Uwe Preuss: Katzensprung

 S. Fischer Verlag 2020, 176 S., € 20,-

(Stand März 2021)

Preuss_Uwe_Katzensprung_Dante_connection_DanteperleWie eine Vitaminspritze können uns bestimmte Bücher gerade in diesen anstrengenden Zeiten energetisch aufbauen. Das literarische Debüt Katzensprung des Lebenskünstlers und Schauspielers Uwe Preuss gehört eindeutig in diese Kategorie. Lapidar erzählt er in einzelnen komprimierten Geschichten vom Aufwachsen eines Nichtangepassten in der DDR. Vom draufgängerischen Liebesleben seines Opas und anderen unkonventionellen Familienangehörigen. Von sechs weltläufigen Kindheitsjahren in Brasilien. Von eigenen Amouren, genialen kleinen Tricksereien, die das Leben angenehmer gestalten. Von krassen Arbeitsplatzwechseln mit dem Ziel ohne Volksarmee zur Schauspielschule zu kommen. Von der Ausreise aus der DDR und tatsächlicher Wiedereinreise aus Jux und Dollerei. Hier erzählt einer, der viel erlebt hat, der die sich bietenden Gelegenheiten beim Schopfe nimmt und dabei eine wunderbar lakonische Gelassenheit pflegt, die sich auch in seiner sparsamen pointierten Sprache ausdrückt. Das macht einfach Spaß. (Stefanie Hetze)

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Ottessa Moshfegh: Heimweh nach einer anderen Welt.

Storys. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger, Liebeskind 2020, 336 S., € 22,-; TB btb Juni 2022, € 12,-

(Stand Juni 2022)

Moshfeg Heimweh_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergDiese Sammlung enthält vierzehn Kurzgeschichten, die in Zeitschriften wie der »Paris Review« und dem »New Yorker« veröffentlichen wurden. Ein roter Faden verbindet sie: Alle Figuren möchten besser sein – symbolisch ist der Titel der ersten Geschichte, Ich bessere mich, in der ein Lehrer Beweise fälscht, sich in den Schultoiletten übergibt und Drogen nimmt. Die nächste handelt von dem distinguierten, mysteriösen Mr. Wu, der von dem pervertierten Besitzer einer Spielhalle besessen ist. Es folgen die Frau, die in Ferienhäusern wohnt, um sich mit billigen Drogen zu betäuben, der faule Junge, der nach Los Angeles zieht, um seinen Traum, Schauspieler zu werden, zu verwirklichen, das Mädchen, das sich für die Lippen seiner Vulva schämt, weil sie sie für zu groß hält.
Die Autorin erzählt schnell und konsequent. Ihr Schreiben ist geradeheraus, provokativ, packend, aber nicht übertrieben – leichterhand entwirrt sie diesen höchst originellen Wirbel aus Nihilismus, Mitgefühl, Betrügereien, Selbsttäuschungen, Tod und subtilem Humor. Ihr beinahe amüsierter Blick zeigt die Zerbrechlichkeit, die sich in den groteskesten und unwahrscheinlichsten Situationen des Lebens versteckt: Eine der interessantesten Anthologien von Kurzgeschichten der letzten Zeit. (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Helen Wolff: Hintergrund für Liebe

Mit einem Essay von Marion Detjen, Weidle Verlag 2020, 216 S., € 20,-, Sonderausgabe Rowohlt 2022, € 15,-

(Stand März 2022)

