Erinnerungen. Aus dem Englischen von Ebba D. Drolshagen, edition fünf 2014, 216 S., € 19,90
(Stand März 2021)
Judith Barrington ist 19, als ihre Eltern 1965 bei einem Schiffsunglück ums Leben kommen. Zu jung, um mit dem Verlust bewusst umzugehen, verfällt sie in eine Starre der Trauer und flüchtet kurze Zeit später in einen Sommerjob nach Spanien. Hier ist sie mit 1,80 m Körpergröße und ihren weißblonden Haaren so fremd, dass sie ihre innere Fremdheit äußerlich leben kann. Sie hat Affären mit zahllosen Männern, rast im Cabrio über kurvige Landstraßen und trinkt bis spät in die Nacht mit einer ansonsten ausschließlich männlichen Clique. Sie inszeniert sich als unabhängige Frau und tut alles, um nicht über sich selbst nachzudenken. Wie sie es schließlich schafft, sich ihrer eingenen Verzweiflung und Hilflosigkeit zu stellen und auch ihre Liebe zu Frauen für sich selbst zu akzeptieren, beschreibt Barrington in frischer, humorvoller und durchaus selbstironischer Weise. Dass gleichzeitig das Katalonien der sechziger Jahre ganz lebendig vor unseren Augen wiederersteht ist ein weiteres Plus dieses sehr lesenswerten Buches. (Syme Sigmund)
Leseprobe

Rose Lagercrantz war bisher in Deutschland als Verfasserin wunderbarer von uns geliebter Kinderbücher bekannt. Nun macht es der kleine feine persona verlag möglich, ihre andere Seite als Autorin für Erwachsene kennenzulernen. In “Wenn es einen noch gibt” erzählt Rose Lagercrantz das letzte Lebensjahr ihrer Mutter Ella, die in einem Heim lebt und nichts anderes mehr will, als ihre Tochter täglich, möglichst lange und ununterbrochen zu sehen. Ella ist Auschwitzüberlebende, worüber sie aber gerade mit ihrer Tochter nicht spricht. Das Schweigen hat Tradition in Roses Familie der wenigen Überlebenden, in der Welt Verstreuten. Schon als Kind mußte sie sich so manches zusammenreimen aus Andeutungen, Fotos, ihren eigenen Albträumen. Immer wieder unternimmt sie “Familienreisen” zu ihren Angehörigen, versucht, sie zu befragen. Sie will verstehen, was es bedeutet, “wenn es einen noch gibt”. Und wie in ihren Kinderbüchern schreibt Rose Lagercrantz klar und direkt, nimmt sie ihre Leserinnen und Leser wirklich ernst. Ein Buch, das sehr nachwirkt! (Stefanie Hetze)
Etan ist ein idealistischer Neurochirurg. Liat ist eine ambitionierte Polizistin. Die beiden sind verheiratet und haben zwei Kinder. Als Etan einen Korruptionsfall im Krankenhaus zur Anzeige bringen will, erhält er keine Rückendeckung und wird von Tel Aviv nach Beer Scheva, in die Wüste, versetzt. Während Liat sich gut einlebt, ist Etan nach dem Vorgefallenen labil. Eines Abends nutzt er seinen Jeep zum ersten Mal spontan für eine Wüstentour und überfährt dabei einen afrikanischen Immigranten. Etan erkennt, dass der Mann an seinen Verletzungen sterben wird und begeht Fahrerflucht. Doch er hat etwas am Tatort vergessen, und so steht am nächsten Tag die Frau des Toten vor ihm und erpresst ihn. Doch es geht ihr nicht um Geld, sondern um ärztliche Hilfe für illegale Einwanderer und aus dem Zwang wird nach und nach ein Doppelleben, das Etans Ehe und viele andere Gewissheiten ins Wanken bringt, nicht zuletzt, da seine Frau den Fahrerflucht-Fall zugeteilt bekommt. Die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen hat ein faszinierendes, spannendes und vielschichtiges Buch mit überzeugenden Figuren geschrieben, das uns ganz nah heranführt an moralische Dilemmas und Abgründe, für die es keine einfachen Lösungen geben kann. (Judith Krieg)
Nordfranzösische Provinz, Anfang der neunziger Jahre. Hier wächst Eddy auf, in einer Gesellschaft, die weder von bäuerlicher Tradition noch von städtischer Anonymität und Toleranz geprägt ist. Hier arbeitet man in der Fabrik oder im Supermarkt, die Abende vergehen in der Kneipe oder vor dem Fernseher und wichtig ist vor allem “ein echter Kerl” zu sein. Nur ist Eddy gerade das nicht. Von klein an bewegt er sich feminin, spricht in hoher Stimmlage – und ist damit ständiges Objekt der Scham seiner Eltern und der sadistischen Aggressivität seiner Mitschüler. Wie Eddy es schafft, aus dieser Hölle zu entkommen, beschreibt Louis (der hier in leicht verfremdeter Form seine erst 22 Jahre junge Autobiografie verfasst hat) in erstaunlich distanzierter Weise. Der sachlich-spröde Ton, mit dem er die verstörende Kindheit eines Schwulen erzählt, berührt zutiefst. (Syme Sigmund)
Luis Kindheit und Jugend sind geprägt von den Auseinandersetzungen zwischen seinen Eltern und dem Alkoholismus seines Vaters. Hinter der gutbürgerlichen Fassade der reichen Zahnarztfamilie herrschen Gefühlskälte und Aggressivität, die den Jungen schon mal zum Schlafen in den Keller treiben, da die Angst vor Ratten und Spinnen kleiner ist, als die vor dem Vater. Luis ergreift die erste Möglichkeit diesem Haus zu entfliehen und beginnt, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Doch seine Vergangenheit lässt ihn nicht los, bestimmt seine Ängste, seine instinktiven Reaktionen und die seiner Lebensgefährtinnen. Als er selbst Vater wird, holt Ihn die Last seines früheren Lebens mit aller Wucht ein.
