Gaito Gasdanow: Ein Abend bei Claire

Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze. Hanser 2014, 192 S., € 17,90, TB dtv € 9,90

(Stand März 2021)

Gasdanow_24471_MR.inddNach “Das Phantom des Alexander Wolf” liegt nun der 1930 erschienene, stark autobiographisch gefärbte Debutroman Gasdanows erstmals auf deutsch vor. Die Liebe zu Claire, die der Autor nach zehn Jahren Trennung im Pariser Exil wiedertrifft, bildet die Rahmenhandlung zur Beschreibung einer Kindheit und Jugend im vorrevolutionären Russland. Der junge Kolja empfindet das Leben als sinnlose Abfolge von Ereignissen und Begegnungen, er tut sich schwer, Erlebnis- und Gedankenwelt, innere und äußere Existenz zu trennen. Der Wunsch seine “eigenartige Taubheit” zu überwinden lässt ihn auf Seiten der weißen Armee in den Krieg ziehen und schließlich auf der Flucht vor den siegreichen Bolschewiki nach Frankreich emigrieren. Kunstvoll erzählt, mit einer – von Rosemarie Tietze wunderbar übersetzten – Sprache großer Tiefe und poetischer Intensität, entfaltet sich dem Leser die illusionslose Sicht auf eine Welt, die aus den Fugen geraten ist. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Daniel Woodrell: In Almas Augen

Aus dem Englischen von Peter Torberg, Liebeskind 2014, 192 S., € 16,90

(Stand März 2021)

40-woodrell_almasaugen“Wenn ich alles auspacke, was ich über die Explosion in der Arbor Dance Hall weiß, dann gibt es Lynchmorde von hier bis St.Louis.”, sagt Sheriff Adderly. Und nicht nur er schweigt lieber zur Tragödie des Sommers 1929, bei der 42 Menschen zu Tode kommen, viele schwer verletzt werden und ein ganzer Ort in stumme Trauer fällt. Wie zäher Nebel hängt das Schweigen über der kleinen Stadt. Nur Alma hört nicht auf unbequeme Fragen zu stellen. Sie hat ihre Schwester in den Flammen verloren und sucht jahrzehntelang nach den Schuldigen –  macht sich unbeliebt, verliert ihre Arbeit, ihre Söhne, wird eingewiesen und ausgegrenzt. Ihrem Enkel wird sie schließlich berichten, was sie weiß. Stück für Stück nur, aus vielen Perspektiven und mit jeder Seite fesselnder eröffnet Woodrell den Blick auf die wahren Geschehnisse. Dabei erzählt er in vielen kleinen, fast skizzenhaften Episoden ein großes amerikanisches Kleinstadtpanorama im Wandel des letzten Jahrhunderts. (Jana Kühn). Leseprobe

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Yasmina Reza: Glücklich die Glücklichen

Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel, Hanser 2014, 176 S., € 17,90, Fischer TB  € 9,99

(Stand März 2021)

Pariser Bürgerliche. Keiner sticht heraus. Yasmina Rezas neuer Roman hat viele Protagonisten, die in einem Erzählreigen kurzer Episoden aufeinander treffen, auseinander gehen und immer wieder zusammen finden. Sie sind miteinander verwandt, sie sind befreundet, sie kennen sich nur vom Sehen oder über drei Ecken. Sie lieben und vertrauen einander, betrügen und langweilen sich trotzdem. Sie haben es geschafft, sind beruflich erfolgreich – und immer wieder einsam in all ihrer Verbundenheit. Vielleicht mag man den einen oder die andere lieber. Vertraut und bekannt kommt einem so manches vor – denn nichts Menschliches ist Reza fremd. Sehr genau schaut sie hin und jede noch so kleine Gefühlsregung leuchtet sie schonungslos aus. Das ist manchmal bitter, macht aber auch jede Menge Spaß – denn die kleinen und großen Dramen des Alltags werden mit Rezas erzählerischer Distanz und Ironie herrlich vorgeführt. (Jana Kühn)

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Sabahattin Ali: Die Madonna im Pelzmantel

Aus dem Türkischen von Ute Birgi. Mit einem Nachwortz von Maike Albath,  Jubiläumsausgabe Dörlemann 2013, 272 S., € 19,-, Ullstein TB 12,-

