Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Kiepenheuer & Witsch 2017, 399 S., € 22,-, KiWi TB € 12,-, Band 1 der Trilogie
(Stand April 2021)

Despentes_Virginie_Das_Leben_des_Vernon_Subutex_Dante_Connection_BuchhandlungVernon Subutex hatte jahrelang den angesagten Plattenladen Revolver, in dem er Rock- und Punkfans, Schwätzer, Musiker, Metaller und andere Maniacs versorgte und selbst am Puls der Zeit sowie Frauenschwarm war. Irgendwann um die Jahrtausendwende schlägt die Krise zu, muss Vernon schließen. Steuerfrei verscherbelt er im Netz letzte Devotionalien, bis nichts mehr da ist. In einem Paris, in dem man nur mit von der Familie gekauftem Wohneigentum überleben kann, schmeißt der Gerichtsvollzieher ihn aus seiner Wohnung und muss er ohne Geld und mit Lügengeschichten bei mehr oder wenig guten Bekannten unterschlüpfen. Es sind Leute, meist Frauen, aus der Musik-, Film- und Medienbranche, die mit allen erdenklichen Mitteln Glanz und Aufmerksamkeit wollen und eigentlich schon zu alt sind für all diese Spielchen und Maskeraden. Immer weiter um diese Szene dehnt Virginie Despentes ihr Panorama aus, treten Gescheiterte und Verbitterte aus vielen Schichten auf. Gnadenlos und in einer brillant-direkten Sprache seziert sie wie ein Paukenschlag das heutige Frankreich.  (Stefanie Hetze)

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Aya Cissoko: Ma

Aus dem Französischen von Beate Thill, Wunderhorn 2017, 180 S., € 24,80
(Stand April 2021)

Cissoko_Ma_Danteperle_DanteConnectionMassiré Dansira kommt im Alter von 15 Jahren aus Mali nach Frankreich. Sie folgt einem Ehemann, dem sie in der Hoffnung auf ein besseres Leben und regelmäßige Geldsendungen von ihrer Familie anvertraut wurde. Aber es kommt anders. Das Leben in Frankreich ist fremd und ungewohnt, in vielerlei Hinsicht entbehrlich. Nach dem Tod ihres Mannes zieht sie drei Kinder allein und nach bestem Wissen und Gewissen auf, folgt dabei so gut es geht sowohl den Traditionen ihrer Herkunft als auch den weiterhin unverständlichen Codes der ihr so fremden Welt – und hadert kämpferisch mit beiden. Besonders Aya, das mittlere Kind, bereitet ihr Sorgen. Von Aya kommt Widerstand, Aya hinterfragt, Aya fordert ein Leben als junge Französin. Ma ist die beeindruckende Liebeserklärung einer erwachsenen Tochter an ihre Mutter, trotz oder vielleicht sogar wegen eines Verhältnisses, das nie einfach war. Ein versöhnliches Buch, das einer Mutter den liebevollen Respekt erweist, den sie ihr ganzes Leben hat missen müssen – sowohl seitens der französischen Gesellschaft als auch aus dem unmittelbaren malisch-migrantischen Umfeld. (Jana Kühn)
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Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch

Mit Bildern von Peter Schössow. Carlsen Verlag 2017, 272 S., € 16,-, ab 10
(Stand März 2021)

Steinhöfel_Rico Oskar und das Vomhimmelhoch_Danteperle Dante ConnectionBei heftigstem Schneesturm schlittern Rico und Oskar am 24.12. zu Karstadt, um im letzten Moment Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Rico kauft etwas für das Baby, das noch im Bauch seiner Mutter schwimmt und Oskar heimlich Damenunterwäsche. Was ist denn mit Oskar  los, der seinem Freund alles Mögliche verschweigt und dessen Keller mit einer Wolldecke zugehängt ist? Aber auch Rico geht schon seit dem Sommer eigene Wege und hat eine Clique neuer Freundinnen und Freunde aufgetan, die sich in einem verlassenen Hinterhof in der Urbanstraße (schön wär’s!) treffen. Was alles passiert, wird hier nicht verraten. Andreas Steinhöfel hat wieder gezaubert und eine tolle Freundschaftsgeschichte voll des prallen Kinderlebens in Berlin-Kreuzberg in seinem unnachahmlichen Sound geschaffen. Peter Schössows liebevoll-feine Illustrationen setzen dann noch eins drauf. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Edith Wharton: Ethan Frome

