Hallgrímur Helgason: 60 Kilo Sonnenschein

Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig, Tropen Verlag 2020, 576 S., € 25,-, TB Februar 2022, € 14,-

(Stand Februar 2022)

helgason-60KIlo-U1+Ruecken.inddEin Fjord im Norden Islands, dem Polarmeer zugewandt. Ein kleiner Ort, eine Kirche, ein Gemeindevorsteher und ein paar versprengte Höfe, die meisten eher mit dem Vieh geteilte Katen, unter die Grasnarbe gebaut. Vielleicht 80 Menschen leben hier, trotzen den unwirtlichen Lebensbedingungen der unerbittlichen Natur und den jahrhundertealten Unterdrückungsstrukturen. Doch dann erscheinen Norweger im Fjord und beginnen eine Halle für die Heringsverarbeitung zu bauen. Dass diesem kleinen, hässlichen Fisch, der doch gerade mal als Viehfutter taugt, die Zukunft gehören, er Reichtum bringen soll, können die isländischen Bauern gar nicht glauben. Doch schon mit dem ersten Fang wird klar, dass die alte Zeit plötzlich und doch endgültig der Vergangenheit angehört.
Diesmal hat Helgason keine absurd-schräge Geschichte verfasst, sondern eine veritable Islandsaga, einen historischen Roman über den Einzug der Moderne in eine archaische Welt, angelehnt an die Geschichte des Siglufjördur, von Beginn des 20. Jahrhunderts bis 1968 der Fischereihafen für Heringe in Island schlechthin. Fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite und mit vielen Szenen voller Situationskomik und skurrilen Figuren, die den uns bekannten Helgason erkennen lassen, ist dieses Buch vor allem große Literatur und wurde zurecht mit dem Isländischen Literaturpreis für den besten Roman des Jahres 2018 ausgezeichnet.
Als ergänzende Lektüre empfiehlt sich „Heringe“ von Holger Teschke, erschienen 2014 in der Reihe Naturkunden bei Matthes & Seitz, damals übrigens auch eine „Danteperle“. (Syme Sigmund)

Leseprobe

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Karina Urbach: Das Buch Alice – Wie die Nazis das Kochbuch meiner Großmutter raubten

Propyläen Verlag 2020, 420 S., € 25,-, TB Ullstein 2021, € 12,99

(Stand Oktober 2021)

Urbach_Karina_Das_Buch_Alice_Danteperle_Dante_Connection_BuchhandlungDieses Buch ist ein Hybrid aus spannender Familienbiografie, historischem Sachbuch, investigativer Dokumentation, politischer Anklage und rasantem Thriller. Auslöser ist ein österreichisches Kochbuch, das die Wiener Großmutter der Autorin Anfang der Dreißiger im Ernst Reinhardt Verlag erfolgreich veröffentlichte. Als Jüdin wurde sie von den Nazis vertrieben, sie überlebte in England als ausgebeutete Hausangestellte und erreichte nach vielen Stationen die USA, wohin sich ihre Söhne gerettet hatten. Nach Vertreibung, unguten Exilerfahrungen und all dem Leid, das ihr mit der Ermordung vieler Nahestehender zugefügt worden war, erfuhr Alice Urbach nach dem Krieg ein weiteres Trauma – die Tilgung als Autorin. Ihr Verlag hatte, wie sie zufällig entdeckte, ihr eigenes Kochbuch unter einem Männernamen und gekürzt einfach weiter publiziert und gutes Geld damit verdient!
Wie die Historikerin Karina Urbach darlegt, ist dieses skandalöse Vorgehen, die „Arisierung“ von Sachbüchern jüdischer Urheber*innen leider kein Einzelfall in der Verlagsbranche und bislang nicht richtig erforscht. Pointiert und spannend wie ein Krimi, aber mit verbürgten Quellen, hat sie nun den entscheidenden Anfang gemacht, ihrer Großmutter wenigstens nachträglich Anerkennung zu verschaffen und die Öffentlichkeit für dieses perfide Verbrechen wachzurütteln. (Stefanie Hetze)

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Sylvia Townsend Warner: Lolly Willowes oder der liebevolle Jägersmann

Aus dem Englischen von Ann Anders, mit einem Nachwort von Manuela Reichart, Dörlemann Verlag 2020, 272 S., € 25,-

(Stand März 2021)

