Lisa Kränzler: Coming of Karlo

Verbrecher Verlag 2019, 624 S., € 29,-

Kränzler_Lisa_Coming_of_Karlo_Dante_Connection_DantperleSiebzehn zu sein ist schon in sich nicht einfach. Karlo ist cool, beliebt und dennoch von Langeweile besessen. Er hat Freunde, spielt Fußball, Mädchen stehen auf ihn. Und in seiner Teenagerwelt kann er sich viel leisten, sogar beleidigend zu werden, ohne den Preis für sein Verhalten zahlen zu müssen. Dann verletzt er sich beim Fußball spielen, beginnt zu zweifeln, dass sein Vater wirklich sein Vater ist und lernt eine starke, heftige junge Frau kennen. Das alles hat einen enormen Einfluss auf seine Existenz.
Mit rasanter Sprache erzählt Lisa Kränzler eine erbitterte Coming-of-Age-Geschichte, die mal amüsiert, mal wehtut. Camus wird zitiert und Hip-Hop Songtexte werden eingefügt, Anmerkungen stehen wie in einem wissenschaftlichen Text am Seitenfuß, geschwärzte Seiten tauchen plötzlich auf: Beim Lesen fühlt man sich wie auf einer bizarren Achterbahn der Gefühle. „Coming of Karlo“ ist wie ein verzwicktes Spiel, das man trotz geringer Gewinnchancen bis zum Ende spielen will, ein feines Kunstwerk für unabhängige Köpfe. (Giulia Silvestri)

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Saša Stanišić: Herkunft

Luchterhand Literaturverlag 2019, 360 S., € 22,-

Stanisic herkunftDanteConnection_Danteperle Was ist Herkunft, wo komme ich her? Nicht ein Geburtsort, eine Nation oder gar Nationalität. Herkunft – das sind Erinnerungen, Geschichten, Menschen. Die Großeltern, ein Dorf in den bosnischen Bergen, aus dem die Familie stammt, die Jungendfreunde an der ARAL-Tankstelle in der Hochhaussiedlung in Heidelberg, die erste Freundin, die Eltern, die in Deutschland nicht Fuß fassen, die Kindheit in Višegrad. Saša Stanišić flicht ein Netz aus Geschichten von vor und nach der Katastrophe des Krieges, der die Familie in die Fremde zwang und alle frühen Erinnerungsorte mit Gräuelnachrichten überschrieb, verwebt feinfühlig, flirrend, poetisch und doch klarsichtig und voller Witz Erinnerungen und Anekdoten, spricht von Sprache, Emigration, Scham und Ausgrenzung, von Zerrissenheit, Familie und Freundschaft. Kein „Zugehörigkeitskitsch“, sondern Zwischentöne.
Nachdenklich, erfüllt, berührt und auch heiter verfängt man sich und will immer noch mehr. Eine unbedingte Empfehlung! (Syme Sigmund) Leseprobe

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Donnerstag, 9.5.

Prawda-HoppeEuropa verlassen – Lesung

Felicitas Hoppe liest aus ihrem Roman „Prawda: eine amerikanische Reise“

Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe auf Expedition in einem unbekannten Amerika: Zehntausend so komische wie hochpoetische Meilen reist Hoppe von Boston über San Francisco bis Los Angeles und zurück nach New York. Hellwach und hellsichtig begibt sie sich als literarischer Wirbelsturm auf die Spuren von Ilf und Petrow, zweier russischer Schriftsteller, die 80 Jahre vor ihr unterwegs waren und zu Kultfiguren wurden. Ob Hoppe mit ihnen die Ford-Werke und den ersten elektrischen Stuhl besichtigt, nebenbei den Zaun von Tom Sawyer streicht, in einem Tornado verschwindet oder im Auge des Sturms auf Quentin Tarantino persönlich trifft – „Prawda“ (russisch: Wahrheit) lässt die Leser Dinge sehen, wie sie über das unglaublichste Land der Erde noch nie geschrieben wurden: eine literarische Weltentdeckung.