Aus dem amerikanischen Englisch und mit einem Nachwort von Claudia Wenner. Marix Verlag 2017, 191 S., Ladenpreis aufgehoben, unverbindlicher Preis € 6,99

(Stand April 2021)

Wharton_Edith_Ethan_Frome_Dante_Connection_Buchhandlung_DanteperleEdith Wharton, berühmt für ihre Romane, in denen sie die Schattenseiten der New Yorker High Society aufdeckte und anprangerte, verfolgte mit Ethan Frome ein völlig anderes literarisches Ziel. Sie wollte das harte, buchstäblich auf Granit gebaute Leben in den abgelegenen Bergdörfern Neuenglands schildern und wählte dafür eine strenge Form, einen Kurzroman mit einer Rahmenhandlung und einem Zeitsprung, der das Drama ihrer Geschichte in ein kaum aushaltbares, da lebenslang andauerndes, Ausmaß katapultiert.
Die Geschichte hat es schon x-fach gegeben: ein junger armer Mann verliebt sich in die noch ärmere Cousine seiner kränkelnden Ehefrau und diese in ihn. Was aber Edith Wharton daraus macht, wie sie die Anbahnung und die Gefühle der Liebenden in die raue Winterlandschaft setzt und welche Rolle Schnee, Kälte, Wind, alte Pferde, dünne Holzwände, Tee und Pickles spielen, ist grandios. Und dann gibt es ja noch die dritte im Bunde, die nur wenige, dafür überaus kraftvolle Auftritte innerhalb der Erzählung hat. Gerade durch die Aussparung als Methode entwickelt Ethan Frome einen ungeheuren Sog. (Stefanie Hetze)

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Niklas Maak / Leanne Shapton: Durch Manhattan

Hanser 2017, 211 S., € 25,00

(Stand April 2021)

Maak_25666_MR.inddDer Journalist Niklas Maak und die Künstlerin Leanne Shapton laufen in zwei Tagen durch Manhattan. Ihre Route führt sie auf direktestem Weg von der Süd- zur Nordspitze der Insel, vom Financial District durch Chinatown und Little Italy, über den Centralpark und die Upper Westside bis dorthin, wo Manhattan noch Berge, Wälder und Schluchten hat, wo nur noch Spanisch zu hören ist und man sich in einer lateinamerikanischen Metropole zu sein wähnt. Maak protokolliert, was er sieht, sowohl unscheinbare, beiläufige Details als auch interessante oder kuriose Geschichten von Menschen, die ihnen begegnen und Orten, an denen sie vorbeikommen. Shaptons zunächst fast abstrakt wirkende Aquarelle, die mit dem Text verwoben scheinen und diesen ebenbürtig ergänzen, sind Impressionen ihres Weges, mal das Muster des Straßenpflasters oder eines Gitters, mal ein vergessener Pappkarton oder ein Straßenschild. Den Weg der beiden kann der Leser zudem auf einer beigefügten Karte verfolgen. Ein rundum gelungenes Buch, bei dem sich am Ende aus vielen Fragmenten ein rundes Ganzes ergibt, und dem der wunderschön gestaltete Einband mit Reliefprägung das i-Tüpfelchen verleiht. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Ljudmila Ulitzkaja: Jakobsleiter

Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Hanser Verlag 2017, 640 S., € 26,00, dtv TB € 14,90
(Stand April 2021)

