Margherita Giacobino: Familienbild mit dickem Kind

Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Kunstmann 2016, 320 S., € 22,-
(Ritratto di famiglia con bambina grassa. Attualmente in Italia non disponibile)
(Stand April 2021)

giacobino_familienbild_mit_dickem_kind_danteperle_dante_connectionManchmal würden wir am liebsten ein Buch anders einschlagen, wenn das Cover völlig in die Irre führt. Dies ist so ein Fall. Margherita Giacobino erzählt in ihrem neuen Roman gänzlich unsentimental die Geschichte ihrer Familie, die nur mit großer Anstrengung und enormem Erfindungsreichtum einem Leben aus Armut, Entbehrung und Ausgeschlossensein entkommen konnte. Das war vor 100 Jahren im Piemont nichts Ungewöhnliches, doch das Besondere an dieser Familie ist, dass Frauen hier das Zepter fest in den Händen hielten und die grundlegenden Entscheidungen für die Familie trafen. Giacobinos Vorfahrinnen sind wirkliche Akteurinnen, natürlich sind sie sich nicht einig und versuchen nach allen Regeln der Kunst, das dicke Mädchen für sich einzuspannen. Dieses Kind gräbt Jahrzehnte später als gestandene Erwachsene in ihren Erinnerungen, befragt Verwandte, deutet alte Fotos und Materialien um und verbindet all diese Elemente zu einem großen Familienroman, in dem sie einige unverwechselbare italienische Matriarchinnen feiert. (Stefanie Hetze)

Leseprobe

Das bestelle ich!

 

Jan Paul Schutten & Floor Rieder: Der Mensch

Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer, Gerstenberg 2016, 160 S., € 26,-, ab 10
(Stand März 2021)

schutten_rieder_der_mensch_danteperle_danteconnectionMit Schutten & Rieder hat sich ein Traumduo der Sachbücher für Kinder gefunden. In literarischem Plauderton verfasst und künstlerisch illustriert war schon „Evolution“ deshalb 2015 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Nun haben sie sich dem Thema „Der Mensch“ gewidmet. Als Leser direkt angesprochen, erfährt man in dem Prachtband kurz gesagt, wie der menschliche Körper gebaut ist, und warum er wie funktioniert. Das klingt nicht allzu besonders, aber das umfangreiche Wissen ist derart kenntnisreich, dabei unterhaltsam und ohne Scheu vor heiklen Angelegenheiten aufgeschrieben, dass sich ganz sicher auch ältere Leser amüsieren. Liebhaber kunstvoller Illustrationen kommen sowieso auf ihre Kosten, denn Floor Rieder hat in aller Kunstfertigkeit und Fantasie famose Schautafeln erstellt, die sowohl klar und einleuchtend als auch überbordend und opulent sind. Allerschönste, kindgerechte Wissensvermittlung! (Jana Kühn)

Das bestelle ich!

Alissa Ganijewa: Eine Liebe im Kaukasus

Aus dem Russischen von Christiane Körner, Suhrkamp 2016, 240 S., € 22,-
(Stand April 2021)

ganijewa_eine_liebe_im_kaukasus_danteperle_danteconnectionDie Liebe im Kaukasus ist eine komplizierte, selten romantische Angelegenheit. Da wird vermittelt, verhandelt, bezahlt. Familiäre, politische und religiöse Machenschaften spielen eine weit größere Rolle als Gefühle – was nicht heißt, das sich keine Dramen abspielen. Schlussendlich ist die Liebe wohl eher als Heiratsmarkt zu bezeichnen, ähnlich korrumpiert wie alle anderen Lebensbereiche auch. Insofern geht es in diesem Roman weit weniger um die eine Liebe zwischen Patja und Marat, sondern vielmehr um den Hauch an Haltung und Weltoffenheit, den die beiden Mittzwanziger aus Moskau in die kaukasische Heimat bringen und das Durcheinander, was sie damit erzeugen. Alissa Ganijewa hat ein ausgesprochen unterhaltsames, mit absurder Situationskomik gespicktes, dennoch kritisch informatives Gesellschaftsbild einer Region zwischen Tradition und Moderne gezeichnet, die nicht nur an ihren Widersprüchen zu zerbrechen droht.  Auch aufgrund des formidablen Showdowns wärmstens empfohlen! (Jana Kühn) Leseprobe

Das bestelle ich!

