Melinda Nadj Abonji: Schildkrötensoldat

Suhrkamp Verlag 2017, 173 S., € 20,-

Danteconnection Buchhandlung Abonji SchildkrötensoldatEin Träumer ist er, ein sensibler Sprachjonglierer und Poet, ein sanftmütiger Pflanzenliebhaber, der sieht und spürt, was anderen entgeht. Seine Cousine weiß das. Aber sonst? Am falschen Ort ist er geboren, zur falschen Zeit. Die Mutter erkennt zu spät, dass „aus Zoli was hätte werden können, aber der Lauf der Welt sieht nicht vor, dass aus so einem was wird“, denn Zoli ist Sohn eines „Halbzigeuners“ und einer saufenden Tagelöhnerin. Das kleine Dorf in Serbien sieht den Stotterer, das Weichei, prügelt die falschen Fragen und Antworten aus dem „Bastard“ heraus, der so beunruhigend anders ist. Beim Militär wird es nicht besser, der Krieg steht ins Haus und Mitleid gibt es nicht, nur Grausamkeit. Zoli verzweifelt, in stummem Widerstand zieht er sich ganz in sich zurück – und geht an der Welt, die ihn umgibt zugrunde. Denn „unter diesem Himmel erschlägt uns das Schicksal“. Erschlagen und verstört bleibt auch der Leser zurück, vom Sog und mitreißenden Rhythmus der poetischen Sprache Abonjis dennoch berückt und betört. (Syme Sigmund)
Leseprobe

Das bestelle ich!

Gaël Faye: Kleines Land

Aus dem Französischen von Brigitte Große und Andrea Alvermann. Piper Verlag 2017, 223 S., € 20,-

Faye_Gael_Kleines_Land_Dante_Connection_BuchhandlungMit seinen Freunden Mangos klauen, auf ihrer Straße spielen, sich von der Nachbarin Madame Economopoulos Bücher zu leihen, vom Chauffeur zur Schule gefahren zu werden – so idyllisch könnte es für den Jungen Gaby ewig weitergehen. Doch seine unbeschwerte Kindheit im privilegierten Viertel Bujumburas, der Hauptstadt des kleinen Lands Burundi, erfährt jähe Risse. Die Ehe seiner jungen Eltern, der Vater ein brünetter kleiner Franzose, die Mutter eine große schöne Afrikanerin, scheitert. Seine Mutter zieht aus. Sie, die verfolgt aus Ruanda geflohen ist und deren Familie unter Massakern und Heimatlosigkeit litt, geht zurück und zerbricht. Auch in Gabys Welt ist längst der brutale Bürgerkrieg angekommen, ist gar nichts mehr wie vorher, muss auch er fliehen.

Als fremd gebliebener Erwachsener in Frankreich bleibt ihm die Sehnsucht nach seiner Heimat, hat er keine Antworten auf die Ursachen für Scheitern, Hass und Gewalt und begibt sich auf Erinnerungssuche. Entstanden ist dieser dichte eindringliche Roman. (Stefanie Hetze)

Leseprobe

Das bestelle ich!

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Kiepenheuer & Witsch 2017, 399 S., € 22,-

Despentes_Virginie_Das_Leben_des_Vernon_Subutex_Dante_Connection_BuchhandlungVernon Subutex hatte jahrelang den angesagten Plattenladen Revolver, in dem er Rock- und Punkfans, Schwätzer, Musiker, Metaller und andere Maniacs versorgte und selbst am Puls der Zeit sowie Frauenschwarm war. Irgendwann um die Jahrtausendwende schlägt die Krise zu, muss Vernon schließen. Steuerfrei verscherbelt er im Netz letzte Devotionalien, bis nichts mehr da ist. In einem Paris, in dem man nur mit von der Familie gekauftem Wohneigentum überleben kann, schmeißt der Gerichtsvollzieher ihn aus seiner Wohnung und muss er ohne Geld und mit Lügengeschichten bei mehr oder wenig guten Bekannten unterschlüpfen. Es sind Leute, meist Frauen, aus der Musik-, Film- und Medienbranche, die mit allen erdenklichen Mitteln Glanz und Aufmerksamkeit wollen und eigentlich schon zu alt sind für all diese Spielchen und Maskeraden. Immer weiter um diese Szene dehnt Virginie Despentes ihr Panorama aus, treten Gescheiterte und Verbitterte aus vielen Schichten auf. Gnadenlos und in einer brillant-direkten Sprache seziert sie wie ein Paukenschlag das heutige Frankreich.

Vernon Subutex endet als Obdachloser. Mal sehen, wie es mit ihm weitergeht? Band 2 der Trilogie folgt im Februar. (Stefanie Hetze)

Leseprobe

Das bestelle ich!

Dienstag, 14.11.

