Marcello Fois: Abschiede

Aus dem Italienischen von Monika Lustig. Polar Verlag 2020, 497 S., € 14,-
(Del dirsi addio, Einaudi 2017, € 16,50)

Titel_Abschiede_Fois-768x1212Ein Kind verschwindet spurlos bei einem kurzen nächtlichen Halt von einem Rastplatz an einer einsamen Landstraße, ein Auto explodiert, eine Frau wird tot aus dem Fluss geborgen. Ein junger Kommissar versucht den Fall zu lösen, ermittelt in Bozen, geplagt von Schnee und Sturm, und liefert ganz zum Schluss eine überraschende Lösung. Ein echter Kriminalroman, zweifellos.
Und doch sollte, wer nur eine spannende Geschichte sucht, dazu noch rasant erzählt, die Finger lassen von diesem Buch, das so viel mehr ist als ein klassischer Noir. Denn was der große sardische Autor hier entfaltet taucht tief ein in die Komplexität menschlicher Beziehungen, erzählt von großer Liebe und dem Leiden an der Gesellschaft, von Vätern, Söhnen und Geliebten, von Trennung, Tod und Abschied, von Zärtlichkeit und der steten Mühe des Beieinanderbleibens, von Verrat und Verlust – und ist dabei spröde und karg, gefühlvoll und überschwänglich zugleich. Dabei scheut Fois keine Klischees und keine überraschenden Assoziationen. So stehen Texte zur Renaissance-Architektur, neben solchen aus der Popkultur, mythologische Exkurse neben Zitaten aus Bergman-Filmen und die Songtexte von Take That neben Gedichtzeilen von Elsa Morante. Wenn man sich darauf einlässt, wird man belohnt mit einem Roman voll düsterer Abgründe und tiefer Menschlichkeit. (Syme Sigmund)

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… für Freundinnen und das Wunder in uns

Maya Angelou: Phänomenale Frauen – Gedichte. Ausgewählt und übersetzt von Judith Zander, Suhrkamp Verlag 2020, 95 S., € 14,-

Angelou_Maya_Phänomenale_frauen_danteperle_Dante_connectionMit einer Sprache, die an die Straße erinnert, und einem Rhythmus, der Blueslieden nahekommt, erklärt Maya Angelou, wieso wir immer stolz bleiben sollen, wenn wir lieben, diskriminiert und unterdrückt werden und wenn wir fürs Leben kämpfen müssen. Phenomemal Woman heißt das Gedicht, das dieser zweisprachigen Sammlung den Namen gibt. In diesem einen Adjektiv „phänomenal“ liegt die ganze Kraft diese Verse. Und genau das ist Angelou als Dichterin. Phänomenal. Scharf wie ein Messer, sanft wie eine Umarmung und dies gleichzeitig. Zum ersten Mal in deutscher Übersetzung liegen mit dieser  Ausgabe einige der schönsten Zeilen des 20. Jahrhunderts vor, die als Ansporn und Inspiration besonders in diesem Jahr dienen können. (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte

Aus dem amerikanischen Englisch von Isabel Bogdan und Robin Detje, Rowohlt 2020, 416 S., € 22,-

Verschwindende_Hälfte_Bennett_Danteperle_DanteConnectionDie Zwillinge Sara und Desiree wachsen im kleinen Städtchen Mallard nahe New Orleans auf. Ein besonderer Ort, denn hier leben nur Schwarze, die Weiß gelesen werden können. Je heller der Hautton, desto größer ist das Ansehen. Darüber hinaus gibt es nicht viel.  Deshalb schleichen sich die Schwestern als junge Frauen heimlich des Nachts davon. Mit einer Tochter an der Hand kehrt Desiree viele Jahre später zurück – der Hautton ihrer Tochter ist tiefschwarz. Von Sara fehlt jedoch jede Spur. Man ahnt nur, dass sie als Weiße lebend alle Brücken zum alten Leben abgebrochen hat. Aus diesen Geschehnissen webt Brit Bennett ein Familienepos über drei Generationen, in dem sie gekonnt Zeitensprünge und Perspektivwechsel arrangiert. Unerwartete Wendungen und kluge Twists machen das Buch zu einem großartigen Schmöker, der aber dennoch aufrüttelnd von gesellschaftlichen und politischen Konflikten erzählt. (Jana Kühn) Leseprobe