Wolff_Helen_Hintergrund_für_Liebe_Danteperle_Dante_ConnectionScheinbar jagt ein Klischee das nächste: Eine junge mittellose attraktive Frau fährt mit einem älteren erfolgreichen wohlhabenden Mann in seinem Schlitten für ein paar Wochen nach Südfrankreich. Er lädt sie in Luxushotels ein, geht in Nizza mit ihr ins Casino, trifft als „Mann von Welt“ seine Entourage und schöne Frauen. Sie hatte sich diese Auszeit auch aus dem immer finsterer werdenden Deutschland, es sind die beginnenden Dreißigerjahre, ganz anders vorgestellt, von einem einfachen Häuschen zu zweit geträumt. Sie leidet, sein Egoismus kann ihre Liebe zu ihm jedoch nicht erschüttern und so macht sie einen entscheidenden Schritt, der diesen Roman auch für heutige Leser*innen sehr anziehend macht. Obwohl es ihr schwerfällt, verlässt sie ihn, sucht sich neue Menschen und ihr eigenes Traumhäuschen im Weinberg nah am Meer. Das alles entfaltet natürlich auch bei ihm eine starke Zugkraft . . .
Ihren um 1932 geschriebenen Roman hat Helen Wolff, die berühmte spätere Verlegerin, nie veröffentlicht, aber ihrem Sohn mit dem Kommentar „At my death, burn or throw away unread!“in einem Umschlag hinterlassen. Nun hat der Weidle Verlag ihn zu unserem Glück erstmals publiziert, angereichert mit einem Essay von Marion Detjen, die Zugang zu familieninternen Dokumenten hatte, und die die Hintergründe zu diesem Sommerliebesroman aufschlussreich und plastisch erzählt. (Stefanie Hetze)

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Patrik Svensson: Das Evangelium der Aale

Aus dem Schwedischen von Hanna Granz, Hanser Verlag 2020, 256 S., € 22,-, dtv TB € 12,90

(Stand April 2021)

AaleDer Aal. Dabei denken die meisten an glipschig-schlangenartige Wesen, im Schlamm versteckt. Dass dieses Tier zum Objekt größter Faszination werden kann, ist mit diesem Buch garantiert. Svensson erzählt so lebendig von den lange Zeit vergeblichen Versuchen, das Geheimnis um seine Herkunft und Fortpflanzung zu lüften (die bei Aristoteles begannen und über Freud bis weit ins 20. Jahrhundert andauerten), von den vier Lebensphasen dieses Fisches, der in der fernen Sargassosee schlüpft, seinen Weg in unsere Gewässer findet und irgendwann an seinen Ursprungsort zurückkehrt, um zu laichen und zu sterben, von den Legenden und Mythen, die sich um ihn ranken sowie von den Erinnerungen an seinen Vater, der leidenschaftlicher Aalangler war, und der ihn als Kind zum Aalfischen an den nahegelegenen Fluss mitnahm, dass man aus dem Staunen nicht heraus kommt. Eine gelungene, sowohl unterhaltsame als auch interessante Mischung aus Memoir- und Sachbuch. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Christoph Ribbat: Die Atemlehrerin

Suhrkamp Verlag 2020, 191 S., € 22,-

(Stand März 2021)

Ribbat Atemlehrerin_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergDie Aufmachung ist schon sehr fein und das hat mich als Blickfang gereizt. Dann das Thema: „Die Atemlehrerin“. Und dann der Untertitel: „Wie Carola Spitz aus Berlin floh und die Achtsamkeit nach New York mitnahm“. Der Verfasser, mir bisher unbekannt: Christoph Ribbat. Der Inhalt beschreibt ineinander verschränkt die Biographie einer Berliner Jüdin, die es geschafft hat, nach der Flucht aus Berlin in Holland ihren Mann aus den Händen der Nazis zu befreien und mit ihm schließlich in New York zu landen, um dort eine neue Existenz aufzubauen. Am Central Park, mit dem Lift in die zehnte oder elfte Etage in ihr helles, freies Studio, in dem sie Unterricht gab, über viele Jahrzehnte. Parallel wird die Geschichte der Gymnastik-Bewegung erzählt, aus der auch der Atem-Kult hervorging. All das Aufregende und für mich Neue wird sachlich und ruhig und doch mit viel Empathie erzählt, basierend auf gründlicher Recherche. Schön, dass auch Fotos aus dem Leben dieser tüchtigen und selbständigen Frau enthalten sind. Neben all den vielen Frauen-Biographien, von denen jede einzelne wichtig und notwendig ist, gelingt dieser Biographie etwas Außergewöhnliches: Zeitgeschichte mit persönlichem Schicksal ruhig und trotzdem sehr engagiert zu verbinden. Ein Gewinn und ich wünsche dem Buch viele Leser und Leserinnen. (Lisette Nichtweiss) Leseprobe

