Aus dem Englischen übersetzt von Isabel Bogdan, Hanser 2016, 272 S., € 21,90, TB dtv 2017, € 10,90
(Stand April 2021)
Am Anfang steht ein Antrag: Edward Feathers, erfolgreicher Richter der Krone in Hongkong, bittet Elizabeth, Betty, um ihre Hand und sie nimmt an. Doch kaum hat sie diese Entscheidung getroffen, tritt der zweite wichtige Mann ihres Lebens auf, Terry Veneering, der auch vor Gericht Erzrivale ihres zukünftigen Mannes ist. Veneering wird ihre große Liebe, sie entwickelt auch eine besondere Beziehung zu seinem Sohn Harry, doch wird sie diese Liebe nie leben und Edward nie verlassen. Gemeinsam erleben sie schließlich auch den Niedergang der Welt, wie sie sie kannten, das British Empire im Fernen Osten, die beiden Welten die sie als „Raj Waisen“ auf zerrissene Weise in sich vereinen: Eddie Feathers ist als Kind in Malaysia aufgewachsen, Betty in China. Der Roman verwebt Lebens- und Liebesgeschichten auf verschiedenen Zeitebenen, von der Jugend bis zum Alter, spannt ein buntes Panorama an Figuren und Szenarien in England und Asien auf, erzählt von tiefen Enttäuschungen, von Menschen, die dennoch Halt finden und dies auf eine leichtfüßige Weise, mit viel Witz und einem scharfen Blick für die Stärken und Schwächen, die Vielschichtigkeit der Figuren, die nie ganz das sind, was sie scheinen. „Eine treue Frau“ bezieht sich auf den Vorläufer „Ein untadeliger Mann“, kann jedoch auch unabhängig davon gelesen werden. Welchen der beiden Romane man auch zuerst liest, man möchte seine Figuren nicht mehr missen und wird sicherlich zum zweiten greifen und sich auf die Übersetzung des letzten Bandes der Trilogie freuen. (Judith Krieg) Leseprobe

Andrej Stasiuk zieht es nach Osten, in die südöstliche Provinz Polens, in die Karpaten, nach Russland und schließlich bis in die Mongolei und das angrenzende Gebiet Chinas. Er sucht nach den Spuren der Geschichte, lässt sich aber auch leiten vom Klang der Orte, von der Sehnsucht nach Plätzen, in denen die Stille groß ist und weltbewegende Ereignisse sich unter abblätternder Farbe nur noch erahnen lassen. Er schläft auf Berggipfeln und in Jurten oder im einzigen Hotel vor Ort. Oft sind die Städte, in die er gerät, aus der Zeit gefallen und leer, doch sein Blick findet das Bemerkenswerte auch da, wo man es nicht erahnt. Niemand kann so sensibel, und poetisch über Zerfall und Verlorenheit schreiben wie Stasiuk. Man folgt ihm fasziniert ins Niemandsland und kehrt beglückt zurück. (Syme Sigmund)
The Big O ist das Ende des Pistolenlaufs einer 44er Magnum. Rossis 44er und die will er zurück von seiner Ex Karen, genauso wie seine Ducati. Beide hat sie verwahrt, wärend Rossi die letzten fünf Jahre im Knast saß. Nun ja, benutzt hat sie sie schon auch – bei gelegentlichen Raubüberfällen. Bei einem Coup lernt sie Ray kennen, der ebenfalls einen kriminellen Nebenverdienst betreibt. Sein nächster Auftrag ist die Entführung der Ex-Frau des finanziell fast ruinierten Schönheitschirurgen Frank. Lösegeldsumme: 500.000 Dollar. Das könnte sein Rettung sein. Die Ex-Frau Madge ist allerdings Karens beste Freundin, und Karens offizieller Arbeitsplatz befindet sich im Vorzimmer von Franks Praxis. Alles klar? Irgendwann in diesem fulminanten Kriminalroman sagt Ray zu Karen, dass das jetzt alles schon ziemlich unwahrscheinlich ist … o ja! Aber es macht fantastischen Spaß, denn alle wollen die 500 Riesen und mit welchen Winkelzügen, wahnwitzigen Wendungen und erzählerischen Kniffen Burke seine Protagonisten auf die Jagd schickt, ist großes Kino – oder eben Screwball Noir! (Jana Kühn)
