Dmitrij Kapitelman: Eine Formalie in Kiew

Verlag Hanser Berlin 2021, 176 S., € 20,-
(Stand März 2021)

Mit acht Jahren kam Dmitrij Kapitelman mit seiner Familie nach Deutschland. Mittlerweile 25-jährig beschließt er, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, doch dafür braucht er eine „Apostille seiner Geburtsurkunde“, ein Dokument, das er nur in Kiew bekommen kann.
Daher macht er sich auf in die Stadt seiner Geburt, den Kopf voll guter Ratschläge seiner Verwandten, wie Korruption und Misswirtschaft am besten zu begegnen seien, Anleitungen zur besten Bestechungsweise inklusive.
Doch dann verläuft alles ganz anders als gedacht, auch weil sein kranker Vater für eine dringend notwendige Behandlung ebenfalls nach Kiew kommt. Mit viel Selbstironie erzählt Kapitelman von seinem stolpernden Ankommen in der Realität seines Herkunftslandes, mit amüsanter Sensibilität und großem Gespür für Pointen und nebenher geäußerte Wahrheiten von Begegnungen mit Freunden und Verwandten. Schließlich wird die zur Ausbürgerung unternommene Reise zu einer Reise, die ihn seinen Wurzeln wieder nahebringt.
Eine Bürokratieposse, ein Familienroman voll scharfsinniger, psychologisch genau beobachtender Situationskomik, ein sensibles Buch, das mit großer Leichtigkeit, ja fast zärtlich, mit Klischees und Vorurteilen spielt und dabei mit viel Wahrhaftigkeit die Lebensrealität aller Migranten zu verstehen hilft. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Mithu M. Sanyal: Identitti

Hanser Verlag 2021, 432 S., € 22,-
(Stand März 2021)

Saraswati, die von ihren Studierenden angebetete Star-Professorin für Postkoloniale Studien, ist in Wirklichkeit weiß. Gerade Nivedita, ihrer Lieblingsstudentin, die enorm viel von Saraswati gelernt hat, zieht es den Boden der eigenen Identität unter den Füßen weg. Dazu tobt das Internet in einem Shitstorm: Ist es kulturelle Aneignung? Ist es Identitätsdiebstahl? Oder ist transrace das neue transgender? Rachel Dolezal und Jessica Krug sind nur wenige Jahre vergangene und reale Fälle aus den USA, die Mithu M. Sanyal zu ihrem Roman inspiriert haben. Wie würde ein solcher Fall in Deutschland bewertet werden? Diese theoretische Frage stellte sie bekannten Kolleg:innen in den (sozialen) Medien, die ihr zahlreich antworteten und deren Zitate im Original in den Roman einfließen. Dies ist nur eine Besonderheit des literarischen Debüts der bisher als Journalistin und Essayistin bekannten Autorin. Aber Identitti ist ein einziges Feuerwerk: ein Debattenroman, denn es wird wahrlich hart diskutiert, ein Entwicklungsroman, denn Nivedita ist bei aller Theorie in ihrer verzweifelten Verwirrung samt Liebeskummer und Eifersucht dennoch eine glaubwürdige Figur. Und dazu ein verdammt kluger Unterhaltungsroman für alle, die ihren Grundkurs in sex, gender & race schon hinter sich haben! (Jana Kühn) Leseprobe

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Stefano Massini: Das Buch der fehlenden Wörter

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki, mit Illustrationen von Magda Wei, Hanser Verlag 2020, 256 S., € 26,-
(Dizionario inesistente, Mondadori 2018, ca. € 24,-)
(Stand März 2021)

Massini_Stefano_Das_Buch_der_fehlenden_Wörter_Danteperle_Dante_ConnectionWir alle kennen Stimmungen, die wir nicht näher beschreiben können. Auch für Stefano Massini war der Auslöser für sein Kompendium ausgedachter Wörter eine unartikulierbare Gefühlskrise, aus der er erst herausfand, als er sich neue Begriffe dafür ausdachte. Damit ward die Idee für diese außergewöhnliche Wörter- und Geschichtensammlung geboren. Massini schuf fantastische Worte, indem er sich von historischen Ereignissen und Persönlichkeiten wie Dorothy Parker, Rosa Parks oder der Shackletonexpedition, aber auch von literarischen Figuren wie Swifts Gulliver inspirieren ließ. Er erfand Begrifflichkeiten wie die „Parksiade“, „Dottienz“, „questisch“ oder die „Gulliverose“. Was es mit ihnen auf sich hat, erzählt er höchst abwechslungsreich wie in einem Füllhorn, das zudem fantasievoll illustriert ist.
Eine vergnügliche Anregung, selbst kreativ zu werden und sich eigene Wortschöpfungen auszudenken, die vielleicht in unser aller Sprachgebrauch übergehen werden wie die Silhouette oder die Hortensie! Denn „Sprache ist eine lavaartige Materie, in ständiger Bewegung.“ (Stefanie Hetze)