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Antje Herden: Parole Teetee

Illustriert von Maja Bohn, Tulipan Verlag 2020, 208 S., € 13,-, ab 9 

Parole_Teetee_Danteperle_DanteConnectionTeetee ist eine ältere Dame, die einerseits undurchschaubar ist, andererseits als gute Seele ihr ganzes Wohnviertel zusammen hält. Dennoch wollen die meisten Erwachsenen nicht sehen, dass ihr Verschwinden mehr als merkwürdig ist. Zum Glück lassen sich die Kinder im Viertel nicht abwimmeln. Kinderbanden, die gemeinsam heikle Fälle und geheimnisvolle Rätsel auflösen, sind geradezu Klassiker in der Literatur für die Jüngsten. Auch Antje Herden greift dieses Schema auf. Jedem ihrer Kinder ist zu Beginn ein Vorstellungskapitel gewidmet, in denen viel Detailliebe für die einzelnen Charaktere steckt. Den eigentlichen Fall entwickelt sie fast zögerlich, so wie sie die Kinder nur langsam begreifen lässt, dass Teetee wirklich verschwunden ist. Antje Herden hat einen ganz eigenen, warmen Erzählton für ihren Kinderkrimi gefunden und verwebt kritische Themen wie Vertreibung und Obdachlosigkeit in ihren Text. Damit beweist sie einmal mehr, dass der Krimi auch als Kinderbuch bestens geeignet ist, en passant aktuelle und gesellschaftlich relevante Fragen  zu thematisieren. So wird bei aller spannenden Unterhaltung noch ein bisschen mehr erzählt. (Jana Kühn) Leseprobe

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Antonia Michaelis: Die Mühlenkinder – Prinzessin Jorunn und der Wassertroll

Oetinger 2020, 144 S., € 12,-, ab 8

Mühlenkinder„Wenn der Wind aus Nordosten weht, erwacht die Mühle.“ – die alte Mühle, in der Liv, und ihre drei Schwestern wohnen. Wenn der Wind richtig steht, drehen sich die Flügel wieder, wird sie zu einem magischen Ort, an dem alles passieren kann. Eines Morgens wachen die Mädchen in einem Schloss auf, sie sind Prinzessinnen, ihr Vater der König. Doch am Bach verschwindet plötzlich die kleinste von ihnen, Jorunn, und so beginnt eine aufregende Reise, um die Schwester aus den Fängen des Wassertrolls zu befreien, die sie zu sprechenden Schwänen und eisigen Schatten führt, auf der sie trügerischen Illusionen entkommen müssen und überraschende Hilfe von unerwarteter Seite erhalten.
Antonia Michaelis entführt in eine märchenhafte Welt und verzaubert durch ihre bildmächtige, von Phantasie sprühende Sprache. Dabei sind alle Charaktere äußerst lebendig gezeichnet und bieten durch ihre Verschiedenheit Identifikationspotential für die unterschiedlichsten Leser*innen. Ein magisches, hochspannendes Abenteuer der Extraklasse, von Claudia Carls ganz wunderbar illustriert. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Paul-Philipp Hanske: Die Blüten der Stadt

Ein Wegweiser durch die urbane Pflanzenwelt. Mit zahlreichen Fotografien von Christian Werner, Suhrkamp 2018, 286 S., € 18,-

Blüten der StadtÄußerlich unscheinbar kommt dieses Buch daher, und hat es doch in sich. Für jeden Monat werden bis zu zehn ausgewählte Pflanzen vorgestellt, die wir auch in Berlin leicht entdecken können. Dabei werden nicht nur die jeweiligen Eigenheiten beschrieben, sondern auch auf kurzweilige Weise kulturhistorische Informationen und Anekdoten geliefert. So erfahren wir – zum Beispiel im Mai – welche Bedeutung der Flieder bei den antiken Griechen hatte und dass Holunder nicht nur Gummibärchen färbt, sondern auch zur Umhüllung mikroskopischer Präparate verwendet wird. Aber auch die Knoblauchsrauke fällt uns plötzlich ins Auge, wie sie am Wegesrand weißlich blüht, eignet sie sich vortrefflich für einen würzigen Salat. So begleitet dieses Buch durchs Jahr und verführt dazu, den Blick immer wieder ganz neu auf die uns umgebende Natur zu lenken. (Syme Sigmund) Blick ins Buch

