Jean Rhys: Guten Morgen, Mitternacht

Aus dem Englischen von Grete Felten, mit einem Vorwort von A.L. Kennedy, Kampa Verlag 2021, 272 S., € 22,-
(Stand April 2021)

Sasha, 25 Jahre jung, ist wieder in Paris. Hier verbrachte sie die Tage ihrer großen Liebe, hier hangelte sie sich von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob, hier war sie schwanger und verlor ihr Kind. Nun soll sie hier – finanziell von einer Freundin großzügig unterstützt und nachdem sie in London ihre Trauer im Alkohol zu ertrinken versucht hatte – wieder neuen Lebensmut fassen. Die junge Frau lässt sich treiben, sucht Bars auf, in denen die Kellner sie möglichst nicht von früher kennen, trinkt weiterhin zu viel, trifft Männer, die sie hin- aber nicht wichtig nimmt. Erinnerungen an die glücklichen Tage wechseln sich ab mit der Erzählung des Jetzt, impressionistisch-assoziativ, in Sätzen so flüchtig wie Flügelschläge von Schmetterlingen, die doch schwer wiegen und voller Zwischentöne sind. Der Bericht einer jungen, unabhängigen, desillusionierten Frau am Abgrund. Große Literatur, erschienen 1939, von einer Autorin, die es unbedingt weiter wieder zu entdecken gilt. (Syme Sigmund)

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Jean Rhys: Die weite Sargassosee

Aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Walitzek. Schöffling 2015, 232 S., € 21,95, dtv TB € 10,90

(Stand März 2021)

32_rhys_sargassoseeJamaica zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Antoinette, Tochter eines Plantagenbesitzers und ehemaligen Sklavenhalters, lebt nach dem Tod des Vaters mit ihrer Mutter allein und abgeschieden auf dem Gut. Ein paar Angestellte sind geblieben, doch der vormalige Reichtum und das Ansehen sind Vergangenheit. Die beiden werden gemieden, angefeindet. Die weißen Inselbewohner belächeln die Armut, die Schwarzen nennen sie “weiße Kakerlaken”. Hässliche Gerüchte und Halbwahrheiten sind im steten Umlauf. Als junge Frau wird Antoinette schließlich in einer Art Hochzeitskauf mit  dem jungen Engländer Mr. Rochester verheiratet. Das frischvermählte Paar zieht auf ein paradiesisches Anwesen am Meer, wo jedoch binnen kürzester Zeit eine Ehehölle entsteht. Missverständnisse, Ängste, Voodoo und Alkohol treiben das Paar nicht nur auseinander, sondern in rasend blinden Hass. Rhys erzählt aus beiden Perspektiven von zwei Menschen, die kaum verschiedener sein könnten und einander schlicht nicht verstehen. Wer Charlotte Brontës “Jane Eyre” gelesen hat, wird die Protagonisten wieder erkennen, denn Jane Rhys gibt der bei Brontë überaus unsymphatisch, lediglich als wahnsinnig beschriebenen jamaikanischen Ehefrau Rochesters eine Stimme, endlich auch ihre Version der Geschichte zu erzählen. Herzzerreißend  – ein wunderbarer moderner Klassiker in neuer Übersetzung! (Jana Kühn) Leseprobe

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