Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner, Liebeskind 2017, 352 S., € 22,-
(Stand April 2021)
Zwei ungleiche Freunde – Seth ein stiller Soundtüftler und Carter, ein auffallender Lebemann und Musiksammler – mischen mit ihren ungewöhnlichen Retrosounds die New Yorker Musikszene auf. Doch mitten im erfolgreichen Aufstieg wird ein unbedachter Scherz zum Auslöser ihres unaufhaltsamen Falls. Alles beginnt mit einem Soundschnipsel, den der nerdige Seth zufällig in einem New Yorker Park aufnimmt. Ein kratziger Bluessound, der von Carter so lange digital bearbeitet wird, bis er wie ein Original aus den 1920ern klingt. Schnell wird sich noch der Künstlername Charlie Shaw dafür ausgedacht und schon ist ein Coup in der Sammlerszene gelandet, denn einen solchen Sänger hat es scheinbar wirklich gegeben. Wenig später wird Carter nachts fast zu Tode geprügelt. Ein gefährliches Spiel hat begonnen, das für den Leser ähnlich schwer zu durchschauen ist wie für Seth, der zunehmend den Bezug zur Realität verliert. Das ist kurzfristig verwirrend, denn Hari Kunzru wechselt nun vom konzisen Erzählton, der die New Yorker Künstler-Boheme seziert in einen fast mystischen Sound, der schwindelerregend zwischen Erzählern und Zeiten wandelt. Der fast unerträgliche Erzählsog endet furios in Jackson Mississippi und spannt damit nicht nur meisterhaft einen Bogen von Nord nach Süd, sondern verhandelt vor allem ein tragisches Kapitel der Musikgeschichte eingebettet in Rassismus und kulturelle Aneignung. (Jana Kühn) Leseprobe

Die Sommerferien verbrachte Thomas de Padova immer in Mattinata, Apulien, dem Herkunftsort seines Vaters bei seiner Nonna, mit der er sich kaum verständigen konnte. Erst als Student lernte er Italienisch, nur um festzustellen, dass auch das bei seiner dialektsprechenden Nonna nicht weiterhalf. Mit einem kleinen lokalen Wörterbuch klappte es. Jahrelang setzte er sich auf ein Ministühlchen in ihrem dunklen Haus und hörte ihr zu, der kleinen schwarz gekleideten Frau, die anders als die Männer der Familie das Dorf und seine Umgebung nie verlassen hatte. Die Gespräche und Beobachtungen dieser „Sitzungen“ zwischen Großmutter und Enkel, zwischen Analphabetin und Wissenschaftspublizist umspannen ein großes Panorama an Themen wie Familie, Arbeit, Armut, Geld, Körper, Glauben, Migration, Weltall. Dank der lebendigen Sprache und vieler kleiner Gesprächssituationen schafft der Autor eine ungeheure Präsenz dieser Frau des Südens, die er mit seinem Buch liebevoll-kritisch würdigt. (Stefanie Hetze)
Die schwedische Kinderbuchmacherin Pija Lindenbaum ist bekannt für ihren unverfälschten wie fröhlichen, immer ein bisschen frechen Blick in Kinderwelten. Mit einem ebensolchen hat sie sich in ihrem neuesten Bilderbuch den Themen Flucht und Migration gewidmet, die sie in eine farbenfrohe Hunde-Fantasie-Welt verlegt. Dort leben drei Hunde auf einer ziemlich schönen Insel. Aber dann regnet es so lange nicht, bis sie nur noch eine Kartoffel haben und es wirft auch noch jemand einen großen Stein in ihren Pool. Sie können dort nicht bleiben, müssen fort. Wie die Drei ihre Insel über das Meer verlassen, erzählt Lindenbaum ohne zu beschönigen in allen Gefahren und Entbehrungen – bis endlich Land in Sicht kommt und damit auch die Pudel und davon gibt es wie im echten Leben nette und blöde. Viele Bilderbücher haben sich an der Thematik versucht. Dieses ist herausragend in seiner Direktheit vom Wunsch nach einem Zuhause zu erzählen, die anrührt und dabei viel Mitgefühl, Hoffnung und Gesprächsbedarf wecken wird. (Jana Kühn)
Erstmals nach über 20 Jahren und dem beinahe ebenso lang verdrängten Tod seiner Mutter kehrt Alain Mabanckou in sein Heimatland zurück. Gleich auf den ersten Seiten seiner Memoiren schreibt er sich das schwierige komplexe Verhältnis zu seiner Mutter von der Seele, einer erst alleinerziehenden und später verheirateten Marktfrau, der eine Cousine Schlimmstes prophezeit hatte.
Ein besonderer Fall: Eine Autorin, die eine familiäre Herkunftssprache hat, aber in ihrer zweiten Sprache überaus erfolgreich schreibt, verliebt sich wie in einem Blitzschlag in eine dritte. Dies war der bengalisch-amerikanischen Schriftstellerin Jhumpa Lahiri während einer Italienreise geschehen. Zurück in den USA lernte sie Italienisch, versuchte, immer tiefer darin einzutauchen, was in der amerikanischen Umgebung natürlichen Grenzen gesetzt war. Ihre Leidenschaft treibt sie und ihre Familie nach Italien, wo sie begeistert weiterlernt und liest und spricht und anfängt, auf Italienisch über ihre Passion für die neue Sprache zu schreiben. Immer wieder stößt sie an ihre Grenzen, wird zudem von Italienern auf Englisch angesprochen, während ihr Mann, der nur radebricht wegen seines Aussehens für einen Italiener gehalten wird!
Friedrich Kissel, geboren
Viele für uns selbstverständliche Dinge werden Frauen in Saudi-Arabien ohne männlichen Vormund nicht zugestanden, u.a. das Autofahren. Manal al-Sharif, eine der wichtigsten Frauenrechtlerinnen der arabischen Welt, hat sich ins Auto gesetzt und ist einfach losgefahren – dafür kam sie ins Gefängnis. Dass es keinesfalls einfach war, wie sie sich vorbereitete und was es für Folgen hatte, das erzählt sie in ihrem eindringlichen autobiografischen Bericht, der gleichzeitig ein breit angelegtes gesellschaftliches Panorama sowie einen historischen Abriss der islamischen Radikalisierung Saudi-Arabiens bildet. Und selbstredend ist das Recht am eigenen Steuer zu sitzen pars pro toto gedacht: »Ich glaube, dass Kinder nicht frei sein können, wenn ihre Mütter nicht frei sind, Eltern können nicht frei sein, wenn ihre Töchter es nicht sind, Ehemänner können nicht frei sein, wenn ihre Ehefrauen es nicht sind, die Gesellschaft ist nichts wert, wenn Frauen nichts wert sind. Wir kämpfen nicht darum, Auto zu fahren, wir kämpfen darum, unser Schicksal in die Hand nehmen zu können.« Das beeindruckende Zeugnis einer unglaublich mutigen Frau, die mit ihrem tiefen Glauben gegen ein schlicht erzkonservatives, patriarchales Vormundssystem ins Feld zieht! (Jana Kühn)