Die Autorin Deborah Feldman entstammt einer orthodoxen Familie, die einer starren chassidischen Sekte in Williamsburg, Brooklyn, angehört und insbesondere das Leben ihrer Mädchen und Frauen streng eintaktet und massregelt. Selbst in der Privatschule muss Jiddisch gesprochen werden, Frauen, die sich ihre langen Röcke mit Nadeln (!) an den Beinen feststecken, werden als Vorbild hochgehalten, tabu sind Bücher & alles, was Jugendlichen Spaß macht. Und doch gibt es in dieser geschlossenen reglementierten Welt zumindest für das Mädchen Devoiri kleinste Schlupflöcher, die sie mit ganzer Energie zu nutzen weiss. Sie ist, absolut ungewöhnlich, ein Einzelkind und lebt bei den Großeltern. Ihre Großmutter, deren gesamte eigenen Familie in den Konzentrationslagern ermordet wurde, überlässt sie mental sich selbst, erzählt ihr aber immerhin von einem früheren nicht-orthodoxen Leben in Ungarn und singt sogar manchmal die alten Lieder. Das ist das Schöne an dieser autobiograhischen Erzählung, Deborah Feldman schreibt trotz aller Kritik am Fundamentalismus differenziert von Menschen mit ihren vielen Facetten, auf die sie sich bis zu einem bestimmten Punkt einlassen musste/wollte (?). Das hat ihre persönliche Befreiung sicher nicht gerade erleichtert, macht die Leküre aber umso lohnenswerter und spannender. (Stefanie Hetze)
Eine Entdeckung! Lucia Berlins in kleinen Auflagen erschienene Erzählungen waren in den USA aus dem Bewusstsein der litterarischen Öffentlichkeit verschwunden, sind nun triumphal wiederentdeckt und toll übersetzt. Im Prinzip erzählt die Autorin in den Stories ihr von krassen Gegensätzen geprägtes Leben, von desaströsen familären Beziehungen, Alkoholismus, Armut, Missbrauch, aber auch von Vitalität, Wiederaufstehen, der Kraft des Humors. Ihre Protagonistinnen sind wie sie Einzelkämpferinnen, alleinerziehende Mütter, die sich als Krankenschwestern, Lehrerinnen, Putzfrauen in den USA und Lateinamerika durchschlagen. Waschsalons, Notaufnahmen, Schnapsläden, der öffentliche Nahverkehr bilden die Settings für ihre Außenseitergeschichten. Was sie aber auszeichnet, ist ihre unmittelbare Sprache, die tiefen Verletztheiten ihrer Figuren nachspürt, dabei jedoch immer das Absurde, Unerwartete aufscheinen läßt. (Stefanie Hetze)
Südafrika 1953, Emmanuel Cooper, der mit der Geliebten seines Chefs im Bett liegt, wird nachts zu einem unerquicklichen Einsatz beordert. Fernab der Stadt wurde ein schönes Zulumädchen, Tochter des mächtigen ansässigen Chiefs, im Gebirge nur mit langem Fußmarsch erreichbar, blumenbeschmückt und auf einer kostbaren Decke liegend, ermordet aufgefunden. Rätsel über Rätsel tun sich in diesem “Tal des Schweigens” auf. Die Zuluclans samt ihren Kriegern, die weißen Farmer, die sich als Afrikaaner und Buren befeinden, die Ärztin, die örtliche Polizei, sie alle mauern und sind Teil des starren absurden Apartheitssystems. Selbst Cooper, Repräsentant der mächtigen weißen Polizei, aber auch nicht “reinrassig”, und sein Assistent Shabalala, ein Zulu im Maßanzug, die sich bestens verstehen, müssen jede ihrer Handlungen an den schizophrenen Regeln des Regimes austarieren. Direkt nachvollziehbar zu machen, wie sich die Apartheit auf die minimalsten menschlichen Beziehungen auswirkte, ist neben dem sehr spannenden Plot Malla Nunns großer Verdienst. (Stefanie Hetze)