(Stand März 2021)

Jubeledition-US-5.inddSabahattin Ali wurde 1907 geboren, aufgrund seines sozialkritischen Engagements immer wieder verhaftet und 1948 auf der Flucht ins Exil an der bulgarischen Grenze wahrscheinlich vom türkischen Geheimdienst erschossen.  Heute gilt er als Großmeister der türkischen Prosa. Von 1928 bis 1930 studierte er in Berlin und hier – in den wilden Zwanzigern- spielt auch dieser Roman, eine ergreifende, feinfühlige Liebesgeschichte zwischen einem jungen, schüchternen, verträumten Türken, der in Berlin weilt, um zu studieren, und einer selbstbewussten, sehr modernen jüdischen deutschen Künstlerin, ein leise melancholisches Melodram voller Poesie und sprachlicher Kraft, ein Juwel, das dank der Übersetung von Ute Birgi jetzt endlich auch auf deutsch zu entdecken ist. (Syme Sigmund)

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Joanna Bator: Wolkenfern

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky, (Suhrkamp 2013) 499 S., Suhrkamp TB 2014, € 11,99
(Stand April 2021)

„Wolkenfern“, das ist für Dominika – schon bekannt aus Bators Roman „Sandberg“ – alles, was außerhalb von Pjaskowa Gora, dem Viertel des trist-provinziellen polnischen Bergbaustädtchen liegt, in dem sie aufgewachsen ist. Ein Sehnsuchtsort, je weiter weg, desto besser. Und so kehrt sie nach der Genesung von einem Autounfall auch nicht mit Ihrer Mutter nach Hause zurück, sondern bricht auf, von der „BeErDe“ nach New York und London und darüber hinaus. Verwoben mit Dominicas Schicksal sind die Geschichten vieler anderer Figuren, ein farbenreiches, schwindelerregendes, gekonnt fabuliertes Kabinett skurriler Persönlichkeiten und Geschehnisse, die bis in die Zeit deutscher Besatzung hineinreichen. Da begegnen uns liebenswerte, gastfreundliche „Teetanten“, ein verstörend abstoßender Frisör, ein Fotograf, der in seine Fotografien den Tod kommen sieht oder auch die großherzige Grazynka, die vielen Männern aus Mitleid ihre Liebe schenkt. Und durch alles zieht sich die Geschichte des Nachttopfs von Napoleon. Bator macht süchtig. Bitte mehr davon!! (Syme Sigmund)

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Regina Kehn: Das literarische Kaleidoskop

Fischer Verlag 2013, 224 S., € 16,99

(Stand März 2021)

kehn_kaleidoskop_danteperle_dante_connectionFünfzehn kurze Texte sehr unterschiedlicher Autoren – von Morgenstern über Charms bis Kunert und Krüss – fünfzehn kleine Fundstücke aus Poesie und Prosa wurden für diesen besonderen Band von Regina Kehn illustriert – vielmehr von ihren Illustrationen aus Wasserfarben, Fasermalern, Kreide oder Füller aufgenommen und in jeweils eingener Weise auch zeichen- und maltechnisch interpretiert. So entstand eine ganz eigene Mischung aus Kunst und Literatur, zum Lesen, Vorlesen und immer und immer wieder anschauen. (Syme Sigmund)

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Jérôme Ferrari: Balco Atlantico

Aus dem Französischen von Christian Ruzicska, Secession Verlag 2013, 210 S., € 19,95
(Stand März 2021)

ferrari-balco-atlantico_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergDer korsische Nationalist Stéphane Campana stirbt duch zwei Kugeln, die aus nächster Nähe auf ihn abgefeuert werden. Raffiniert verschachtelte Erzählungen und Erinnerungen unterschiedlicher Dorfbewohner entfalten nach und nach die Geschichte des Toten und damit verbunden die gewalttätige Geschichte des korsischen Nationalismus zwischen 1985 und 2000. Parallel dazu erfahren wir das Schicksal eines marokkanischen Geschwisterpaares, das seine Heimat voller Hoffnung verlässt und in dem korsischen Dorf vergeblich versucht, den Glauben an ein mögliches Glück nicht zu verlieren.
Teils Krimi, teils Liebesgeschichte, ist der Roman vor allem ein ergreifendes Kaleidoskop menschlicher Sehnsüchte, Selbstzweifel und Ängste sowie der erschreckenden Gefühlskälte selbstherrlicher politischer Extremisten. Ferrari entfaltet auf nur 160 Seiten einen Kosmos aus Sätzen, die noch lange haften bleiben. (Syme Sigmund)