Rahmenveranstaltung der Ausstellung Europa verlassen von  Jana Müller, Felicitas Hoppe und Alexej Meschtschanow.

wann? am Donnerstag, 9. Mai um 19 Uhr
wo? im Ausstellungsraum der IG Metall
Alte Jakobstraße 149, 10969 Berlin

 

Christelle Dabos: Die Spiegelreisende

Band 1: Die Verlobten des Winters, aus dem Französischen von Amelie Thoma, Insel Verlag 2019, 535 S., € 18,-,  ab 12

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Der Fantasy-Roman handelt von der Erde lange nach der heutigen Zeit. Die Erde ist in 21 große und Unmengen kleinere Archen zersplittert. Die Bewohner jeder Arche haben verschiedene Fähigkeiten, welche auf keiner der anderen Archen vertreten sind. Die Hauptperson Ophelia  lebt auf der friedlichen  Anima. Nun soll ihr Leben vollkommen verändert werden. Die Doyennen haben sie mit Thorn, einem Mann vom Pol, verlobt. Der Pol ist eine riesige eisige Arche. Ophelia, die ihre Arche noch nie verlassen hat, soll zukünftig mit ihrem  Mann Thorn auf dem Pol leben. Doch der unterscheidet sich stark von Anima …
Ein sehr spannendes Buch mit überraschenden Wendungen. Sehr gut geschrieben. Auch wird man in die Handlung ohne großen Prolog geworfen, was für mich ein Pluspunkt ist. Ein starker erster Band der Saga! (Konni, 14 Jahre, Schülerpraktikant)

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Benjamin Tienti: Unterwegs mit Kaninchen

Illustrationen von Anke Kuhl, Dressler 2019, 208 S., € 13,-, ab 10 

Tienti_Unterwegs_Danteperle_DanteConnectionAm liebsten verkriecht sich Andrea in einem großen Karton in seinem Kinderzimmer. Und zwar mit seinem besten Freund, einem in die Jahre gekommenen Kaninchen namens Maikel. Viel geredet und gemacht wird da zwar nicht, aber Andrea braucht ohnehin viel Zeit für sich und Rückzugsmöglichkeiten. Als sein alleinerziehender Vater eines Tages Fidaa und ihre Mutter in der geräumigen Familienwohnung einquartiert, ist es allerdings erst einmal vorbei mit der Ruhe. Fidaa, die keine Lust hat, sich als hilfsbedürftiges Flüchtlingskind abstempeln zu lassen, die begeistert Taekwando trainiert und überhaupt das Herz an der richtigen Stelle hat, sorgt für frischen Wind im Zusammenleben. Doch als sie Maikel versehentlich verletzt und dieser womöglich eingeschläfert werden soll, reißt Andrea der Geduldsfaden. Er haut ab, gegen seinen Willen jedoch zusammen mit Fidaa. Was die beiden nun erleben, ist ein mächtig abgedrehtes Anhalter-Road-Movie-Abenteuer von Berlin nach Freiburg! Benjamin Tienti beweist großes erzählerisches Können und viel Gespür für die Gefühlswelten der beiden so verschiedenen Kinder. Ein bisschen stolpernd, aber im Grunde ziemlich geradeaus suchen und finden sie allein ihre Wege und werden am Ende doch noch Freunde. (jk)

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Marisha Pessl: Niemalswelt

Aus dem Amerikanischen von Claudia Feldmann, Carlsen 2019, 384 S., € 18,-, ab 14

Marisha_Pessl_Niemalswelt_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergEs geht um Bee. Nach dem Tod ihres Freundes Jim hat sie sich zurückgezogen und ihre sozialen Kontakte abgebrochen. Ein Jahr später wird sie von vier ihrer alten Freunde zu einem Wochenende in Wincroft eingeladen. Dort angekommen fahren sie alle zu einem Konzert. Da wird natürlich getrunken, weshalb sie auf dem Rückweg nur knapp einem Autounfall entgehen. Zurück in Wincroft klingelt ein alter Mann. Er teilt ihnen mit, der Unfall wäre wirklich passiert und nur einer hätte überlebt. Welcher der Fünf überleben soll, müssten sie selbst abstimmen mit maximal einer Gegenstimme. Bis sie das geschafft haben, müssten sie die gleichen 11,2 Stunden immer wieder erleben. Doch inwiefern unterscheidet sich die Niemalswelt von der normalen und können alle der Niemalswelt widerstehen?
Ein spannendes Buch mit einem unerwarteten Ende. Auch fühlt man mit Bee mit, was das Buch ebenfalls etwas emotional macht. (Konni 14 Jahre, Schülerpraktikant Januar 2019)

