Aus dem Amerikanischen von Anna Leube und Wolf H. Leube, Hanser Verlag 2018, 432 S., € 24,-, dtv TB € 11,95
(Stand März 2021)
USA, Mitte der 50er Jahre: Der Vater des Afroamerikaners Atticus ist verschwunden. Atticus, sein Onkel und eine Kindheitsfreundin begeben sich auf der Suche nach ihm auf einen Roadtrip durch die feindlich-rassistischen Staaten. Als sie an einen mysteriösen Ort gelangen, erleben sie unvorstellbare Schreckensrituale, die sich auf ihr Leben und das ihrer Familie auswirken. Horror steht im Vordergrund der Handlung. Trotz übernatürlicher Elemente wie schwarzer Magie, die diese Geschichte bevölkern, sind die wahren Schrecken, um die es Matt Ruff geht, die Ungerechtigkeiten der „Jim-Crow-Ära“. Der blinde Rassismus, der wie ein wildes Feuer durch die USA wütete, beweist wieder einmal, dass es nicht die Geister sind, die man fürchten muss, sondern die Menschen selbst.
Rassismus, Hass und Ignoranz sind nach wie vor tägliche Schrecken, gegen die zu schreiben und zu kämpfen wir nie aufhören dürfen. Deshalb brauchen wir Texte wie Lovecraft Country. (Giulia Silvestri) Leseprobe

Krimigeschichten haben in jedem Alter ihre Fans. Es zählt wohl mit zum beliebtesten Lesevergnügen, die Lösung eines Verbrechens zu verfolgen. Im besten Fall landen die Verbrecher im Gefängnis. So weit, so gut. Aber was passiert dann? Wie sieht es dort aus? Wie lebt es sich im Gefängnis? Diesen Fragen sind Monika Osberghaus und Thomas Engelhardt in monatelangen Recherchen und Interviews nachgegangen. Ein erzählendes Sachbuch ist entstanden. Erzählend, denn es geht einerseits um Sina, ihre Mutter und besonders ihren Vater, der einen Raubüberfall begangen hat und dafür einsitzen muss. Abwechselnd werden ihre Sicht auf die Dinge, ihre Gefühle, die großen Nöte wie die kleinen Freuden geschildert. Andererseits ein Sachbuch, denn immer wieder gesellt sich zur besonderen Familiengeschichte eine Faktenebene, die anschaulich und nichts beschönigend, dennoch kindgerecht den Weg vom Verbrechen, über das Gerichtsverfahren, die Gefängnisjahre und die Wiedereingliederung beschreibt. Diese Kombination ist nicht nur ausgesprochen klug gewählt, sondern auch bestens gelungen, denn das Thema ist sachlich wie emotional genau und detailreich ausgeleuchtet. (Jana Kühn)
Schräg war sie schon immer. Aber jetzt soll Izzy, die jüngste Tochter der Richardsons, regelrecht durchgedreht sein. Das Haus der eigenen Familie soll sie angezündet haben. So erzählt man es sich in Shaker Heights, um nicht zu sagen, der ganze Vorort redet über nichts anderes. Darüber hinaus passierte auch lange nichts in der wohlhabenden und höchst anständigen Siedlung. Bis die unkonventionell lebende, alleinerziehende Mutter und Künstlerin Mia erst zur Mieterin, dann zur Putzfrau der Richardsons wird und ungewollt die Ruhe und Ordnung nicht nur im Haus der Familie stört. Für ihre pubertierende Tochter Pearl werden die vier, sehr unterschiedlichen Kinder der Richardsons nach jahrelangem Unterwegssein zu ersten echten Freunden. Die Sehnsucht nach einem festen Zuhause ist groß – die Widersprüche und Gegensätze sind es auch, vor allem in den Mütterbildern von denen die Autorin erzählt. Gekonnt und facettenreich lässt Celeste Ng grundverschiedene Lebensmodelle aufeinander stoßen. All diesen Konflikten nähert sich der Familienroman in sanftem Erzählton mit großen Schmökerqualitäten bis zu einem fast schon leisen Knall, infolgedessen besagtes Feuer ausbricht. (Jana Kühn)
Nach der Beerdigung ihres Vaters trifft die Anthropologin August, die weltweit forscht, in der New Yorker U-Bahn zufällig ihre Jugendfreundin Sylvia. Die beiden waren zusammen mit Angela und Gigi im Brooklyn der Siebziger engste Freundinnen gewesen. Statt sich nach über 20 Jahren auszutauschen, steigt sie nach kurzer Begrüßung vorzeitig aus, fängt aber an, sich an früher zu erinnern. Wie es ihr, ihren Freundinnen erging, ihre Träume, Hoffnungen und Realitäten unter unterschiedlich schwierigen Startbedingungen. Die vielen Ereignisse aus ihrer Teenagerzeit, alltägliche und dramatische, verdichtet sie in ihrem Roman in intensiven Momentaufnahmen, die eindrucksvoll ein Panorama auffächern, wie es war, als afroamerikanisches Mädchen aufzuwachsen und erwachsen zu werden.
