Aus dem Italienischen von Lotta Ortheil, mit einem Nachwort von Hanns-Joseif Ortheil. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung 2017, Erweiterte Neuausgabe 2021, 224 S., € 20,-
(Stand Oktober 2021)
Dieses schmale kleine Koch- und gastrosophische Geschichtsbuch fällt völlig aus dem Rahmen modischer Lifestylekochliteratur. Es ist das unaufdringliche Lebenswerk Alessandra De Respinis, die die venezianischen Cicchetti, das sind winzige Häppchen, die wie ein Gebäude aus verschiedenen Schichten und Aufbauten bestehen, zur Vollendung gebracht hat. Ihr Büchlein, das mit Federzeichnungen, Weinempfehlungen, einem Nachwort von Hanns-Josef Ortheil und nur zwei Fotos geschmückt ist, lädt ein, mit wenig Aufwand feine kleine Happen nachzubauen, Geschmackskombinationen auszuprobieren und sie dann mit anderen zu genießen. (Stefanie Hetze)

Was für ein Buch! Die leidenschaftliche Pädagogin, Leiterin des Marburger Kindheitsmuseums und Sammlerin deutsch-jüdischer Kinderbücher teilt in diesem dicken Hausbuch ihren reichen Erfahrungs- und Wissensschatz. Ganz große Themen wie Ich, Scham oder Lügen kombiniert sie mit scheinbar Nebensächlichem wie Karussell, Murmeln oder Gang und fächert so den unendlichen Kosmos Kindheit zum Immerwiederlesen und Anregenlassen auf. (Stefanie Hetze)
Da möchte man gar nicht mehr aufhören zu Singen, so groß ist die Lust in diesem opulenten, wunderschön illustrierten, großformatiger Band zu stöbern und zu blättern. 166 Volkslieder sind hier versammelt, nach Themen sortiert, mal heiter, mal beschaulich oder feierlich – und auch Lieder zur Weihnachtszeit fehlen nicht. Zu allen Liedern gibt es Noten und Begleitakkorde sowie den Text aller Strophen. Auf der beiliegenden CD erklingt die Begleitung mit klassisch-akustischen Instrumenten, was das Singen bekannter und das Entdecken neuer Lieder für Groß und Klein zu einem wohlklingenden Kinderspiel macht. (Syme Sigmund)
Ein Träumer ist er, ein sensibler Sprachjonglierer und Poet, ein sanftmütiger Pflanzenliebhaber, der sieht und spürt, was anderen entgeht. Seine Cousine weiß das. Aber sonst? Am falschen Ort ist er geboren, zur falschen Zeit. Die Mutter erkennt zu spät, dass „aus Zoli was hätte werden können, aber der Lauf der Welt sieht nicht vor, dass aus so einem was wird“, denn Zoli ist Sohn eines „Halbzigeuners“ und einer saufenden Tagelöhnerin. Das kleine Dorf in Serbien sieht den Stotterer, das Weichei, prügelt die falschen Fragen und Antworten aus dem „Bastard“ heraus, der so beunruhigend anders ist. Beim Militär wird es nicht besser, der Krieg steht ins Haus und Mitleid gibt es nicht, nur Grausamkeit. Zoli verzweifelt, in stummem Widerstand zieht er sich ganz in sich zurück – und geht an der Welt, die ihn umgibt zugrunde. Denn „unter diesem Himmel erschlägt uns das Schicksal“. Erschlagen und verstört bleibt auch der Leser zurück, vom Sog und mitreißenden Rhythmus der poetischen Sprache Abonjis dennoch berückt und betört. (Syme Sigmund)
Mit seinen Freunden Mangos klauen, auf ihrer Straße spielen, sich von der Nachbarin Madame Economopoulos Bücher zu leihen, vom Chauffeur zur Schule gefahren zu werden – so idyllisch könnte es für den Jungen Gaby ewig weitergehen. Doch seine unbeschwerte Kindheit im privilegierten Viertel Bujumburas, der Hauptstadt des kleinen Lands Burundi, erfährt jähe Risse. Die Ehe seiner jungen Eltern, der Vater ein brünetter kleiner Franzose, die Mutter eine große schöne Afrikanerin, scheitert. Seine Mutter zieht aus. Sie, die verfolgt aus Ruanda geflohen ist und deren Familie unter Massakern und Heimatlosigkeit litt, geht zurück und zerbricht. Auch in Gabys Welt ist längst der brutale Bürgerkrieg angekommen, ist gar nichts mehr wie vorher, muss auch er fliehen.
