Suhrkamp Verlag 2021, 144 S., € 20,-
(Stand Juli 2021)
Ulrike Edschmid schreibt von dem, was sie selbst kennt, ohne sich um sich selbst zu drehen. Im linkspolitisch bewegten London der frühen Siebzigerjahre, die geprägt waren von Hausbesetzungen, IRA-Anschlägen und Kämpfen gegen rabiate Gerichtsurteile, in das sie, die Erzählerin, „wie vom Regen in die Traufe“ aus Berlin gekommen war, legt sich im Abbruchhaus voller Aktivist:innen ein Mann in ihr Bett. Schnell wird dieser ihr Geliebter, doch umso weniger beginnt jetzt ein klassischer Liebes- oder Beziehungsroman.
Edschmid, die Virtuosin des Verdichtens, legt mit der Geschichte dieses Mannes, den sie namenlos als „den Engländer“ bezeichnet und der nach gemeinsamer Zeit in Deutschland ein lebenslanger Freund wird, stattdessen Spuren, die weit in historische und soziale Zusammenhänge führen. Er identifiziert sich als Arbeitersohn, ist aber auch Jude, was viele Leerstellen für ihn enthält, bis sich die Ereignisse in seiner ihm unbekannten Familie überschlagen und sich tiefe Abgründe offenbaren, die sein weiteres Schicksal prägen werden. Angenehm nüchtern, in prägnant kurzen Sätzen wird das Drama eines Lebens erzählt, tun sich weitreichende Fragen zur Bedeutung von Herkunft, Familie, Klasse und Brüchen im Leben auf, die sehr berühren und lange nachhallen. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Ein Neuanfang. Von ihrem Mann getrennt, die flügge gewordene Tochter irgendwo in der Welt unterwegs, hat sie die Großstadt verlassen und ist an die Küste gezogen. Weite Felder, flaches Land, Deiche und Schafe. Das Meer grau und kalt selbst im Sommer. Ihr Bruder betreibt eine Kneipe, hier arbeitet sie – und begegnet ihrer neuen Umgebung mit offenen Augen. Mit Mimi, ihrer Nachbarin, freundet sie sich an, und von Arild, dem verschlossenen Schweinebauern, fühlt sie sich angezogen. Es ist eine begrenzte Welt, unaufgeregt, bodenständig, rau-herzlich der Ton, es wird viel geschwiegen, und doch viel gesagt. Judith Herrmann beschreibt ihre Figuren mit liebevollem Blick und großer Empathie, abwartend, ohne zu werten, in unverwechselbarem, schwebend-leichtem und doch präzisem Ton, ohne ein Wort zu viel. Ein kleiner Kosmos fernab des Weltgeschehens und doch allumfassend, menschlich. Eine Wohltat in Zeiten vorschnellen Schubladendenkens und ein beglückendes Leseerlebnis. (Syme Sigmund)
Was für ein Autor! Lange Zeit vergessen, ist Gasdanow nun dank des Hanser-Verlags endlich Werk für Werk auf Deutsch zu entdecken. Nach einer Reihe Romane hat die preisgekrönte Übersetzerin Rosemarie Tietze hier nun 9 Erzählungen ausgewählt, die zwischen 1927 und 1960 veröffentlicht wurden.
Unscheinbar kommt dieser schmale Band daher, sehr hübsch gestaltet, das raue Papier des Einbands liegt gut in der Hand – und unscheinbar beginnt auch der Text, ergeht sich der Icherzähler doch in Erinnerungen an seine Hochzeitsreise Ende der dreißiger Jahre, in denen ein überdimensionierter Schrankkoffer zu skurrilen, harmlos-amüsanten Szenen Anlass bietet.