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Maira Kalman: Alles ist schöner mit Kuchen

Mit 16 Rezepten von Barbara Scott-Goodman. Aus dem Englischen von Ulrike Becker, Verlag Antje Kunstmann 2019, 96 S., € 18,-

(Stand März 2021)

Kalman KuchenDieses Buch ist wie ein guter Kuchen – eine harmonierende Mischung aus Rezepten, dazu passenden Geschichten und hinreißenden Illustrationen, verschmolzen zu einem gelungenen Ganzen. Maira Kalman schreibt und bebildert Momente, in denen ein Kuchen genau das richtige ist, und schwelgt dabei auch in Erinnerungen an ihre Kindheit in Tel Aviv. Da gibt es den Schokoladenkuchen eines unbeschwerten Kindheitssommers, den Kuchen für gemeinsames Pläneschmieden, den trostspendenden Kuchen für ein gebrochenes Herz oder die üppige Torte, um die sich gute Freunde versammeln. Und das Beste: Die Rezepte sind leicht nachzubacken und liefern wunderbare Ergebnisse. Kein Tag mehr ohne Kuchen, her mit dem Kuchen! (Syme Sigmund)

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Helena Janeczek: Das Mädchen mit der Leica

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull, Berlin Verlag 2020, 352 S., € 22,-, TB Piper 2021, € 12,-
(La ragazza con la Leica, Guanda 2019, ca. € 17,50)

(Stand Oktober 2021)

Janeczek_Helena_Das_Mädchen_mit_der_Leica_Dante_Connection_DanteperleDas „Mädchen mit der Leica“ ist die Antifaschistin und Reporterin Gerda Taro, eine intelligente mutige Frau, deren Geschichte bis vor wenigen Jahren unbekannt war. Als Lebensgefährtin des berühmten Fotografen und Kriegsreporters Robert Capa stand Gerda Taro lange in seinem Schatten. In Stuttgart geboren, nach Leipzig und Berlin gezogen, aus dem Nazi-Regime nach Paris geflüchtet, wurde die erste Kriegsfotografin der Welt im Spanischen Bürgerkrieg mit nur 26 Jahren von einem Panzer zu Tode gequetscht.
Auf den Seiten dieses biografischen Romans wird ihr Leben aus drei Perspektiven beleuchtet. Aus den Aussagen dreier Menschen, die ihr in unterschiedlichen Momenten ihres Lebens nahe standen, entsteht das kraftvolle Bild einer Frau, die ihre ganze Existenz der Freiheit widmete. Aus Helena Janeczeks Sinn für Details und ihrer Leidenschaft für besondere biografische Momente ist ein starker, kaleidoskopischer Roman entstanden, ihr bester bisher. Ein Roman voller Gefühle, der von der Nähe zwischen Menschen, von Träumern, Verrückten und Verzweifelten erzählt, von Lebensfreude und Mut, Erinnerung, Leichtigkeit und Werten. (Giulia Silvestri)

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Sigrid Nunez: Der Freund

Aus dem Amerikanischen von Annette Grube, Aufbau Verlag 2020, 235 S., € 20,-, TB 2021, € 12,-

(Stand August 2021)