Vernon Subutex hatte jahrelang den angesagten Plattenladen Revolver, in dem er Rock- und Punkfans, Schwätzer, Musiker, Metaller und andere Maniacs versorgte und selbst am Puls der Zeit sowie Frauenschwarm war. Irgendwann um die Jahrtausendwende schlägt die Krise zu, muss Vernon schließen. Steuerfrei verscherbelt er im Netz letzte Devotionalien, bis nichts mehr da ist. In einem Paris, in dem man nur mit von der Familie gekauftem Wohneigentum überleben kann, schmeißt der Gerichtsvollzieher ihn aus seiner Wohnung und muss er ohne Geld und mit Lügengeschichten bei mehr oder wenig guten Bekannten unterschlüpfen. Es sind Leute, meist Frauen, aus der Musik-, Film- und Medienbranche, die mit allen erdenklichen Mitteln Glanz und Aufmerksamkeit wollen und eigentlich schon zu alt sind für all diese Spielchen und Maskeraden. Immer weiter um diese Szene dehnt Virginie Despentes ihr Panorama aus, treten Gescheiterte und Verbitterte aus vielen Schichten auf. Gnadenlos und in einer brillant-direkten Sprache seziert sie wie ein Paukenschlag das heutige Frankreich. (Stefanie Hetze)
Massiré Dansira kommt im Alter von 15 Jahren aus Mali nach Frankreich. Sie folgt einem Ehemann, dem sie in der Hoffnung auf ein besseres Leben und regelmäßige Geldsendungen von ihrer Familie anvertraut wurde. Aber es kommt anders. Das Leben in Frankreich ist fremd und ungewohnt, in vielerlei Hinsicht entbehrlich. Nach dem Tod ihres Mannes zieht sie drei Kinder allein und nach bestem Wissen und Gewissen auf, folgt dabei so gut es geht sowohl den Traditionen ihrer Herkunft als auch den weiterhin unverständlichen Codes der ihr so fremden Welt – und hadert kämpferisch mit beiden. Besonders Aya, das mittlere Kind, bereitet ihr Sorgen. Von Aya kommt Widerstand, Aya hinterfragt, Aya fordert ein Leben als junge Französin. Ma ist die beeindruckende Liebeserklärung einer erwachsenen Tochter an ihre Mutter, trotz oder vielleicht sogar wegen eines Verhältnisses, das nie einfach war. Ein versöhnliches Buch, das einer Mutter den liebevollen Respekt erweist, den sie ihr ganzes Leben hat missen müssen – sowohl seitens der französischen Gesellschaft als auch aus dem unmittelbaren malisch-migrantischen Umfeld. (Jana Kühn)
Edith Wharton, berühmt für ihre Romane, in denen sie die Schattenseiten der New Yorker High Society aufdeckte und anprangerte, verfolgte mit Ethan Frome ein völlig anderes literarisches Ziel. Sie wollte das harte, buchstäblich auf Granit gebaute Leben in den abgelegenen Bergdörfern Neuenglands schildern und wählte dafür eine strenge Form, einen Kurzroman mit einer Rahmenhandlung und einem Zeitsprung, der das Drama ihrer Geschichte in ein kaum aushaltbares, da lebenslang andauerndes, Ausmaß katapultiert.
Der Journalist Niklas Maak und die Künstlerin Leanne Shapton laufen in zwei Tagen durch Manhattan. Ihre Route führt sie auf direktestem Weg von der Süd- zur Nordspitze der Insel, vom Financial District durch Chinatown und Little Italy, über den Centralpark und die Upper Westside bis dorthin, wo Manhattan noch Berge, Wälder und Schluchten hat, wo nur noch Spanisch zu hören ist und man sich in einer lateinamerikanischen Metropole zu sein wähnt. Maak protokolliert, was er sieht, sowohl unscheinbare, beiläufige Details als auch interessante oder kuriose Geschichten von Menschen, die ihnen begegnen und Orten, an denen sie vorbeikommen. Shaptons zunächst fast abstrakt wirkende Aquarelle, die mit dem Text verwoben scheinen und diesen ebenbürtig ergänzen, sind Impressionen ihres Weges, mal das Muster des Straßenpflasters oder eines Gitters, mal ein vergessener Pappkarton oder ein Straßenschild. Den Weg der beiden kann der Leser zudem auf einer beigefügten Karte verfolgen. Ein rundum gelungenes Buch, bei dem sich am Ende aus vielen Fragmenten ein rundes Ganzes ergibt, und dem der wunderschön gestaltete Einband mit Reliefprägung das i-Tüpfelchen verleiht. (Syme Sigmund)
Ein sehr persönliches Buch und auch wieder nicht. Jahrelang ließ Ljudmila Ulitzkaja die Liebes- und Ehebriefe ihrer Großeltern ungelesen in einer Mappe, scheute sie sich, den Geheimnissen ihrer Familie ins Auge zu sehen. Als sie sich endlich überwand und die jahrzehntelange Korrespondenz las, die von inniger Liebe, großem Zerwürfnis und kleinen familiären Ereignissen in wuchtigen Zeiten von Revolution und Totalitarismus zeugt, war die Idee zu ihrem Roman geboren.