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Lorenz Pauli & Kathrin Schärer: Am Sonntag, als das Ei aufging

Atlantis Verlag 2019, 112 S., € 14,95, ab 6

0766_Sonntag als Ei aufging_Cover.inddNach seinem wunderbaren Geburtstagsfest ist der Bär traurig, weil es soo lange dauern wird, bis er wieder  feiern kann. Der Igel geht mit ihm die  nächsten Wochentage, Monate und Jahreszeiten durch, in denen aus seiner Perspektive so viel Aufregendes passieren wird! Wird sich der Bär von der Lebensfreude seines kleinen Freundes anstecken lassen? In drei Geschichten, die wohlgesetzt mit sparsamen Worten und großflächigen Bildern wirkungsvoll in Szene gesetzt sind, verblüfft und unterhält das großartige Duo Pauli-Schärer wieder kleine und große Leser*innen. Ein  Geniestrich. (sh)

 

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Blick ins Buch

Helene Bukowksi: Milchzähne

Blumenbar 2019, 220 S., € 20,-

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In ihrem Debütroman imaginiert die Autorin ein Szenario in unbestimmter Zukunft, das im Kern vielfach Berührungspunkte mit unserer Lebensrealität aufweist.
Ein Mädchen lebt mit ihrer Mutter in einem Haus mit Garten nahe eines Kiefernwaldes. Das Klima ist dem Mensch kein Freund mehr und auch die Gemeinschaft ist von fragwürdigem Rückhalt. Ist die Mutter anfangs noch eine Verbündete, ist das Mädchen mit dem Verlust der Milchzähne plötzlich auf sich gestellt. Die Erklärung dafür bleibt lakonisch („sie sei nun eine von ihnen“) sowie sich auch die immer wieder als feindlich definierte Umgebung und Nachbarschaft nur langsam erschließt. Nur eins ist von Beginn an klar: Anderssein ist in diesen Zeiten kein Überlebensvorteil. In diesem Umfeld entsteht eine Protagonistin und Erzählerin, die sich neben dieser kargen und eingeschränkten Lebenswelt stark auf sich selbst zu besinnen beginnt. Aus der Selbstversorgerin wird eine Selbstdenkerin, die, als sie ein Kind im Wald findet, einen mutigen Entschluss fasst. Das Buch regt zum Denken an und ist aufgrund der atmosphärischen Dichte ein großes Lesevergnügen. (Franziska Kramer) Leseprobe

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Attica Locke: Bluebird, Bluebird

Aus dem Amerikanischen von Susanna Mende, Polar Verlag,  327 S., € 20,-

Locke_Attica_Bluebird,_Bluebird_Danteperle_Dante_ConnectionEin Kaff in der tiefsten Provinz in Texas mit nur einem Café, in das die Schwarzen gehen, und einer Bar für Weiße, dem Treffpunkt der „Aryan Brotherhood of Texas“. Dazu der Highway durch den Ort, der außer dem Café der schwarzen Genoveva komplett einem Weißen gehört. Das ist das Setting, an dem zwei Morde passieren, der erste an einem unbekannten Schwarzen, einem durchreisenden  BMW-Fahrer in städtisch-teuren Klamotten, der zweite an einer jungen weißen Kellnerin, die mit einem Redneck verheiratet war. Der hiesige  Sheriff interessiert sich nur für den Mord an der blonden Weißen. Selbstverständlich ist jeder hier bewaffnet und lässt sich nicht in die eigenen Karten gucken, wie Darren Matthews, der übergeordnete schwarze Gesetzeshüter, ein eigentlich suspendierter Texas Ranger, schnell feststellt.
Was sich aus dieser hochexplosiven Gemengelage und den vielen Erscheinungsformen von Rassismus, von Hass, Angst und Gewalt entwickelt, ist leider erschreckend aktuell. Was diesen Krimi jedoch atemberaubend macht, ist wie die Autorin die Wucht alter und neuer Liebes- und Familiengeschichten mit den sozialen Beziehungen in einem zutiefst rassistischen Land verzahnt. (Stefanie Hetze)

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