Andreas Német & Hans-Christian Schmidt: Das schrecklichste Monster der Welt

Moritz Verlag 2016, 96 S., ab 4

Dieses Buch ist leider vergriffen. (Stand Februar 2024)

monster_danteperle_danteconnectionGleich auf den ersten Seiten wird in diesem fürchterlich schrägen Bilderbuch das wildeste, das gefährlichste, das schrecklichste Monster auf der ganzen Welt aus der Kiste gelassen und sofort – o Schreck – laufen alle schreiend davon. Alle? Nein, eben nicht alle! Ein einziges Kind bleibt tapfer mit dem Buch in den Händen sitzen und blättert sogar gleich mutig weiter. Es ist sozusagen ein ganz harter Brocken. Weder scheußliches Heulen noch grausliges Dunkel, weder Gespensterkleider noch Geisterversammlung können diesem Kind einen Schrecken einjagen. Stattdessen wird es sich vor Lachen kringeln und wieder und wieder von vorn anfangen wollen mit diesem monstermäßigen Bilderbuchspaß – versprochen! (Jana Kühn)

Blick ins Buch

Donald Ray Pollock: Die himmlische Tafel

Aus dem Englischen von Peter Torberg, Liebeskind 2016, 432 S., € 22,–, TB Heyne 2018, € 10,99
(Stand April 2021)

pollock-himmlische-tafel1917. Während in Europa die Schlachten des Ersten Weltkriegs toben, scheint im Mittleren Westen die Zeit nach dem Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert stehen geblieben und auf den so genannten Fortschritt wartet hier niemand. Drei Brüder sind auf dem Weg nach Kanada, um dort in der Unbekanntheit ein neues Leben zu beginnen. Gerade noch lebten Cane, Cob und Chimney vom Vater zur Demut gezwungen in bitterer Armut, um endlich im Paradies an der Himmlischen Tafel  speisen zu können. Doch nun nach seinem Tod und gänzlich unchristlich pflastern zahllose Raubüberfälle und Leichen ihren Weg gen Norden, sodass sie bald schon als Jewett-Bande von Sheriffs und Kopfgeldjägern verfolgt werden. Knochentrocken, dreckig-düster und bitter-komisch erzählt Pollock vom Hadern wenig heller Köpfe, viel Schwarzgebranntem und einer schier hoffnungslosen Suche nach Glück, auf der buchstäblich so einige Scheiße geschaufelt wird. Das klingt jetzt nicht attraktiv? Oh doch, denn ausgesprochen raffiniert und herrlich detailreich fügt Pollock stetig neue, kuriose Charaktere, groteske Episoden und rasende Erzählstränge zu einem Wahnsinns-”Hillbillie”-Epos zusammen. (Jana Kühn) Leseprobe

Das bestelle ich!

Andrej Stasiuk: Der Osten

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall, Suhrkamp 2016, Suhrkamp TB 2017, 295 S., € 12,-
(Stand April 2021)

Andrej Stasiuk zieht es nach Osten, in die südöstliche Provinz Polens, in die Karpaten, nach Russland und schließlich bis in die Mongolei und  das angrenzende Gebiet Chinas. Er sucht nach den Spuren der Geschichte, lässt sich aber auch leiten vom Klang der Orte, von der Sehnsucht nach Plätzen, in denen die Stille groß ist und weltbewegende Ereignisse sich unter abblätternder Farbe nur noch erahnen lassen. Er schläft auf Berggipfeln und in Jurten oder im einzigen Hotel vor Ort. Oft sind die Städte, in die er gerät, aus der Zeit gefallen und leer, doch sein Blick findet das Bemerkenswerte auch da, wo man es nicht erahnt. Niemand kann so sensibel, und poetisch über Zerfall und Verlorenheit schreiben wie Stasiuk. Man folgt ihm fasziniert ins Niemandsland und kehrt beglückt zurück.  (Syme Sigmund) Leseprobe

Das bestelle ich!

Donatella Di Pietrantonio: Bella mia

Aus dem Italienischen von Maja Pflug, Verlag Antje Kunstmann 2016, € 18,95
(Bella mia, Einaudi 2018, ca. € 16,50)
(Stand April 2021)

17_di-pietrantonio-bella-mia-dante-connection-danteperle2009 wurde die süditalienische Stadt L´Acquila durch ein Erdbeben fast völlig zerstört. Der versprochene Wiederaufbau ist auch aufgrund von Korruption und mafiösen Einflüssen bis heute nicht erfolgt. Für die  obdachlos gewordene Bevölkerung ist das Leben in den eilig hochgezogenen Behelfsunterkünften nach Jahren des Wartens zum Dauerzustand geworden.
Caterina, die Ich-Erzählerin, ihre Mutter und Marco, Caterinas Neffe, der bei dem Erdbeben seine Mutter, die Zwillingsschwester von Caterina, verlor, leben zusammen in einer kleinen Wohnung, jeder in seiner ganz eigenen Trauer gefangen. Mit großem Einfühlungsvermögen, ohne Pathos und mit zartem Fingerspitzengefühl erzählt Di Pietrantonio wie die drei wieder ins Leben zurückfinden, Zuversicht, Liebe und den Glauben an eine mögliche Zukunft für sich zurückerobern. Der Text wurde von Maja Pflug mit viel Sprachgefühl kongenial ins Deutsche übersetzt. Ein Buch, das  in all seiner Tragik Mut zum Leben macht. (Syme Sigmund)

Leseprobe

Das bestelle ich!

