Aus dem Spanischen von Ebi Naumann, Knesebeck Verlag 2021, 24 S., € 14,-, ab 4
(Stand Mai 2021)
Klebrige Schnoddernasen finden Kinder meist ausgesprochen faszinierend, Erwachsene dagegen ziemlich eklig. Genau richtig also für kleine Rotznasen, was hier so alles erklärt wird! Gleich auf der ersten Doppelseite erzählt Mariona Tolosa Sisteré in humorvoller Offenheit, dass man Popel schnäuzen kann, aber auch zu Kugeln kneten und natürlich … essen. Dann geht es aber richtig sachlich weiter, denn tatsächlich sind Popel regelrechte Superhelden im Abwehrmechanismus des menschlichen Körpers. Wie das sein kann und warum es gerade in der heutigen Zeit so wichtig ist, die Niesetikette einzuhalten, erklärt die Illustratorin in knappen eingängigen Texten, vor allem aber in farbenfrohen Bildtafeln. So lustig und trotzdem lehrreich kann ein Sachbuch sein! (Jana Kühn)
Unscheinbar kommt dieser schmale Band daher, sehr hübsch gestaltet, das raue Papier des Einbands liegt gut in der Hand – und unscheinbar beginnt auch der Text, ergeht sich der Icherzähler doch in Erinnerungen an seine Hochzeitsreise Ende der dreißiger Jahre, in denen ein überdimensionierter Schrankkoffer zu skurrilen, harmlos-amüsanten Szenen Anlass bietet.
Scheinbar unverfänglich kommt dieses bunte, im Flattersatz gedruckte Buch daher: Die sechzehnjährige Melody wird mit einem Hausball in die Gesellschaft eingeführt. Sie trägt, wie in ihrer Upper Middle Class-Familie seit Generationen üblich, Korsett, Strumpfhalter und Seidenstrümpfe, darüber ein unbenutztes Kleid, das ihre Mutter Iris eigentlich vor gut 16 Jahren bei ihrem Fest hätte tragen sollen, aber sie war schwanger mit Melody …
Das erste Jugendbuch der preisgekrönten Schriftstellerin und passionierten Reiterin Katharina Hacker! Im Mittelpunkt steht die 13-jährige Iris, sie schottet sich ab, da sie um ihre Mutter trauert, worüber sie mit ihrer ehemals besten Freundin Lisa nicht sprechen kann. Ihr Vater kommt auch nicht klar, aus finanziellen Sorgen müssen sie umziehen, an Reiterferien ist längst nicht mehr zu denken. Und dann hat Iris bei einem Martinsumzug eine einschneidende Begegnung mit einer Schimmelstute. Ganz viel wird passieren, was das Mädchen aus ihrem Kokon löst. Ihre Suche nach dem beeindruckenden Pferd entwickelt sich zu einer aufregenden Roadnovel, die vom Turm ihrer Schule in Berlin bis zu einem Pferdehof auf dem Land in Brandenburg führt. Nicht nur zwei übermütige Hunde, magische Kaninchen und viele Pferde spielen dabei eine Rolle. Einfühlsam schildert die Autorin, wie Iris frühere Freundin Lisa und andere aus der Schule, sogar der Junge Lukas mit viel Kreativität und Engagement ein Netz um sie spannen und sie ganz allmählich wieder Freude und Zutrauen empfinden kann. Das ist spannend und ganz nah an den Gefühlen der Jugendlichen erzählt und nicht nur nebenbei ein toller Pferderoman, der mit so manchem Stereotyp aufräumt! (Stefanie Hetze)
In Die ganze Wahrheit geht es um einen liebenswerten Anti-Helden, der einem im Verlauf der spannenden Geschichte ungemein ans Herz wächst. Mason, 13, sehr groß und kräftig, schwitzt ständig, tut sich schwer in der Schule, wo er von den meisten gehänselt und von manchen bedroht wird. Er wohnt bei Grandma und Onkel in einer Bruchbude zwischen Apfelbäumen, sie leben vom Verkauf des knapper werdenden Lands. Überdies wird Mason mit dem Tod seines einzigen Freundes Benny in Verbindung gebracht. Aber er hat das Herz auf dem rechten Fleck und zum Glück gibt es das stützende schützende Reich der Schulsozialarbeiterin. Bei ihr findet er einen neuen Freund, Calvin, ganz sein Gegenteil, klein, zart und blitzgescheit. Wie Andreas Steinhöfels Rico und Oskar ergänzen die beiden Jungs einander aufs wunderbarste. Trotz ihrer Unterschiede halten sie zusammen und wehren sich gegen die Gemeinheiten der anderen. Die Geschichte nimmt bis zum glücklichen Ende mit leckerem Apfelcrumble ordentlich Fahrt auf, aber das müsst ihr selbst lesen. (Stefanie Hetze)
Zwischen Prosa und Poesie, durch abwechselnde Erzählzeiten, wird die Geschichte des Partisans Jakob Bergant-Berk erzählt. Berk, der Hauptcharakter und Ich-Erzähler, offensichtlich ein Alter-Ego des Autors, beteiligt sich an der Widerstandsbewegung gegen die Unmenschlichkeit der Invasoren. Es sind die Jahre des slowenischen Partisanenkrieges gegen die italienische und deutsche Okkupation, des Widerstandes in den Bergen, dessen Motto lautet: „Es ist sehr wichtig, auf den Hügel zu kommen“. Berk erträgt die harte Disziplin, die schrecklichen Qualen, weil er glaubt, dass nur so menschliche Lebensbedingungen wiederhergestellt werden können. Dreißig Jahre nach dem Kriegsende wird die Erinnerung an dieses tragische Erlebnis durch eine zufällige Begegnung mit einem ehemaligen Wehrmachtsoffizier wiedererweckt.
