Milena Michiko Flašar: Herr Katō spielt Familie

Verlag Klaus Wagenbach 2018, 176 S., € 17,99

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Harr Katō ist nun Rentner, aber so richtig kommt er mit seiner neuen Rolle nicht zurecht. Seine Frau fühlt sich gestört und scheucht ihn aus dem Haus, doch das ziellose Herumspazieren liegt ihm nicht und er versinkt in Selbstmitleid. Da trifft er auf die junge Mie, welche ihm von ihrer Agentur berichtet. Bei ihr kann man Schauspieler als „echte“ Verwandte buchen, die „Familie spielen“. Braucht es den reichen Onkel aus Amerika für eine Hochzeit, die trauernde Tochter für eine Beerdigung oder die Verlobte, um die Eltern zufrieden zu stellen? Alles kein Problem. Herr Katō lässt sich engagieren, schlüpft von nun an in die verschiedensten Rollen, wird Opa, Exmann oder Firmenchef, und beginnt auch sein Leben – und seine Frau – wieder mit anderen Augen zu sehen. Milena Flašar hat ein einfühlsames Buch über das Altern geschrieben und über die Schwierigkeit, mit der Leere des Rentnerlebens klar zu kommen – mal nachdenklich und melancholisch, mal mit leichter Ironie, doch immer voller Empathie und Wärme. Die passende Lektüre für sonnige Wiesen oder auch verregnete Sofanachmittage. (Syme Sigmund)

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Robert Seethaler: Das Feld

Verlag Hanser Berlin 2018, 240 S., € 22,-

SeethalerDas Feld – das ist der alte, verwilderte Friedhof des kleinen Ortes Paulstadt, und von hier aus sprechen die Stimmen, die auf den Seiten dieses Buches zu Wort kommen. Ein alter Mann glaubt, sie hören zu können, er kommt fast täglich, sitzt bei den Gräbern, hört zu. Es sind die Erinnerungen der Toten an das, was in ihrem Leben wichtig war, an erfüllte Momente oder Enttäuschungen, an begangene Fehler, an nie enthüllte Geheimnisse, an Leidenschaften – und immer wieder an die Liebe. Mal ist es eine ganze Geschichte mal das Heraufbeschwören eines einzigen Augenblicks oder eines bestimmten Gefühls. Wie in einem Kaleidoskop treten immer andere Personen in den Vordergrund und doch bilden sie am Ende ein ganzes, das Bild der Bewohner einer kleinen Stadt, wo jeder mit jedem verbunden ist, ein Bild, geformt aus den Stimmen der Toten, das voller Leben ist. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Alessio Torino: Über mir die Sonne

Aus dem Italienischen von Johannes von Vacano, Verlag Hoffmann und Campe 2018, 160 S., € 18,- (Tina, minimumfax 2016, ca. € 20,50)

Alessio TorinoTina ist mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester Bea zum ersten Mal allein in Urlaub, nachdem der Vater die Familie verlassen hat. Träge und heiß sind die Tage im Sommer auf Pantelleria, der Insel vulkanischen Ursprungs zwischen Sizilien und Afrika. Das Mädchen – zwischen Kindheit und Jugend schwebend, noch nach Quallen fischend und kurzhaarig auf Fremde wie ein Junge wirkend – beobachtet die Zufallsgemeinschaft, die sich um das kleine Lokal in der Bucht versammelt hat: der attraktive Wirt Andrè, der Korse Stefano mit seiner französischen Freundin Parì, der alkoholsüchtige Kanadier Charles. Doch die Fröhlichkeit der Erwachsenen täuscht, ihre jeweilige Vergangenheit lässt sich nicht abschütteln, die Spannungen wachsen parallel zur Nervosität wegen der Quallenplage, die ein erfrischendes Bad, und der Intensität des Mistrals, der ein Anlegen der Fähre verhindert. Allen entgeht, dass Tina sich immer mehr verliert zwischen der Sehnsucht nach dem Vater und dem Wunsch, als sie selbst wahrgenommen zu werden. Alessio Torino hat ein veritables Kammerspiel vorgelegt, voller Leerstellen und Andeutungen, ohne ein Wort zu viel, ist es dem Leser überlassen, die Hintergründe zu interpretieren. Eine empfehlenswerte Sommerlektüre voller Abgründe. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Ingvar Ambjørnsen: Samson + Roberto – Glück und Spuk und ach herrje!

