Robert Seethaler: Das Feld

Verlag Hanser Berlin 2018, 240 S., € 22,-

SeethalerDas Feld – das ist der alte, verwilderte Friedhof des kleinen Ortes Paulstadt, und von hier aus sprechen die Stimmen, die auf den Seiten dieses Buches zu Wort kommen. Ein alter Mann glaubt, sie hören zu können, er kommt fast täglich, sitzt bei den Gräbern, hört zu. Es sind die Erinnerungen der Toten an das, was in ihrem Leben wichtig war, an erfüllte Momente oder Enttäuschungen, an begangene Fehler, an nie enthüllte Geheimnisse, an Leidenschaften – und immer wieder an die Liebe. Mal ist es eine ganze Geschichte mal das Heraufbeschwören eines einzigen Augenblicks oder eines bestimmten Gefühls. Wie in einem Kaleidoskop treten immer andere Personen in den Vordergrund und doch bilden sie am Ende ein ganzes, das Bild der Bewohner einer kleinen Stadt, wo jeder mit jedem verbunden ist, ein Bild, geformt aus den Stimmen der Toten, das voller Leben ist. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Alessio Torino: Über mir die Sonne

Aus dem Italienischen von Johannes von Vacano, Verlag Hoffmann und Campe 2018, 160 S., € 18,- (Tina, minimumfax 2016, ca. € 20,50)

Alessio TorinoTina ist mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester Bea zum ersten Mal allein in Urlaub, nachdem der Vater die Familie verlassen hat. Träge und heiß sind die Tage im Sommer auf Pantelleria, der Insel vulkanischen Ursprungs zwischen Sizilien und Afrika. Das Mädchen – zwischen Kindheit und Jugend schwebend, noch nach Quallen fischend und kurzhaarig auf Fremde wie ein Junge wirkend – beobachtet die Zufallsgemeinschaft, die sich um das kleine Lokal in der Bucht versammelt hat: der attraktive Wirt Andrè, der Korse Stefano mit seiner französischen Freundin Parì, der alkoholsüchtige Kanadier Charles. Doch die Fröhlichkeit der Erwachsenen täuscht, ihre jeweilige Vergangenheit lässt sich nicht abschütteln, die Spannungen wachsen parallel zur Nervosität wegen der Quallenplage, die ein erfrischendes Bad, und der Intensität des Mistrals, der ein Anlegen der Fähre verhindert. Allen entgeht, dass Tina sich immer mehr verliert zwischen der Sehnsucht nach dem Vater und dem Wunsch, als sie selbst wahrgenommen zu werden. Alessio Torino hat ein veritables Kammerspiel vorgelegt, voller Leerstellen und Andeutungen, ohne ein Wort zu viel, ist es dem Leser überlassen, die Hintergründe zu interpretieren. Eine empfehlenswerte Sommerlektüre voller Abgründe. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen

Hanser 2018, 352 S., € 23,-

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Eine Ölplattform im Atlantik, ein Sturm tobt. Als Wenzels Freund Mátyás spurlos verschwindet, wahrscheinlich ins Meer gespült, reist er nach Ungarn, um der Familie dessen Habseligkeiten zu überbringen. Doch es treibt ihn weiter, die Anrufe seines Arbeitgebers ignoriert er, seine Arbeitskleidung lässt er in der Wüste zurück, fährt nach Malta und dann durch Italien Richtung Norden. Je weiter er kommt, desto weniger weiß er wohin, wird die innere Leere fast unerträglich groß. Er sucht Halt in Erinnerungen an seine Kindheit in einer Zechensiedlung im Ruhrgebiet, an die mit Mátyás verbrachten Jahre und an seine große Liebe Milena, die seine ständigen Abwesenheiten nicht ertrug und ihn verließ. Kampmann erzählt von der Einsamkeit des modernen Menschen, vom Versuch, aus einem Leben für die Arbeit zurückzufinden ins eigene Leben. Ihre von Sinneseindrücken pralle und doch fließende Sprache nimmt gefangen, ist voller Bilder bei denen man innehält, die man auf sich wirken lassen muss, poetisch, mit großem Sog. Ein Buch, das einen nicht loslässt und welches man doch oft sinken lässt, um einzelnen Stimmungen nachzuspüren. Ein beeindruckendes Erstlingswerk. (Syme Sigmund)