Viele für uns selbstverständliche Dinge werden Frauen in Saudi-Arabien ohne männlichen Vormund nicht zugestanden, u.a. das Autofahren. Manal al-Sharif, eine der wichtigsten Frauenrechtlerinnen der arabischen Welt, hat sich ins Auto gesetzt und ist einfach losgefahren – dafür kam sie ins Gefängnis. Dass es keinesfalls einfach war, wie sie sich vorbereitete und was es für Folgen hatte, das erzählt sie in ihrem eindringlichen autobiografischen Bericht, der gleichzeitig ein breit angelegtes gesellschaftliches Panorama sowie einen historischen Abriss der islamischen Radikalisierung Saudi-Arabiens bildet. Und selbstredend ist das Recht am eigenen Steuer zu sitzen pars pro toto gedacht: »Ich glaube, dass Kinder nicht frei sein können, wenn ihre Mütter nicht frei sind, Eltern können nicht frei sein, wenn ihre Töchter es nicht sind, Ehemänner können nicht frei sein, wenn ihre Ehefrauen es nicht sind, die Gesellschaft ist nichts wert, wenn Frauen nichts wert sind. Wir kämpfen nicht darum, Auto zu fahren, wir kämpfen darum, unser Schicksal in die Hand nehmen zu können.« Das beeindruckende Zeugnis einer unglaublich mutigen Frau, die mit ihrem tiefen Glauben gegen ein schlicht erzkonservatives, patriarchales Vormundssystem ins Feld zieht! (Jana Kühn)
Viele der 100 so genannten Gutenachtgeschichten beginnen mit der Erzählformel „Es war einmal ein Mädchen …“, und doch beschreiben sie die tatsächlichen Lebensgeschichten von beeindruckenden Frauen aus der ganzen Welt, von der Antike bis heute. Den biographischen Skizzen aus der Feder der beiden Autorinnen sind umwerfend schöne, Porträts zur Seite gestellt. Viele der Forscherinnen, Künstlerinnen, Sportlerinnen und Aktivistinnen mussten ihren Weg hart erkämpfen, manche waren oder sind schon zu Lebzeiten weltberühmt. Ein fantastisches Mut-Mach-Frauentableau durch alle Epochen! (Jana Kühn)
Ein Träumer ist er, ein sensibler Sprachjonglierer und Poet, ein sanftmütiger Pflanzenliebhaber, der sieht und spürt, was anderen entgeht. Seine Cousine weiß das. Aber sonst? Am falschen Ort ist er geboren, zur falschen Zeit. Die Mutter erkennt zu spät, dass „aus Zoli was hätte werden können, aber der Lauf der Welt sieht nicht vor, dass aus so einem was wird“, denn Zoli ist Sohn eines „Halbzigeuners“ und einer saufenden Tagelöhnerin. Das kleine Dorf in Serbien sieht den Stotterer, das Weichei, prügelt die falschen Fragen und Antworten aus dem „Bastard“ heraus, der so beunruhigend anders ist. Beim Militär wird es nicht besser, der Krieg steht ins Haus und Mitleid gibt es nicht, nur Grausamkeit. Zoli verzweifelt, in stummem Widerstand zieht er sich ganz in sich zurück – und geht an der Welt, die ihn umgibt zugrunde. Denn „unter diesem Himmel erschlägt uns das Schicksal“. Erschlagen und verstört bleibt auch der Leser zurück, vom Sog und mitreißenden Rhythmus der poetischen Sprache Abonjis dennoch berückt und betört. (Syme Sigmund)