Mit Bildern von Peter Schössow. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs, dtv 2018, 106 S., € 12,95, ab 6

Samson Roberto dante Connection DanteperleHund Samson und Kater Roberto sind bettelarm und hungrig. Als Samson eine Pension am Meer erbt, machen sich die beiden Freunde auf, dort ihr Glück zu versuchen. Was sie erwartet ist eine Bruchbude, in der es spuken soll, doch voller Elan und Ideen machen sie sich ans Werk und können bald die ersten Gäste begrüßen.
Ambjørnsen, der in den Achtzigern Teil der Hippie- und Hausbesetzerszene Norwegens war, hat eine herrlich schräge und urkomische Sammlung von Charakteren geschaffen. Neben dem schlauen Roberto und dem verspielten Samson (der am liebsten Telefonbücher apportiert) begegnen wir unter anderen der überdrehten Otterdame Olly mit Handwerkerbetrieb, der verliebten Dächsin Greta oder der mies gelaunten Steuereintreiber-Raupe Per Plage. Die wie immer wundervollen Illustrationen von Peter Schössow sind das fehlende I-Tüpfelchen. Ein großartiger Spaß, bei dem man aus dem Kichern nicht herauskommt. (Syme Sigmund)

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Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen

Hanser 2018, 352 S., € 23,-

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Eine Ölplattform im Atlantik, ein Sturm tobt. Als Wenzels Freund Mátyás spurlos verschwindet, wahrscheinlich ins Meer gespült, reist er nach Ungarn, um der Familie dessen Habseligkeiten zu überbringen. Doch es treibt ihn weiter, die Anrufe seines Arbeitgebers ignoriert er, seine Arbeitskleidung lässt er in der Wüste zurück, fährt nach Malta und dann durch Italien Richtung Norden. Je weiter er kommt, desto weniger weiß er wohin, wird die innere Leere fast unerträglich groß. Er sucht Halt in Erinnerungen an seine Kindheit in einer Zechensiedlung im Ruhrgebiet, an die mit Mátyás verbrachten Jahre und an seine große Liebe Milena, die seine ständigen Abwesenheiten nicht ertrug und ihn verließ. Kampmann erzählt von der Einsamkeit des modernen Menschen, vom Versuch, aus einem Leben für die Arbeit zurückzufinden ins eigene Leben. Ihre von Sinneseindrücken pralle und doch fließende Sprache nimmt gefangen, ist voller Bilder bei denen man innehält, die man auf sich wirken lassen muss, poetisch, mit großem Sog. Ein Buch, das einen nicht loslässt und welches man doch oft sinken lässt, um einzelnen Stimmungen nachzuspüren. Ein beeindruckendes Erstlingswerk. (Syme Sigmund)

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Arno Geiger: Unter der Drachenwand

Hanser Verlag 2018, 480 S., € 26,-

Geiger Drachenwand_Danteperle_DanteConnectionSchützend und gleichzeitig bedrohlich überragt die Drachenwand – eine hohe Felsflanke – den kleinen Ort Mondsee in den österreichischen Alpen. Hierher kommt Veit – ein junger Mann Anfang zwanzig – nachdem er 1944 in Russland  verwundet wurde. Und hier – in der Abgeschiedenheit, unter alten Nazis, die ihm übelnehmen, dass er nicht an der Front ist, in der Freundschaft mit dem „Brasilianer“, den seine Aufrichtigkeit immer wieder in Schwierigkeiten bringt, und vor allem in der Liebe zu Margot – wird ihm klar, dass er es schaffen muss zu überleben und dass der Krieg, in den er als Schüler hineingestolpert ist, nur Unheil bringt.  Arno Geiger hat einen beeindruckenden Antikriegsroman geschrieben, in dem die Atmosphäre im Land kurz vor Kriegsende lebendig wird und in dem das Grauen – neben Veit kommen über Briefe auch Margots Mutter aus dem bombenzerstörten Darmstadt und der jüdische Zahntechniker Oskar Meyer zu Wort – aber auch die Hoffnung in all ihren Facetten greifbar sind. (Syme Sigmund)

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Melinda Nadj Abonji: Schildkrötensoldat