Zwischen Prosa und Poesie, durch abwechselnde Erzählzeiten, wird die Geschichte des Partisans Jakob Bergant-Berk erzählt. Berk, der Hauptcharakter und Ich-Erzähler, offensichtlich ein Alter-Ego des Autors, beteiligt sich an der Widerstandsbewegung gegen die Unmenschlichkeit der Invasoren. Es sind die Jahre des slowenischen Partisanenkrieges gegen die italienische und deutsche Okkupation, des Widerstandes in den Bergen, dessen Motto lautet: „Es ist sehr wichtig, auf den Hügel zu kommen“. Berk erträgt die harte Disziplin, die schrecklichen Qualen, weil er glaubt, dass nur so menschliche Lebensbedingungen wiederhergestellt werden können. Dreißig Jahre nach dem Kriegsende wird die Erinnerung an dieses tragische Erlebnis durch eine zufällige Begegnung mit einem ehemaligen Wehrmachtsoffizier wiedererweckt.
Ein Anruf reißt die Bosnierin Sara aus ihrem beschaulichen Dubliner Leben mit Freund und Avocadopflanze, in dem ein Nudist in der Nachbarschaft der Aufreger ist. 12 Jahre war Funkstille zwischen ihnen und nun verlangt ihre Kindheitsfreundin Lejla urplötzlich, dass sie sofort einfliegen müsse, um sie nach Wien zu fahren! Gnadenlos setzt Lejla ihr Lockmittel ein, ihren Bruder Armin, Saras heimliche Liebe, der im Krieg verschwunden war, und für den Saras Vater, serbischer Polizeikommandant damals keinen Finger rührte. Schon sind wir mittendrin in den Verwerfungen, die Nationalismus, Ethnien, Sexismus, Nepotismus … und der Krieg beförderten. Die Traumata dieser Zeit lassen sich, auch wenn Sara es woanders versucht hat, nicht abschütteln. Ohne Rücksicht auf Verluste führt Lejla ihr ihre Narben vor, nimmt Sara seltsame Dunkelheit in den Landschaften wahr. Während die ungleichen Freundinnen durch einen kaputten Balkan hin zu einem steril-sauberen Österreich fahren, tauchen als Coming-Of-Age-Geschichte vielschichtige Erinnerungen an Früher auf, an all die Risse, Schatten und Verletzungen, aber auch an ihr vitales Aufbegehren gegen die Verhältnisse.
Sasha, 25 Jahre jung, ist wieder in Paris. Hier verbrachte sie die Tage ihrer großen Liebe, hier hangelte sie sich von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob, hier war sie schwanger und verlor ihr Kind. Nun soll sie hier – finanziell von einer Freundin großzügig unterstützt und nachdem sie in London ihre Trauer im Alkohol zu ertrinken versucht hatte – wieder neuen Lebensmut fassen. Die junge Frau lässt sich treiben, sucht Bars auf, in denen die Kellner sie möglichst nicht von früher kennen, trinkt weiterhin zu viel, trifft Männer, die sie hin- aber nicht wichtig nimmt. Erinnerungen an die glücklichen Tage wechseln sich ab mit der Erzählung des Jetzt, impressionistisch-assoziativ, in Sätzen so flüchtig wie Flügelschläge von Schmetterlingen, die doch schwer wiegen und voller Zwischentöne sind. Der Bericht einer jungen, unabhängigen, desillusionierten Frau am Abgrund. Große Literatur, erschienen 1939, von einer Autorin, die es unbedingt weiter wieder zu entdecken gilt. (Syme Sigmund)
Claudia Durastanti erzählt in ihrem Buch „Die Fremde“, das es in Italien auf die Shortlist für den wichtigen „Premio Strega“ geschafft hat, ihre eigene Familiengeschichte. Die Eltern – beide gehörlos – reagieren auf ihre Einschränkung nicht mit Anpassung, sondern mit Rebellion. Die Mutter lebt vorübergehend als Ausreißerin auf den Straßen Roms, der Vater pfeift auf gesellschaftliche Normen. Claudia wird in Brooklyn geboren, wohin die Eltern zeitweilig auswandern, und kehrt nach deren Trennung mit Mutter und Bruder nach Italien, in ein kleines Dorf der Basilikata, zurück. Immer ist sie, sind sie „anders“, fällt die Mutter als laut und unkonventionell auf. Das Mädchen muss sich die von den Eltern nicht vermittelten Sprachen – erst Englisch, dann Italienisch – selbst aneignen und ihren Weg, der sie schließlich nach Rom und London führt, selbst finden. Doch das „Sichfremdfühlen“ bleibt ihr ständiger Begleiter.
