Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger, Hanser 2014, 285 S, € 19,90, Fischer TB 10,99
(Stand März 2021)
Jim und Tommy waren Freunde, unzertrennlich wie nur Halbwüchsige es sein können. Jim, der Gymnasiast, wuchs wohlbehütet auf. Tommy hingegen, aus zerrütteten Verhältnissen stammend, vom Jugendamt dem gewalttätigen Vater entrissen und von seinen drei kleineren Geschwistern getrennt, arbeitete in der Sägemühle. Doch das Leben entfernt sie voneinander. Nun treffen sie sich nach über dreißig Jahren wieder. Tommy ist ein erfolgreicher, wohlhabender Geschäftsmann in unglücklicher Ehe, Jim ein Bibliothekar, seit einem Jahr wegen Depressionen krankgeschrieben. Beide sind an ihrem Leben gescheitert. Voller Lakonie, mit einer äußerst packenden, sparsamen Sprache beschreibt Petterson die Geschichte und die Jugendfreudschaft dieser beiden Männer, ihre existentielle Einsamkeit, ihre Wut, ihr ausweglos erscheinendes inneres Unglück, in einer Weise, die den Figuren doch voller Respekt begegnet und den Leser nachdenklich und betroffen zurück lässt. (Syme Sigmund)

Das Einzelkind Maurizio verbringt jeden Sommer in einem sardischen Provinzstädtchen bei den Großeltern. Angefüllt sind diese schier unendlichen Monate von phantasievollen, teils gewagten Spielen mit den beiden Freunden Franco und Giulio, von Geschichten und Ritualen der Erwachsenen. Prägend für Maurizio ist ein großes Zugehörigkeitsgefühl, das nur von gelegentlichen Beeinträchtigungen wie Touristen und dem Schweigen der Alten bei Familiendramen gestört wird. Dann aber passiert es, der Bischof beschließt, eine neue Kirchengemeinde zu gründen, die den Ort spaltet und alle scheinbar intakten Beziehungen komplett in Frage stellt. Mit dem Ritual der Osterprozession L’incontro, sardisch S’incontru, wird der Konflikt auf die Spitze getrieben. Es gibt doch nur eine Piazza und eine Musikkapelle! Michela Murgia, die hier autobiographische Erfahrungen verdichtet, läßt ihre drei zerstrittenen Jungs eine großartige Lösung finden. (Stefanie Hetze)
Dreißig Afrikaner, Frauen, Männer und Jugendliche, die aus dem Landesinneren Senegals stammen und noch nie das Meer gesehen haben, wollen nach Europa fliehen. Auf nur achzig Seiten erzählt Ndione ihre Geschichte, ihre Hoffnungen, Sehnsüchte und Ängste, aber auch die zu einem guten Teil von westlicher Wirtschaftspolitik verursachten Ursachen des Elends in dem westafrikanischen Land. Der Roman beschreibt schlicht und eindringlich das Schicksal von Millionen Menschen, die tagtäglich vor unseren Küsten um ihre Lebenschancen und ihr Überleben kämpfen, gibt ihnen Namen, Gesichter und individuelle Schicksale. Ein notwendiges Buch, das zum Verstandnis beiträgt und von jedem über 14 Jahren einschließlich des die wirtschaftspolitischen Hintergünde darlegenden Nachwortes gelesen weren sollte. (Syme Sigmund)
Karstadt am Hermannplatz, ein Bürgeramt, der Müggelsee, der Kudamm sind nur vier der vielen Schauplätze, an denen der gebürtige Berliner Björn Kuhligk seine Alltagsgeschichten ansiedelt. Allein oder mit seinen beiden Kindern läuft er durch die Stadt, trifft auf die unterschiedlichsten Leute beim U-Bahn-, Fahrrad-, Taxifahren. Ganz beiläufig entstehen bei der Lektüre dieser knappen Skizzen nachhaltige Eindrücke vom vielfältigen Berliner Alltag.
Leyla, Tänzerin, liebt Frauen, Altay, Arzt, liebt Männer. Sie haben geheiratet, um den Erwartungen ihrer Familien in Aserbaidschan genüge zu tun und leben nun in Berlin. Die chaotische Künstlerin Jonoun verliebt sich hier in Leyla, wird aber von Altay nicht gern gesehen. Als Leyla in ihrer alten Heimat verhaftet wird, machen sich ihre beiden ungleichen Partner gemeinsam auf in den Kaukasus. Eine ungewöhnliche Menage à troi, fesselnd erzählt, Roadmovie, Liebesroman und ein interessanter kritischer Blicke auf die heutige aserbaidschanische Gesellschaft in einem.
Beata Zatorska, schon lange ausgewandert, reist in der Weihnachts- und Winterzeit durch Polen und erinnert sich an ihre Kindheit im Riesengebirge. Ihre Großmutter Józefa war eine begnadete Köchin, die der Mangelwirtschaft trotzte und köstliche Kreationen schuf. Ihre Rezepte bilden die Grundlage für diese verlockende Hommage an die polnische Küche und ihre Traditionen.
Ein Radfahrer fährt bergauf, bergab, kurvt, überquert, durchfährt eine lange Straße und das immer wieder von vorn. Was er sieht, wem er begegnet, ist in diesem wunderbaren Bilderbuch zu entdecken. Kleine Kinder haben ihren Spaß, der Straße mit dem Finger zu folgen, Erwachsene erfreuen sich an den genialen Illustrationen. Der Clou: ein insgesamt 6 Meter langes Leporello zum Aufhängen im Kinderzimmer, im Büro …
Die 73jährige Designerin, Mitbegründerin des Punk, Aktivistin und Avantgardistin Vivienne Westwood ist die zeitgenössische Ikone der Mode- und Popkultur – schillernd, exzentrisch und äußerst erfolgreich wie vor ihr nur Coco Chanel. Ihre Autobiographie erzählt von ihrem überaus bewegten Leben, angereichert ist sie mit Fotos und Faksimiles, bietet damit neben dem großen Lesevergnügen Extragenuss.
“Die richtigen Worte in jeder bedenklichen Lage” lautet der Untertitel dieses Klassikers der Aufklärungsliteratur und im angelsächischem Raum bereits ein Muss in jeder Mädchenbibliothek. Statt auf das Davor oder das bis Dahin konzentrierte sich Miss Hyacinthe Phypps auf den Augenblick selbst und vor allem auf seine schlimmen Verursacher und durchbrach den bisher unabänderlich scheinenden Kreislauf der Hilflosigkeit vieler Töchtergenerationen. Ein bibliophiler politisch unkorrekter Spaß des Buchillustrators Edward Gorey.
Axolotl, Krake, Mensch, Muräne, Wasserbär … viele reale Lebewesen sind sonderbarer, als jede Fantasie sie sich ausmalen könnte. Nach dem Vorbild mittelalterlicher Kompendien erkundet dieses faszinierende Bestiarium die verblüffende Vielfalt der Schöpfung zwischen Erde, Himmel und Tiefsee und berührt dabei die großen Fragen der Menschheit nach dem Ursprung des Lebens und den Auswirkungen des technischen Fortschritts. Geistreich und inspirierend zu lesen und wunderschön gestaltet.