Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl, Folio Verlag 2019, 336 S., € 22,-
(La maligredi, Feltrinelli 2018, ca. € 22,80)
(Stand März 2021)
Kalabrien der 60-er Jahre. Im Dorf Africo Nuovo leben vor allem Frauen, Alte und Kinder. Die Männer sind emigriert, nach Mailand oder nach Wolfsburg. Nur die Mafiosi haben in dem kargen Land ihr Auskommen. Nicola und seine Freunde sehen im Schulbesuch keinen Sinn, hängen in der Bar rum und rutschen nach und nach in die Kleinkriminalität ab – auch um ihren hart arbeitenden Müttern etwas zustecken zu können, denn die fernen Männer schicken Geld nur sporadisch, wenn überhaupt. Als eines Tages Papula auftaucht, ein junger Rückkehrer aus Deutschland, mit revolutionären Ideen im Kopf, scheint plötzlich alles möglich. Die ausgebeuteten Frauen proben den Aufstand und die Jungen träumen für kurze Zeit von einer Zukunft für den Ort und für sich selbst. Doch gegen die mafiösen Strukturen und korrupte Politiker ist es ein ungleicher Kampf.
Criaco, Kenner der Verhältnisse vor Ort, erinnert an ein vergessenes Kapitel kalabrischer Geschichte, denn Papula gab es tatsächlich, er hieß Rocca Palamaro und löste eine anarchistische Welle aus, die 68er-Bewegung Kalabriens.
In eindringlichen Bildern und düster-poetischer Sprache setzt Criaco der einfachen Bevölkerung ein Denkmal und klagt die Verhältnisse an, die sich bis heute kaum gebessert haben. (Syme Sigmund)


„Ich bin Özlem.“ Wenn sie sich mit diesen Worten in einer neuen Runde vorstellt, weiß die als Kind türkischer Einwanderer Geborene, dass ab sofort, ungewollt und unaufgefordert ihre Herkunft mit ihr im Raum steht, bzw. das was sich ihr Gegenüber darunter vorstellt. Meist beeilt sie sich noch den Satz, dass ihre Eltern aus der Türkei kommen, hinterherzuschieben. Dass sie Berlinerin ist, Ehefrau, Mutter zweier Kinder, Deutschlehrerin usw. beschreibt scheinbar einen deutlich kleineren, unwichtigeren Teil ihrer Person – auch für sie selbst. Damit hadert die erwachsene Frau zunehmend und dieser Konflikt sucht sich langsam seinen Weg an die Oberfläche, bis er in einer Diskussion mit den doch eigentlich besten Freunden zum Ausbruch kommt. Dilek Güngör kreist um die Themen Identität und Herkunft. Sie lässt Özlem aus ihrer Kindheit und Gegenwart erzählen, verschränkt die Zeitsprünge und Rückblenden gekonnt und geradezu leichtfüßig. Es geht um Zuschreibungen bzw. um die Angst davor und eigenen Umgang damit. Dabei rüttelt sie ihre Protagonistin Özlem einmal durch und vor allem auf – und ähnliches passiert auch beim Lesen, nur eben aus einer anderen Perspektive. Hochaktuell und sehr empfehlenswert, gerade auch um das eigene, ach so linksliberale und vermeintlich vorurteilsbewusste Denken zu hinterfragen! (Jana Kühn)
Ein Kaff in der tiefsten Provinz in Texas mit nur einem Café, in das die Schwarzen gehen, und einer Bar für Weiße, dem Treffpunkt der „Aryan Brotherhood of Texas“. Dazu der Highway durch den Ort, der außer dem Café der schwarzen Genoveva komplett einem Weißen gehört. Das ist das Setting, an dem zwei Morde passieren, der erste an einem unbekannten Schwarzen, einem durchreisenden BMW-Fahrer in städtisch-teuren Klamotten, der zweite an einer jungen weißen Kellnerin, die mit einem Redneck verheiratet war. Der hiesige Sheriff interessiert sich nur für den Mord an der blonden Weißen. Selbstverständlich ist jeder hier bewaffnet und lässt sich nicht in die eigenen Karten gucken, wie Darren Matthews, der übergeordnete schwarze Gesetzeshüter, ein eigentlich suspendierter Texas Ranger, schnell feststellt.