Ulitzkaja_Ljudmila_Jakobsleiter_Danteperle_Dante_ConnectionEin sehr persönliches Buch und auch wieder nicht. Jahrelang ließ Ljudmila Ulitzkaja die Liebes- und Ehebriefe ihrer Großeltern ungelesen in einer Mappe, scheute sie sich, den Geheimnissen ihrer Familie ins Auge zu sehen. Als sie sich endlich überwand und die jahrzehntelange Korrespondenz las, die von inniger Liebe, großem Zerwürfnis und kleinen familiären Ereignissen in wuchtigen Zeiten von Revolution und Totalitarismus zeugt, war die Idee zu ihrem Roman geboren.

Aus unterschiedlichen Perspektiven und Zeiten, noch aus zaristischen und bis aus der Gegenwart, erzählt sie in Jakobsleiter, was unter den heftigen gesellschaftlichen Verhältnissen aus der schwärmerischen Liebe eines intellektuell-künstlerischen Paares und ihren Nachfahren wurde. Sie umspannt dabei ein ganzes Jahrhundert, schreibt von Armut, Verbannung, Stalinismus, von Alltag, Arbeit, Zusammenleben, von Theater, Musik, Wissenschaft und entwirft den intimen und ebenso allumfassenden Kosmos einer russischen Familie, die einem beim Lesen ungemein nahekommt. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Elvira Dones: Hana

Aus dem Italienischen von Adrian Giacomelli. Mit einem Nachwort von Ismail Kadare. Ink Press 2016, 252 S., € 19,00
(Vergine giurata, Feltrinelli 2016, ca. € 14,-)

(Stand April 2021)

In den Bergen im Norden Albaniens herrscht auch in kommunistischen Zeiten eine archaische Welt, in der die Geschlechterrollen fest zementiert sind. Für Frauen gibt es gar keinen Bewegungsraum. Nur wenn sie Jungfrau sind und ganz ihrem Geschlecht entsagen, können sie übertreten und als Mann lebend männliche Rechte erwerben. So bestimmt es das Gewohnheitsrecht Kanun.
Um für ihren schwerkranken Onkel Medikamente aus der Stadt besorgen zu können und einer Verheiratung zu entgehen, bleibt der jungen Hana keine andere Wahl, als einen Schwur abzuleisten und äußerlich zu einem Mann zu werden. Blitzschnell verwandelt sie sich in den fluchenden, trinkenden LKW-Fahrer Mark, der sich vor allem und jedem abschottet. Die literatur- und männerliebende Hana bleibt tief in ihrem Inneren verborgen. Erst viele Jahre später kann Mark über den Umweg des amerikanischen Exils versuchen, wieder zu Hana zu werden, das bedeutet zu einem begehrenden und begehrten komplexen Menschen. Das gestaltet sich alles andere als leicht. Um so erstaunlicher, wie mühelos und bravourös die Autorin diesen Prozess mit ihrem im Original auf Italienisch geschriebenen Roman beschreibt. Ein großes Lesevergnügen, das sehr zum Nachdenken über Gender anregt. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Yaa Gyasi: Heimkehren

Aus dem Englischen von Anette Grube, Dumont Verlag 2017, 416 S., € 22,-, TB DuMont 2018, € 12,-
(Stand April 2021)

