Aus dem amerikanischen Englisch von Britt Somann-Jung, S. Fischer Verlag 2020, 496 S., € 16,99, TB Juni 2021, € 12,-
(Stand Juni 2021)
Als ich dieses Buch fertiggelesen hatte, wollte ich unbedingt mehr davon. Plötzlich verstand ich, wie manche Bücher zu Weltbestsellern werden. Zugänglich, voller spannender Charaktere, mit einem vielschichtigen Inhalt und einer Handlung, die von der ersten bis zur letzten Seite überzeugt… Dies alles und noch mehr hat City Of Girls.
Erzählt wird die Lebensgeschichte von Vivian, die 2010 über neunzig ist und seit 1940 in New York lebt. Die Stadt hat ihre Existenz tief geprägt: Sie begleitet die Leser*innen auf eine Zeitreise durch unglaubliche, turbulente Ereignisse, die so präzis und leidenschaftlich dargestellt sind, als ob sie wirklich stattgefunden hätten. Vivian ist ganz jung aus der Provinz nach New York geschickt worden und entdeckt eine neue Welt: Die des Theaters, dank ihrer Tante Peg, die einen kleinen Saal leitet und ihr einen Job als Kostümbildnerin anbietet. Theater heißt Glamour, wildes Nachtleben, Schauspielerinnen und Gangster, Cocktails und Jazz. So fängt diese Geschichte an, und viel ist dann noch zu erleben…
Eine leichte, dennoch tiefgehende und vielseitige Lektüre, die auf eine ganz besondere Art und Weise amüsiert. (Giulia Silvestri)

Eigentlich ist Helsin ein fröhliches, gut gelauntes Mädchen, aber manchmal oder eigentlich ziemlich oft überfällt es sie einfach so. Von einem Moment auf den anderen hat sie eine enorme Wut, die mit aller Macht aus ihr herausmuss. Alle aus ihrer Umgebung haben sich darauf eingestellt, ihre Eltern, ihr Freund Tom, ihre Lehrerin, die anderen in der Zwergen-Klasse. Und in genau diese kommt neu der Junge Louis, der auf Helsins ungewöhnlichen Namen Blödes reimt. Das reizt Helsin total, ihr „Spinner“ lässt sie toben und auf Rache sinnen. Was dann geschieht, soll hier nicht verraten werden, nur dass sie es bald selbst nicht mehr unter Kontrolle hat und in einen Taumel aus Schuld, Wut, Ablehnung, Reue und Sympathie gerät. Die Geschichte zwischen ihr, Louis und Tom nimmt dann so rasant und überraschend an Fahrt auf, dass die prägnant zusammenfassenden Kapitelüberschriften der Autorin mit den genial-witzigen Bildern der Illustratorin einen immer wieder Atemholen lassen und gleichzeitig zum sofortigen Weiterlesen animieren! (Stefanie Hetze)
„Der Fuchs ist immer mehr als er selbst“ lautet einer der Schlüsselsätze dieses schmalen Buches. Karin Schumacher hat den Rotpelz in diesem neuen Band der kleinen und feinen, von Judith Schalansky herausgegebenen und gestalteten Naturkundenreihe aus den verschiedensten Blickwinkeln unter die Lupe genommen und plaudert unterhaltsam sowie fundiert sowohl vom Leben dieses uns mittlerweile auch in der Stadt häufig begegnenden und doch so undurchschaubaren Tieres, als auch von dem Bild, das wir Menschen uns von ihm im Laufe der Jahrhunderte gemacht haben. Sie steigt mit einer Jägerin zur Fuchsbeobachtung auf einen Hochsitz, besucht eine der wenigen noch existierenden Pelzwerkstätten, erzählt von der schon im Neolithikum betriebenen Fuchsjagd und von der Bedeutung des Pelzes im Wandel der Zeiten, berichtet von Japanischen Fuchsgeistern, dem Fuchs bei Aesop und Goethe sowie in der Kinderliteratur und untersucht das relativ neue Phänomen des Stadtfuchses.
Ähnlich dem Tor zur Unterwelt ist auch der Eingang in den Torre de Torres von einem Kerberus bewacht. Doch mehrere Hundert Damnificados lassen sich davon nicht schrecken. Sie haben nichts zu verlieren, denn vor ihnen liegt die Möglichkeit eines Zuhauses. Ihr Anführer Nacho Morales bewegt sich seit seiner Kindheit mühsam auf zwei Krücken, doch sein Geist ist rege, seine Netzwerke weit verzweigt und so findet er stets eine Lösung. Der leerstehende Turm wird bezogen, Wohnungen improvisiert, Strom- und Wasserleitungen angezapft. Bald gibt es auf den über fünfzig Etagen eine Bäckerei, einen Friseur, sogar Schulen. Trotz aller Not leitet Nacho seine Damnificados zu einem auf Absprachen beruhenden Zusammenleben an. Nichts anderes als eine Utopie – sicher ist sie nicht. Der Turm der Türme ist eine Arche, doch er erinnert auch an Babel, wenn seine Bewohner unter anderem Arabisch, Deutsch, Italienisch und Spanisch sprechen. Und es gibt sogar ein reales Vorbild für den Turm: der Torre de David in Caracas. Auch dieser Bau wurde über Jahre von Obdachlosen besetzt – doch für Wilson ist dies nur der Ausgangspunkt. Mit viel magischem Realismus fühlt man sich beim Lesen in die Elendsviertel, Slums, Favelas oder wie auch immer sie rund um die Welt genannt werden versetzt. Armut ist global und zeichnet sich egal wo auch immer durch ähnliche Szenarien aus. Wilsons eigene Biographie liest sich wie eine Weltreise und erklärt vielleicht seine so waghalsigen wie stimmigen polyglotten Anleihen bei den Mythen dieser Welt, die in einem Roman zusammengeführt werden, wie Sie ihn noch nicht gelesen haben werden. (Jana Kühn)
Eine Frau unbestimmten Alters lebt allein in einem hohlen Baobabbaum im Veld, dem Plateau im Inland Südafrikas. Die in der Nähe lebenden „Kleinen Menschen“ – wahrscheinlich Mitglieder des San-Volks, die sich durch eine recht helle Hautfarbe und eine geringe Körpergröße auszeichnen- meiden sie, versorgen sie jedoch auch mit Lebensmitteln. Wie aus der Zeit gefallen versucht sie sich und die Zeit zu fassen, kreist um ihren Aufenthaltsort, ihre Seele, verliert sich in Träumen und im Schlaf. In Episoden, welche die chronologische Zeit aufheben, erzählt sie uns ihr Leben. Als Kind mit Gewalt aus ihrem Dorf entführt, als Sklavin verkauft, hat sie unter drei „Herren“ gelebt, die sie alle auch als Sexualobjekt missbrauchten und ihre Kinder früh weiterverkauften, bis ein „Fremder“ sie als Geliebte mitnimmt auf eine aussichtslose Expedition ins Inland, auf der Suche nach einer nie erreichten mythischen Stadt, und sie allein zurückbleibt.