Suhrkamp Verlag 2017, 173 S., € 20,-

Danteconnection Buchhandlung Abonji SchildkrötensoldatEin Träumer ist er, ein sensibler Sprachjonglierer und Poet, ein sanftmütiger Pflanzenliebhaber, der sieht und spürt, was anderen entgeht. Seine Cousine weiß das. Aber sonst? Am falschen Ort ist er geboren, zur falschen Zeit. Die Mutter erkennt zu spät, dass „aus Zoli was hätte werden können, aber der Lauf der Welt sieht nicht vor, dass aus so einem was wird“, denn Zoli ist Sohn eines „Halbzigeuners“ und einer saufenden Tagelöhnerin. Das kleine Dorf in Serbien sieht den Stotterer, das Weichei, prügelt die falschen Fragen und Antworten aus dem „Bastard“ heraus, der so beunruhigend anders ist. Beim Militär wird es nicht besser, der Krieg steht ins Haus und Mitleid gibt es nicht, nur Grausamkeit. Zoli verzweifelt, in stummem Widerstand zieht er sich ganz in sich zurück – und geht an der Welt, die ihn umgibt zugrunde. Denn „unter diesem Himmel erschlägt uns das Schicksal“. Erschlagen und verstört bleibt auch der Leser zurück, vom Sog und mitreißenden Rhythmus der poetischen Sprache Abonjis dennoch berückt und betört. (Syme Sigmund)
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Niklas Maak / Leanne Shapton: Durch Manhattan

Hanser 2017, 211 S., € 25,00

Maak_25666_MR.inddDer Journalist Niklas Maak und die Künstlerin Leanne Shapton laufen in zwei Tagen durch Manhattan. Ihre Route führt sie auf direktestem Weg von der Süd- zur Nordspitze der Insel, vom Financial District durch Chinatown und Little Italy, über den Centralpark und die Upper Westside bis dorthin, wo Manhattan noch Berge, Wälder und Schluchten hat, wo nur noch Spanisch zu hören ist und man sich in einer lateinamerikanischen Metropole zu sein wähnt. Maak protokolliert, was er sieht, sowohl unscheinbare, beiläufige Details als auch interessante oder kuriose Geschichten von Menschen, die ihnen begegnen und Orten, an denen sie vorbeikommen. Shaptons zunächst fast abstrakt wirkende Aquarelle, die mit dem Text verwoben scheinen und diesen ebenbürtig ergänzen, sind Impressionen ihres Weges, mal das Muster des Straßenpflasters oder eines Gitters, mal ein vergessener Pappkarton oder ein Straßenschild. Den Weg der beiden kann der Leser zudem auf einer beigefügten Karte verfolgen. Ein rundum gelungenes Buch, bei dem sich am Ende aus vielen Fragmenten ein rundes Ganzes ergibt, und dem der wunderschön gestaltete Einband mit Reliefprägung das i-Tüpfelchen verleiht. (Syme Sigmund)

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Christine Wunnicke: Katie

Berenberg 2017, 176 S., € 22,-

Christine Wunnicke KatieIm London des Jahres 1870 sind Tischrücken und Séancen schwer in Mode. Das weiß auch der angesehene Physiker und Chemiker William Crookes, und so erklärt er sich bereit, das stadtbekannte Medium Florence Cook wissenschaftlich zu untersuchen. Sie lässt – selbst wie ein Paket verschnürt und gefesselt in einem Schrank hockend – Katie erscheinen, eine weiß gekleidete Piratenbraut aus dem 17. Jahrhundert. Nur dass die hochmodernen Vakuumkammern und Radiometer seines Labors nicht weiter helfen und Crookes innere und äußere Welt immer mehr aus den Fugen gerät. Christine Wunnicke ist eine höchst geistreiche und äußerst amüsante Satire gelungen, die auf realen Fakten beruht. Ein herrliches Lesevergnügen, von der ersten bis zur letzten Seite. (Syme Sigmund)
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Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern

Aufbau Verlag 2017, 309 S., € 22,-

Grjasnowa Gott ist nicht schüchtern_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergAmal ist jung, aus reichem Hause und steht am Beginn einer vielversprechenden Schauspielerkarriere. Hammoudi hat sein Medizinstudium in Paris mit Auszeichnung abgeschlossen und ist nur nach Syrien zurückgekehrt, um seinen Pass verlängern zu lassen. Beide werden durch den Beginn des Krieges aus ihrem Leben gerissen. Amal sympathisiert mit den Protesten gegen das Regime und nimmt in Damaskus an Demonstrationen teil. Dadurch gerät sie ins Visier des Geheimdienstes. Nach Verhaftung und Folter entkommt sie nach Beirut. Hammoudi überraschen die beginnenden Kämpfe in seiner Heimatstadt im Osten Syriens. Er versucht unter improvisierten Bedingungen so vielen Verletzten wie möglich als Chirurg das Leben zu retten und sieht tausende sterben. Die Machtübernahme des IS zwingt auch ihn zur Flucht. Olga Grjasnowa verschont den Leser nicht, erzählt in nüchtern klarer Weise von Folter, Flucht und Krieg und führt uns vor Augen, was wir zu gern verdrängen. Ein wichtiges Buch, das unter die Haut geht. (Syme Sigmund)
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