David Grossman: Kommt ein Pferd in die Bar

Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer, Hanser 2016, 251 S., € 19,90, TB 2017, € 12,-
(Stand  April 2021)

Grossman_25050_MR.inddErwartungsvoll strömt das Kleinstadtpublikum in den Saal, “ein mickriges bebrilltes Männlein” fliegt förmlich auf die Bühne, knallt auf die Bretter, reckt den Hintern hoch, die Leute lachen und applaudieren. Sie wollen sich vom Comedian Dovele unterhalten und ablenken lassen. Ganz anders der Icherzähler, ein verwitweter Richter im Ruhestand. Als Jugendliche hatten er und Dovele Kontakt gehabt, sich dann aber völlig aus den Augen verloren.  Mißtrauisch gespannt ist der Richter der urplötzlichen Einladung des Künstlers gefolgt und wird von Doveles schrägen Witzen und seiner aus dem Ruder laufenden Schau tief in die Vergangenheit hineingezogen, in der er den Freund im Stich gelassen hatte. Im Publikum sitzt aber zufällig noch jemand, eine sehr kleine Frau, die Dovele von früher kennt und ihn völlig aus dem Konzept bringt. Mehr wird nicht verraten. Unbedingt lesen. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Das bestelle ich!

Gabriele Tergit: Käsebier erobert den Kurfürstendamm

Mit einem Nachwort von Nicole Henneberg. Schöffling & Co. 2016, 400 S., 24,95 €, btb TB 2017, € 11,-
(Stand April 2021)

8_tergit_kaesebier1931 veröffentlichte die Gerichtsreporterin und Feuilletonjournalistin Gabriele Tergit erstmals bei Rowohlt ihren Roman “Käsebier erobert den Kurfürstendamm”, der damals ein riesiger Erfolg, von den Nationalsozialisten verboten und erst 1977 von dem Publizisten Jens Brüning in Deutschland wiederentdeckt und veröffentlicht wurde. Was die Autorin am besten kannte, eine Berliner Zeitungsredaktion mit ihrem Personal aus Journalisten und Setzern, aus Zuträgern, Schwätzern und Machern, löst das Geschehen aus. Der Volkssänger Käsebier wird in einem proletarischen Lokal an der Hasenheide entdeckt und systematisch zu einer Erfolgsfigur für die besseren Kreise aufgebaut. All die Marketingmaßnahmen, der schnelle Aufstieg des Sängers, an den sich korrupte Spekulanten und Immobilienhaie hängen, und der unvermeidliche Fall und Zusammenbruch erinnern an heutige Flops und Skandale…  Was den Roman aber heute so lesenswert macht, ist die Unmittelbarkeit von Tergits knapper direkter Sprache, da entsteht hautnah die Stimmungslage im Berlin am Ende der Weimarer Republik. (Stefanie Hetze)

Leseprobe

Das bestelle ich!

Mehrnousch Zaeri-Esfahani: 33 Bogen und ein Teehaus

Peter Hammer Verlag 2016, 148 S., € 14,90, TB Carlsen 2018, € 6,99, ab 12
(Stand März 2021)

1985 verließ Mehrnousch Zaeri-Esfahani mit ihrer Familie den Iran, der nach der Islamischen Revolution und mit dem Beginn des 1. Golfkriegs zum stetig bedrohlicheren Lebensort wurde. In dem Jugendroman „33 Bogen und ein Teehaus“ hat sie ihre Kindheitserinnerungen nun literarisch verarbeitet. Anschaulich berichtet sie von den verschiedenen Etappen: ihrem Aufwachsen in Isfahan unter immer brisanteren Lebensumständen, der Ausreise in die Türkei, dem Visaantrag für die DDR, um nach verschiedenen Orten in Westdeutschland endlich in Heidelberg eine neue Heimat zu finden. Auch wenn diese Geschichte so bereits vor 30 Jahren stattgefunden hat, erinnern doch die bürokratischen Hürdenläufe und Schilderungen von mangelhaften Notunterkünften geradezu absurd an die aktuelle und leider sehr reale Situation. In aller Klarheit und ohne erzählerische Schnörkel macht Mehrnousch Zaeri-Esfahani die Situation einer Flucht, das Gefühl des Kein-Zuhause-Habens für jugendliche Leser nachfühlbar. (Jana Kühn)

Leseprobe

Das bestelle ich!