Äußerlich unscheinbar kommt dieses Buch daher, und hat es doch in sich. Für jeden Monat werden bis zu zehn ausgewählte Pflanzen vorgestellt, die wir auch in Berlin leicht entdecken können. Dabei werden nicht nur die jeweiligen Eigenheiten beschrieben, sondern auch auf kurzweilige Weise kulturhistorische Informationen und Anekdoten geliefert. So erfahren wir – zum Beispiel im Mai – welche Bedeutung der Flieder bei den antiken Griechen hatte und dass Holunder nicht nur Gummibärchen färbt, sondern auch zur Umhüllung mikroskopischer Präparate verwendet wird. Aber auch die Knoblauchsrauke fällt uns plötzlich ins Auge, wie sie am Wegesrand weißlich blüht, eignet sie sich vortrefflich für einen würzigen Salat. So begleitet dieses Buch durchs Jahr und verführt dazu, den Blick immer wieder ganz neu auf die uns umgebende Natur zu lenken. (Syme Sigmund)
Der britische Kochbuchautor Nigel Slater konnte selbst in seinem Gemüsekochbuch Tender bislang schwerlich auf Fleisch in seinen Rezepten verzichten. Doch auch er hat sich gewandelt und anhand seiner täglichen Notizen zu den Gerichten, die er sich zubereitet, ein wunderbar alltagstaugliches Grünes Gelage-Kochbuch geschaffen. Alle Rezepte brauchen höchstens 30 Minuten, sie sind keine starren Anleitungen, sondern verlockende Vorschläge, etwas auszuprobieren, sich auch einmal ein Sandwich mit unterschiedlichem Gemüse zusammenzustellen. In seiner unnachahmlichen Art, auch seine eigene Sprache aromatisch zu würzen, erzählt Slater von seinen eigenen Vorlieben und Gewohnheiten, zum Beispiel reifes Sommergemüse wie Auberginen seidig weich zu backen und mit einer Basilikum-Pinienkernsauce auf einem Blätterteig zu einer knusprigen Tarte zu verwandeln und dies alles ganz einfach im Ofen. Das regt schon beim Lesen die Geschmackssinne an! (Stefanie Hetze)
Ralph und Molly sind die jüngsten Kinder einer amerikanische Mittelstandsfamilie. Wild, frech und spröde, fühlen sie sich einander auf symbiotische Weise verbunden und ihren großen, eitlen Schwestern sowie ihrer zimperlichen Mutter nicht zugehörig. Als sie mehrere Jahre hintereinander den Sommer auf der Ranch eines Onkels verbringen dürfen, scheint dies für sie zunächst ein unerwartetes Glück. Doch der zwei Jahre ältere Ralph schließt sich mit Beginn der Pubertät dem bewunderten Onkel an und Molly, die sich verraten fühlt, driftet immer mehr in ihre eigene störrische Welt ab. Schleichend baut sich in diesem 1947 erschienen Meisterwerk eine zum Reißen gespannte psychologische Spannung auf. Ein großes Stück Weltliteratur der heute fast vergessenen Pulitzerpreisträgerin, das es wiederzuentdecken gilt. (Syme Sigmund)
Berlin ist das Mekka für unzählige Tierarten, die Autorin geht von rund 20.000 unterschiedlichen Wildtier
Abbas Khider führt diesmal wieder in sein Geburtsland, den Irak und in die Zeit des Wirtschaftsembargos. Familie Hussein verlässt den besonders gebeutelten Süden des Landes und versucht in Bagdad einen Neuanfang aus dem Nichts. Findig und voller Einfallsreichtum bauen sie eine Hütte in den wachsenden Slums am Stadtrand der Hauptstadt. Kein Unglück, keine Beschwernis – und davon gibt es zahlreiche – scheinen den Lebensmut der Familie brechen zu können. Im Mittelpunkt steht der heranwachsende Shams, der bald schon eine große Liebe zu Büchern entwickelt, die zu jener Zeit aber auch große Gefahren birgt. Auf zwei sich abwechselnden Ebenen lässt Khider den mittlerweile jungen Mann erzählen: in anschaulichen Rückblenden vom Alltag im Blechviertel und ganz unmittelbar aus dem Gefängnis, in das ihn seine Bücherliebe schließlich bringt. Gerade diese Unmittelbarkeit, die Direktheit des Erzählens bis ins noch so schmerzhafte Detail haben es in sich und lassen ahnen, was es heißt, ein Gefangener zu sein. (Jana Kühn)