Bis zu ihrem 14. Lebensjahr hat Luna Al-Mousli in einer liberalen bürgerlichen Großfamilie in Damaskus gelebt. Das quirlige Familienleben, der Pool im jasminduftenden Garten, die Soldaten vor der nahegelegenen amerikanischen Botschaft und der strenge Schulalltag bildeten ihre Koordinaten. In vierundvierzig Prosaminiaturen wird ein ganzer Kosmos eines Kindheitslebens aufgetan. Neben unbeschwerten Erinnerungen an wichtige Momente und Rituale erzählt Al-Mousli von Einschüchterung und Unterdrückung. Mit wenigen Worten erzeugt sie Bilder von einem Leben in Damaskus, das es nicht mehr gibt. Die zweite Komponente des Buches sind verblichen wirkende Ausschnitte von Familienfotos, die das Fragmentarische von Erinnerungen thematisieren. “Eine Träne. Ein Lächeln” ist ganz besonders gestaltet: handschmeichlerisch klein, die rotunterlegten Doppelseiten lassen sich herausziehen, dazu die arabische Version. Ein Kleinod, das das, was in Syrien verlorengegangen ist, sehr persönlich macht. (Stefanie Hetze)
Rumänien 1991. Emma ist dreizehn und lebt, seit ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind, im Internat. Eines Tages erscheint eine Frau, die behauptet, ihre Großmutter zu sein. Emma zieht zu ihr, doch in der Schule wird sie gemobbt, denn ihre Großmutter und der verstorbene Großvater sollen als Spitzel aktiv gewesen sein. Mit Mut und Durchhaltevermögen behauptet sich Emma, erfährt Liebe und Freundschaft, wo sie es nicht erwartet, und nach und nach kommt die Wahrheit über ihre Familie und das ganze Städtchen ans Licht, in dem keiner frei von Schuld ist. In dichter, magisch-düsterer Prosa erzählt Dragomán vom Erwachsenwerden eines Mädchens in finsteren Zeiten, beklemmend, verstörend, fesselnd – und unbedingt lesenswert. (Syme Sigmund)
Die Entscheidung, Großbritannien, sein Heimatland, schwimmend zu erkunden und vom Wasser aus neu zu vermessen, erzeugt beim Autor Roger Deakin große Gefühlswellen. Tatsächlich realisiert er sein Vorhaben und durchschwimmt eiskalte englische Flüsse, Gräben, Tümpel, Meeresbuchten, Wildwasser, Küstenstreifen, Quellen und begegnet dabei nicht nur Fischen aller Art, Ottern, Teichhühnern, Anglern, Müll und vielem vielem Mehr. Mit seinem “Logbuch” toppt er jedwede skurrilen britischen Reiseberichte und plädiert nebenbei für die Freigabe von Gewässern.
Essen und vor allem das leidenschatliche Diskutieren darüber prägen in Italien Alltag, Kultur und Kommunikation. Von den vielfältigen Facetten und regionalen Besonderheiten der Küche Italiens schreibt die Autorin kenntnisreich, sie nimmt uns mit auf eine Reise durch das ganze Land, erzählt Geschichten vom Essen, das sich längst nicht nur auf den Kalender, die Demokratie, den Eros und das Glücksgefühl auswirkt. Eine außergewöhnliche Kulturgeschichte, dazu angereichert mit stimmungsvollen SW-Fotos. (Stefanie Hetze)