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Thomas Taylor: Malamander. Die Geheimnisse von Eerie-on-Sea

Aus dem Englischen von Claudia Max, Hanser Verlag 2020, 288 S., € 17,-, ab 10
(Stand März 2021)

Taylor_Thomas_Malamander_Danteperle_Dante_ConnectionEerie-on-Sea ist ein Seebad mit rauem Klima und einem wilden Meer, das viel nimmt und einiges anspült. So wurde vor  Jahren ein kleiner Junge in einer Zitronenkiste am Strand aufgefunden und im uralten Grand Nautilus Hotel aufgenommen, wo er, Herbert Lemon genannt, sich um die Fundstücke der Hotelgäste kümmern muss. Der geldgierige Hoteldirektor macht Herbie das Leben schwer, aber die Hotelbesitzerin, die alte Lady Kraken, scheint ein Auge auf ihn zu haben, obwohl sie ganz oben in ihrer Suite zurückgezogen lebt. Fast alle im Ort fürchten sich vor dem Malander, einem gruseligen Seeungeheuer, um den sich viele Geschichten ranken.
Es geht los, als ein Mädchen urplötzlich in Herbies Kabuff unter der Hotelhalle auftaucht und ihn bittet, sie zu verstecken. Als von oben laute Stimmen zu hören sind, versteckt Herbie sie in einem Schrankkoffer, und dann beginnt eine ungemein spannende phantastisch-schaurige Abenteuer- und Detektivgeschichte, die es in sich hat. Der nachdenkliche liebenswerte Held und die coole draufgängerische Heldin entwickeln sich zu einem – ganz nebenbei auch vielfältigen – Dreamteam und sorgen für atemloses Lesevergnügen. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Abbas Khider: Der Palast der Miserablen

Hanser 2020, 320 S., € 23,-

(Stand März 2021)

Khider PalastAbbas Khider führt diesmal wieder in sein Geburtsland, den Irak und in die Zeit des Wirtschaftsembargos. Familie Hussein verlässt den besonders gebeutelten Süden des Landes und versucht in Bagdad einen Neuanfang aus dem Nichts. Findig und voller Einfallsreichtum bauen sie eine Hütte in den wachsenden Slums am Stadtrand der Hauptstadt. Kein Unglück, keine Beschwernis – und davon gibt es zahlreiche – scheinen den Lebensmut der Familie brechen zu können. Im Mittelpunkt steht der heranwachsende Shams, der bald schon eine große Liebe zu Büchern entwickelt, die zu jener Zeit aber auch große Gefahren birgt. Auf zwei sich abwechselnden Ebenen lässt Khider den mittlerweile jungen Mann erzählen: in anschaulichen Rückblenden vom Alltag im Blechviertel und ganz unmittelbar aus dem Gefängnis, in das ihn seine Bücherliebe schließlich bringt. Gerade diese Unmittelbarkeit, die Direktheit des Erzählens bis ins noch so schmerzhafte Detail haben es in sich und lassen ahnen, was es heißt, ein Gefangener zu sein. (Jana Kühn)  Leseprobe

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Patrik Svensson: Das Evangelium der Aale

Aus dem Schwedischen von Hanna Granz, Hanser Verlag 2020, 256 S., € 22,-, dtv TB € 12,90

(Stand April 2021)

AaleDer Aal. Dabei denken die meisten an glipschig-schlangenartige Wesen, im Schlamm versteckt. Dass dieses Tier zum Objekt größter Faszination werden kann, ist mit diesem Buch garantiert. Svensson erzählt so lebendig von den lange Zeit vergeblichen Versuchen, das Geheimnis um seine Herkunft und Fortpflanzung zu lüften (die bei Aristoteles begannen und über Freud bis weit ins 20. Jahrhundert andauerten), von den vier Lebensphasen dieses Fisches, der in der fernen Sargassosee schlüpft, seinen Weg in unsere Gewässer findet und irgendwann an seinen Ursprungsort zurückkehrt, um zu laichen und zu sterben, von den Legenden und Mythen, die sich um ihn ranken sowie von den Erinnerungen an seinen Vater, der leidenschaftlicher Aalangler war, und der ihn als Kind zum Aalfischen an den nahegelegenen Fluss mitnahm, dass man aus dem Staunen nicht heraus kommt. Eine gelungene, sowohl unterhaltsame als auch interessante Mischung aus Memoir- und Sachbuch. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Abbas Khider: Palast der Miserablen

Abbas Khider 2015

Lesung mit Abbas Khider

Wie es derzeit aussieht, kann die Lesung mit  Abbas Khider am 12. Mai nicht stattfinden. Aufgeschoben heisst aber nicht aufgehoben! Zu einem späteren Zeitpunkt werden wir ihn auf jeden Fall bei uns zu Gast haben. Er wird aus seinem neuen Roman „Palast der Miserablen“ (Hanser Verlag) lesen, der in den Irak der 1990er  führt.