Yejide und Akin leben als modernes nigerianisches Paar entgegen der polygamen Traditionen in romantischer Liebe zu zweit. Auch der jahrelang unerfüllte Kinderwunsch kann daran nichts ändern – eigentlich. Denn irgendwann wird der familiäre und gesellschaftliche Druck so hoch, dass Akin einer zweiten Ehefrau zustimmt, allerdings ohne dies mit Yejide zu besprechen. Mit dieser Entscheidung ändert sich alles, nichts bleibt mehr wie es war. Ayọ̀bámi Adébáyọ̀ erzählt in ihrem beeindruckenden Debüt die Geschichte einer Ehe, die zwischen Wünschen und Erwartungen, Vertrauen und Enttäuschung sowie Verlust und Trauer zerrieben wird. Ausgesprochen elegant und ohne feste Chronologie verschränkt sie in Rückblenden Yejides und Akins Perspektiven. En passant scheint dabei immer wieder die politische Geschichte Nigerias durch den Erzählfluss, in den aufs Schönste zahlreiche traditionelle Märchen und Mythen eingebunden sind. Und Adébáyọ̀ überrascht mit einem positiv offenen Ende. (Jana Kühn)
Ein schmales handliches Buch über eine Familie und ein Geheimnis, das es in sich hat! Der Großvater, der denunziert und 1960 in der Sowjetunion hingerichtet wurde, fiel offensichtlich dem Verrat eines Mitglieds seiner eigenen Familie zum Opfer. Jede dieser sechs Personen hätte gute Gründe gehabt, es gewesen sein zu können, aber dann auch wieder gar nicht. Gewiss ist nichts in dieser jüdischen Familie, die nach Prag und später nach Deutschland fliehen musste und danach quer in der Welt verstreut war, immer neue Sprachen und Anpassungs- und Überlebensstrategien im Gepäck. Dass ihre Koffer nicht zu schwer werden, dafür hat Maxim Biller gesorgt. Mit großer Virtuosität und scheinbar mühelos gibt er seinen Personen Raum, hält die Widersprüche lebendig und macht dazu neugierig auf die Perspektive und das Buch seiner Schwester Elena Lappin: „In welcher Sprache träume ich?“. (Wer noch tiefer in den billerschen Familienkosmos eintauchen mag, dem seien die Bücher ihrer Mutter Rada Biller empfohlen.) (Stefanie Hetze)
Was für ein Buch! Die 19jährige Tish und der drei Jahre ältere Fonny sind leidenschaftlich ineinander verliebt. Beide kommen aus Harlem, kennen einander seit ihrer Kindheit, haben Großes vor. Tish erwartet ein Baby und Fonny möchte Künstler werden. Als sie tatsächlich einen Speicher zum Leben und Arbeiten mieten können und ihr Glück so nahe scheint, kommt es zur Katastrophe. Fonny wird zu Unrecht als Vergewaltiger inhaftiert, für ihn beginnt das Inferno, für Tish mit dem Baby im Bauch fühlt es sich wie „die Sahara“ an. Täglich besucht sie ihn im Knast, versucht ihn aufzubauen und ihn gleichzeitig neben ihrer Arbeit in einem Kaufhaus aus dem Gefängnis herauszuholen. Doch das rassistische System schlägt gnadenlos zu. Dabei kämpfen ihre Familie und Fonnys Vater mit all ihren – knappen – Mitteln für den Unschuldigen.
Dass Maureen Phelan ihren Sohn um Hilfe bittet, scheint erst einmal eine Selbstverständlichkeit. Bei der Tatsache, dass ihr Problem eine Leiche auf dem Küchenfußboden ist, sieht das schon anders aus. Sohn Jimmy – aka J.P. DER Gangsterboss der Stadt Cork – reagiert zwar verärgert, weiß aber dennoch sofort Rat. Was keiner von beiden auch nur ahnen kann ist, wie folgenreich sich die Entsorgungsaktion nicht nur auf ihrer beider Leben auswirken wird. Eine fatale Kettenreaktion! Geschickt entwickelt McInerney eine ganze Parade vom Leben hart erprobter Protagonisten und verknüpft diese zu einer Millieustudie des heutigen, krisengebeutelten Irlands: jugendliche Dealer, berauschte Liebespaare und Alkoholiker-Eltern, Prostituierte, Priester und Frömmler. Dabei liest sich der Debütroman keinesfalls bedrückend, denn McInerney erzählt ungemein abwechslungs- und temporeich, brutal wie einfühlsam, schwarzhumorig und bitterböse. Ein Sozialstudien-Lovestory-Krimi-Knaller, den man kaum aus der Hand legen kann! (Jana Kühn)