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Liza Cody: Gimme More

Aus dem Englischen von Pieke Biermann, Argument Verlag 2020, 399 S., € 21,-

Cody_Liza_Gimme_More_Danteperle_Dante_ConnectionBirdie Walker ist eine in die Jahre gekommene Witwe, aber mit der richtigen Klamotte und entsprechender Haltung spielt sie alle locker an die Wand. Das hat sie auch bitter nötig, das Geld ist knapp und die Schulden hoch. Die haben ihr die korrupten Machenschaften der Musikindustrie eingebrockt, die sich an Jack, dem Superrockstar, auf ihre Kosten bereicherten. Von Jack, der  beim Brand seines Hauses ums Leben kam, soll es noch Bänder mit Songs und legendäre Filmaufnahmen geben. Das lockt nach 25 Jahren die Haie der Branche auf den Plan, die wie Birdie und Jack einmal klein und als Kumpel angefangen hatten…  Doch obwohl sie jede Menge hinterhältige Ränke schmieden, eine Birdie ist ihnen absolut gewachsen.
Dieser feministische Empowerment-Roman, der 2003 erstmalig auf Deutsch im Unionsverlag erschien, wurde jetzt in der Ariadne-Reihe wieder aufgelegt. Zum Glück. Pieke Biermann, die den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 für ihre funkensprühende Übersetzung von Oreo erhielt, zeigt auch in Gimme More ihre Kunst. Sie trifft Codys schnoddrigen Ton aufs Feinste. Viel Vergnügen bei der spannenden Lektüre! (Stefanie Hetze)

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Pier Paolo Pasolini: Der Zorn

Aus dem Italienischen von Anna Giannessi und Jo Frank, Illustrationen von Guglielmo Manenti, mit einem Nachwort von Ricardo Domeneck, Verlagshaus Berlin 2020, 132 S., € 24,90

Pasolini_Pier_Paolo_Der_Zorn_Danteperle_Dante_ConnectionDer Dokumentarfilm La Rabbia erschien 1963. In Form eines poetischen Essays kommentiert Pasolini mehrere Ereignisse der Zeit, die im Film mit Ausschnitten aus internationalen Wochenschauen gezeigt werden: den Kolonialismus, den Weg Algeriens zur Unabhängigkeit, die Krönung von Elizabeth II, die Wahlen verschiedener Päpste, den Tod von Marilyn Monroe, die Revolutionen in Ungarn und in Kuba, die Entwicklung der Konsumgesellschaft im westlichen Teil der Welt. Starke Gefühle wie Entfremdung, Unmut und Angst spiegeln sich in seinen kommentierenden Ausführungen.
Pasolinis poetischen Kommentare, die in dieser 2-sprachigen Ausgabe nachzulesen sind, haben immer noch eine unbestreitbare Kraft: Seine Wörter, die damals zu einem Skandal führten, bilden den Stoff für tiefgehendes Nachdenken über die Menschheit, Gesellschaft, Politik und Geschichte. Dieses elegante Büchlein, von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet als eines der schönsten deutschen Bücher, ist der perfekte Begleiter für alle Leser*innen, die Pasolini wieder- oder neu entdecken möchten. Überall kann man über die Bedeutung der Texte eines der wichtigsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts nachdenken und ungemein viel daraus ziehen. (Giulia Silvestri) Blick ins Buch

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Wir empfehlen: Lesen!

Lesend durch den Lockdown

Mit einem guten Buch in der Hand lässt sich so manch trüber Moment besser ertragen. Deshalb empfehlen wir weiterhin: lesenlesenlesen!

In unseren Danteperlen finden sich Empfehlungen sortiert für die jüngsten, jugendlichen und erwachsenen Leser:innen.

Wir wünschen viel Freude beim Stöbern! Und falls nicht das richtige dabei ist, fragt uns gerne … wir finden ganz sicher noch ein anderes, passendes und richtig gutes Buch.

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Ayşe Bosse: Pembo

Halb und halb macht doppelt glücklich! Mit Illustrationen von Ceylan Beyoğlu. Carlsen 2020, 272 S., € 10,-, ab 9

PemboAyşe Bosse ist bisher eher als Autorin sehr berührender Bücher für Kinder und Jugendliche zum Thema Tod in Erscheinung getreten. Hier zeigt sie sich nun von einer ganz anderen Seite. Sensibel und mit viel Humor erzählt sie von Pembo, die aus einem türkischen Dorf am Meer nach Hamburg ziehen muss. Pembo ist damit gar nicht einverstanden, aber ihr türkischer Vater hat die Gelegenheit, das Geschäft seines verstorbenen Onkels zu übernehmen und ihre deutsche Mutter will nochmal studieren. Es geht nicht alles glatt mit diesen Elternplänen, doch Pembo weiß die Familienpleite auch mit Hilfe neuer Freunde zu verhindern. Ein modernes Großstadt-Märchen, das durch die zarten, ausdrucksstarken Tuschezeichnungen von Ceylan Beyoğlu sehr schön ergänzt wird. Und als Bonbon gibt es am Anfang jeden Kapitels einen Mini-Türkisch-Kurs. (Jana Kühn) Leseprobe

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