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Esther Kinsky: Hain

Suhrkamp Verlag 2018, 287 S., € 24,-

Kinsky_Esther_Hain_Buchhandlung_Dante_Connection_DanteperleEine Frau fährt wenige Monate nach dem Tod ihres Gefährten nach Italien in einen kleinen abgelegenen Ort in der Nähe Roms. Es ist Winter, kalt und leer. In langen Erkundungsgängen schaut sich die Erzählerin das genau an, was sie vorfindet: das Dorf, die Gassen, die wenigen Menschen, die Hügel, den Friedhof. Immer weiter vertieft sie sich in das sie umgebende Gelände.  Erinnerungen werden wach an zahlreiche Italienreisen mit dem auch verstorbenen Vater, einem leidenschaftlichen Kenner der etruskischen Kultur, Liebhaber italienischer Mosaiken und Landschaften. Viel seines detaillierten Wissens hatte er an seine Tochter weitergegeben.  Immer weiter dehnt die Autorin ihren Radius aus, unternimmt Ausflüge, streift einige Zeit durch die vom Wasser bestimmte, sich ständig verändernde Lagunenlandschaft des Podeltas und fächert so ein Italien fern der Klischees auf. Natürlich ist es ein Buch der Trauer angesichts des Verlusts, aber dank Esther Kinskys präzisem Blick und ihrer ungemein reichen Sprache eine außerordentliche Leseerfahrung und nicht zuletzt ein wunderbares Buch über ein Italien, wie es wirklich ist. Hain hat den Preis der Leipziger Buchmesse 2018 erhalten!!  (Stefanie Hetze)

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Arno Geiger: Unter der Drachenwand

Hanser Verlag 2018, 480 S., € 26,-

Geiger Drachenwand_Danteperle_DanteConnectionSchützend und gleichzeitig bedrohlich überragt die Drachenwand – eine hohe Felsflanke – den kleinen Ort Mondsee in den österreichischen Alpen. Hierher kommt Veit – ein junger Mann Anfang zwanzig – nachdem er 1944 in Russland  verwundet wurde. Und hier – in der Abgeschiedenheit, unter alten Nazis, die ihm übelnehmen, dass er nicht an der Front ist, in der Freundschaft mit dem „Brasilianer“, den seine Aufrichtigkeit immer wieder in Schwierigkeiten bringt, und vor allem in der Liebe zu Margot – wird ihm klar, dass er es schaffen muss zu überleben und dass der Krieg, in den er als Schüler hineingestolpert ist, nur Unheil bringt.  Arno Geiger hat einen beeindruckenden Antikriegsroman geschrieben, in dem die Atmosphäre im Land kurz vor Kriegsende lebendig wird und in dem das Grauen – neben Veit kommen über Briefe auch Margots Mutter aus dem bombenzerstörten Darmstadt und der jüdische Zahntechniker Oskar Meyer zu Wort – aber auch die Hoffnung in all ihren Facetten greifbar sind. (Syme Sigmund)

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Katherine Rundell: Feo und die Wölfe

Aus dem Englischen von Henning Ahrens, Carlsen Verlag 2017, 240 S., € 14,99, ab 11

Rundell_Feo und die Wölfe_DanteConnection_DanteperleRussland zur Zeit des Zaren. Feo und ihre Mutter sind Wildwolfer. Sie kümmern sich um Wölfe, die als Welpen zum Vergnügen der Adligen dienten und – einmal ausgewachsen – nicht mehr zum Schmusetier taugen, lehren die Tiere, wieder in der Wildnis zurecht zu kommen. Feo ist mit den Wölfen aufgewachsen, sie sind ihre einzigen Kameraden und sie liebt sie von ganzem Herzen, auch wenn – oder gerade weil – sie keine Schoßhunde sind. Feo weiß jede ihrer Regungen zu verstehen und die Tiere akzeptieren sie als ihresgleichen. Als einer ihrer Wölfe angeblich einen Elch des Zaren reißt, wird der grausame General Rakow auf sie aufmerksam, brennt ihre Hütte nieder und verhaftet ihre Mutter. Im tiefsten Winter macht Feo sich durch Schnee und Eis zusammen mit den Wölfen und dem Jungen Ilja auf, ihre Mutter zu befreien. Zum Glück finden sie unterwegs Freunde, die ihnen helfen. Die Kinder hecken einen fantastischen Plan aus, um das Gefängnis zu stürmen und das Land von dem tyrannischen General und seinen Schergen zu befreien. Dass die Wölfe dabei eine nicht ganz unwichtige Rolle spielen, versteht sich von selbst. (Syme Sigmund)
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Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch

Carlsen Verlag 2017. Mit Bildern von Peter Schössow, 272 S., ab 10 zum Selberlesen, € 14,99

Steinhöfel_Rico Oskar und das Vomhimmelhoch_Danteperle Dante ConnectionBei heftigstem Schneesturm schlittern Rico und Oskar am 24.12. zu Karstadt, um im letzten Moment Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Rico kauft etwas für das Baby, das noch im Bauch seiner Mutter schwimmt und Oskar heimlich Damenunterwäsche. Was ist denn mit Oskar  los, der seinem Freund alles Mögliche verschweigt und dessen Keller mit einer Wolldecke zugehängt ist? Aber auch Rico geht schon seit dem Sommer eigene Wege und hat eine Clique neuer Freundinnen und Freunde aufgetan, die sich in einem verlassenen Hinterhof in der Urbanstraße (schön wär’s!) treffen. Was alles passiert, wird hier nicht verraten. Andreas Steinhöfel hat wieder gezaubert und eine tolle Freundschaftsgeschichte voll des prallen Kinderlebens in Berlin-Kreuzberg in seinem unnachahmlichen Sound geschaffen. Peter Schössows liebevoll-feine Illustrationen setzen dann noch eins drauf. (Stefanie Hetze)