Wir freuen uns schon darauf und empfehlen, seinen Roman bis dahin zu lesen, dann wird der Abend umso spannender!!!

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Abbas Khider: Palast der Miserablen

Khider_PalastNoch sind wir frohen Mutes und hoffen wir sehr, am 12. Mai  Abbas Khider bei uns zu Gast zu haben. Er wird aus seinem neuen Roman „Palast der Miserablen“ lesen, der in den Irak der 1990er  führt.

Drücken wir die Daumen, dass es klappt!!!

Shams Hussein ist ein normaler Junge mit ganz normalen Träumen. In der Hoffnung auf ein friedlicheres Leben ziehen seine Eltern mit ihm und seiner Schwester aus dem Süden des Irak nach Bagdad. Doch aus dem Streben nach einer besseren Zukunft wird in dem von Saddam Hussein beherrschten Land schnell ein Leben in existenzieller Not. Die Familie wohnt neben einem riesigen Müllberg, Shams arbeitet als Plastiktütenverkäufer, als Abbas Khider 2015Busfahrergehilfe, als Lastenträger. Und er liebt Bücher. In einer Zeit jedoch, in der ein falsches Wort den Tod bedeuten kann, begibt er sich damit in eine Welt, deren Gefahren er nicht kommen sieht. Ein persönlicher, höchst lebendiger Roman voll unvergesslicher Figuren.

wann? Dienstag, den 12. Mai um 20 Uhr
wo? in unserer Buchhandlung

Tickets      8 € / 5 €

Marion Messina: Fehlstart

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Hanser Verlag 2020, 168 S., € 18,-

(Stand März 2021)

Messina_Marion_Fehlstart_Danteperle_Dante_ConnectionAurélie und Alejandro begegnen sich in Grenoble. Sie ist Französin, er Kolumbianer, beide sind jung und auf der Suche nach Emanzipation von einer bedrückenden Gegenwart. Sie wünschen sich eine Zukunft voller Freiheit und Erfüllung, stattdessen werden sie sich mit einer harten, trennenden Realität auseinandersetzen müssen. In der Hauptstadt Paris wird schnell klar, dass es fast unmöglich ist, sich solche Träume zu erfüllen, in einer Gesellschaft, in der mehrere Studienabschlüsse einen dazu qualifizieren, lange bei niedriger Entlohnung zu arbeiten und in schrecklichen  Zimmern zu hausen.
In diesem schmalen, wütenden Buch ist der Frust einer ganzen Generation enthalten. Bitter und zügig erzählt Marion Messina von Liebe und Zusammenbruch, Illusionen und Niederlagen, Fortschritten und Ausnutzung. Es ist ein hartes, düsteres, unerbittliches Buch, das kein Entkommen zulässt. Die Figuren sind alle gedrückt und gedemütigt durch einen sozialen Kontext, in dem keine Lebensfülle möglich scheint. Ein „Fehlstart“ ist immerhin ein Anfang, der sich zu besseren Zuständen entwickeln kann. Der Kampf geht weiter. (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Bart Moeyaert: Bianca

Aus dem Niederländischen von Bettina Bach, Hanser Verlag 2020, 218 S., € 14,-, ab 11
(Stand März 2021)

Moeyaert Bianca_Danteperle_DanteConnectionBianca eckt an. Ihr Vater will sie nur noch alle zwei Wochen sehen, weil sie so bockig ist, ihre Mutter sagt, man weiß nie, woran man bei ihr ist, man brauche eine Bedienungsanleitung für sie. Bianca fühlt sich allein, unverstanden, schweigt, verzieht sich hinter die Hecke. Biancas kleiner wilder Bruder Alan hat nur noch ein halbes Herz, die Mutter lässt ihm alles durchgehen, sorgt sich um ihn, Bianca soll helfen, funktionieren, die vernünftige „Große“ sein und ist doch auch nur ein Kind, das sich übersehen fühlt, dessen Enttäuschung mal in Wut, mal in Verweigerung umschlägt. Bis die Mutter von Alans Freund Jazz zu Besuch kommt und Bianca erkennt, dass es in ihrer eigenen Hand liegt, zu entscheiden, wer sie sein möchte.
Bart Moeyaert ist ein Meister darin, mit wenigen Worten das Innenleben seiner jungen Protagonisten zu umreißen. Mit Feingefühl und ohne jegliche Betulichkeit vermittelt er die schwierige Gefühlswelt eines Kindes, das aufgrund eines schwerkranken Geschwisterkindes zu kurz kommt. Ein sehr besonderes, absolut lesenswertes Buch. (Syme Sigmund) Leseprobe

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