Uwe Rada: 1988 – Roman (edition.fotoTAPETA)

Uwe RadaMai 1988: In Westberlin wird der „Revolutionäre 1. Mai“ begangen, in Polen beginnen die Frühjahrsstreiks der Solidarność. Da lernen sich in einer Kreuzberger Kneipe Jan und Wiola kennen. Er, ein Revolutionsromantiker aus Westberlin, sie Doktorandin aus Krakau. Was weiß er über Polen? Nichts. Was weiß sie über Deutschland? Eine Menge. Sie verlieben sich, eine amour fou, eine umkämpfte, platonische Liebe beginnt. Doch eine platonische Liebe ist und bleibt eine Liebe. An all das erinnert sich Jan, fast dreißig Jahre später, als er von Wiola einen Brief bekommt. Ohne zu überlegen fährt er los. Ein zweites Mal von Berlin nach Krakau, die für beide zu einer Schicksalsreise wurde im November 1988.

wann? Dienstag, 14.11. um 20.15 Uhr

Vorverkauf 8 € / 5 €
Abendkasse 10 € / 7 €

Ljudmila Ulitzkaja: Jakobsleiter

Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Hanser Verlag 2017, 640 S., € 26,00

Ulitzkaja_Ljudmila_Jakobsleiter_Danteperle_Dante_ConnectionEin sehr persönliches Buch und auch wieder nicht. Jahrelang ließ Ljudmila Ulitzkaja die Liebes- und Ehebriefe ihrer Großeltern ungelesen in einer Mappe, scheute sie sich, den Geheimnissen ihrer Familie ins Auge zu sehen. Als sie sich endlich überwand und die jahrzehntelange Korrespondenz las, die von inniger Liebe, großem Zerwürfnis und kleinen familiären Ereignissen in wuchtigen Zeiten von Revolution und Totalitarismus zeugt, war die Idee zu ihrem Roman geboren.

Aus unterschiedlichen Perspektiven und Zeiten, noch aus zaristischen und bis aus der Gegenwart, erzählt sie in Jakobsleiter, was unter den heftigen gesellschaftlichen Verhältnissen aus der schwärmerischen Liebe eines intellektuell-künstlerischen Paares und ihren Nachfahren wurde. Sie umspannt dabei ein ganzes Jahrhundert, schreibt von Armut, Verbannung, Stalinismus, von Alltag, Arbeit, Zusammenleben, von Theater, Musik, Wissenschaft und entwirft den intimen und ebenso allumfassenden Kosmos einer russischen Familie, die einem beim Lesen ungemein nahekommt. (Stefanie Hetze)

Leseprobe

Das bestelle ich!

José Eduardo Agualusa: Eine allgemeine Theorie des Vergessens

Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler. C.H. Beck Verlag 2017, 197 S., € 19,95

Agualusa_José_Eduardo_Eine_allgemeine_Theorie_des_Vergessenes_Dante_Connection_Buchhandlung_BerlinDiese Frau hat es offensichtlich gegeben.  Am Vorabend des angolanischen Bürgerkriegs mauert sich die Portugiesin Ludovica, nachdem sie in Notwehr einen Einbrecher erschossen hat, komplett in ihrer Hochhauswohnung in Luanda ein. Fast dreißig Jahre lebt sie von einer Hühner- und Gemüsezucht auf ihrer Dachterrasse und fängt in ihrer Not Tauben. Abgeschnitten von der Welt, bald hat sie keine Batterien mehr für ihr Radio, notiert sie ihre Erinnerungen, Träume und Reflexionen in einem Tagebuch. Als ihr das Papier ausgeht, beschreibt sie mit komprimierten Gedichten die Wände ihres selbstgewählten Gefängnisses. Nur von fern, ihrer Terrasse, beobachtet sie, was draußen vor sich geht. Auch in der Außenwelt ist alles in Aufruhr, geraten Täter und Opfer, Revolutionäre und Unpolitische, Profiteure und Gegner aneinander. Ihre Stimmen mischt Agualusa eindrücklich mit dem Innenleben der isolierten Frau und verdichtet sie zu einem hochintensiven spannenden Roman, der nachempfinden lässt, was es heißt, wenn ein Land um Unabhängigkeit ringt. (Stefanie Hetze)

Leseprobe

Das bestelle ich!

 

 

Hendrik Otremba: Über uns der Schaum

Verbrecher Verlag 2017, 277 S., € 22,-

Otremba_Über_uns_der_Schaum_Danteperle_DanteConnectionEs steht nicht gut um Privatdetektiv Joseph Weynberg, schwermütig und einsam ist er Alkohol und Drogen verfallen – seit kurzem dazu nicht nur diesen. Denn da gibt es die umwerfend schöne und geheimnisvolle Maude Anandin, die ein offensichtlich stinkreicher Senior von Weynberg beschatten lässt. Perfekte Zutaten für einen klassischen Noir? Weit gefehlt, denn Hendrik Otremba entwirft in seinem Debüt eine dystopische, irgendwie aus der Zeit gefallene Welt, die es in sich hat: die Menschen verroht, der Alltag kriminalisiert, Orte und Landschaften sind von Kriegen und Umweltkatastrophen verwüstet, es regnet sogar gefährlich giftig. Otremba schickt sein düsteres Paar vor gleich mehreren Verfolgern auf die Flucht quer durch verlassene Territorien. Dank überraschender Wendungen in einer literarischen Sprache, die wirklich das Genre knackt, folgt man den beiden atemlos auf ihrem gefährlichen Roadtrip … So mancher Musiker hat schon das Schreiben für sich entdeckt – aber bei Hendrik Otremba, dem Sänger der Post-Punkband Messer, kann man von einem echten Glücksfall sprechen. (Jana Kühn)

Das bestelle ich!

