Suhrkamp Verlag 2020, 284 S., € 22,-, TB Oktober 2021, € 12,-
(Stand Oktober 2021)

Eine junge Frau geht kehrt zurück an den Ort, an dem sie aufgewachsen ist, als ihre Kindheitsfreunde heiraten. Es ist kein cooler, lebendiger Ort, dort glänzt nur das Metall der Fabriken und der Eisenbahn. Viele Erinnerungen, wie sie ihre Kindheit dort verbrachte und was mit ihren Eltern (der Vater Fabrikarbeiter, die Mutter Migrantin) alles war, kommen hoch. Es tut weh und macht wütend, sich damit zu konfrontieren. Und doch geht die Autorin weiter und erzählt von ihrem Weg durchs Bildungsversprechen. Der mühsame Aufstieg in der Gesellschaft sowie der alltägliche Rassismus bilden den Kern dieses atemberaubenden Debüts.
Erzählt wird die Geschichte der namenlosen Protagonistin direkt, ernst und schmucklos, was es noch kraftvoller macht. Es gibt in diesem Roman keinen Platz für Ironie oder stilistische Spiele. Er ist für alle, die seit den Büchern von Didier Eribon und Annie Ernaux auf ähnliche Titel warten. Genug wird es davon vielleicht nie geben, hier ist nun eine wunderbar erzählte Lebensgeschichte, die vielen von uns eine Stimme gibt. (Giulia Silvestri) Leseprobe

Alle Leser*innen kennen es: Ein Buch beginnt und das erste Kapitel ist einfach unglaublich. Man könnte meinen, das Buch ist schon allein der ersten Seiten wegen lesenswert. Dann liest man weiter und der Text bleibt spannend, die Sprache einzigartig, die erzählten Ereignisse mal brutal, mal lustig, mal tragisch, der Ton mal zärtlich, mal roh und immer sehr ernst.
Keiner weiß, was passiert ist auf der Klassenfahrt der 10 b. In Sankt … – na Sankt irgendwas, da waren sie wohl, es findet ein dringlicher verpflichtender Elternabend statt, alles andere ist Spekulation.
„Dies ist die Lebensgeschichte von Cudjo Lewis, von ihm selbst erzählt.“ So führt die Autorin ihr erschütterndes Zeitdokument ein. Cudjo Lewis, eigentlich Oluale Kossola, wurde 1860 mit dem letzten Sklavenschiff vom heutigen Benin nach Nordamerika deportiert. Als Zora Neale Hurston ihn 1927 in Alabama besucht und befragt, ist er weit über 80 und damit der letzte bekannte Überlebende des Sklavenhandels.
Harlem in den 1940er Jahren, in der windumtosten 116th Street schaut sich Lutie Johnson in einem heruntergekommenen Haus, in dem Schwarze wohnen dürfen, eine überteuerte Wohnung an. Wie in einem Noir lässt das nichts Gutes ahnen. Lutie ist eine junge Frau, die etwas ganz Durchschnittliches will, einfach ein anständiges zufriedenes Leben führen. Dafür ist sie bereit, große Kompromisse einzugehen. So hat sie lange weit entfernt von New York, ihrem Mann und ihrem Kind als Hausangestellte bei einer Weißen gelebt. Das hat ihre Ehe nicht verkraftet und nun ist sie bereit, für sich und ihren Sohn zu kämpfen, koste es, was es wolle – typisch amerikanisch eben. Doch ist sie nicht nur eine Frau, die alle Formen des Sexismus erfährt, die rassistische Gesellschaft torpediert all ihre Anstrengungen, die Situation für sich und ihren Sohn zu verbessern. Minutiös und ergreifend schildert die Autorin in ihrem Debüt, das 1946 riesiges Aufsehen in den USA erregte, wie sich die verschiedenen Formen der Ausgrenzungen miteinander verzahnen, wie letztendlich alle Bewohner*innen dieser Straße ihrem sozialen Status nicht entkommen können, so sehr man vor allem Lutie einen Ausweg wünschte. Das hat leider nicht an Aktualität verloren. Dieser berührende Roman brennt sich richtig in einem ein. (Stefanie Hetze)
Younes, 17, hat sich einen Panzer zugelegt, nichts lässt er an sich ran, keiner legt sich mit ihm an. Dabei ist er immer korrekt, freundlich, will keine Angriffsfläche bieten, denn die bietet seine Mutter Shahira schon zur Genüge. Alleinerziehend, freizügig und selbstbewusst, von den Männern begehrt und umgarnt, von den Frauen gehasst, ist sie stete Provokation in der traditionellen kurdisch-irakischen Community irgendwo im Ruhrgebiet.