Saraswati, die von ihren Studierenden angebetete Star-Professorin für Postkoloniale Studien, ist in Wirklichkeit weiß. Gerade Nivedita, ihrer Lieblingsstudentin, die enorm viel von Saraswati gelernt hat, zieht es den Boden der eigenen Identität unter den Füßen weg. Dazu tobt das Internet in einem Shitstorm: Ist es kulturelle Aneignung? Ist es Identitätsdiebstahl? Oder ist transrace das neue transgender? Rachel Dolezal und Jessica Krug sind nur wenige Jahre vergangene und reale Fälle aus den USA, die Mithu M. Sanyal zu ihrem Roman inspiriert haben. Wie würde ein solcher Fall in Deutschland bewertet werden? Diese theoretische Frage stellte sie bekannten Kolleg:innen in den (sozialen) Medien, die ihr zahlreich antworteten und deren Zitate im Original in den Roman einfließen. Dies ist nur eine Besonderheit des literarischen Debüts der bisher als Journalistin und Essayistin bekannten Autorin. Aber Identitti ist ein einziges Feuerwerk: ein Debattenroman, denn es wird wahrlich hart diskutiert, ein Entwicklungsroman, denn Nivedita ist bei aller Theorie in ihrer verzweifelten Verwirrung samt Liebeskummer und Eifersucht dennoch eine glaubwürdige Figur. Und dazu ein verdammt kluger Unterhaltungsroman für alle, die ihren Grundkurs in sex, gender & race schon hinter sich haben! (Jana Kühn)
12 Frauen, 12 Geschichten. Eine davon ist Winstom, deren Lieblingsdichterin die in Guyana geborene Lyrikerin Grace Nichols ist. Die in dem Buch zitierte Gedichtzeile „We the women/whose praises go unsung/whose voices go unhead“, kann als Motto des Romans verstanden werden. Bernadine Evaristo, die für dieses Buch mit dem Booker Preis 2019 ausgezeichnet wurde, entwirft 12 Charaktere und gibt damit girl, woman and other unterschiedlicher Generationen eine Stimme. Die Protagonist*innen, alle POC sind Feministinnen, sind politisch engagiert, lieben lesbisch oder heterosexual oder entscheiden sich für nicht binäre geschlechtliche Identitäten. Manche sind verheiratet und haben Kinder, einige kämpfen mit ihrer Karriere, alle ringen mit der Frage, wie sie leben wollen. In einer Rede „The danger of a single story“ erklärte die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, wie wichtig es ist polyphone Geschichten zu erzählen, um Misrepräsentationen und Stereotype zu vermeiden. Bernadine Evaristo hat diesen Gedanken in einer reichen vielstimmigen Sprache fulminant umgesetzt, und dem Konzept der Intersektionalität eine literarische Stimme gegeben. Die Lebenswege dieser Personen sind unvorhersehbar und werden immer wieder unvermutet miteinander verflochten, so dass die Leser*in stets aufs Neue überrascht wird. Die oben genannte Winstom beispielsweise migrierte in den 50er Jahren nach England; Jahrzehnte später, zurück in Barbados, wird sie ihrer Enkeltochter wie schwer es für sie in und ihren Mann Clovis als POC in England war. Der Roman ist fantastisch zu lesen, er ist aber auch ein Beispiel dafür wie politische Informiertheit zusammengehen kann mit einer ausgetüftelten literarischen Sprache. Um es mit Megan, einer der Akteur*innen zusammenfassen: woke. (Veronika Springman)