Nunez Freund_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergDie Ich-Erzählerin dieses Romans verliert unvermittelt ihren engsten Freund und bekommt dessen achtzig Kilo schwere Dogge vermacht. Nun teilt die zurückgezogen lebende Autorin das kleine New Yorker Apartment und die Trauer mit diesem riesigen Tier. Während sich aus den zaghaften Annäherungsversuchen eine neue Freundschaft anbahnt, die beiden Trost spendet, versucht sie auch schreibend der Trauer etwas entgegenzusetzen. Auf ihre 30 jährige Freundschaft zurückblickend, reflektiert sie über komplexe menschlichen Erfahrungen wie Selbstmord, Trauer, die Beziehung Mensch-Tier und Autorschaft (auch angesichts der Absurditäten des heutigen Literaturbetriebs).Nicht zuletzt geht sie dabei der Frage nach, für wen ein Autor seine Bücher schreibt und welche Verantwortung er den wahren Personen gegenüber hat, die so oft die Quellen für Fiktion sind.
Überaus berührend und lesenswert ist, was die Autorin tagebuchartig und assoziativ an Ereignissen, Ideen, Zitaten und Gedanken zusammengetragen hat. Nichts davon ist ornamental. Bereichert durch eine starke New York Atmosphäre, gibt es hier viel zu entdec
ken. (Franziska Kramer) Leseprobe

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Judith Burger: Roberta verliebt

Illustrationen Ulrike Möltgen. Gerstenberg Verlag 2019, 200 S. durchgehend illustriert, € 13,-, ab 10
(Stand März 2021)

U_6016_1A_ROBERTA_VERLIEBT.IND13Knall auf Fall verändert sich für Roberta alles. Nichts ist mehr so für die Elfjährige, wie es bis gerade eben war. Sie hat sich verliebt in den neuen hübschen Jungen im Zeichenkurs. Nein, Felix findet sie nicht einfach „süß“, da ist viel mehr, er ist überall in ihr, sie denkt ständig an ihn und  träumt von ihm. Wird er ihre Gefühle erwidern? Ihre Mutter tut sich schwer mit ihren extremen Gefühlszuständen, zum Glück gibt es Hedi, eine ehemalige Opernsängerin, der sie sich anvertrauen kann. Mit großem Einfühlungsvermögen, aus der Ichperspektive und mit unerwarteten Wendungen kunstvoll von Judith Burger erzählt, können wir Robertas Versuche, sich Felix zu nähern, hautnah mitverfolgen. Nicht zuletzt durch die großformatigen Tuschezeichnungen, in denen Ulrike Möltgen grandios mit Perspektiven spielt. Roberta lernt zu begreifen, dass viele andere Dinge, nicht nur ihre eigenen Gefühle, eine Rolle spielen. Bis zur letzten Seite bleibt es dabei aber richtig spannend. Erwachsene sollten Kindern dieses großartige Buch ruhig zutrauen. (Stefanie Hetze)

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Shelagh Delaney: A Taste of Honey

Aus dem Englischen von Tobias Schwartz, Nachwort von André Schwarck, AvivA Verlag 2019, 400 S., € 22,-

(Stand März 2021)

Delaney_Sheilagh_A_Taste_of_Honey_Danteperle_Dante_Connection_BuchhandlungNordengland, Mitte des 20. Jahrhunderts:  »Kleine Leute« führen ihre Existenz in großen Städten.  Die Kinder gehen zur Schule, die Erwachsenen gehen arbeiten, manche im Kohlebergwerk, manche in der Fabrik.  Der Krieg ist vorbei, alle haben große Träume und dennoch viele Schwierigkeiten, Geld und Hoffnung fehlen meist.
Shelagh Delaney stammt aus einer Arbeiterfamilie, sie wurde in Salford, Lancashire geboren und aufgezogen. Mit 19 wurde sie durch das mutige Theaterstück A Taste of Honey in ganz England und später auch im Ausland berühmt. Ihre schriftstellerische Karriere ging mit einem zweiten Stück und folgenden Prosaarbeiten weiter, aber nicht mit dem gleichen Erfolg.
Beide Theaterstücke und ihre Kurzgeschichten sind zum ersten Mal auf Deutsch in einem Band vereint: Es sind bittere, kritische, scharfe und doch liebevolle Betrachtungen, die Intelligenz, Humor und Klarheit ausstrahlen. Ein Muss für alle neugierigen Leser! (Giulia Silvestri)

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