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Mitte des 18. Jahrhunderts werden im heutigen Ghana zwei Schwestern geboren: Effia und Esi. Ihre Lebenswege werden sich nie kreuzen. Präziser ließe sich von Leidenswegen sprechen, denn, noch fast ein Kind, wird die eine mit dem britischen Gouverneur verheiratet; die andere wiederum entführt und als Sklavin weit über den Atlantik in „die Hölle“ verkauft. Diese, jede auf ihre Weise unfassbar brutalen Szenarien sind der Ausgangspunkt für Yaa Gyasis fesselnd wie erschütternd erzählte Familiensaga, die den Bogen bis in die heutige USA und zurück an die Küsten Ghanas spannt. In eindrücklichen Episoden verfolgt Gyasi beide Familienstränge und porträtiert dabei Menschen im Hadern an den diskriminierend rassistischen Verhältnissen und dennoch zähem Kämpfen um das kleinste bisschen Menschenwürde. Gyasis beachtliche historische Recherche öffnet einmal mehr die Augen für postkoloniale, heutige Verhältnisse. Aber vor allem ist Heimkehren ein großartiges Stück Literatur, dessen Figuren nie nur als Stellvertreter ihrer Zeit funktionieren, sondern als detailliert liebevoll und plastisch beschriebene Charaktere tief berühren und lange in Erinnerung bleiben werden. Ein hartes, ein sprachlich dunkel funkelndes, ein sehr empfohlenes Buch!
Zur selben Thematik und quasi gleichzeitig ist bei Hanser der Roman The Railroad Underground von Colson Whitehead erschienen – lesen Sie bitte unbedingt beide! (Jana Kühn) Leseprobe

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Anne Brouillard: Der große Wald

Aus dem Französischen von Julia Sübrich, Moritz Verlag 2017, 80 S., € 19,-, ab 6
(Stand März 2021)

Brouillard_Der_große_Wald_DanteConnection_DanteperleDie Autorin und Illustratorin Anne Brouillard entführt uns in den großen Wald, eine geheimnisvolle Landschaft im fernen Land der Fantasie: Chintia. Dort beginnt eine abenteuerliche Reise damit, dass der Hund Killiok den roten Zauberer Varin von Drunter vermisst. Mit seiner Freundin Veronika macht er sich auf die Suche nach dem zaubernden Freund. Keine leichte Aufgabe, denn im Großen Wald wartet so manche Überraschung. Vermisste Mooskinder, fliegende Sahneschläger und düstere Schwarzmäntler sind nur wenige Details der schier überbordenden Fantasie der Belgierin. Brouillard wechselt zwischen großzügigen Illustrationen, längeren Textstrecken und Comicstripes, wodurch auch für ganz unterschiedlich alte Kinder ein gemeinsames Vorlesevergnügen entsteht. Ebenso ungewöhnlich wie diese Form ist der traumverloren anmutende Stil der Belgierin. Mit dem detailgetreuen Kartenmaterial und den gezeichneten Zeitungsausschnitten betont sie die unzweifelbare „Echtheit“ ihrer märchenhaften Welt, die Kinder  begeistern wird – auch und gerade in ihren fast gruseligen Momenten. (Jana Kühn)

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Caroline Eden, Eleanor Ford: Samarkand

Kulinarische Erlebnisse entlang der Seidenstraße. Aus dem Englischen von Elke Homburg, Hölker Verlag 2017, 224 S., € 24,95
Dieses Buch ist leider nicht mehr lieferbar
(Stand April 2021)

Samarkand_Danteperle_DanteConnectionSamarkand – sagenumwobene Stadt der Gewürzhändler, Oasenstadt inmitten der usbekischen Steppe, Treffpunkt der unterschiedlichsten Kulturen. Dieses neben den Rezepten auch mit kurzen kulinarkulturellen Beiträgen und suggestiven Fotos ausgestattete Kochbuch lädt ein, die imponierenden Weiten Zentralasiens mit dem Gaumen zu erkunden. Und so fremd-faszinierend, wie das Gebiet zwischen Georgien und Tadschikistan dem westlichen Besucher anmutet, sind auch die Geschmacksexplosionen der enthaltenen Rezepte. Zubereitung und Zutatenliste überfordern den mäßig erfahrenen Hobbykoch nicht, und begeistern doch immer wieder im Resultat. Wer frische Kräuter, getrocknete Früchte, Nüsse und Granatäpfel liebt, wird mit diesem Buch glücklich werden. (Syme Sigmund)

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