Warner_Sylvia_Townsend_Lolly_willowes_Danterperle_Dantge_connectionLaura, von allen Lolly genannt, ist fast dreißig und noch unverheiratet, als ihr Vater, mit dem sie im alten Familienhaus wohnt, stirbt. Ihr Bruder holt sie nach London, wo sie einen guten Mann kennenlernen, endlich erwachsen werden soll. Doch sie entscheidet sich, zurück aufs Land zu ziehen. Great Mop, ein kleines Dorf in Südostengland, klingt nach dem perfekten Ort, um endlich ihre Ruhe finden zu können. Doch läuft es anders als gedacht und Lolly entwickelt sich langsam, aber unvermeidlich zu einer gänzlich unabhängigen Frau, einer Hexe.
In ihrem ersten Roman erzählt Sylvia Townsend Warner mit klarer Sprache und feinem Humor die Geschichte einer ungewöhnlichen selbstbestimmten Frau, die sich entgegen aller Erwartungen entscheidet und stolz ihre eigenen Wege geht. In diesem großartigen Roman aus den 20ern wird eine unvergessliche, starke literarische Figur meisterhaft dargestellt. Dazu kommen schöne Landschaftsbeschreibungen, die Lust auf herbstliche Waldspaziergänge machen. Ein Genuss, diesen Roman (wieder-) zu entdecken! (Giulia Silvestri) Lese-und Hörprobe

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Astrid Lindgren: Märchen

Aus dem Schwedischen von Senta Kapoun, mit Illustrationen von Ilon Wikland, Oetinger 1989, 224 S., € 17,-, ab 6, zum Vor- und Selberlesen

(Stand März 2021)

LindgrenAllseits bekannt sind Pippi und Michel, Lotta oder die Kinder von Bullerbü. Aber Astrid Lindgren hat auch wundervolle Märchen geschrieben. Da wird Göran, der nicht laufen kann, von Herrn Lilienstengel mit ins Land der Dämmerung genommen, wo alles „keine Rolle spielt“, da tauchen die Zwergenkinder Peter und Petra in der Schule und ein sprechender Kuckuck Lustig im Kinderzimmer auf, und ein Junge kämpft gegen Räuber im Puppenhaus seiner Schwester. Alle Geschichten sind voller Fantasie, mal geheimnisvoll, mal lustig, oft schleicht sich Magisch-Mystisches in eine bisweilen triste Alltagswelt, und viele der Geschichten sparen – ähnlich wie Lindgrens Klassiker „Mio mein Mio“ und „Die Brüder Löwenherz“ – Themen wie Armut, Krankheit und Tod nicht aus. Freundschaft, Mut und Hilfsbereitschaft sind die Werte, welche die überzeugte Humanistin zu vermitteln wusste. Die wundervollen Illustrationen von Ilon Wikland lassen das Buch zu einem bis ins Erwachsenenalter geliebten Klassiker werden – das Exemplar aus meiner Kindheit steht jedenfalls noch bei mir im Regal. (Syme Sigmund)

Blick ins Buch

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Johny Pitts: Afropäisch – Eine Reise durch das schwarze Europa

Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm, Suhrkamp 2020, 461 S., € 26,-, TB 2021, € 14,-

(Stand Oktober 2021)

AfropDer junge Autor und Fotograf Johny Pitts hat sich auf eine Reise durch Europa begeben, um nach den „afropäischen“ Schwarzen des Kontinents zu suchen, jenen, die – wie er selbst – ihre Wurzeln und ihre kulturelle Prägung hier sehen und sich gleichzeitig ihrer afrikanischen Wurzeln sehr bewusst sind, ein schwarzer Backpacker auf der Suche nach dem Europa, das er als sein eigenes erkennen kann. Pitts trifft in Paris Intellektuelle, Künstler und Autoren, besucht in Brüssel ein Zentrum der Afrosurinamischen Community, die junge schwarze Akademiker unterstützt, versucht mit den Bewohnern der verarmten Vorstädte in Frankreich, Amsterdam oder Lissabon ins Gespräch zu kommen und gerät in Berlin mitten hinein in eine Antifa-Demo. Er reflektiert über Rassismus in Schweden, untersucht in Moskau die Wandlung von einer einst toleranten in eine fanatisch fremdenfeindliche Gesellschaft, sucht an der Côte d’Azur nach den Spuren von James Baldwin und Frantz Fanon und findet im multiethnischen Marseille sein „afropäisches Mekka“.
Intelligent und scharfsinnig, mit viel Hintergrundwissen, spinnt er das Narrativ der unterschiedlichsten Menschen und Orte des schwarzen Europas, zeigt die Afropäer als „hybride Vertreter komplizierter kultureller Allianzen“, afropäisch als integrierte Form des Schwarzseins jenseits von Stereotypen, ohne die eigene Pluralität und Hautfarbe zu verleugnen. Gleichzeitig wird offensichtlich, wie stark Europa noch immer von seiner kolonialen Vergangenheit gezeichnet ist und wie sehr Rassismus und Armut, Ausbeutung und Marginalisierung den Alltag vieler schwarzer Europäer prägen. Das unter anderem von Pitts ins Leben gerufene multimediale Online-Journal afropean.com wird zur Vertiefung wärmstens empfohlen. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Margaret Goldsmith: Patience geht vorüber