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Volker Gerling: Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt. Zu Fuß durchs Land

Metrolit Verlag 2013, nur noch als E-Book bestellbar € 12,99

(Stand März 2021)

31-gerling_bilderSeit zehn Jahren geht Volker Gerling mit selbstfotografierten Daumenkinos im Bauchladen und ohne Geld auf Wanderschaft. Nun hat er sich einen Wunsch erfüllt und von seiner ersten Wanderschaft ein Buch geschrieben, das uns mitnimmt auf seine lange Reise zu Fuß von Berlin bis Basel. Anders als die üblichen Selbsterfahrungsberichte von Langstreckenwanderern geht er jedoch als Künstler, der bewusst Kontakt und Austausch mit seinem Zufallspublikum sucht und viel nachdenkt über Raum, Zeit, Geschwindigkeit und wie er mit wenigen Aufnahmen in Sekundenbruchteilen das wirkliche Leben abbildet.Bei seinem langsamen Tempo kommt es unterwegs zu sehr besonderen, intensiven Begegnungen mit denkbar verschiedensten Menschen. Diese eigentlich flüchtigen Momente hat er zum großen Glück seiner Leser in diesem wunderbaren Buch für immer festgehalten! (Stefanie Hetze)

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Terézia Mora: Das Ungeheuer

Luchterhand Literaturverlag 2013, 688 S., € 22,99, TB Ausgabe, € 11,99

(Stand März 2021)

mora-ungeheuer_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergDarius Kopp, der Mora-Lesern schon bekannte, einfach gestrickte Gemüts- und Genussmensch, versinkt nach dem Selbstmord seiner Frau Flora in tiefer Trauer. Um nach einer geeigneten Grabstelle für die Asche seiner Frau zu suchen, macht er sich – zunächst von Floras ungarischer Herkunft und sodann vom Zufall geleitet – auf in Richtung Osteuropa, wo es ihn bis nach Georgien verschlägt. Diesem teils feinsinnig-melancholischen, teils komisch-absurden Roadmovie stellt Mora – parallel gedruckt – Aufzeichnungen Floras gegenüber, aus denen ihre schwere, von ihrem Mann nicht bemerkte Depression spricht. Damit erhält Kopps Reise eine weitere, tiefere Ebene, die uns in menschliche Abgründe schauen lässt. Moras sprachliche Kraft, ihr gekonntes Changieren zwischen verschiedenen Erzählperspektiven und ihr unverwechselbarer Ton machen das Buch zu einem großen, lange nachwirkenden Leseerlebnis. (Syme Sigmund)

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John Williams: Stoner

Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben, dtv 2013, 352 S., € 18,-, tb dtv 2014, € 10,90

(Stand März 2021)

williams-stoner_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergWilliam Stoner, Sohn armer Farmer, entdeckt an der Universität seine Leidenschaft für Literatur und wird schließlich Professor. Sein Leben bleibt melancholisch geprägt von seiner Nicht-Zugehörigkeit zu den etablierten gebildeten Schichten und der “besseren” Gesellschaft. Er hat kaum Freunde, von seiner bäuerlichen Herkunft entfremdet er sich immer mehr, seine Frau entpuppt sich als eiskalt und neurotisch bis zur Bösartigkeit, seine über alles geliebte Tochter entgleitet ihm und der Streit mit einem Kollegen führt zu einem Bruch in seiner beruflichen Karriere. Eine Liebesaffäre bringt großes Glück, scheitert jedoch an der moralistischen Gesellschaft. Und doch findet Stoner am Ende seines Lebens zu innerer Ruhe, die ihn sein Leben akzeptieren lässt.
Sprachlich brillant erzählt und von Anfang bis Ende stimmig, war der 1965 publizierte Roman lange vergessen und wurde 2007 zu Recht als „ernsthafter, wunderschöner und berührender“ großer Klassiker der amerikanischen Literatur wiederentdeckt. (Syme Sigmund)

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