Die rot-goldenen Flammen auf dem Cover zündeln nicht dekorativ, sie machen klar, in diesem brennend aktuellen Roman gehts wirklich zur Sache. Es hat gebrannt und Saya, eine der drei Kameradinnen, die seit ihren Kindheitstagen in der Siedlung am Rand der Kleinstadt befreundet sind, sitzt als Verdächtige einer islamistischen Tat im Gefängnis. Saya ist die Karrierefrau der drei, während Hani als ausgebeutete Sekretärin jobbt und Kasih, die Erzählerin, ohne Arbeit ist. Kasih versucht zu begreifen, was geschehen ist und holt dabei weit aus in Erinnerungen und Reflexionen. Sie berichtet von der Selbstverständlichkeit eines Alltagsrassismus, dem sie seit jeher ausgesetzt sind und von ihren unterschiedlichen Strategien, sich zu wehren. Wie andere wollen auch sie an ihrem Heimatort ganz einfach mal ihren Spaß haben, gehen in Kneipen, auf Partys, in WG’s, treffen aber selbst in diesen aufgeschlossenen Kreisen auf Vorurteile und Hass. Unnachahmlich zieht uns die Autorin in die Gedankenwelt und Auseinandersetzungen der ausgegrenzten Freundinnen hinein, sie spricht uns direkt an und fordert uns raffiniert heraus, uns mit unseren eigenen Rassismen zu beschäftigen. Wegschauen geht nicht. Selten wirkt ein Roman so nach, erzeugt Empathie und fordert zum Handeln auf. Einfach beeindruckend! (Stefanie Hetze)
Ein Anruf reißt die Bosnierin Sara aus ihrem beschaulichen Dubliner Leben mit Freund und Avocadopflanze, in dem ein Nudist in der Nachbarschaft der Aufreger ist. 12 Jahre war Funkstille zwischen ihnen und nun verlangt ihre Kindheitsfreundin Lejla urplötzlich, dass sie sofort einfliegen müsse, um sie nach Wien zu fahren! Gnadenlos setzt Lejla ihr Lockmittel ein, ihren Bruder Armin, Saras heimliche Liebe, der im Krieg verschwunden war, und für den Saras Vater, serbischer Polizeikommandant damals keinen Finger rührte. Schon sind wir mittendrin in den Verwerfungen, die Nationalismus, Ethnien, Sexismus, Nepotismus … und der Krieg beförderten. Die Traumata dieser Zeit lassen sich, auch wenn Sara es woanders versucht hat, nicht abschütteln. Ohne Rücksicht auf Verluste führt Lejla ihr ihre Narben vor, nimmt Sara seltsame Dunkelheit in den Landschaften wahr. Während die ungleichen Freundinnen durch einen kaputten Balkan hin zu einem steril-sauberen Österreich fahren, tauchen als Coming-Of-Age-Geschichte vielschichtige Erinnerungen an Früher auf, an all die Risse, Schatten und Verletzungen, aber auch an ihr vitales Aufbegehren gegen die Verhältnisse.
Sasha, 25 Jahre jung, ist wieder in Paris. Hier verbrachte sie die Tage ihrer großen Liebe, hier hangelte sie sich von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob, hier war sie schwanger und verlor ihr Kind. Nun soll sie hier – finanziell von einer Freundin großzügig unterstützt und nachdem sie in London ihre Trauer im Alkohol zu ertrinken versucht hatte – wieder neuen Lebensmut fassen. Die junge Frau lässt sich treiben, sucht Bars auf, in denen die Kellner sie möglichst nicht von früher kennen, trinkt weiterhin zu viel, trifft Männer, die sie hin- aber nicht wichtig nimmt. Erinnerungen an die glücklichen Tage wechseln sich ab mit der Erzählung des Jetzt, impressionistisch-assoziativ, in Sätzen so flüchtig wie Flügelschläge von Schmetterlingen, die doch schwer wiegen und voller Zwischentöne sind. Der Bericht einer jungen, unabhängigen, desillusionierten Frau am Abgrund. Große Literatur, erschienen 1939, von einer Autorin, die es unbedingt weiter wieder zu entdecken gilt. (Syme Sigmund)