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Eckhard Gruber. AvivA Verlag 2020, 224 S., € 19,-

(Stand März 2021)

Goldsmith_Margaret_Patience_geht_vorüber_Danteperle_Dante_Connection Im Frühjahr 1918 feiern zwei innig-unzertrennliche Freundinnen ihr Abitur in einer Konditorei in der Berliner Uhlandstraße. Beide verabscheuen den Krieg, Grete als Sozialistin und Patience steht dank ihrer englischen Mutter und ihres deutschen gefallenen Vaters sowieso zwischen allen Stühlen.
Wie der Titel es andeutet, konzentriert sich die Autorin auf Patience, die in Grete verliebt ist und zwischen Verlangen und Scham hin und her gerissen ist. Ihre distanzierte Mutter ist ihr dabei keine Hilfe. Der scheinbare Ausweg aus ihrem Gefühlschaos ist eine Heirat aus „Mitleid” mit einem Fliegersoldaten. Anschließend fährt sie aber mit Grete an die Ostsee und lässt sich auch bald von ihrem Mann scheiden.
Margaret Goldsmith hat in ihrem außergewöhnlichen bereits 1931 erschienenen Roman eine ganz und gar moderne Protagonistin entworfen. Patience geht ihren sehr eigenen selbstbestimmten Weg. Wie heutige Großstadtnomadinnen sucht sie ihr Glück in anderen Ländern, wechselt ihren Beruf, findet einen unkonventionellen Zugang zur Mutterschaft und hat mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen. Ganz lakonisch und direkt bleibt Goldsmith ihr auf der Spur und erfüllt absolut ihren eigenen Anspruch, das „wirkliche Leben” zu beschreiben. Das ausführliche Nachwort und die schöne Covergestaltung runden das Leseerlebnis aufs Allerfeinste ab! (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Jella Lepman: Die Kinderbuchbrücke

Hrsg. Christiane Raabe von der Internationalen Jugendbibliothek München unter Mitarbeit von Anna Becchi, Kunstmann 2020, 280 S., € 25,-

(Stand März 2021)

Lepman_Jella_Die_Kinderbuchbrücke_Danteperle1945 kehrte die jüdische Journalistin als Angehörige der amerikanischen Armee zurück in das Land, aus dem sie brutal vertrieben worden war. Ihr Auftrag war die „Um-Erziehung“ von Frauen und Kindern. Die Entscheidung, diese Aufgabe im Land der Täter anzunehmen, fiel ihr schwer, aber sobald sie an den Neubeginn mit den Kindern dachte, gab es kein Zurück. Sofort entwickelte sie die Idee einer Internationalen Kinderbuchausstellung, sammelte in den USA Gelder und überzeugte weltweit Kinderbuchverlage, ihre Bücher zu spenden. Es war ein grandioser Erfolg, auf dem sich die energische Mrs. Lepman nicht ausruhte. Stattdessen nahm sie die Wanderausstellung, die die deutschen Kinder und Erwachsenen erstmals mit der Fülle und Vielfalt der Kinderweltliteratur vertraut machte, als ersten Baustein einer internationalen Kinderbibliothek in München, die bis heute enorme Strahlkraft hat.
Wie Jella Lepman im Nachkriegsdeutschland Widerstände und Hindernisse überwand, ist faszinierend zu lesen. Angereichert ist diese prächtige Ausgabe mit aufschlussreichen Hintergrundinformationen und vielen eindrucksvollen Fotografien, u.a. von glücklich in Büchern versunkenen Kindern. Diese Autobiografie einer starken Frau mit einer klaren Vision ist ein Schatz – nicht nur für alle an Kinderliteratur Interessierte. (Stefanie Hetze)

Leseprobe

Die Buchpräsentation am 1.10.20 in München

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Giulia Caminito: Ein Tag wird kommen

Aus dem Italienischen von Babara Kleiner, Wagenbach Verlag 2020, 265 S., € 23,-, TB 2022, € 14,-
(Un giorno verrà, Bompiani 2019, ca. € 21,80)

(Stand September 2022)