Die israelische Autorin Lizzie Doron schreibt dezidiert von Erfahrungen aus ihrem eigenen Leben. Eindringlich hat sie die Auswirkungen der Shoah auf die Überlebenden und ihre Nachkommen zum Herzstück ihrer Romane gemacht und sich immer wieder mit den Traumata der Vergangenheit auseinandergesetzt. In Who the Fuck Is Kafka erzählt sie von der Gegenwart und einem wunderbaren Projekt, dem Versuch einer Freundschaft im heutigen Israel zwischen einem palästinensischen Journalisten und einer israelischen Schriftstellerin. Er möchte über sie beide einen Film drehen, sie ein Buch schreiben. Unterstützt von diversen enthusiastischen Unterstützerinnen außerhalb Israels bemühen sie sich um gegenseitige Besuche im Zuhause des anderen und um Treffen in den jeweiligen öffentlichen Räumen. Doch die politischen Realitäten in Israel schlagen voll zu. Es kommt zu Missverständnissen, wahnsinnig absurden Situationen und existentieller Bedrohung für ihn. Ein Buch, das unter die Haut geht und als erstes in Deutschland erscheint, wunderbar übersetzt und lektoriert von Mirjam Pressler. (Stefanie Hetze)
Paul, genannt Polo, lebt in prekären Verhältnissen in einer Pariser Vorstadt. Die Mehrheit seiner Mitschüler stammt aus arabischen, afrikanischen und Romafamilien, er aber aus einer weißen, die in den Ferien nirgendwohin fährt, nicht einmal in ein Heimatland. Er bleibt immer zurück, schämt sich als klein, hässlich und ungeliebt. Nachts muss er seinem Vater bei dessen Putzjobs helfen und lernt beim Abstauben die unterschiedlichsten Milieus kennen. Am Liebsten arbeitet er in der Bibliothek, in der er seine Liebe zu Wörtern und Büchern entdeckt. Während sein Vater Demütigungen bei der Arbeit mit zotigen Witzen wegsteckt und die Welt in einfachen Schablonen erklärt, reagiert Polo auf Ausgrenzung und Liebeskummer mit literarischen Anspielungen und schrägen Witzen, über die kaum jemand lacht. Es macht großen Spaß, seine Entwicklung zu verfolgen, da Saphia Azzeddine ihm sprachvirtuos eine große Bandbreite zwischen Jungsphantasien und Identifikation mit Romanfiguren verleiht. Und ganz nebenbei erfährt man eine Menge über Jugendliche in den berüchtigten Banlieus. (Stefanie Hetze)
Jim und Tommy waren Freunde, unzertrennlich wie nur Halbwüchsige es sein können. Jim, der Gymnasiast, wuchs wohlbehütet auf. Tommy hingegen, aus zerrütteten Verhältnissen stammend, vom Jugendamt dem gewalttätigen Vater entrissen und von seinen drei kleineren Geschwistern getrennt, arbeitete in der Sägemühle. Doch das Leben entfernt sie voneinander. Nun treffen sie sich nach über dreißig Jahren wieder. Tommy ist ein erfolgreicher, wohlhabender Geschäftsmann in unglücklicher Ehe, Jim ein Bibliothekar, seit einem Jahr wegen Depressionen krankgeschrieben. Beide sind an ihrem Leben gescheitert. Voller Lakonie, mit einer äußerst packenden, sparsamen Sprache beschreibt Petterson die Geschichte und die Jugendfreudschaft dieser beiden Männer, ihre existentielle Einsamkeit, ihre Wut, ihr ausweglos erscheinendes inneres Unglück, in einer Weise, die den Figuren doch voller Respekt begegnet und den Leser nachdenklich und betroffen zurück lässt. (Syme Sigmund)
Das Einzelkind Maurizio verbringt jeden Sommer in einem sardischen Provinzstädtchen bei den Großeltern. Angefüllt sind diese schier unendlichen Monate von phantasievollen, teils gewagten Spielen mit den beiden Freunden Franco und Giulio, von Geschichten und Ritualen der Erwachsenen. Prägend für Maurizio ist ein großes Zugehörigkeitsgefühl, das nur von gelegentlichen Beeinträchtigungen wie Touristen und dem Schweigen der Alten bei Familiendramen gestört wird. Dann aber passiert es, der Bischof beschließt, eine neue Kirchengemeinde zu gründen, die den Ort spaltet und alle scheinbar intakten Beziehungen komplett in Frage stellt. Mit dem Ritual der Osterprozession L’incontro, sardisch S’incontru, wird der Konflikt auf die Spitze getrieben. Es gibt doch nur eine Piazza und eine Musikkapelle! Michela Murgia, die hier autobiographische Erfahrungen verdichtet, läßt ihre drei zerstrittenen Jungs eine großartige Lösung finden. (Stefanie Hetze)
Leyla, Tänzerin, liebt Frauen, Altay, Arzt, liebt Männer. Sie haben geheiratet, um den Erwartungen ihrer Familien in Aserbaidschan genüge zu tun und leben nun in Berlin. Die chaotische Künstlerin Jonoun verliebt sich hier in Leyla, wird aber von Altay nicht gern gesehen. Als Leyla in ihrer alten Heimat verhaftet wird, machen sich ihre beiden ungleichen Partner gemeinsam auf in den Kaukasus. Eine ungewöhnliche Menage à troi, fesselnd erzählt, Roadmovie, Liebesroman und ein interessanter kritischer Blicke auf die heutige aserbaidschanische Gesellschaft in einem.