Mit seinen Freunden Mangos klauen, auf ihrer Straße spielen, sich von der Nachbarin Madame Economopoulos Bücher zu leihen, vom Chauffeur zur Schule gefahren zu werden – so idyllisch könnte es für den Jungen Gaby ewig weitergehen. Doch seine unbeschwerte Kindheit im privilegierten Viertel Bujumburas, der Hauptstadt des kleinen Lands Burundi, erfährt jähe Risse. Die Ehe seiner jungen Eltern, der Vater ein brünetter kleiner Franzose, die Mutter eine große schöne Afrikanerin, scheitert. Seine Mutter zieht aus. Sie, die verfolgt aus Ruanda geflohen ist und deren Familie unter Massakern und Heimatlosigkeit litt, geht zurück und zerbricht. Auch in Gabys Welt ist längst der brutale Bürgerkrieg angekommen, ist gar nichts mehr wie vorher, muss auch er fliehen.
Vernon Subutex hatte jahrelang den angesagten Plattenladen Revolver, in dem er Rock- und Punkfans, Schwätzer, Musiker, Metaller und andere Maniacs versorgte und selbst am Puls der Zeit sowie Frauenschwarm war. Irgendwann um die Jahrtausendwende schlägt die Krise zu, muss Vernon schließen. Steuerfrei verscherbelt er im Netz letzte Devotionalien, bis nichts mehr da ist. In einem Paris, in dem man nur mit von der Familie gekauftem Wohneigentum überleben kann, schmeißt der Gerichtsvollzieher ihn aus seiner Wohnung und muss er ohne Geld und mit Lügengeschichten bei mehr oder wenig guten Bekannten unterschlüpfen. Es sind Leute, meist Frauen, aus der Musik-, Film- und Medienbranche, die mit allen erdenklichen Mitteln Glanz und Aufmerksamkeit wollen und eigentlich schon zu alt sind für all diese Spielchen und Maskeraden. Immer weiter um diese Szene dehnt Virginie Despentes ihr Panorama aus, treten Gescheiterte und Verbitterte aus vielen Schichten auf. Gnadenlos und in einer brillant-direkten Sprache seziert sie wie ein Paukenschlag das heutige Frankreich. (Stefanie Hetze)
Massiré Dansira kommt im Alter von 15 Jahren aus Mali nach Frankreich. Sie folgt einem Ehemann, dem sie in der Hoffnung auf ein besseres Leben und regelmäßige Geldsendungen von ihrer Familie anvertraut wurde. Aber es kommt anders. Das Leben in Frankreich ist fremd und ungewohnt, in vielerlei Hinsicht entbehrlich. Nach dem Tod ihres Mannes zieht sie drei Kinder allein und nach bestem Wissen und Gewissen auf, folgt dabei so gut es geht sowohl den Traditionen ihrer Herkunft als auch den weiterhin unverständlichen Codes der ihr so fremden Welt – und hadert kämpferisch mit beiden. Besonders Aya, das mittlere Kind, bereitet ihr Sorgen. Von Aya kommt Widerstand, Aya hinterfragt, Aya fordert ein Leben als junge Französin. Ma ist die beeindruckende Liebeserklärung einer erwachsenen Tochter an ihre Mutter, trotz oder vielleicht sogar wegen eines Verhältnisses, das nie einfach war. Ein versöhnliches Buch, das einer Mutter den liebevollen Respekt erweist, den sie ihr ganzes Leben hat missen müssen – sowohl seitens der französischen Gesellschaft als auch aus dem unmittelbaren malisch-migrantischen Umfeld. (Jana Kühn)