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Elvira Dones: Hana

Aus dem Italienischen von Adrian Giacomelli. Mit einem Nachwort von Ismail Kadare. Ink Press 2016, 252 S., € 19,00

(Vergine giurata, Feltrinelli 2016, €13,50)

 

In den Bergen im Norden Albaniens herrscht auch in kommunistischen Zeiten eine archaische Welt, in der die Geschlechterrollen fest zementiert sind. Für Frauen gibt es gar keinen Bewegungsraum. Nur wenn sie Jungfrau sind und ganz ihrem Geschlecht entsagen, können sie übertreten und als Mann lebend männliche Rechte erwerben. So bestimmt es das Gewohnheitsrecht Kanun.

Um für ihren schwerkranken Onkel Medikamente aus der Stadt besorgen zu können und einer Verheiratung zu entgehen, bleibt der jungen Hana keine andere Wahl, als einen Schwur abzuleisten und äußerlich zu einem Mann zu werden. Blitzschnell verwandelt sie sich in den fluchenden, trinkenden LKW-Fahrer Mark, der sich vor allem und jedem abschottet. Die literatur- und männerliebende Hana bleibt tief in ihrem Inneren verborgen. Erst viele Jahre später kann Mark über den Umweg des amerikanischen Exils versuchen, wieder zu Hana zu werden, das bedeutet zu einem begehrenden und begehrten komplexen Menschen. Das gestaltet sich alles andere als leicht. Um so erstaunlicher, wie mühelos und bravourös die Autorin diesen Prozess mit ihrem im Original auf Italienisch geschriebenen Roman beschreibt. Ein großes Lesevergnügen, das sehr zum Nachdenken über Gender anregt. (Stefanie Hetze)

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Yewande Omotoso: Die Frau nebenan

Aus dem Englischen von Susanne Hornfeck, List 2017, 272 S., € 18,00

Yewande_Omotoso_Die_Frau_nebenan_Dante_Connection_Buchhandlung_DanteperleKapstadt, Südafrika – die achtzigjährigen Nachbarinnen Hortensia und Marion sind erbitterte Feindinnen, die einander in den Eigentümerversammlungen ihrer exklusiven Wohnanlage auf hohem Niveau und mit allen Raffinessen bekriegen. Beide Frauen waren beruflich außerordentlich erfolgreich und mit ebensolchen Männern verheiratet. Doch ist ihr Machtkampf keiner zweier Gleicher. Hortensia ist die einzige schwarze Villenbesitzerin in diesem Reichenvorort und hat als Trumpf immer den Rassismusvorwurf in petto. Doch weiß Marion genau, wie sie die andere treffen kann. So unterbreitet sie ihrer Feindin genüsslich das Ansinnen von Nachfahren ehemaliger Bewohner des Lands, ausgerechnet auf Hortensias Grundstück bestattet werden zu wollen und damit in deren Autonomie einzugreifen.

Je weiter sich das Nachbarinnendrama hochschaukelt, zerlegt Yewande Omotoso mit viel Fingerspitzengefühl und charmanter Ironie die vielschichtigen Folgen von Kolonialismus und Apartheid, aber auch von den gescheiterten Lebensentwürfen ihrer toughen Protagonistinnen. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Mohamed Amjahid: Allein unter Weißen

Hanser Berlin 2017, 192 S., € 16,00

HB Amjahid Unter Weissen_MR.inddMohamed Amjahid erzählt von der auch persönlichen Erfahrung als Nicht-Weißer in einer Gesellschaft dazu zu gehören und dennoch außen vor zu bleiben. In Deutschland geboren und aufgewachsen, geht er im Alter von sieben Jahren mit seiner Familie nach Marokko. Für seine Eltern eine Rückkehr nach enttäuschenden, zähen Gastarbeiter-Jahren, für ihn ein Start in einem fremden Land. Zum Studium kehrt er nach Deutschland zurück und arbeitet alsbald als ausgezeichneter Journalist für renommierte Zeitungen. Mohamed Amjahid kennt so extreme Situationen der Wertschätzung wie der Diskriminierung – beides oft nah beieinander. In klaren Ansagen thematisiert er versteckten, aber alltäglichen Rassismus und führt der weißen Mehrheitsbevölkerung vor Augen, was es heißt privilegiert zu sein. Das gelingt ihm bei aller hartnäckigen Analyse gänzlich ohne Verbitterung, dafür mit einem offenen Blick nach vorn. „Unter Weißen“ ist ein höchst aktuelles, überaus wichtiges Buch. Es liest sich sowohl als Aufforderung zum kritischen Blick in den Spiegel als auch zum zugewandten Gespräch. (Jana Kühn) Leseprobe Das bestelle ich!

Mohamed Amjahid liest im Rahmen der 19. Langen Buchnacht am 20. Mai um 21 Uhr in unserer Buchhandlung.