Camintio_Giulia_ein_Tag-wird_kommen_Danteperle_Dante_ConnectionGroßes Kino gleich zu Beginn: Nicola zielt vor Angst triefend mit einem Gewehr auf seinen geliebten älteren Bruder Lupo,  der keine Miene verzieht. „Der Große Krieg war auch bis hierher in diese Hügel gekommen…“ in diesen Ort armer Schlucker in den Marken. Nicola überwindet sich, schießt und rettet Lupo vor der Einberufung.
Zwei Brüder, die unterschiedlicher nicht sein könnten in dieser Bäckerfamilie, in der der Vater brutal herrscht und die als „Zuchtstute“ missbrauchte Mutter entkräftet dahinvegetiert. Lupo, der Vitale, sympathisiert mit den Partisanen, rebelliert gegen den verhassten Vater und beschützt seinen Bruder, wo immer er kann.  Nicola mit dem „Prinzengesicht“ fällt heraus aus dieser Familie. Er liest, ist zart und zu nichts zu gebrauchen.
Ein Geheimnis steht zwischen den Brüdern, das sich peu à peu entschlüsselt. Die politischen und sozialen Verhältnisse (Erster Weltkrieg, Faschismus, Armut, Kirche, Widerstand dagegen) wirken sich vehement auf ihre Familie aus. Meisterlich und facettenreich verbindet Giulia Caminito die große Geschichte Italiens mit einem individuellen familiären Drama. Verblüffende Twists, das Mitwirken historischer Persönlichkeiten und eine ungemein plastische Sprache, perfekt übersetzt, machen  diesen Roman zu einem einmaligen Lesegenuss. (Stefanie Hetze)

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Antje Herden: Parole Teetee

Illustriert von Maja Bohn, Tulipan Verlag 2020, 208 S., € 13,-, ab 9
(Stand März 2021)

Parole_Teetee_Danteperle_DanteConnectionTeetee ist eine ältere Dame, die einerseits undurchschaubar ist, andererseits als gute Seele ihr ganzes Wohnviertel zusammen hält. Dennoch wollen die meisten Erwachsenen nicht sehen, dass ihr Verschwinden mehr als merkwürdig ist. Zum Glück lassen sich die Kinder im Viertel nicht abwimmeln. Kinderbanden, die gemeinsam heikle Fälle und geheimnisvolle Rätsel auflösen, sind geradezu Klassiker in der Literatur für die Jüngsten. Auch Antje Herden greift dieses Schema auf. Jedem ihrer Kinder ist zu Beginn ein Vorstellungskapitel gewidmet, in denen viel Detailliebe für die einzelnen Charaktere steckt. Den eigentlichen Fall entwickelt sie fast zögerlich, so wie sie die Kinder nur langsam begreifen lässt, dass Teetee wirklich verschwunden ist. Antje Herden hat einen ganz eigenen, warmen Erzählton für ihren Kinderkrimi gefunden und verwebt kritische Themen wie Vertreibung und Obdachlosigkeit in ihren Text. Damit beweist sie einmal mehr, dass der Krimi auch als Kinderbuch bestens geeignet ist, en passant aktuelle und gesellschaftlich relevante Fragen  zu thematisieren. So wird bei aller spannenden Unterhaltung noch ein bisschen mehr erzählt. (Jana Kühn) Leseprobe

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Deniz Ohde: Streulicht

Suhrkamp Verlag 2020, 284 S., € 22,-, TB Oktober 2021, € 12,-

(Stand Oktober 2021)

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Eine junge Frau geht kehrt zurück an den Ort, an dem sie aufgewachsen ist, als ihre Kindheitsfreunde heiraten. Es ist kein cooler, lebendiger Ort, dort glänzt nur das Metall der Fabriken und der Eisenbahn. Viele Erinnerungen, wie sie ihre Kindheit dort verbrachte und was mit ihren Eltern (der Vater Fabrikarbeiter, die Mutter Migrantin) alles war, kommen hoch. Es tut weh und macht wütend, sich damit  zu konfrontieren. Und doch geht die Autorin weiter und erzählt von ihrem Weg durchs Bildungsversprechen. Der mühsame Aufstieg in der Gesellschaft sowie der alltägliche Rassismus bilden den Kern dieses atemberaubenden Debüts.
Erzählt wird die Geschichte der namenlosen Protagonistin direkt, ernst und schmucklos, was es noch kraftvoller macht. Es gibt in diesem Roman keinen Platz für Ironie oder stilistische Spiele. Er ist für alle, die seit den Büchern von Didier Eribon und Annie Ernaux auf ähnliche Titel warten.  Genug wird es davon vielleicht nie geben, hier ist nun eine wunderbar erzählte Lebensgeschichte, die vielen von uns eine Stimme gibt. (Giulia Silvestri) Leseprobe

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