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

Aus dem Amerikanischen von Pociao, Diogenes 2017, € 20,-

Haruf_unsere-seelen-bei-nacht-Danteperle_DanteConnectionIn einer US-amerikanischen Kleinstadt leben zwei verwitwete Nachbarn in den großen Häusern, die vor vielen Jahren einmal das Zuhause für ihre Familien waren – doch nun sind sie dort allein, oft genug einsam. Eines Tages geht die 70jährige Addie ausgesprochen mutig auf ihren Nachbarn Louis zu: Sie bittet ihn, die Nächte mit ihr zu verbringen, heißt, wenn die Einsamkeit am größten ist, die Lücke mit Gesprächen zu befüllen. Nur das. Louis akzeptiert und so liegen die beiden nun Nacht für Nacht beieinander und kommen einander zögerlich näher. Trotz der jahrzehntelangen nachbarschaftlichen Nähe wissen sie nur wenig voneinander und erzählen sich in aller Offenheit aus ihrem mit allen Höhen und Tiefen gelebten Leben mit Schicksalsschlägen, mit Fehlern, mit glücklichen Momenten auch. Dieses vorsichtige Kennenlernen beschreibt Kent Haruf  unaufgeregt und sparsam fast, dennoch warmherzig, aber ohne zu verkitschen. Er erzählt von einer Chance auf reifes, selbstbestimmtes Glück, das aber an verbohrten Konventionen zu scheitern droht. Denn der Kleingeist der sowohl nahen Nachbarn als auch der fernen Verwandten stört sich an der „schamlosen“ Zweisamkeit. (Jana Kühn) Leseprobe
Das bestelle ich!

Yewande Omotoso: Die Frau nebenan

Aus dem Englischen von Susanne Hornfeck, List 2017, 272 S., € 18,00

Yewande_Omotoso_Die_Frau_nebenan_Dante_Connection_Buchhandlung_DanteperleKapstadt, Südafrika – die achtzigjährigen Nachbarinnen Hortensia und Marion sind erbitterte Feindinnen, die einander in den Eigentümerversammlungen ihrer exklusiven Wohnanlage auf hohem Niveau und mit allen Raffinessen bekriegen. Beide Frauen waren beruflich außerordentlich erfolgreich und mit ebensolchen Männern verheiratet. Doch ist ihr Machtkampf keiner zweier Gleicher. Hortensia ist die einzige schwarze Villenbesitzerin in diesem Reichenvorort und hat als Trumpf immer den Rassismusvorwurf in petto. Doch weiß Marion genau, wie sie die andere treffen kann. So unterbreitet sie ihrer Feindin genüsslich das Ansinnen von Nachfahren ehemaliger Bewohner des Lands, ausgerechnet auf Hortensias Grundstück bestattet werden zu wollen und damit in deren Autonomie einzugreifen.

Je weiter sich das Nachbarinnendrama hochschaukelt, zerlegt Yewande Omotoso mit viel Fingerspitzengefühl und charmanter Ironie die vielschichtigen Folgen von Kolonialismus und Apartheid, aber auch von den gescheiterten Lebensentwürfen ihrer toughen Protagonistinnen. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Das bestelle ich!

Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern

Aufbau Verlag 2017, 309 S., € 22,-

Grjasnowa Gott ist nicht schüchtern_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergAmal ist jung, aus reichem Hause und steht am Beginn einer vielversprechenden Schauspielerkarriere. Hammoudi hat sein Medizinstudium in Paris mit Auszeichnung abgeschlossen und ist nur nach Syrien zurückgekehrt, um seinen Pass verlängern zu lassen. Beide werden durch den Beginn des Krieges aus ihrem Leben gerissen. Amal sympathisiert mit den Protesten gegen das Regime und nimmt in Damaskus an Demonstrationen teil. Dadurch gerät sie ins Visier des Geheimdienstes. Nach Verhaftung und Folter entkommt sie nach Beirut. Hammoudi überraschen die beginnenden Kämpfe in seiner Heimatstadt im Osten Syriens. Er versucht unter improvisierten Bedingungen so vielen Verletzten wie möglich als Chirurg das Leben zu retten und sieht tausende sterben. Die Machtübernahme des IS zwingt auch ihn zur Flucht. Olga Grjasnowa verschont den Leser nicht, erzählt in nüchtern klarer Weise von Folter, Flucht und Krieg und führt uns vor Augen, was wir zu gern verdrängen. Ein wichtiges Buch, das unter die Haut geht. (Syme Sigmund)
Leseprobe
Das bestelle ich!