes historischer Roman beleuchtet ein bislang wenig erschlossenes Kapitel der deutsch-amerikanischen Geschichte. Inspiriert wurde die Autorin durch die wahre Geschichte ihres Großonkels. Spannend zu lesen ist der Roman nicht zuletzt durch die antiheldische Komponente der Figur Kleins. Seine Beweggründe und Handlungen bleiben zuweilen rätselhaft und machen sie damit doch umso glaubwürdiger. Es kostet ihn unglaublich viel Kraft und Mut, seinen für ihn anfänglich harmlosen Fehler zu korrigieren und es wird nur zu deutlich, wie leicht man den Kurs unter manipulativem Druck verlieren kann. (Franziska Kramer)

Olga, eine ziemlich rundliche Frau, hat sich in ihrem kleinen bunten Kiosk, der mitten in einer grauen Stadt steht, eingerichtet. Sie kennt ihre Kundinnen und Kunden genau, verkauft ihnen Zeitschriften, Getränke, Süßigkeiten und schwatzt mit ihnen. Abends schließt sie die Läden und macht es sich, so gut es geht, in der Enge auf ihrem Sessel gemütlich. Sie träumt vom Reisen, von Sonnenuntergängen am Meer, von all dem, was nicht geht, da sie ihren Kiosk nicht mehr verlassen kann. Da geschieht etwas, das sie mitsamt ihrer Behausung gehörig in Bewegung bringt und sie ihre Träume verwirklichen läßt!
Der Jurastudent Ernst Dronke fährt 1843 mit dem Zug nach Berlin und steigt am erst vor zwei Jahren eröffneten Anhalter Bahnhof aus, der bereits von Dienstmännern, Polizisten, sich so verhohlen wie offen anbietenden Mädchen wimmelt. Er promoviert an der Friedrich-Wilhelms-Universität, heute Humboldt-Universität, verfasst Polizei- und Gerichtsreportagen sowie scharfsinnige Betrachtungen über alle Gesellschaftsschichten. Doch bereits 1845 wird er aus Berlin verwiesen und nach der Publikation seines Reportagebandes „Berlin“ wegen Beleidigung des Königs und des Polizeipräsidenten zur Festungshaft verurteilt.
Schon das hochformatige Cover, das wunderliche Objekte zeigt wie ausgestopfte Tiere, Masken und einen Native American, der vor einem steinzeitmäßigen Aufnahmegerät sitzt, das von einer angespannten Frau bedient wird, nimmt uns gleich mit hinein in die spezielle Welt der Wunderkammern und Kuriositätenkabinette! Vier aufklappbare Panoramaseiten, die wirklich beeindruckend groß und opulent sind, bieten faszinierende Raritäten und Sammlungen aus den vier Epochen Renaissance, Aufklärung, Industrielle Revolution und Gegenwart. Stundenlang lassen sich die Details dieser überbordenden Studiosi, Schränke und Installationen studieren, auf den darauffolgenden Seiten werden alle gezeichneten Objekte vorgestellt und kritisch eingeordnet. Die rassistischen Perspektiven der Sammler und Forscher werden benannt, aber auch die aufklärerischen Versuche, die naturhistorischen und medizinischen Sammlungen zu öffnen, sie in Museen zu verwandeln und das Wissen zu verbreiten. Und heute wird versucht, gefährdete Arten zu bewahren und mit neuen Ansätzen den Zauber der Natur in Kunst zu verwandeln. Außergewöhnlicher Lese- und Gesprächsstoff also für Kinder und Erwachsene, einfach das geniale Buch zum heutigen Welttag des Buches! (Stefanie Hetze)
Der junge, in der Trauer um seine früh verstorbene Frau gefangene Alexander zieht nach Minsk und trifft auf seine 91-jährige neue Nachbarin, die ihm zunächst gehörig auf die Nerven geht, ihn dann aber mit der Erzählung ihres Lebens in den Bann schlägt. Tatjana Alexejewna arbeitete ab den 30er Jahren als Fremdsprachensekretärin für das NKID, das Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten, in Moskau. Als ihr Mann im zweiten Weltkrieg in Kriegsgefangenschaft gerät und sie seinen Namen auf einer geheimen Liste entdeckt, die sie übersetzen soll, ist ihr klar, dass dies ihr und sein Verhängnis sein kann, denn Kriegsgefangene galten als Volksverräter, ebenso ihre Angehörigen. In ihrer Not trifft sie eine folgenschwere Entscheidung…
Dunne ist sehr aufgeregt. Ihr Papa und seine Freundin Wanda wollen tatsächlich heiraten. Dunne sieht sich schon zusammen mit ihrer besten Freundin Ella Frida in wunderschönen Kleidern die Blumen streuen! Das wird ein Fest! Doch Papa und Wanda haben ganz andere Pläne, die Hochzeit soll in Rom bei der italienischen Familie stattfinden. Für Ella Frida ist da kein Platz. Wie in allen Geschichten dieser einmaligen Kinderbuchreihe passieren Dinge, die Dunne nicht mag und die sie leiden lassen. Aber sie lässt sich immer etwas einfallen. Und dann geschieht so manch Unverhofftes, dass am Ende ein unerwartet anderes Glück da ist. Wieder hat die wunderbare Geschichtenerzählerin Rose Lagercrantz gezaubert und hat Eva Eriksson ihre hinreißenden Zeichnungen beigesteuert, die Dunnes Gefühle auf den Punkt bringen. Ein unnachahmliches Vergnügen, zum Vorlesen und Selberlesen. (Stefanie Hetze)
Gemeinsam mit dem Salon Obermaier laden wir zur literarischen Matinee ein.