Nachwort von Kerstin Grether, Ventil Verlag 2019, 344 S., € 20,-
(Stand März 2021)
Von Édith Piaf bis Beyonce, von Aretha Franklin bis Françoise Cactus, von Lesley Gore bis Annie Lennox, Britta und M.I.A.: Vielen sind dabei, alle sind ikonisch und haben eine Geschichte zu erzählen. Mehrere Journalist*innen, Musiker*innen und Fans haben Beiträge über ihre Lieblingskünstlerinnen der unterschiedlichsten Musikgenres zusammengestellt und ein zärtliches, aufregendes Buch ist entstanden. Eine Musikenzyklopädie der besonderen Art, in der Biografien, Interviews und persönliche Betrachtungen nebeneinander stehen. Respekt und Gleichberechtigung, Frauen-Empowerment und Herausforderungen, Liebe und Sexualität, aber vor allem Musik und ihre unbestreitbare Kraft: Dies alles und noch viel mehr wird in mehr als 100 Texten beschrieben.
Eine interessante, erfreuliche Lektüre, die wie eine ermutigende Zeitreise durch die Pop-Geschichte ist. Nicht nur für Liebhaber*innen! (Giulia Silvestri)

Nordengland, Mitte des 20. Jahrhunderts: »Kleine Leute« führen ihre Existenz in großen Städten. Die Kinder gehen zur Schule, die Erwachsenen gehen arbeiten, manche im Kohlebergwerk, manche in der Fabrik. Der Krieg ist vorbei, alle haben große Träume und dennoch viele Schwierigkeiten, Geld und Hoffnung fehlen meist.
Von Nord-und Ostsee bis nach Bayern stellt die Künstlerin in großflächigen Illustrationen auf je einer Doppelseite unterschiedliche Regionen und Orte mit charakteristischen Wahrzeichen und landschaftlichen Besonderheiten wie das Wattenmeer und die Sächsische Schweiz vor. Viel gibt es auf diesen ausdrucksstarken Bildern ohne Text zu entdecken: jede Menge geografischer Details und eine phänomenale Bandbreite unterschiedlichster Menschen, die sich fortbewegen, arbeiten, ausruhen, feiern, spielen, unterhalten. Zum Immerwiederanschauen und Kopfreisen für alle. (Stefanie Hetze)
In den Zeiten des elektronischen Overkills ist es eine entspannende Wohltat, Bleistift und Feder (!) in die Hand zu nehmen und akribisch Linien zu üben, gleichmäßig Farbe aufzutragen und sich Schritt für Schritt, Ruskin schreibt von einer Stunde täglich über sechs Monate lang, den Basistechniken des Zeichnens zu widmen. Nicht auf Show und Wirkung kommt es ihm an, sondern auf die Wahrnehmung und die Schulung des Auges. Die regelmäßige künstlerische Praxis kann laut Ruskin regelrecht eine „drawing cure“ zur Belebung von Seele und Geist werden. In England seit dem ersten Erscheinen 1857 ein populärer vielaufgelegter Klassiker, lädt die (nach 100 Jahren) neue deutsche Übersetzung in feinster schönster Gestaltung ein, sich den Basistechniken des Zeichnens zu widmen. (Stefanie Hetze)
Die jahrtausendealte Ode eignet sich für stilistische Experimente. Der preisgekrönte Autor des „Kongo“, David van Reybrouck, hat sie für sich entdeckt und wunderbar-konzentrierte Lobeshymnen auf Menschen, Dinge, Momente und Gefühle verfasst. Gewürdigt werden der Mut, das Scheitern, die Brüderlichkeit, Fatma Aydemir, das Wiedersehen, das Trampen, das Nichtfotografieren, der Bierdeckel . . . Allein das Inhaltsverzeichnis feiert das Leben mit all seinen Facetten, umso intensiver und reicher die Lektüre, die durch die extra für jede Ode gezeichnete Bierdeckel und weitere Abbildungen zu einem Gesamtkunstwerk geworden sind. (Stefanie Hetze)
Patience Portefeux ist eine erschöpfte Frau, die sich vorbildlich aufreibt zwischen Job und Familie. Das Leben hat sie nicht mit Samthandschuhen angefasst: Die Eltern, „halbseidene Exoten“, teilen den Verlust der Heimat und kompensierten diesen mit