Ähnlich dem Tor zur Unterwelt ist auch der Eingang in den Torre de Torres von einem Kerberus bewacht. Doch mehrere Hundert Damnificados lassen sich davon nicht schrecken. Sie haben nichts zu verlieren, denn vor ihnen liegt die Möglichkeit eines Zuhauses. Ihr Anführer Nacho Morales bewegt sich seit seiner Kindheit mühsam auf zwei Krücken, doch sein Geist ist rege, seine Netzwerke weit verzweigt und so findet er stets eine Lösung. Der leerstehende Turm wird bezogen, Wohnungen improvisiert, Strom- und Wasserleitungen angezapft. Bald gibt es auf den über fünfzig Etagen eine Bäckerei, einen Friseur, sogar Schulen. Trotz aller Not leitet Nacho seine Damnificados zu einem auf Absprachen beruhenden Zusammenleben an. Nichts anderes als eine Utopie – sicher ist sie nicht. Der Turm der Türme ist eine Arche, doch er erinnert auch an Babel, wenn seine Bewohner unter anderem Arabisch, Deutsch, Italienisch und Spanisch sprechen. Und es gibt sogar ein reales Vorbild für den Turm: der Torre de David in Caracas. Auch dieser Bau wurde über Jahre von Obdachlosen besetzt – doch für Wilson ist dies nur der Ausgangspunkt. Mit viel magischem Realismus fühlt man sich beim Lesen in die Elendsviertel, Slums, Favelas oder wie auch immer sie rund um die Welt genannt werden versetzt. Armut ist global und zeichnet sich egal wo auch immer durch ähnliche Szenarien aus. Wilsons eigene Biographie liest sich wie eine Weltreise und erklärt vielleicht seine so waghalsigen wie stimmigen polyglotten Anleihen bei den Mythen dieser Welt, die in einem Roman zusammengeführt werden, wie Sie ihn noch nicht gelesen haben werden. (Jana Kühn)
Eine Frau unbestimmten Alters lebt allein in einem hohlen Baobabbaum im Veld, dem Plateau im Inland Südafrikas. Die in der Nähe lebenden „Kleinen Menschen“ – wahrscheinlich Mitglieder des San-Volks, die sich durch eine recht helle Hautfarbe und eine geringe Körpergröße auszeichnen- meiden sie, versorgen sie jedoch auch mit Lebensmitteln. Wie aus der Zeit gefallen versucht sie sich und die Zeit zu fassen, kreist um ihren Aufenthaltsort, ihre Seele, verliert sich in Träumen und im Schlaf. In Episoden, welche die chronologische Zeit aufheben, erzählt sie uns ihr Leben. Als Kind mit Gewalt aus ihrem Dorf entführt, als Sklavin verkauft, hat sie unter drei „Herren“ gelebt, die sie alle auch als Sexualobjekt missbrauchten und ihre Kinder früh weiterverkauften, bis ein „Fremder“ sie als Geliebte mitnimmt auf eine aussichtslose Expedition ins Inland, auf der Suche nach einer nie erreichten mythischen Stadt, und sie allein zurückbleibt.
Abbas Khider führt diesmal wieder in sein Geburtsland, den Irak und in die Zeit des Wirtschaftsembargos. Familie Hussein verlässt den besonders gebeutelten Süden des Landes und versucht in Bagdad einen Neuanfang aus dem Nichts. Findig und voller Einfallsreichtum bauen sie eine Hütte in den wachsenden Slums am Stadtrand der Hauptstadt. Kein Unglück, keine Beschwernis – und davon gibt es zahlreiche – scheinen den Lebensmut der Familie brechen zu können. Im Mittelpunkt steht der heranwachsende Shams, der bald schon eine große Liebe zu Büchern entwickelt, die zu jener Zeit aber auch große Gefahren birgt. Auf zwei sich abwechselnden Ebenen lässt Khider den mittlerweile jungen Mann erzählen: in anschaulichen Rückblenden vom Alltag im Blechviertel und ganz unmittelbar aus dem Gefängnis, in das ihn seine Bücherliebe schließlich bringt. Gerade diese Unmittelbarkeit, die Direktheit des Erzählens bis ins noch so schmerzhafte Detail haben es in sich und lassen ahnen, was es heißt, ein Gefangener zu sein. (Jana Kühn)
Der Dokumentarfilm La Rabbia erschien 1963. In Form eines poetischen Essays kommentiert Pasolini mehrere Ereignisse der Zeit, die im Film mit Ausschnitten aus internationalen Wochenschauen gezeigt werden: den Kolonialismus, den Weg Algeriens zur Unabhängigkeit, die Krönung von Elizabeth II, die Wahlen verschiedener Päpste, den Tod von Marilyn Monroe, die Revolutionen in Ungarn und in Kuba, die Entwicklung der Konsumgesellschaft im westlichen Teil der Welt. Starke Gefühle wie Entfremdung, Unmut und Angst spiegeln sich in seinen kommentierenden Ausführungen.