Anfang der Neunziger – nichts geht mehr in diesem öden Teil Frankreichs. Die Hochöfen sind abgestellt, die Fabriken geschlossen, die Arbeiter entlassen, die Häuschen und Wohnungen der Menschen eng und provisorisch. Unter diesen miesen Bedingungen wachsen Anthony, Hacine und ihre Cliquen heran. Auf keinen Fall wollen sie eine so erbärmliche Existenz wie ihre Eltern führen. Sie wollen was vom Leben, eine schnelle Maschine, Alkohol, Drogen, Sex. Dass sich das alles nicht legal verwirklichen lässt, nehmen sie in Kauf. Anthony hat es ausgerechnet auf Steph abgesehen, die bessergestellte Tochter des Mercedeshändlers, Hacine steigt tief in den Drogenhandel ein. Das kann alles nicht gutgehen. Mathieu, von Haus aus Soziologe, geht in seinem fulminanten Roman fast unaushaltbar nah an seine Protagonisten heran, seine direkte Sprache bringt es auf den Punkt. So sehr man es sich auch wünscht, unter diesen Bedingungen gibt es kein Entrinnen. Ein großer Wurf. (Stefanie Hetze)
Der Neurologe und Autor Oliver Sacks hatte eine ungewöhnliche Passion, die Liebe zu Farnen. Als er den Aushang für ein Treffen der „New Yorker Farngesellschaft“ entdeckt, ist es um ihn geschehen. Er wird Mitglied dieser Vereinigung, in der sich verschrobene Liebhaber*innen dieser Pflanze widmen. Für Sacks ist es einer der wenigen Orte, an dem sich Spezialisten treffen, denen es um die Sache, die Farngewächse, geht, und nicht um Eitelkeiten, Besserwisserei und Karrieren. Sein Glück ist perfekt, als er mit anderen Aficionados aus verschiedenen amerikanischen Farngesellschaften eine Reise in den Süden Mexikos unternimmt, um dort Hunderte von Farnen aufzuspüren, zu erforschen und zu bestaunen. Auch als Laie lässt sich durch seine Beschreibungen die Faszination dieser älteren Menschen nachvollziehen, die klettern, über Flüsse springen und sogar ihr Leben für einen seltenen Farn riskieren. Das steckt an, wie Sacks an sich selbst erfährt, und er erzählt in seinem Tagebuch, was diese naturkundliche Reise mit ihm macht, wie er immer weiter in die Geschichte des Ortes, Oxaca, eintaucht und dabei tiefes Glück erfährt. Und nach der Lektüre habe ich mir den Zimmerfarn zu Hause erstmals richtig angeschaut! (Stefanie Hetze)
Es sind ausschließlich Geschichten von Männern, die in diesen neun Erzählungen die Handlung bestimmen, schwarze Männer, die in einer Gesellschaft leben, in der zum Mannsein gehört, Frauen als Sexualobjekte zu betrachten, in der ein echter Mann keine Schwächen zeigt, in der – so Brinkley -ein vorherrschendes „oft zerstörerisches Bild der Männlichkeit“ besteht. Doch Brinkleys Figuren entsprechen diesem Bild nicht. Auch wenn sie versuchen, ihre Schwächen zu verbergen, sind es gebrochene Gestalten, voller Scheu, Minderwertigkeitsgefühlen und Selbstzweifeln. Ob scheinbar von sich überzeugte junge Studenten, die versuchen, Frauen aufzureißen, ein linkischer Mann mittleren Alters, der die Abende einsam in einer Bar verbringt, oder der ehemalige Frauenschwarm, der ständig seine Wampe einzuziehen versucht – Brinkley stellt die Frage, was es bedeutet, heute ein schwarzer Mann in New York zu sein, und er tut dies mit so großem psychologischem Feingefühl, dass den Lesern die Protagonisten zwar nicht unbedingt immer sympathisch werden, aber doch sehr nahe kommen. Dieser junge Autor, dessen Erzählungen in Sprache und Form überzeugen, kann sich jetzt schon mit Recht einfügen in die Reihe der großen anglo-amerikanischen Kurzgeschichten-Autoren. (Syme Sigmund)